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Die Hugo Show: Als das Telefon zum Gamepad wurde und ein Troll das Fernsehen revolutionierte

Von DerSchneider

Einleitung

Es war der 18. April 1994, als auf dem damals noch jungen Fernsehsender „Der Kabelkanal“ (später Kabel 1) ein kleines Fernsehereignis stattfand, das die Grenzen zwischen Bildschirm und Zuschauer auf ungeahnte Weise verschob. Eine Sendung namens Die Hugo Show ging auf Sendung – und mit ihr ein Konzept, das so neuartig war, dass es heute, in Zeiten von Streaming und Smart-TV, fast anachronistisch wirkt: Ein animierter Troll, gesteuert per Telefontastatur, live im Fernsehen. 

Die Idee stammte ursprünglich aus Dänemark, wo die Firma Interactive Television Entertainment (ITE) die Figur des Trolls Hugo bereits 1990 entwickelt hatte.  In Deutschland adaptierte die Produktionsfirma Tresor TV das Format für den Kabelkanal – und löste damit eine Begeisterung aus, die den Sender über drei Jahre hinweg prägen sollte. Was die Sendung so besonders machte, war nicht allein ihr Unterhaltungswert, sondern die zugrundeliegende Technik: die Verschmelzung von Telefonie, Echtzeit-Computergrafik und interaktivem Fernsehen zu einer Einheit, die es in dieser Form zuvor nicht gegeben hatte.

Dieser Artikel beleuchtet die technischen, produktionstechnischen und kulturellen Dimensionen der Hugo Show – ein Format, das seiner Zeit weit voraus war und bis heute als Meilenstein der interaktiven Fernsehunterhaltung gilt.


Der dänische Ursprung: Eine Idee erobert die Welt

Die Wurzeln der Hugo Show liegen in Skandinavien. Das dänische Unternehmen ITE ApS entwickelte die Figur des Skærmtrolden Hugo (Bildschirmtroll Hugo) und strahlte die Show erstmals 1990 auf TV2 aus. Das Grundkonzept war von Beginn an dasselbe: Anrufer sollten per Telefon die Spielfigur durch einfache Videospiel-Szenarien steuern. Was in Dänemark begann, entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einem internationalen Phänomen. ITE belieferte mehr als 30 Länder mit dem Format und wurde zum weltweit größten Anbieter interaktiver Fernsehprogramme.

Die deutsche Adaption kam 1994 – zu einem Zeitpunkt, als der Kabelkanal noch ein vergleichsweise kleiner Sender war, der nach einem publikumswirksamen Format suchte. Dass ausgerechnet ein dänischer Troll zum Aushängeschild des Senders werden würde, war zu diesem Zeitpunkt kaum absehbar.


Die Technik im Detail: Vom Telefon zum Gamepad

Das Mehrfrequenzwahlverfahren als Schlüsseltechnologie

Das Herzstück der interaktiven Steuerung war die Telefontechnik. Genauer: das Mehrfrequenzwahlverfahren (MFV), auch als DTMF (Dual-Tone Multi-Frequency) bekannt.  Bei diesem Verfahren erzeugt jeder Tastendruck auf einem modernen Tastentelefon eine charakteristische Kombination aus zwei Tönen – einen für die Zeile, einen für die Spalte der Tastatur. Diese Töne können von einem Empfänger eindeutig identifiziert werden.

Für die Hugo Show bedeutete dies: Die Töne der Telefontastatur wurden nicht dazu verwendet, eine Telefonnummer zu wählen, sondern als Steuerbefehle für das Spiel interpretiert.  Die Tasten 2 (hoch), 8 (runter), 4 (links) und 6 (rechts) bildeten das virtuelle Steuerkreuz, mit dem Hugo durch die Spielwelten navigiert wurde. Ein spezieller, von ITE entwickelter Computer namens ITE 3000 übersetzte die ankommenden Töne in Echtzeit in Bewegungsbefehle für die Spielfigur.

TastaturbefehlFunktion im Spiel
Taste 2Hugo bewegt sich nach oben
Taste 4Hugo bewegt sich nach links
Taste 6Hugo bewegt sich nach rechts
Taste 8Hugo bewegt sich nach unten

Die Voraussetzung für die Teilnahme war ein Tastentelefon mit Mehrfrequenzwahlverfahren.  Ältere Wählscheibenapparate mit Impulswahlverfahren waren für diese Form der Steuerung ungeeignet – sie waren schlicht zu träge, um die schnellen Reaktionen zu ermöglichen, die das Spiel erforderte. Dies war eine bemerkenswerte technologische Hürde, die zugleich den Stand der Telekommunikation in den frühen 1990ern widerspiegelte: Die MFV-Telefone verbreiteten sich erst allmählich, und die Sendung trug nicht unwesentlich dazu bei, diese Technologie einem breiten Publikum bekannt zu machen.

Das virtuelle Studio: Bluescreen und Echtzeit-Computergrafik

Die Hugo Show war nicht nur interaktiv, sie war auch visuell ihrer Zeit voraus. Die Kulisse, in der die Moderatorin stand, war – bis auf einige wenige Möbelstücke – vollständig am Computer berechnet und mittels Bluescreen-Technik ins Bild eingefügt. Die Moderatorin stand vor einem blauen Hintergrund, der durch die Sendetechnik durch die computergenerierte Spielwelt ersetzt wurde. Sie sah auf einem Monitor, wo sich Hugo gerade befand, um die Zuschauer und Anrufer durch das Geschehen zu führen.

Ab Mai 1995, als die Sendezeit von 30 auf 60 Minuten ausgeweitet wurde, sendete die Produktion aus einem vollständig digitalen Studio.  Die digitalen Hintergründe konnten nun sogar mit Kamerabewegungen wie Schwenks und Zooms synchronisiert werden – eine technische Meisterleistung, für die einige der leistungsstärksten Grafikcomputer der Welt zum Einsatz kamen.

Die lebendige Animation: Der Tänzer hinter dem Troll

Hugo war keine einfache Zeichentrickfigur. Hinter seiner lebendigen Bewegung steckte ein sogenannter „Tänzer“ – ein Schauspieler in einem speziellen Stahlgerüst, dessen Bewegungen in Echtzeit auf den Computer übertragen und auf die Figur Hugo übertragen wurden.  Im Oktober 1995 gelang den Produzenten damit ein Meilenstein: Hugo wurde zur ersten live virtuell animierten Fernsehfigur Deutschlands. 

Diese Technik der Motion Capture in Echtzeit war zu jener Zeit revolutionär. Sie verlieh Hugo eine Natürlichkeit und Spontaneität, die ihn von statischen Cartoon-Figuren unterschied und ihn zu einem lebendigen Charakter machte, mit dem das Publikum eine emotionale Bindung eingehen konnte.


Das Spielprinzip: Ein Jump ’n‘ Run für die Massen

Die spielerische Umsetzung war denkbar einfach und zugleich genial: Hugo musste durch verschiedene Hindernisparcours navigieren, um seine Familie – Frau Hugoline und die drei Kinder Rit, Rat und Rut – aus den Klauen der bösen Hexe Hexana zu befreien.

Die Spielwelten wechselten regelmäßig: Hugo befuhr eine Goldmine und wich Waggons aus, tauchte durch tiefe Meere, fuhr mit einem Ballon hoch über den Wolken oder raste mit einem Schlitten durch verschneite Berge. Das grundlegende Gameplay entsprach einem klassischen Jump ’n‘ Run: Hindernissen ausweichen, Goldsäcke einsammeln und möglichst weit kommen.

SpielelementBedeutung
Goldsack (normal)50 oder 100 Punkte
Goldener Sack100 Bonuspunkte
Fauler Sack100 Punkte Abzug
Verlorenes LebenPunktabzug, Spielende nach 3 Fehlern

Der Anrufer hatte drei Leben zur Verfügung.  Wer dreimal gegen ein Hindernis prallte oder abstürzte, verlor das Spiel. Die gesammelten Punkte wurden am Ende auf einer Punktetafel eingeblendet – ein simples, aber effektives Belohnungssystem, das die Spannung bis zur letzten Sekunde aufrechterhielt.


Die Macher hinter der Show: Moderatoren und Produktion

Die Moderatorinnen: Karrierestart bei Hugo

Die Hugo Show war für mehrere Moderatorinnen das Sprungbrett zu einer erfolgreichen Fernsehkarriere.  Den Anfang machte Judith Hildebrandt, die mit damals 16 Jahren die erste Sendung am 18. April 1994 moderierte. Ihr folgten Minh-Khai Phan-Thi (1994–1996), die später zu VIVA wechselte, sowie Sonja Zietlow, die heute vor allem durch Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! bekannt ist.

Weitere Moderatorinnen waren Tania Schleef (ab 1996) und Yvette Dankou, die Sonja Zietlow nach etwa einem Jahr ablöste. Ab Dezember 1996 wurde das Konzept grundlegend verändert: Die Sendung hieß fortan Hugo (im Hexana-Schloss) und wurde ausschließlich vom virtuellen Troll Hugo und der bösen Hexe Hexana moderiert – letztere dargestellt von Julia Haacke.

Die Produktionszahlen

Die Hugo Show war ein beachtlicher Produktionsaufwand. Insgesamt wurden 675 Sendungen ausgestrahlt (ohne Wiederholungen), dazu kamen 101 Best of-Sendungen und 55 Episoden der Hexana-Schloss-Variante. Die Sendezeit variierte zwischen 30 und 60 Minuten, die Ausstrahlung erfolgte werktäglich, meist am Nachmittag.


Der Erfolg und sein Ende

Die Hugo Show wurde ein riesiger Erfolg für den noch kleinen Sender.  Die Mischung aus Unterhaltungssendung und Computerspiel traf den Nerv der Zeit – insbesondere bei einem jungen Publikum im Alter von 12 bis 16 Jahren. Der Sender reagierte: Ab Mai 1995 wurde die Sendezeit auf eine Stunde ausgeweitet und die Sendung in den Vorabend um 17:30 Uhr verlegt. Das Hugo-Mobil tourte durch Deutschland und lud Fans vor Ort zum Spielen ein.

Dennoch: Am 27. Dezember 1997 wurde die Sendung wegen Quotenmangels auf Kabel 1 eingestellt. Ein kurzes Comeback gab es vom 4. Mai bis 5. Juni 1998 auf Nickelodeon unter dem Titel Hugos Nick Live Club – doch bereits einen Monat später wurde die Sendung zusammen mit dem Sender eingestellt. Seither wurde Hugo nicht mehr im deutschen Fernsehen gezeigt.


Ausblick: Was bleibt von Hugo?

Die Hugo Show war mehr als eine kurze Fernsehkuriosität der 1990er. Sie war ein technologischer Vorgriff auf eine Entwicklung, die das Fernsehen bis heute prägt: die Interaktivität.  Lange bevor Smartphones und Second-Screen-Anwendungen zum Standard wurden, zeigte Hugo, dass Zuschauer nicht nur passive Konsumenten sein müssen, sondern aktiv in das Geschehen eingreifen können.

Die technischen Grundlagen – die Umwandlung von Telefontönen in Steuerbefehle, die Echtzeit-Computergrafik, die Bluescreen-Technik – waren für ihre Zeit bahnbrechend.  Dass eine solche Produktion mit dem technischen Equipment der frühen 1990er überhaupt möglich war, ist ein Zeugnis für den Erfindungsgeist der beteiligten Ingenieure und Produzenten.

Die Sendung hat zudem gezeigt, dass niedrigschwellige Interaktivität ein Massenpublikum begeistern kann. Die Steuerung per Telefontastatur war für jedermann verständlich – kein Gamepad, keine komplizierte Bedienung, nur die vertrauten Ziffern des eigenen Telefons. 

In einer Zeit, in der interaktive Formate wie Twitch-Streams oder Second-Screen-Apps zum Alltag gehören, wirkt die Hugo Show wie ein früher, fast schon nostalgischer Vorfahre. Doch ihr Vermächtnis ist unübersehbar: Sie hat gezeigt, dass Fernsehen und Videospiel keine Gegensätze sein müssen, sondern sich zu etwas Neuem verbinden können – zu einer Unterhaltungsform, bei der der Zuschauer zum Spieler wird.


Quellen

  • Wikipedia: Die Hugo Show. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Hugo_Show 
  • Quotenmeter.de: Der Fernsehfriedhof: Der Telefon-Troll. 19. November 2009. 
  • Fernsehserien.de: Prosit, „Hugo“! Rückblick auf die erfolgreiche interaktive Gameshow. 18. April 2024. 
  • hugo-troll.de (Fanseite): Die Sendezeiten. 
  • Zockste.de: Ein Blick zurück auf Hugo: Der Troll, der die Fernsehwelt eroberte. 7. Oktober 2024. 
  • DWDL.de: „Hugo“ oder: Interaktives Fernsehen der 90er Jahre. 
  • Achtziger-Forum: Die Hugo Show. 

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