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Klaus Störtebeker und die Vitalienbrüder – zwischen historischer Figur und nordischem Mythos

Autor: DerSchneider


Einleitung

Kaum eine Gestalt der norddeutschen Geschichte ist so sehr von Legenden umwoben wie Klaus Störtebeker. Der „Robin Hood der Meere“, der den Reichen nahm und den Armen gab, der nach seiner Enthauptung noch an seinen Männern vorbeilief – all das sind Bilder, die sich tief im kollektiven Gedächtnis verankert haben. Doch wie viel davon ist historisch belegt, und was ist reine Erfindung späterer Jahrhunderte?

Die folgenden Ausführungen unternehmen den Versuch, eine strikte Trennung zwischen nachweislichen Fakten und überlieferten Legenden vorzunehmen. Denn die Quellenlage ist dünn – und gerade das hat den Nährboden für eine der faszinierendsten Sagen Nordeuropas bereitet.


Historischer Hintergrund: Der Thronstreit um Schweden

Um Störtebeker und die Vitalienbrüder zu verstehen, muss man den politischen Kontext des späten 14. Jahrhunderts kennen. 1375 starb der dänische König Waldemar IV., was einen langwierigen Thronfolgestreit auslöste. Seine Tochter Margarethe I. erhob Anspruch auf die dänische Krone und strebte zugleich nach der Herrschaft über Schweden – ein Vorhaben, das sie in Konflikt mit Herzog Albrecht von Mecklenburg brachte.

Albrecht, dessen Sohn Albrecht III. den schwedischen Thron innehatte, rief Adlige und Seeleute aus seinen Hafenstädten dazu auf, dänische Schiffe zu überfallen. Aus diesen Kaperfahrern – also von einem Landesherrn legitimierten Freibeutern – entstanden die Vitalienbrüder. Ihr Name leitet sich vermutlich vom mittelfranzösischen vitailleurs (Lebensmittelversorger) ab, denn ihre ursprüngliche Aufgabe war es, das von dänischen Truppen belagerte Stockholm mit Vitalien (Lebensmitteln) zu versorgen.

Nach der Niederlage Albrechts III. in der Schlacht von Falköping (1389) und dem Friedensschluss zwischen Dänemark und Mecklenburg verloren die Vitalienbrüder ihre Legitimation. Aus einst geduldeten Kaperfahrern wurden vogelfreie Piraten, die sich fortan selbst versorgen mussten – und das taten sie auf Kosten des hansischen Handels.


Wer war Klaus Störtebeker? – Herkunft und Leben

📜 Die historischen Fakten

Die einzige zeitgenössische Quelle, die einen Namensträger „Störtebeker“ eindeutig mit einer Person verbindet, ist das Wismarer Verfestungsbuch von 1380. Darin ist ein Vorfall festgehalten, bei dem zwei Bürger aus der Stadt gewiesen wurden, weil sie einem anderen in einer Schlägerei Knochenbrüche zugefügt hatten. Der Betroffene wird als „nicolao stortebeker“ bezeichnet.

Mehr ist über seine frühen Jahre nicht bekannt. Weder sein Geburtsort noch sein Geburtsdatum sind historisch gesichert. Der Name „Störtebeker“ selbst erscheint in den Quellen als Familienname – ob er also erst mit der legendären Figur entstand oder bereits existierte, ist unklar.

Einige Historiker vermuten, dass der legendäre Klaus Störtebeker auf einem historischen Vorbild namens Johann Störtebeker beruht, der aus Danzig stammte, als Kaufmann und Freibeuter tätig war und mindestens bis 1413 lebte. Andere Forscher weisen darauf hin, dass die Identifikation des berühmten Piraten mit dem in Wismar genannten Nikolaus Störtebeker nicht gesichert ist.

🌊 Die Legende

Die Legende hingegen weiß viel zu erzählen: Störtebeker sei um 1360 geboren – je nach Erzählung in Wismar, bei Rotenburg/Verden oder auf Rügen. Seinen Spitznamen habe er sich durch seine Trinkfestigkeit verdient: Er soll einen vier Liter fassenden Becher in einem Zug geleert haben – niederdeutsch „Störtebeker“ bedeutet so viel wie „Stürz den Becher“.

Die Rügen-Variante der Sage ist heute besonders populär, nicht zuletzt wegen der dort alljährlich stattfindenden Störtebeker-Festspiele. Doch historisch belastbar ist keine dieser Herkunftserzählungen.


Der Führungsstab der Vitalienbrüder

📜 Die historischen Fakten

Die Vitalienbrüder hatten nicht einen, sondern mehrere Anführer. Die erste Generation umfasste Arnd Stuke, Henning Mandüvel und Nikolaus Milies. Der zweiten Generation werden Klaus Störtebeker, Gödeke Michels, Hennig Wichmann, Klaus Scheld und Magister Wigbold zugerechnet.

Über die Lebensgeschichten dieser Männer ist so gut wie nichts bekannt. Ihre Namen tauchen in den Quellen meist nur im Zusammenhang mit Klagen oder Strafverfolgungen auf. Herkunft, familiärer Hintergrund und genaue Lebensdaten bleiben im Dunkeln. Dass sie überhaupt als Führungsstab firmieren, verdanken sie vor allem späteren Chronisten, die die einzelnen Namen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführten.

🌊 Die Legende

Die Legende macht aus ihnen eine Bruderschaft ehrenhafter Kämpfer, die ihre Beute gerecht teilten – daher ihr selbstgewählter Name „Likedeeler“ (Gleichteiler). Dieser Mythos vom gerechten Verteiler ist eines der zentralen Elemente der Störtebeker-Sage und hat wesentlich zu seiner Popularität beigetragen.


Unterstützer: Die ostfriesischen Häuptlinge

📜 Die historischen Fakten

Nachdem die Vitalienbrüder aus der Ostsee vertrieben worden waren, fanden sie in der Nordsee ein neues Betätigungsfeld. Besonders Ostfriesland bot sich an: Das Gebiet unterstand keiner Zentralgewalt, und die dortigen Häuptlinge waren in ständige Fehden untereinander verwickelt.

Die Häuptlinge gewährten den Seeräubern Unterschlupf und stellten ihnen Häfen zur Verfügung. Im Gegenzug unterstützten die Vitalienbrüder die Häuptlinge in ihren lokalen Machtkämpfen. Aus dieser Symbiose zogen beide Seiten Nutzen: Die Häuptlinge bekamen Kampfkraft und Anteile an der Beute, die Piraten erhielten sichere Rückzugsorte.

Besonders genannt wird der Häuptling Witzel tom Brok. Auch die Sibetsburg bei Wilhelmshaven diente den Vitalienbrüdern als Zufluchtsort – sie wurde 1435 von den Hamburgern zerstört.

🌊 Die Legende

Die Legende verklärt diese pragmatische Zweckallianz gerne zu einer Art Widerstandsbewegung gegen die übermächtige Hanse. Die Häuptlinge erscheinen als Verbündete im Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit – tatsächlich handelte es sich jedoch um rationale machtpolitische Kalküle auf beiden Seiten.


Feinde: Die Hanse und Hamburg

📜 Die historischen Fakten

Die Hanse war der mit Abstand mächtigste Gegner der Vitalienbrüder. Als Zusammenschluss norddeutscher Kaufmannsstädte war sie auf freie und sichere Handelswege angewiesen – und genau diese wurden durch die Piraterie bedroht.

Hamburg übernahm dabei eine Vorreiterrolle. Die Stadt war durch die Überfälle auf ihre Handelsschiffe besonders betroffen und rüstete wiederholt Flotten zur Bekämpfung der Seeräuber aus. Am 22. April 1400 brach eine Flotte von elf „Friedenskoggen“ mit 950 Bewaffneten zur Piratenjagd auf.

Die Kämmereirechnungen Hamburgs sind die einzigen zeitgenössischen Quellen, die konkrete Ausgaben für die Seeräuberjagd und die Hinrichtungen dokumentieren. Sie listen detailliert Zahlungen auf – etwa 48 Pfund für Simon von Utrecht für dessen Einsatz bei der Gefangennahme.

🌊 Die Legende

Die Legende stilisiert den Konflikt zum Kampf des einfachen Mannes gegen die reiche Obrigkeit. Störtebeker erscheint als Freiheitskämpfer, der sich gegen die monopolistische Macht der Hanse auflehnt – eine Erzählung, die das Aufbegehren gegen gesellschaftliche Ordnungen verklärt.


Gefangennahme und Hinrichtung

📜 Die historischen Fakten

Die einzigen gesicherten Daten zur Gefangennahme und Hinrichtung stammen aus den Hamburger Kämmereirechnungen. Demnach wurden Störtebeker und etwa 70 seiner Männer am 20. Oktober 1401 auf dem Grasbrook in Hamburg hingerichtet.

Wer sie gefangen nahm, ist nicht eindeutig überliefert. Die Rechnungen nennen Simon von Utrecht, der für seine Arbeit und die Zerstörungen am Schiff des Godeke Michels entlohnt wurde. Auch Werner von Ulsen wird als derjenige genannt, „der Godeke Michels und seine Komplizen gefangen hat“. Die Gefangennahme Gödeke Michels ist damit belegt – ob Störtebeker ebenfalls von Utrecht oder von Ulsen gefasst wurde, bleibt unklar.

Die Hinrichtung selbst ist durch die Ausgaben für den Scharfrichter aus Buxtehude dokumentiert: „5 Pfund für den Büttel (Scharfrichter) aus Buxtehude für die Enthauptung der Vitalienbrüder“. Auch die Bestattung ist vermerkt: „3 Pfund für Knoker für das Beerdigen von 73 Personen der Vitalienbrüder“.

1878 wurde bei Bauarbeiten auf dem Grasbrook ein Schädel entdeckt, der aufgrund seines Alters und seiner Verletzungen Störtebeker zugeschrieben wurde. Diese Zuschreibung ist jedoch nicht gesichert.

🌊 Die Legende

Die Legende berichtet, dass Störtebeker in einer Seeschlacht vor Helgoland am 22. April 1401 gefangen genommen wurde. Die „Bunte Kuh“ – ein von Simon von Utrecht gespendetes Schiff – habe die Piratenkogge gerammt.

Die Hinrichtung selbst ist Gegenstand der berühmtesten aller Störtebeker-Legenden:

Der Legende nach habe Störtebeker vor seiner Hinrichtung mit dem Bürgermeister Kersten Miles gewettet: Er werde nach seiner Enthauptung an seinen Männern vorbeilaufen. An elf Männern sei er vorbeigegangen, bevor er starb. Miles habe sein Versprechen dennoch gebrochen und alle elf ebenfalls hinrichten lassen.

Diese Geschichte ist – das sei betont – medizinisch unmöglich und historisch völlig unbelegt. Sie erscheint erst Jahrhunderte später in der Überlieferung und ist ein typisches Beispiel für die Ausschmückung historischer Ereignisse zu unterhaltsamen Sagen.


Vorgeworfene und nachgewiesene Taten

📜 Die historischen Fakten

Was die Vitalienbrüder tatsächlich taten, lässt sich aus den hansischen Klageschriften und Rechnungen rekonstruieren: Sie überfielen Handelsschiffe und raubten deren Ladung. Besonders englische Schiffe waren betroffen, da diese in der Ostsee relativ schutzlos waren.

Die geraubten Waren wurden in Hafenstädten wie Wismar verkauft – ein lukratives Geschäft, von dem nicht nur die Piraten, sondern auch die örtlichen Kaufleute profitierten. Mit dem Friedensschluss zwischen Dänemark und Mecklenburg endete diese Tolerierung jedoch.

Den Vitalienbrüdern wurde Piraterie vorgeworfen – also von keinem Recht gedeckte Seeräuberei. Ob sie tatsächlich gemordet haben, ist aus den Quellen nicht eindeutig zu belegen, aber bei der Art ihrer Überfälle naheliegend.

🌊 Die Legende

Die Legende macht aus Störtebeker einen „Robin Hood der Meere“. Er habe den Reichen genommen und den Armen gegeben. Seine Beute habe er gerecht mit seiner Mannschaft geteilt – daher der Name Likedeeler.

Diese Verklärung ist historisch nicht haltbar. Die Beute wurde zuerst unter den Kapitänen aufgeteilt – von einer gerechten Verteilung an die Bedürftigen schweigen die Quellen.


Fazit: Der Mythos und sein historischer Kern

Was bleibt von Klaus Störtebeker, wenn man die Legenden beiseitelegt?

Weniger, als die meisten glauben. Die historisch gesicherten Fakten lassen sich auf wenige Punkte reduzieren:

AspektHistorisch gesichertLegende
ExistenzEin nicolao stortebeker 1380 in Wismar erwähntUmfangreiche Lebensgeschichte
HerkunftUnbekanntWismar, Rügen oder Rotenburg
TatenÜberfälle auf HandelsschiffeRobin-Hood-artige Wohltaten
GefangennahmeUnklarSeeschlacht vor Helgoland, Simon von Utrecht
Hinrichtung20. Oktober 1401, Grasbrook, 73 ToteKopfloser Lauf an elf Männern vorbei
QuellenHamburger KämmereirechnungenLieder, Chroniken, Sagen ab dem 16. Jahrhundert

Der Mythos Störtebeker entstand nicht zu seinen Lebzeiten, sondern Jahrhunderte später. Bereits im 16. Jahrhundert wurde sein Schicksal in Liedern verarbeitet. Die Sage vom kopflosen Lauf ist ein Produkt dieser nachträglichen Verklärung – ebenso wie die Vorstellung vom edlen Seeräuber, der gegen die Obrigkeit kämpft.

Dass aus einem gewalttätigen Kaperfahrer und späteren Piraten eine derart populäre Figur werden konnte, liegt nicht zuletzt an der Quellenarmut. Je weniger man über einen Menschen weiß, desto mehr Raum für Phantasie bleibt – und desto stärker kann er zum Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ideale werden.

Störtebeker ist damit weniger eine historische Persönlichkeit als vielmehr ein kulturelles Phänomen – ein Mythos, der bis heute Filme, Romane, Festspiele und sogar Biernamen inspiriert. Der historische Kern ist überschaubar. Die Wirkungsgeschichte ist es nicht.


Quellen

  • Koppmann, Karl (Hg.): Kämmereirechnungen der Stadt Hamburg 1350–1462. Bd. I–VI, Hamburg 1869–1892. 
  • Klaus Störtebeker. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. 
  • Vitalienbrüder. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. 
  • NDR: Die Vitalienbrüder: Piraten der Nord- und Ostsee. 11. Mai 2025. 
  • Störtebeker – vom Taugenichts zum Mythos. In: Geschichtsbuch Hamburg. 
  • Die Likedeeler – Klaus Störtebeker und Godeke Michels. In: Kriegsreisende.de. 
  • WELT: Klaus Störtebeker war ein Danziger Kaufmann. 25. Januar 2021. 
  • Störtebeker-Schädel. In: Stiftung Historische Museen Hamburg. 
  • ZEIT: Hamburger Legende: „Störtebeker war Kapitän und …“. 15. Januar 2019. 

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