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Die preußische Disziplin als Feindbild – eine Spurensuche

Autor: DerSchneider


Einleitung

Es ist ein Gedanke, der auf den ersten Blick bestechend einfach wirkt: Preußen, so die These, sei von seinen Nachbarn und Rivalen vor allem deshalb bekämpft worden, weil es zu diszipliniert, zu effizient, zu ordentlich war. Eine Nation, die aus einem kargen, rohstoffarmen Territorium durch eiserne Sparsamkeit, unbedingten Gehorsam und militärische Präzision eine der führenden Mächte Europas formte – musste das nicht zwangsläufig Neid und Feindschaft hervorrufen?

Die Frage ist nah liegend, und sie ist nicht neu. Bis heute scheiden sich am Staat Preußen die Geister: Manche bewundern die preußischen Tugenden, manche verabscheuen den Militärstaat. Doch wer von Preußen spricht, steht schnell im Verdacht, entweder ein Preußen-Verehrer zu sein oder ein Preußen-Hasser. Die Wahrheit aber, wie so oft, liegt in der Schwebe – und sie ist deutlich komplexer, als es die eingangs formulierte These vermuten lässt.

Dieser Artikel unternimmt den Versuch, die Frage nach den Gründen der preußischen Gegnerschaft differenziert zu beantworten. Er wird zeigen, dass die Feindschaft gegenüber Preußen nicht monokausal aus der Disziplin und Effizienz des Staates erwuchs, sondern das Ergebnis eines vielschichtigen Geflechts aus machtpolitischen Rivalitäten, ideologischen Zuschreibungen und historischen Kontinuitäten war. Dabei soll nicht nur die Außenperspektive, sondern auch die innere Widersprüchlichkeit des preußischen Staates selbst in den Blick genommen werden.


Der Kern der These: Disziplin als Bedrohung

Die Ausgangsthese verdient zunächst ernst genommen zu werden. Preußen war tatsächlich ein Staat, der wie kein zweiter auf Disziplin, Ordnung und effiziente Ressourcennutzung setzte. Der preußische Staat leistete sich im Verhältnis zu seiner Bevölkerung und gemessen an seinen Ressourcen eine überproportional große Armee. Der preußische Militarismus ist schon vom Aufstieg Preußens an zum Struktur- und Bewegungsgesetz dieses Staates geworden.

Diese Effizienz war keine bloße äußere Erscheinung, sondern tief in der Staatsphilosophie verwurzelt. Sie speiste sich aus einer Verbindung von pietistischen Wertvorstellungen und aufklärerischem Staatsdenken: Pünktlichkeit, Redlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit und – ja – Gehorsam wurden nicht nur gefordert, sondern regelrecht zelebriert. Die Armee war nicht einfach ein Instrument der Machtpolitik; sie war das Vorbild für die gesamte Gesellschaftsordnung. Drill, Gehorsam und Disziplin galten lange als notwendige Grundlagen nicht nur für das Militär, sondern für das Funktionieren des Staates überhaupt.

Dass ein solcher Staat bei seinen Nachbarn nicht nur Bewunderung, sondern auch Unbehagen hervorrufen musste, liegt auf der Hand. Wer mit einer solchen Präzision und Zielstrebigkeit agiert, dem traut man zu, dass er diese Fähigkeiten auch über die eigenen Grenzen hinaus anwenden wird. Die Disziplin wurde so zum Symbol einer latenten Bedrohung – und damit zum Kristallisationspunkt von Feindbildern. Doch dieser psychologische Mechanismus allein erklärt noch nicht die historische Gegnerschaft. Es brauchte mehr.


Die machtpolitische Realität: Aufstieg und Gleichgewichtsstörung

Preußen war kein harmloser Kleinstaat, der lediglich durch seine Tugenden auffiel. Es war ein aufstrebender Territorialstaat, der die bestehende Machtordnung in Europa grundlegend infrage stellte. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) ist dafür das eindrücklichste Beispiel: Im Wesentlichen standen Preußen und Großbritannien einer Allianz aus der Habsburgermonarchie, Frankreich, Russland und Spanien gegenüber. Es war eine Koalition der etablierten Großmächte gegen den Emporkömmling.

Die Motive dieser Gegner waren keineswegs abstrakter Natur. Es ging um konkrete machtpolitische Interessen: Österreich wollte das verlorene Schlesien zurückerobern, Russland und Frankreich fürchteten das Erstarken eines weiteren europäischen Akteurs, der ihre eigenen Einflusssphären bedrohen könnte. Die Koalition gegen Preußen war nicht Ausdruck einer prinzipiellen Ablehnung von Disziplin, sondern das Ergebnis nüchterner machtpolitischer Kalkulation. Ein zu starker Preußenkönig, der die habsburgische Vormachtstellung im Reich untergrub und sich mit Großbritannien verbündete, war eine Gefahr für das europäische Gleichgewicht – und wurde als solche bekämpft.

Ähnlich verhielt es sich im Deutschen Krieg von 1866. Hier ging es um die Vormachtstellung im Deutschen Bund, den Konkurrenzkampf zwischen Preußen und Österreich. Auch hier standen nicht preußische Tugenden im Zentrum der Auseinandersetzung, sondern handfeste geopolitische Rivalitäten. Dass Preußen diesen Krieg gewann und damit den Weg zur deutschen Reichsgründung von 1871 ebnete, verschärfte die Ängste der Nachbarn weiter – nun nicht mehr vor einem preußischen, sondern vor einem deutsch-preußischen Hegemonialanspruch.


Der ideologische Überbau: Vom Feindbild zum Mythos

Die machtpolitische Rivalität allein hätte jedoch kaum zu der Vehemenz geführt, mit der Preußen insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert als Inbegriff des Bösen dargestellt wurde. Hier kommt ein ideologischer Faktor ins Spiel, der die Gegnerschaft erst wirklich auflud: die Konstruktion Preußens als Hort des „Militarismus“ und der „Reaktion“.

Bereits im 19. Jahrhundert war die preußische Geschichte überlagert von so vielen gefärbten Geschichtsbildern, dass man an die Geschichte selbst kaum noch herankam. Preußen wurde zur Projektionsfläche für das, was man in anderen Ländern ablehnte: eine angeblich übersteigerte Militärbegeisterung, eine autoritäre Staatsführung, eine Unterordnung des Individuums unter den Staat.

Die Alliierten griffen dieses Bild nach dem Zweiten Weltkrieg auf und gaben ihm eine quasi-juristische Fassung. Im Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947 heißt es in der Präambel: „Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört.“ Preußen wurde nicht nur aufgelöst – es wurde moralisch abgeurteilt.

Dass diese Begründung historisch höchst fragwürdig ist, zeigt ein Blick auf die innere Widersprüchlichkeit Preußens. Preußen war eben nicht nur Militärstaat. Es war auch ein Staat der Aufklärung, der religiösen Toleranz (zumindest in Ansätzen), der Verwaltungsreformen und der Rechtsstaatlichkeit. Friedrich II., der „große“ König, verband preußische Tugenden mit der Aufklärung. Der australische Historiker Christopher Clark, einer der bedeutendsten Preußen-Kenner unserer Zeit, hebt hervor, dass Preußen bei der Entwicklung des modernen Rechtsstaats in Europa durchaus als Vorbild dienen konnte. Die Instrumentalisierung preußischer Tugenden durch die Nationalsozialisten  sagt mehr über die NS-Ideologie aus als über den Charakter des preußischen Staates selbst.


Die Dialektik von Innen- und Außenperspektive

Die Gegnerschaft zu Preußen war also nicht einfach eine Reaktion auf dessen Tugenden, sondern eine komplexe Gemengelage aus realer Machtbedrohung und ideologischer Zuschreibung. Das eine speiste das andere: Weil Preußen militärisch und wirtschaftlich erstarkte, suchte man nach Gründen für diese Überlegenheit – und fand sie in der Disziplin, die man zugleich verabscheute. Die Disziplin wurde so zum Symbol für das, was man fürchtete: einen Staat, der scheinbar übermächtig und unaufhaltsam war.

Interessant ist dabei, dass diese Dialektik bis in die Gegenwart nachwirkt. Christopher Clark, der als Brite mit australischen Wurzeln eine gewisse Distanz zum Gegenstand hat, stellt fest, dass es zum Wesen dieses Staates gehört, dass er es den Geschichtsschreibern schwer macht, cool zu bleiben. Preußen war ein Staat, der von Selbstdarstellung und Propaganda lebte – und damit gleichzeitig die Gegenpropaganda angeheizt hat.

Die Gegnerschaft zu Preußen war also nie „rein“. Sie war überlagert von Ängsten, Projektionen und machtpolitischen Interessen, die sich im Laufe der Jahrhunderte wandelten. Was im 18. Jahrhundert die Sorge vor einem übermächtigen König war, wurde im 19. Jahrhundert zur Furcht vor einem militaristischen Staat und im 20. Jahrhundert zur Verdammung eines vermeintlichen „Urübels“ der deutschen Geschichte.


Fazit: Warum sich alle gegen Preußen wandten – eine differenzierte Antwort

Die eingangs formulierte These – Preußen sei wegen seiner Disziplin und Effizienz bekämpft worden – greift zu kurz, enthält aber einen wahren Kern. Richtig ist: Preußens Disziplin und Effizienz waren die Grundlage seiner Macht. Ohne diese Tugenden wäre der kleine, rohstoffarme Staat am Rande Europas niemals zur Großmacht aufgestiegen. Und diese Macht war es, die die Nachbarn auf den Plan rief.

Falsch ist jedoch die Annahme, dass die Gegner Preußen aus einer prinzipiellen Ablehnung von Disziplin und Ordnung bekämpften. Die Koalitionen gegen Preußen waren das Ergebnis machtpolitischer Interessen: Österreich wollte seine Vormachtstellung bewahren, Frankreich und Russland fürchteten das Erstarken eines Rivalen. Die Disziplin war der Nährboden der Bedrohung, nicht ihr Grund.

Entscheidend ist schließlich die ideologische Überhöhung: Preußen wurde zum Feindbild stilisiert, weil es sich als Projektionsfläche für alles eignete, was man in anderen Ländern ablehnte – Militarismus, Autoritarismus, Reaktion. Diese Zuschreibung war oft mehr Mythos als Realität, aber sie wirkte und wirkt bis heute.

Wer heute von preußischen Tugenden spricht, bewegt sich in einem Feld, das von diesen historischen Überlagerungen geprägt ist. Die Tugenden selbst – Pünktlichkeit, Redlichkeit, Fleiß, Ordnung – sind an sich wertneutral. Ihre historische Verknüpfung mit einem Staat, der ebenso sehr für Aufklärung wie für Militarismus stand, macht ihre Bewertung bis heute schwierig. Vielleicht ist es gerade diese Ambivalenz – die unlösbare Verbindung von Licht und Schatten –, die Preußen so faszinierend und zugleich so anfechtbar macht.


Quellen

  • Clark, Christopher: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947, München 2007. 
  • Kontrollratsgesetz Nr. 46 betreffend die Auflösung des Staates Preußen vom 25. Februar 1947. 
  • Wikipedia-Artikel: Siebenjähriger Krieg. 
  • Wikipedia-Artikel: Preußische Tugenden. 
  • Deutschlandfunk Kultur: Die Leistungsfähigkeit des Staates, 19. März 2007. 
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Das Problem des Militarismus in Deutschland, APuZ 7/1954. 
  • Spiegel Online: Erblast: Der preußisch-deutsche Militarismus, 12. Februar 2001. 

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