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Der große Renten-Deal: Wie Politik und Finanzlobby die Riester-Rente erschufen

Von DerSchneider


Einleitung: Der Systembruch, der keiner war

Es war ein politischer Paukenschlag, der die deutsche Sozialpolitik für immer veränderte. Im Jahr 2001 verabschiedete die rot-grüne Bundesregierung das Altersvermögensgesetz (AVmG) und schuf damit die nach ihrem Namensgeber Walter Riester benannte private Zusatzrente. Die gesetzliche Rente wurde gekürzt, die Eigenverantwortung des Bürgers beschworen – und ein milliardenschweres Geschäftsfeld für die Versicherungs- und Finanzindustrie eröffnet.

Doch was auf den ersten Blick wie ein sozialpolitischer Fortschritt aussah, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als das Ergebnis eines hochgradig vernetzten Spiels zwischen Politik und Wirtschaft. Die Frage ist nicht, ob die Versicherungsindustrie von dieser Reform profitierte – sie war von Anfang an als Hauptgewinner eingeplant. Die eigentliche Frage lautet: Wer hat dieses System erschaffen, wer hat es berechnet, und wer hat es politisch durchgesetzt?


Der politische Fahrplan: Eine Kehrtwende mit Ansage

Die Rentenreform 2001 markierte einen „Systembruch“ in der deutschen Rentenpolitik. Erstmals wurde die Alterssicherung teilprivatisiert – ein Paradigmenwechsel, der die Bürger aus der Solidargemeinschaft in die Arme der Finanzdienstleister führte. Die rot-grüne Koalition unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) stand hinter diesem Schritt, auch wenn nicht alle in der Partei geschlossen dahinterstanden.

Die Reform verfolgte ein klares Ziel: Die gesetzliche Rente sollte gekürzt werden, die entstehende Lücke durch private Vorsorge geschlossen werden. Banken, Versicherungen und Investmentfonds profitierten von diesem rentenpolitischen Paradigmenwechsel. Die Gewinnaussichten der Finanzbranche verbesserten sich massiv – ein Umstand, der nicht zufällig eintrat.


Die politischen Fürsprecher: Namen, Netzwerke, Nebenjobs

Walter Riester (SPD) – Der Namensgeber

Walter Riester, damals Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, ist der politische „Vater“ der Riester-Rente. Doch seine Nähe zur Finanzbranche war bereits während seiner Amtszeit bekannt und wurde nach seinem Ausscheiden aus der Politik zur offensichtlichen Symbiose:

  • Aufsichtsrat bei Union Investment (2009–2012)
  • Auftritte als Redner für den Finanzvertrieb AWD von Carsten Maschmeyer
  • 21 Nebenjobs während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter, darunter für Finanzberater, Versicherungen und Sparkassen
  • Er verdiente sich mindestens 180.000 Euro jährlich durch Nebentätigkeiten

Riester war damit ein Paradebeispiel für den „Seitenwechsler“ – von der Politik in die Wirtschaft, von der Regulierung in die Regulierte.

Gerhard Schröder (SPD) – Der Kanzler und sein Förderer

Die Verbindung zwischen Gerhard Schröder und Carsten Maschmeyer, dem Gründer des Finanzvertriebs AWD, ist einer der brisantesten Aspekte der Riester-Geschichte:

  • Maschmeyer unterstützte Schröders Wahlkampf 1998 mit insgesamt bis zu 800.000 Mark
  • Eine mutmaßliche Spende von 150.000 Mark über einen Strohmann tauchte nicht im SPD-Rechenschaftsbericht auf
  • Nach Schröders Wahlsieg erhielt Maschmeyer direkten Zugang zu politischen Entscheidungsträgern
  • Später kaufte Maschmeyer Schröder die Rechte an dessen Memoiren für rund zwei Millionen Euro ab – ein Geschäft, das viele als späte Dankesgeste für die Riester-Rente interpretierten
  • Maschmeyer nutzte seine Beziehung zum Bundeskanzler, um sich immer wieder für eine Reform der Riesterrente einzusetzen

Die Frage, ob Schröder die Riester-Rente auch reformierte, um Maschmeyer einen Gefallen zu tun, beschäftigte Jahre später die Presse. Die Antwort darauf ist wohl nicht mehr eindeutig zu klären – aber die Nähe war unübersehbar.

Bert Rürup – Der Namensgeber der zweiten Säule

Bert Rürup, seinerzeit Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, gab der 2005 eingeführten Rürup-Rente seinen Namen. Dieses Modell richtete sich vor allem an Selbstständige und Gutverdiener – und öffnete der Versicherungswirtschaft ein weiteres lukratives Geschäftsfeld. Auch hier zeigt sich das Muster: Ein einflussreicher Berater wird zum Namensgeber eines Produkts, das die Finanzbranche mit staatlicher Förderung versorgt.


Die wirtschaftlichen Fürsprecher: Lobbyisten mit Durchschlagskraft

Die treibende Kraft hinter den Modellen war die Versicherungs- und Finanzlobby. Die empirischen Befunde einer wissenschaftlichen Untersuchung von Diana Wehlau zeigen den „Einfluss privatwirtschaftlicher Verbände und Großunternehmen“ auf die Rentenreform 2001.

Der Hauptverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Der GDV war der mächtigste Lobbyverband der Branche und setzte sich massiv für die Modelle ein. Monatelanges „Gezerre der Lobbyisten“ begleitete die Gesetzgebung. Der GDV war lange Zeit einflussreich genug, um Reformen zu verhindern oder in seinem Sinne zu beeinflussen.

Die Immobilienbranche

Auch die Immobilienwirtschaft mischte mit: „Die Rente muss beleihbar sein“, forderte sie mit Blick auf ihr Eigenheimgeschäft. Jede Branche wollte ihren Anteil am Kuchen der staatlich subventionierten Altersvorsorge.

Der Fondsverband BVI

Der BVI kritisierte später, dass die Lebensversicherer durch Lobbyarbeit Konkurrenz vom Markt fernhielten. Interessant ist auch der Einfluss auf die Wissenschaft: Selbst Detailregelungen basierten auf Forschungsergebnissen eines Lehrstuhls, der unter Mitwirkung des Fondsverbands BVI eingerichtet wurde.


Die Berechnung: Wie die Ungleichgewichte ins System eingebaut wurden

Die Frage, warum die Berechnungen von Anfang an für die Versicherer sprachen, führt ins Herz des Problems.

Keine wirksame Kostenkontrolle

Es gab keine wirksame Begrenzung der Abschluss- und Vertriebskosten. Die Anbieter konnten diese weitgehend frei gestalten. Die Folge: Ein erheblicher Teil der eingezahlten Beiträge floss direkt in Provisionen und Verwaltung – und nicht in die Altersvorsorge der Sparer.

Garantien als Kostenfalle

Die geforderten Garantien – insbesondere die 100-prozentige Kapitalgarantie – zwangen die Anbieter zu konservativen, renditeschwachen Anlagen. Die hohen Kosten für diese Garantien gingen zulasten der Rendite, nicht aber der Gewinne der Versicherer.

Die reale Rendite: Ein Desaster für die Sparer

Eine aktuelle Studie der Bürgerbewegung Finanzwende zeigt das Ausmaß des Desasters:

KennzahlRiester-RenteRürup-Rente
Anteil der Produkte unter 2 % Rendite65 %65 %
Alter für inflationsbereinigte Kapitalrückzahlung99 Jahre96 Jahre
Durchschnittliche monatliche Auszahlungca. 139 €ca. 153 €

Zwei Drittel der untersuchten Tarife erreichten nicht einmal eine Rendite von zwei Prozent – dem Mindestziel, um die Inflation auszugleichen. Sparer machen damit reale Verluste.

Die Studie kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Viel zu viele Menschen werden mit ihren Riester- und Rürup-Verträgen reale Verluste einfahren“.


Die Gesetzesgestaltung und -verabschiedung

Das Altersvermögensgesetz (AVmG) wurde am 26. Juni 2001 verabschiedet. Der Gesetzentwurf ging von den Fraktionen der SPD und Bündnis 90/Die Grünen aus. Die CDU/CSU stimmte damals dagegen, führte aber später selbst ähnliche Modelle fort.

Die Reform wurde von Opposition und Medien als „bürokratisches Monstrum“ gescholten, weil die Teilnahme an so viele Bedingungen geknüpft war. Dennoch setzte sich die rot-grüne Koalition durch – nicht zuletzt dank des massiven Lobbydrucks aus der Finanzbranche.


Die Folgen: Ein System am Ende

Die Bilanz der Riester-Rente ist ernüchternd:

  • Über fünf Millionen Verträge wurden bereits vorzeitig gekündigt – das ist jeder vierte abgeschlossene Vertrag
  • Ende 2024 gab es laut Bundesarbeitsministerium noch knapp 15 Millionen Verträge
  • Die Kosten fressen einen Großteil der Rendite auf
  • Die Garantien schützen die Versicherer, nicht die Sparer

Verbraucherschützer fordern daher ein kostengünstiges Standardprodukt mit maximal 0,5 Prozent Effektivkosten. Die geplante Reform der Bundesregierung sieht dagegen einen Kostendeckel von 1,5 Prozent vor – aus Sicht der Kritiker viel zu hoch.


Fazit: Ein System für die Versicherer, nicht für die Rentner

Die Riester- und Rürup-Renten waren kein versehentliches Scheitern, sondern ein politisch gewolltes Konstrukt. Die Weichen für dieses Ungleichgewicht wurden von Anfang an gestellt:

  1. Personelle Verflechtungen zwischen Politik und Finanzbranche (Riester, Schröder, Maschmeyer)
  2. Massiver Lobbyeinfluss des GDV und anderer Verbände
  3. Fehlende Kostenkontrolle im Gesetzgebungsprozess
  4. Garantien, die die Versicherer schützen und die Sparer renditeschwach halten

Die Versicherungsindustrie ist der Hauptgewinner dieses Systems. Die Sparer hingegen erzielen eine negative Realrendite – sie zahlen drauf, während die Anbieter kassieren.

Die Geschichte der Riester-Rente ist eine Geschichte von politisch-industrieller Symbiose, von Lobbyismus mit Ansage und von einem Sozialstaat, der sich von der Finanzbranche vereinnahmen ließ. Die Lehre daraus: Wer die Altersvorsorge privatisiert, muss sicherstellen, dass die Interessen der Sparer über denen der Anbieter stehen. Bei Riester und Rürup war das nicht der Fall.


Quellen

  • Diana Wehlau: Lobbyismus und Rentenreform. Der Einfluss der Finanzdienstleistungsbranche auf die Teil-Privatisierung der Alterssicherung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009
  • Bürgerbewegung Finanzwende: Studie zu Renditeerwartungen bei Riester- und Rürup-Renten, Berlin, März 2026
  • Lobbypedia: Walter Riester – Eintrag zu Nebentätigkeiten und Lobbyismus
  • abgeordnetenwatch.de: Der Fall Maschmeyer – Die gefährliche Nähe zwischen Lobbyisten und Politikern
  • Der Spiegel: Maschmeyer: Ex-AWD-Chef, Altkanzler Schröder und zwei Millionen Euro (12. November 2014)
  • Süddeutsche Zeitung: Riester: Tat Schröder Maschmeyer einen Gefallen? (13. November 2014)
  • Deutscher Bundestag: Gesetzgebungsverfahren Altersvermögensgesetz (AVmG), BT-Drucksache 14/6043
  • germanhistorydocs.org: Vorstellung der „Riester-Rente“ (11. Mai 2001)

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