neustes

Von der Telefonfabrik zum Weltkonzern: Joseph Berliner und die Geburtsstunde der Schallplattenindustrie in Hannover

Autor: DerSchneider

Einleitung

Ein Hinterhof in Hannovers Nordstadt. Eine Telefonfabrik, in der eigentlich Drähte und Kohlemikrofone produziert werden. Und ein flacher Zinkteller, der sich unter einer Nadel dreht – der Moment, in dem eine mechanische Aufzeichnung von Schallwellen hörbar wird. Am 6. Dezember 1898, einem Nikolausabend, begann in den Räumen der „J. Berliner Telefonfabrik“ an der Kniestraße die weltweit erste Serienproduktion von Schallplatten.

Nur wenige hätten damals geahnt, dass dieser Schritt die Musikkultur für immer verändern würde. Hinter dem Unternehmen stand ein Brüderpaar: Emil Berliner, der geniale Erfinder des Grammophons und der lateralen Schallaufzeichnung, und Joseph Berliner, der Fabrikant, Organisator und Geschäftsmann, der die Idee seines Bruders in eine global erfolgreiche Industrie verwandelte. Dieser Artikel beleuchtet das Leben und Wirken Joseph Berliners, die Gründung der Deutschen Grammophon in Hannover und die faszinierende Entwicklung eines Mediums, das bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Biografisches Porträt: Joseph Berliner

Von der Banklehre zum Telefonpionier

Joseph Berliner wurde am 22. August 1858 in Hannover geboren. Er war der Sohn des Textilkaufmanns Samuel Berliner und wuchs mit elf Geschwistern auf – darunter Emil (1851–1929), der später als Erfinder des Grammophons Weltruhm erlangen sollte.

Nach einer Banklehre und dem Militärdienst reiste Joseph für zwei Jahre in die USA, wo er sich Kenntnisse in der Schwachstromtechnik aneignete – ein Wissen, das sich als entscheidend für seine spätere Karriere erweisen sollte. 1881 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Emil in Hannover die „J. Berliner Telefonfabrik“ in der Kniestraße. 

Das Unternehmen produzierte zunächst Telefonapparate und Zubehör. Die entscheidende Innovation aber war das Körner-Mikrofon („Universal Transmitter“) , ein Kohlemikrofon, das Ende 1880 erstmals an die Deutsche Reichspost geliefert wurde. Die Post nutzte Kohlemikrofone noch bis in die 1970er Jahre – ein Beleg für die fundamentale Bedeutung dieser Erfindung. Neben dem Mikrofon trug auch der von Joseph entwickelte „automatische Hebellinienwähler“ zum rasanten Aufschwung des Unternehmens bei. Bald eröffnete Berliner Filialen in Wien, Berlin, Budapest, London und Paris.

Der Schritt in die Musikindustrie

1898 wandelte Joseph sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um – und tat im selben Jahr etwas, das zunächst wie ein Branchenwechsel erscheinen musste: Gemeinsam mit seinem Bruder Emil gründete er die Deutsche Grammophon Gesellschaft für die Herstellung von Schallplatten. Emil, der 1870 in die USA ausgewandert war und dort das Grammophon erfunden hatte (US-Patente vom 8. November 1887 und 15. Mai 1888), brachte die Technologie mit. Joseph stellte die Produktionsstätten und das unternehmerische Geschick.

Die Muttergesellschaft war die Gramophone Company im englischen Hayes. In den Hinterhofgebäuden der Telefonfabrik begann die Serienfertigung – zunächst vor allem für den Export nach England. Joseph Berliner war von nun an nicht mehr nur Telefonfabrikant, sondern einer der Väter der modernen Musikindustrie.

Ein Leben für Technik, Wirtschaft und Gemeinschaft

Joseph Berliner war weit mehr als ein Industrieller. Ab 1895 wohnte er in der prächtigen Villa Simon am Königsworther Platz, einem neorenaissancen Gebäude, das er für 153.000 Reichsmark erworben hatte. Das Gebäude ist bis heute erhalten und wird von der Leibniz Universität Hannover genutzt – ein stilles Denkmal für einen der bedeutendsten jüdischen Industriellen Hannovers.

Neben seinen unternehmerischen Tätigkeiten engagierte sich Berliner gesellschaftlich: 1914 wurde er zum Kommerzienrat ernannt, 1921 zum Handelsrichter. Im selben Jahr übernahm er den Vorsitz der Synagogengemeinde Hannover und veranlasste den Bau des Jüdischen Friedhofs in Bothfeld.  Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof An der Strangriede, das Grabmal entwarf der Architekt Wilhelm Mackensen.

Joseph Berliner starb am 23. Mai 1938 in Hannover – wenige Monate vor der Reichspogromnacht. Seine Villa Simon wurde 1941 von der Stadt beschlagnahmt; seine Tochter Klara gewährte dort bis zu ihrer Deportation verfolgten Juden Unterschlupf.

Die Erfindung des Grammophons und der Schallplatte

Emil Berliners großer Wurf

Um die Bedeutung des Jahres 1898 zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen. Die Idee, Töne mechanisch zu speichern, war nicht neu: Thomas Alva Edison hatte bereits 1877 seinen Phonographen mit der Tonwalze vorgestellt.  Das Problem der Walze: Sie ließ sich nur schwer reproduzieren, war unhandlich und teuer in der Herstellung.

Emil Berliner entwickelte ein völlig anderes Prinzip – die sogenannte laterale Schallaufzeichnung („Berlinerschrift“). Dabei wird die Nadel nicht vertikal in die Tiefe der Walze gedrückt, sondern seitlich in einer spiralförmigen Rille auf einer flachen Scheibe geführt.  Diese scheinbar kleine Änderung hatte gewaltige Konsequenzen: Die flache Schallplatte ließ sich einfach pressen, stapeln, verschicken und vor allem in beliebig großen Stückzahlen reproduzieren.

Am 8. November 1887 erhielt Emil Berliner das US-Patent 372.786 für sein „Grammophon“.  Die Welt hatte ihren ersten serientauglichen Tonträger.

Technische Meilensteine im Überblick

JahrEreignisBedeutung
1877Edison erfindet den Phonographen (Tonwalze)Erste technische Möglichkeit der Tonaufzeichnung
1887Emil Berliner erhält US-Patent für das GrammophonGrundstein für die laterale Schallaufzeichnung
1898Gründung der Deutschen Grammophon in HannoverErste europäische Schallplattenproduktion
1895Entwicklung der Schellackplatte durch Emil BerlinerRobusterer und haltbarer Tonträger
1904Umzug in das Werk an der PodbielskistraßeErste große Kapazitätserweiterung
1908Einführung der zweiseitigen SchallplatteVerdoppelung der Spielzeit
1948Einführung der Langspielplatte (LP) durch Columbia33⅓ U/min, bis zu 30 Minuten pro Seite

Die Deutsche Grammophon in Hannover

Die erste Schallplattenfabrik der Welt (1898–1904)

Am 6. Dezember 1898 war es so weit: In einem Hinterhofgebäude auf dem Gelände der Telefonfabrik in der Kniestraße in Hannovers Nordstadt begann die weltweit erste Serienproduktion von Schallplatten. Joseph und sein Bruder Jacob stellten die von Emil entwickelten Scheiben her.

Die ersten Platten wurden noch nicht für den deutschen Markt produziert, sondern für die englische Mutterfirma, die Gramophone Company in London. Anfänglich fertigte man auch die Abspielgeräte selbst – eine vertikale Integration, die typisch für die Pionierzeit war.

Die Nachfrage war überwältigend. Bereits 1903 war der Platz in der Kniestraße völlig erschöpft – dort wurden zeitgleich auch die Erfindungen von Louis Hackethal gefertigt.  Ein Umzug wurde unausweichlich.

Das große Werk an der Podbielskistraße (ab 1904)

1904 verlegte die Deutsche Grammophon die Produktion in ein neu errichtetes, großes Werk an der Podbielskistraße im Stadtteil Klein-Buchholz.  Die Kapazitäten waren immens: Bereits im ersten Jahr presste man täglich rund 25.000 Schallplatten. 

Am 1. Januar 1900 war das Unternehmen bereits in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Die Anteile verteilten sich: 40 % blieben in Hannover bei der Deutschen Grammophon AG, 60 % gingen an die Gramophone Company in Hayes. 

Doch der Erste Weltkrieg brachte eine einschneidende Zäsur: 1917 wurde die Deutsche Grammophon AG, die sich mehrheitlich in ausländischem Besitz befand, vom Deutschen Reich beschlagnahmt und an die Leipziger Polyphon Musikwerke AG verkauft. Der Unternehmenssitz wurde von Hannover nach Berlin verlegt.

Das Markenzeichen: His Master‘s Voice (Nipper)

Kaum eine Marke ist so ikonisch wie der kleine Hund, der neugierig den Kopf vor einen Grammophontrichter neigt. Das Gemälde „His Master‘s Voice“ entstand 1898 – also genau im Gründungsjahr der Deutschen Grammophon. Der Künstler Francis Barraud malte den Hund Nipper (so genannt, weil er Besuchern gerne in die Waden kniff).

Ursprünglich saß Nipper vor einem Phonographen von Edison – ein Freund schlug Barraud vor, stattdessen ein moderneres Grammophon zu verwenden. Die Gramophone Company in London kaufte das Gemälde für 100 Pfund und erwarb die Copyrights – 1909 wurde es offizielles Markenzeichen der Firma. 

Das Markenzeichen ist bis heute weltbekannt – ein Beispiel dafür, wie früh die Musikindustrie erkannte, dass ein starkes visuelles Branding den technischen Produkten überlegenen Wiedererkennungswert verleihen kann.

Auswirkungen des Ersten Weltkriegs

Der Krieg zeigte die Schattenseite der internationalen Verflechtung: Die Deutsche Grammophon AG wurde als „feindliches Auslandsvermögen“ enteignet und zwangsversteigert. Das Unternehmen wechselte mehrfach den Besitzer, verlor aber nie seine technologische Führungsrolle.

Nach dem Krieg erholte sich die deutsche Schallplattenindustrie schnell. 1950, gut 50 Jahre nach der Gründung, hatte die Deutsche Grammophon ihren Vorkriegsumsatz bereits wieder deutlich überschritten. Das Auslandsgeschäft machte wieder 12 % des Gesamtumsatzes aus.  Die Marken „Grammophon“, „Polydor“ und „Brunswick“ waren weltweit führend, insbesondere im klassischen Segment.

Die Industrie in Hannover – vom Phonographen zur CD

Hannover etablierte sich als ein Zentrum der Tonträgerproduktion – über mehrere technologische Epochen hinweg.

Neben der Deutschen Grammophon entstanden weitere bedeutende Unternehmen, darunter die Vereinigten Schallplatten-Werke Janus-Minerva, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Labels Janus-Record und Minerva Record Schellackplatten veröffentlichten.

Die Entwicklung in Hannover ist eine Geschichte der beständigen technologischen Erneuerung:

EpocheMediumBesonderheit
1898–1940erSchellackplatte (78 U/min)Zerbrechlich, kurze Spielzeit
1965–1990MusikkassetteKompakt, bespielbar
1982Compact Disc (CD)Digital, sprungfrei
1996–heuteDVD, Blu-rayVideo, höhere Speicherdichte

Besonders bemerkenswert: 1965 begann das Werk an der Podbielskistraße mit der Produktion von Musikkassetten – und war damit weltweit einer der ersten Standorte für dieses Medium.  Am 17. August 1982 brannte die PolyGram in Langenhagen bei Hannover die weltweit ersten kommerziellen CDs.  Der erste Titel: Richard Strauss‘ „Alpensinfonie“ – ein symbolträchtiger Start für das digitale Zeitalter.

Kontroversen und unerzählte Geschichten

Das Erbe des Nationalsozialismus

Die Villa Simon, Joseph Berliners Wohnsitz bis zu seinem Tod 1938, wurde 1941 von der Stadt Hannover beschlagnahmt. Seine Tochter Klara gewährte dort verfolgten Juden Unterschlupf, bevor auch sie deportiert wurde.  Direkt gegenüber der Villa befand sich die Kommandozentrale der SS, von wo aus in der Reichspogromnacht 1938 die Ausschreitungen in Hannover koordiniert wurden.

Die jüdische Herkunft der Familie Berliner wurde unter dem NS-Regime systematisch aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg war Joseph Berliner in der offiziellen Stadtgeschichtsschreibung kaum präsent – ein Versäumnis, das erst in den letzten Jahren allmählich korrigiert wird.

Die Frage nach den wahren Erfindern

War Emil Berliner wirklich der Erste mit der lateralen Schallaufzeichnung? Historische Recherchen zeigen: Bereits 1880 hatten Alexander Graham Bell und der Physiker Charles Sumner Tainter eine spiralförmige Tonspur in eine Wachsscheibe graviert – meldeten aber kein Patent an und verfolgten den Ansatz nicht weiter.  Berliner kann also nicht als der absolute „Erste“ gelten, wohl aber als derjenige, der die entscheidende technologische und kommerzielle Durchsetzung erreichte.

Dennoch: Edisons Phonograph mit der Walze galt lange als der eigentliche „Tonträger“ – Berliners Platte war die bessere Idee. Das US-Patentamt sprach ihm die Priorität zu, und das genügt als historisches Urteil.

Ausblick und Vermächtnis

Was bleibt von Joseph Berliner?

Joseph Berliner ist heute weniger bekannt als sein Bruder Emil – zu Unrecht. Ohne sein unternehmerisches Geschick, seine Fabrik, sein Kapital und seine Organisation wäre die Schallplatte vermutlich eine technologische Fußnote geblieben. Er war der Mann, der aus einer genialen Erfindung eine globale Industrie machte.

Das Werk an der Podbielskistraße wurde 1991 teilweise abgerissen und zu einem Büropark umgebaut.  Die Villa Simon dient heute der Leibniz Universität Hannover. Die Telefonfabrik in der Kniestraße ist verschwunden. Aber das geistige Erbe lebt fort: Die Deutsche Grammophon existiert als Label der Universal Music Group bis heute – und Schallplatten erleben aktuell ein bemerkenswertes Revival.

Die Wiedergeburt der Schallplatte

Was 1990 noch als totes Medium galt, feiert seit etwa 2015 eine Renaissance: Die Vinylschallplatte verzeichnet weltweit steigende Verkaufszahlen. Liebhaber schätzen das haptische Erlebnis, das große Coverartwork und den „warmen“ Klang – Eigenschaften, die digitale Formate nicht bieten können.

Vielleicht ist dies das größte Vermächtnis von Joseph und Emil Berliner: Sie schufen nicht nur ein technisches Produkt, sondern ein kulturelles Ritual. Das Auflegen einer Schallplatte ist mehr als Musikgenuss – es ist ein Akt der Zuwendung, ein Moment der Entschleunigung. Und das alles begann vor 125 Jahren in einem Hinterhof in Hannover.


Quellen

  1. Wikipedia: Joseph Berliner – https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Berliner
  2. Niedersächsische Bibliographie: Joseph Berliner – https://personen.niedersaechsische-bibliographie.de/person/1786752239/
  3. Zeit Online: Sitz der Schallplattenindustrie (1951) – https://www.zeit.de/1951/14/sitz-der-schallplattenindustrie
  4. NDR: Als in Hannover die Musik spielt – https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Deutsche-Grammophon-1898-in-Hannover-gegruendet,deutschegrammophon100.html
  5. Hannover.de: Schallplatte & Co. – https://www.hannover.de/Kultur-Freizeit/Geschichte-Geschichten/Echt-hann%C3%B6versch/Zehn-Dinge/Zehn-Dinge,-die-es-ohne-Hannover-vielleicht-nicht-g%C3%A4be/Schallplatte-Co
  6. DPMA: Grammophon-Patent DE45048 – https://www.dpma.eu/dpma/veroeffentlichungen/meilensteine/erfindungenmitgeschichten/grammophon/
  7. BBC News: Iconic Nipper painting acquired by Huguenot Museum – https://www.bbc.com/news/articles/ckgy2ewwz1po
  8. Wikipedia: Deutsche Grammophon – https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Grammophon
  9. Neue Presse: 125 Jahre Schallplattenfabrik Emil Berliner – https://www.neuepresse.de/lokales/hannover/125-jahre-schallplattenfabrik-emil-berliner-ein-ruckblick-in-bildern-XX2JIWNYWRFWJOKUMTISGJRL4Q.html
  10. HAZ: Emil Berliner eröffnet vor 125 Jahren eine Schallplattenfabrik – https://www.haz.de/lokales/hannover/vor-125-jahren-in-hannover-emil-berliner-eroeffnet-schallplattenfabrik-RVMR7GGIVVAS5BKWNR2MWZ57LA.html
  11. Jüdisches Niedersachsen: Joseph Berliner – https://juedisches-niedersachsen.de/erkunden/karte/513b90a0-9f33-45c2-8405-557f11618a37
  12. Zukunft heißt erinnern: Königsworther Platz – https://zukunft-heisst-erinnern.de/orte-der-verfolgung/koenigsworther-platz/
  13. Wikipedia: Villa Simon – https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Simon
  14. GFU: Erste Schallplattenfabrik vor 125 Jahren – https://gfu.de/erste-schallplattenfabrik-vor-125-jahren/
  15. Wikipedia: Gramophone Company – https://de.wikipedia.org/wiki/Gramophone_Company

Kommentar abschicken

Das hast du vielleicht verpasst