Der gezähmte Mythos
Wie der Kalte Krieg den Wilden Westen als ideologische Waffe neu erfand
Von DerSchneider
Es ist eine der perfidesten Ironien der Geschichtsschreibung: Ausgerechnet in dem Moment, als der Mythos vom „Wilden Westen“ von der Geschichtswissenschaft längst als Legende enttarnt worden war, erlebte er seine glorreichste Wiederauferstehung. Nicht als naive Volkserzählung, sondern als politische Waffe von ungeahnter Schärfe. Der Kalte Krieg nahm den längst domestizierten Mythos, schliff ihn neu und setzte ihn als ideologisches Schwert ein – auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.
Die Heroisierung des Wilden Westens im 20. Jahrhundert ist kein nostalgischer Rückgriff auf eine vermeintlich einfachere Zeit. Sie ist das Ergebnis eines bewussten, strategischen und zutiefst düsteren Projekts: der Neuerschaffung einer nationalen Gründungserzählung, die den globalen Machtanspruch der USA im Kampf gegen den Kommunismus legitimieren sollte. Und sie ist das Zeugnis eines ideologischen Wettstreits, in dem selbst die Opfer dieser Geschichte – die indigenen Völker Nordamerikas – zu Spielfiguren eines propagandistischen Schachspiels wurden.
I. Die Geburt einer Waffe
Vom Pionier zum Kreuzzugshelden
Die ursprüngliche Fronterzählung der USA war bereits im 19. Jahrhundert eine Ideologie der Expansion gewesen – das „Manifest Destiny“, der göttliche Auftrag zur Eroberung des Kontinents. Doch der Kalte Krieg verwandelte diesen Pioniergeist in etwas Fundamentales anderes: in eine globale Kampfansage.
Der Westen wurde nicht mehr nur als geografische Region verstanden, sondern als metaphysische Kategorie. „Der ‚Westen‘ war, im Kalten Krieg, der Teil der Welt, der dem Feind im Osten demonstrierte, wo die Freiheit wirklich wohne“. Die historische Bewegung der Siedler von Ost nach West – eine Bewegung der Landnahme, Vertreibung und Vernichtung – wurde umgedeutet zur zeitgenössischen Mission der Freiheitsverteidigung gegen den Kommunismus. Der Cowboy, der einst die Prärie durchquerte, wurde zum Kreuzritter des Kalten Krieges.
Die Inszenierung der Unschuld
Besonders perfide an dieser Umdeutung war ihre Verschleierung: Die Gewalt des Westens wurde nicht geleugnet, sondern ästhetisiert. Der Mythos lieferte „programmatisch das Gegenmodell“ zur in Westeuropa verbreiteten Überzeugung, dass Gewalt keine Lösung sei. Stattdessen etablierte er „eine Kultur der Gewalt, in der die Ausübung von Zwang, die Macht des Stärkeren, ja sogar die Lust am Töten nicht nur eine, sondern oft die Lösung zu sein scheint“.
Diese Gewaltverherrlichung war kein Selbstzweck. Sie diente der Moralisierung des eigenen Handelns. Der Cowboy tötete nicht aus Habgier – er tötete, um die Zivilisation zu verteidigen. Die Eroberung des Westens wurde zur heiligen Pflicht, der Kampf gegen die Ureinwohner zum gerechten Krieg. Und genau dieses Narrativ ließ sich nahtlos auf den Kampf gegen den „roten Feind“ übertragen.
II. Die große Leinwand des Kalten Krieges
Hollywood als Waffenschmiede
Kein Medium war für die Verbreitung dieses umgedeuteten Mythos so entscheidend wie der Western-Film. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte das Genre seine Blütezeit – und das war kein Zufall. Die Western waren „ein politischer Mythos“, der „grundlegende gesellschaftliche Credos manifestiert – über die politisch, gesellschaftliche Ordnung in den USA, über das Recht“.
Die Macht dieser Filme lag in ihrer scheinbaren Unschuld. Sie erzählten keine politischen Parolen, sondern Abenteuer. Doch hinter jeder scheinbar unpolitischen Cowboy-Geschichte verbarg sich eine politische Botschaft – die Botschaft vom heroischen Einzelkämpfer, der das Böse besiegt, vom Gesetz der Stärke, das die Ordnung wiederherstellt, von der Überlegenheit der weißen, westlichen Zivilisation.
Die Regierung in Washington verstand diese Wirkmacht. John F. Kennedy, der 1960 mit der Vision einer „New Frontier“ ins Weiße Haus einzog, nutzte die Bildsprache des Westerns bewusst, um seine Außenpolitik zu inszenieren. „Die Verbreitung des Westerns in der US-amerikanischen Populärkultur“ führte dazu, „dass Kennedy und seine Berater eine bedeutungsvolle Diskurs des Kalten Krieges konstruierten, der versuchte, die Außenpolitik der Administration in eine heroische Erzählung der Westexpansion einzuordnen“.
Der Cowboy als Ikone der Freiheit
Der Cowboy wurde zur zentralen Metapher der amerikanischen Identität im Kalten Krieg. Er verkörperte gefährliche Definitionen von Freiheit und Isolation – ein Ideal des Einzelgängers, der sich keiner Gemeinschaft unterwirft und allein gegen die Feinde der Zivilisation kämpft. Dieses Bild war perfekt zugeschnitten auf die Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges: Der einsame Held gegen die kollektivistische Masse, die freie Welt gegen den totalitären Block.
Selbst die amerikanischen Präsidenten inszenierten sich in diesem Bild. „Cowboy Presidents“ wurden zur eigenen politischen Kategorie – von Theodore Roosevelt über Ronald Reagan bis hin zu George W. Bush reicht die Linie der Politiker, die den Mythos des frontier-amerikanischen Individualismus für ihre Zwecke nutzten. In ihrer Rhetorik verschmolz der Kampf gegen die Indianer mit dem Kampf gegen den Kommunismus zu einer einzigen, ununterbrochenen Erzählung von Freiheit und Eroberung.
III. Der Krieg der Bilder
Der Western als ideologischer Kampfplatz
Die Propagandawirkung des Western-Mythos blieb auch dem Ostblock nicht verborgen. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten entwickelten ein eigenes Genre, das die Erzählung von der heroischen Westexpansion konterkarieren sollte: den „Eastern“ (И́стерн).
Im Osten Deutschlands produzierte die DEFA ab Mitte der 1960er Jahre die sogenannten Indianerfilme – Western mit umgekehrten Vorzeichen. War im Hollywood-Western der weiße Siedler der Held, so war es hier der indigene Widerstandskämpfer. Diese Filme waren „eine Synthese aus Karl Marx und Karl May“, eine bewusste ideologische Gegenproduktion, die den Kapitalismus und Rassismus der USA anprangerte.
Die DEFA-Indianerfilme stellten den Völkermord an den Ureinwohnern in den Mittelpunkt und zeigten den Widerstand der Indianer als Vorbild für den Kampf gegen den Imperialismus. Sie waren „ein ideologischer Prototyp des DDR-Regimes“, der den Zuschauern suggerierte: Der Feind sitzt im Westen, und die Geschichte der USA ist eine Geschichte von Unterdrückung und Vernichtung.
Die Ironie der Indianer
Die groteskeste Pointe dieses ideologischen Schlagabtauschs: Beide Seiten instrumentalisierten die indigene Bevölkerung für ihre Propaganda, ohne die tatsächlichen Nachfahren dieser Völker zu fragen. Im Westen wurden die Indianer zu Feindbildern degradiert, deren Vertreibung als zivilisatorische Notwendigkeit erschien. Im Osten wurden sie zu sozialistischen Brüdern stilisiert, deren Kampf gegen den Kapitalismus als Blaupause für eine bessere Gesellschaft diente.
In beiden Fällen blieben die Ureinwohner Objekte einer Erzählung, nicht Subjekte ihrer eigenen Geschichte. Der Völkermord an den Indianern wurde auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs instrumentalisiert – im Westen verschwiegen oder gerechtfertigt, im Osten angeprangert, aber ebenfalls für eigene Zwecke vereinnahmt.
IV. Der Preis des Mythos
Die Verdrängung der Wahrheit
Die Heroisierung des Wilden Westens im Kalten Krieg hatte einen hohen Preis: Sie verdrängte die historische Wahrheit endgültig aus dem kollektiven Bewusstsein. Während die Geschichtswissenschaft längst belegt hatte, dass der „Wilde Westen“ in Wahrheit ein „Milder Westen“ war – mit erstaunlich geringen Kriminalitätsraten und funktionierenden sozialen Strukturen –, setzte sich das Bild des gewalttätigen, gesetzlosen Pionierlandes unaufhaltsam durch.
Die mediale Verzerrung war kein Versehen, sondern System. Der Mythos war zu nützlich, um ihn der Realität zu opfern. Er lieferte ein Ermächtigungsnarrativ für eine Nation, die sich im globalen Machtkampf behaupten musste. Er gab den Bürgern das Gefühl, Teil einer heroischen Geschichte zu sein – und nicht Teil einer Geschichte von Vertreibung, Sklaverei und Ausbeutung.
Die moralische Ökonomie der Gewalt
Die düsterste Konsequenz dieser Heroisierung war die Etablierung einer moralischen Ökonomie der Gewalt. Der Mythos vom Wilden Westen lehrte, dass Gewalt nicht nur notwendig, sondern gut sein kann – wenn sie im Dienste der richtigen Sache steht. Diese Botschaft erwies sich im Kalten Krieg als außerordentlich nützlich: Sie rechtfertigte militärische Interventionen, Stellvertreterkriege und die Aufrüstung als moralische Pflicht.
Die Verbindung zwischen Western-Mythos und Außenpolitik war keine bloße Rhetorik. Als John Wayne 1968 den Vietnamkriegs-Film „The Green Berets“ drehte – mit Unterstützung der US-Regierung –, inszenierte er den Krieg in Südostasien als Western auf fremdem Boden. Die Nordvietnamesen wurden zu den „Indianern“, die es zu besiegen galt, die amerikanischen Soldaten zu den „Cowboys“, die die Zivilisation verteidigten. Wayne selbst sagte über die Dreharbeiten, dass die Amerikaner in „gefährlichen Zeiten“ lebten und dass „die Augen der Welt auf uns gerichtet“ seien – und dass Freiheit manchmal teuer sei.
V. Die unbequeme Wahrheit
Der Mythos als politisches Konstrukt
Die Heroisierung des Wilden Westens im Kalten Krieg enthüllt eine grundlegende Wahrheit über politische Mythen: Sie sind keine organisch gewachsenen Volkserzählungen, sondern bewusst konstruierte Instrumente der Macht. Der Western-Mythos wurde nicht von der Bevölkerung erfunden – er wurde ihr von der Kulturindustrie, von Politikern und von Ideologen verordnet.
„Der Mythos-Western ist kein autochthoner, religiöser Mythos, er ist ein politischer Mythos“. Er wurde geschaffen, um eine bestimmte Ordnung zu legitimieren – und diese Ordnung war die der US-amerikanischen Hegemonie im Kalten Krieg. Die scheinbare Zeitlosigkeit des Mythos ist das Produkt einer gezielten, jahrzehntelangen Bemühung, ihn als vermeintlich „natürliche“ Erzählung zu verankern.
Die beiden Gesichter des Mythos
Die Tragik dieses Unterfangens zeigt sich darin, dass der Mythos niemals vollständig kontrollierbar war. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs entfalteten die Western-Erzählungen eine Eigendynamik, die ihre Schöpfer überraschte. Die DEFA-Indianerfilme wurden zu den erfolgreichsten Produktionen der DDR und machten den jugoslawischen Schauspieler Gojko Mitić zu einem Star, der später sowohl im Osten als auch im Westen gefeiert wurde. Die Karl-May-Filme der Bundesrepublik wiederum wurden in der DDR verboten – weil sie zu erfolgreich und damit zu gefährlich waren.
Die Faszination des Westens erwies sich als stärker als die ideologischen Schranken. Selbst diejenigen, die den Mythos bekämpfen wollten, konnten sich seiner Anziehungskraft nicht entziehen.
Fazit: Der entzauberte Mythos
Die Heroisierung des Wilden Westens im Kalten Krieg ist ein Lehrstück über die Macht der Erzählungen – und über ihre Gefährlichkeit. Ein historisch längst widerlegter Mythos wurde zur ideologischen Waffe umgeschmiedet und diente dazu, eine der gefährlichsten Phasen der Weltgeschichte moralisch zu untermauern.
Die düsteren Ziele, die hinter dieser Instrumentalisierung standen, sind heute unübersehbar: die Rechtfertigung von Imperialismus, die Legitimierung von Gewalt, die Verdrängung historischer Verbrechen und die Manipulation der öffentlichen Meinung im Dienste geopolitischer Machtinteressen. Die Geschichte des Wilden Westen wurde nicht einfach nur umgeschrieben – sie wurde gekidnappt.
Die Erkenntnis, dass Geschichte manipulierbar ist, ist kein Freibrief für Zynismus. Sie ist eine Aufforderung zur Wachsamkeit. Denn die Instrumentalisierung von Mythen für politische Zwecke ist kein Phänomen des 20. Jahrhunderts – sie findet heute, in Echtzeit, statt. Die Frage ist nicht, ob Narrative für politische Ziele vereinnahmt werden, sondern welche Narrative und zu welchen Zwecken.
Der Wilde Westen wurde im Kalten Krieg zum Symbol einer vermeintlich unschuldigen Vergangenheit, um eine höchst schuldhafte Gegenwart zu verschleiern. Dass dieser Mythos bis heute überlebt hat, ist kein Zeichen seiner Wahrheit – sondern ein Zeichen seiner Nützlichkeit.
Quellen
- Politische Bildung Brandenburg: Der „Wilde Westen“ – Unterhaltung oder Gesellschaftsmodell?, Vortragsankündigung
- Frankenpost: Kunst und Kultur: Mythos Westen, 2011
- Collings-Wells, Sam: „Can You Imagine Such a Marshal?“: Hollywood Westerns and John F. Kennedy’s Cold War, in: The International History Review, 2020
- Goral, Pawel: Cold War Rivalry and the Perception of the American West, 2015
- Gemünden, Gerd: Why East Germany Loved the Wild West, JSTOR Daily
- MDR: Die DEFA-Indianerfilme: „Synthese aus Karl Marx und Karl May“, 2021
- Wikipedia: DEFA-Indianerfilm
- Goethe-Institut: Westernfilme aus der DDR, 2026
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