Der Psion Series 5: Taschencomputer mit Ecken und Kanten
Autor: DerSchneider
Die späten 1990er Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs im mobilen Computing. Der Markt für PDAs (Personal Digital Assistants) war jung, ungestüm und voller konkurrierender Standards. Während Apple mit seinem Newton haderte und Microsoft mit Windows CE in den Markt drängte, brachte der britische Hersteller Psion im Juni 1997 ein Gerät auf den Markt, das in seiner Klugheit und seinem Eigensinn bis heute unerreicht ist: den Psion Series 5 .
Eine Ära beginnt: Der Auftritt des Series 5
Mit einem Startpreis von rund 1.500 DM positionierte sich der Series 5 als High-End-Gerät für ambitionierte Anwender . Er war nicht einfach nur ein Organizer, wie es die Vorgängermodelle der Series 3 waren. Der Series 5 war ein Handheld-Computer im wahrsten Sinne des Wortes, ein „Subnotebook“, wie es in zeitgenössischen Berichten hieß, das die Vision eines mobilen Büros in die Tasche brachte .
Psion-CEO David Potter sah sein Unternehmen zu diesem Zeitpunkt „lightyears ahead of the competition“ . Ob diese Aussage vermessen war oder nicht – der Series 5 setzte in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, die seine Konkurrenz vor ernste Herausforderungen stellten.
Die Technik im Herzen: ARM, EPOC und der Geist von Symbian
Das Herzstück des Series 5 war eine damals hochmoderne Kombination aus Hardware und Software, die den Grundstein für eine der einflussreichsten mobilen Plattformen der Geschichte legte.
Prozessor und Betriebssystem
Angetrieben wurde der PDA von einem 32-Bit-RISC-Prozessor vom Typ ARM 7100, der mit 18,4 MHz taktete . Diese Wahl war entscheidend: ARM-Prozessoren waren für ihre herausragende Leistung bei gleichzeitig geringem Stromverbrauch bekannt, was für ein batteriebetriebenes Gerät essenziell war.
Noch wichtiger war das Betriebssystem. Der Series 5 war das erste Psion-Gerät, das mit der 32-Bit-Version von EPOC (EPOC32) ausgeliefert wurde . EPOC war kein einfaches PDA-Betriebssystem, sondern ein echtes, multitaskingfähiges 32-Bit-Betriebssystem mit einer stabilen und durchdachten Architektur . Es bot eine Zwischenablage, Druckerunterstützung und die Möglichkeit, Objekte aus anderen Anwendungen in Dokumente einzufügen – Funktionen, die man bis dato nur von Desktop-Computern kannte .
Diese Weitsicht sollte sich auszahlen. 1998 wurde die Weiterentwicklung von EPOC in die Firma Symbian Ltd. ausgegliedert, an der sich neben Psion auch Ericsson, Motorola und Nokia beteiligten . EPOC wurde zum Symbian OS, das in den folgenden Jahren die Smartphone-Welt dominieren sollte . Der Series 5 war damit nicht nur ein Produkt, sondern auch der Stammvater eines Betriebssystems, das Mobiltelefone für eine ganze Ära prägte .
Arbeitsspeicher und Datenspeicherung
Der Series 5 war mit 8 MB RAM und 6 MB ROM ausgestattet, wobei eine 4-MB-Version zu einem geringeren Preis erhältlich war . Für die damalige Zeit war das großzügig bemessen und erlaubte das Arbeiten mit komplexen Dokumenten.
Die Erweiterbarkeit war ein weiterer Trumpf: Der integrierte CompactFlash-Slot (CF-Slot) konnte sowohl für Speichererweiterungen als auch, mit einem optionalen Adapter, für PC-Cards wie das Psion-„Gold“-Modem genutzt werden . Damit war der Series 5 für die damalige mobile Kommunikation, etwa für den E-Mail-Versand über ein GSM-Handy, gerüstet .
Konnektivität
Der Series 5 bot eine serielle RS-232-Schnittstelle, einen Infrarot-Port (IrDA) und eben den CF-Slot . Die mitgelieferte PC-Software PsiWin 2.0 ermöglichte die Synchronisation mit Outlook und Lotus Organizer – ein entscheidender Vorteil für Geschäftsanwender .
Energieversorgung
Als Energiequelle dienten zwei handelsübliche AA-Mignon-Batterien. Die offizielle Angabe von bis zu 30 Stunden Nutzungsdauer war ambitioniert, in der Praxis waren 10 bis 20 Stunden üblich . Dennoch war dies ein klarer Vorteil gegenüber proprietären Akkus, die bei der Konkurrenz oft das schwächste Glied waren.
Ein Design, das überzeugt
Die äußere Erscheinung des Series 5 war ebenso unkonventionell wie durchdacht. Das Patent EP 0766166B1 beschreibt das Herzstück des Designs: den Schiebe-Clamshell-Mechanismus . Entworfen wurde dieses Meisterwerk von dem Industriedesigner Martin Riddiford von Why Design .
Der Klappmechanismus
Beim Öffnen fuhr die Tastatur wie auf Schienen nach vorne, während sich das Display nach oben aufklappte und in einem festen Winkel verriegelte . Dies hatte einen genialen Nebeneffekt: Die nach vorne gleitende Tastatur verlagerte den Schwerpunkt, sodass das Gerät auch bei der Bedienung des Touchscreens mit dem Stift stabil stand und nicht umkippte . Der Bildschirm selbst war ein Touchscreen mit einer Auflösung von 640 x 240 Pixeln (halbes VGA-Format) und 16 Graustufen, der mit einer elektrolumineszenten (EL) Hintergrundbeleuchtung ausgestattet war .
Die Tastatur
Die Tastatur des Series 5 ist bis heute legendär. Mit einem Tastenabstand von 12,5 mm und einem großen, präzisen Tastenhub bot sie ein Schreibgefühl, das fast an ein Subnotebook erinnerte . Zeitgenössische Tests lobten sie als eine der besten Tastaturen, die je in einem PDA verbaut wurden . Sie machte produktives Arbeiten unterwegs erstmals wirklich möglich.
Die Software: EPOC und das integrierte Office
Die Stärke des Geräts lag jedoch nicht allein in der Hardware, sondern in der Software. EPOC32 kam mit einem vollwertigen Office-Paket, das eine Textverarbeitung, eine Tabellenkalkulation und eine einfache Datenbank umfasste . Diese Programme waren nicht nur rudimentäre „PDA-Versionen“, sondern ernstzunehmende Werkzeuge, die mit den Desktop-Formaten von Microsoft und Lotus kompatibel waren .
Die Bedienung der Oberfläche (EIKON) war sowohl über die Tastatur als auch intuitiv über den Touchscreen und den im Gehäuse verstauten Stift möglich . Der Series 5 beherrschte zwar keine Handschrifterkennung wie der Apple Newton, aber dafür konnte man Sprachnotizen aufnehmen – bei der 8-MB-Version immerhin bis zu einer halben Stunde – und dies sogar bei geschlossenem Gerät .
Die Achillesferse: Das Display-Flachbandkabel
So genial der Series 5 auch war, so sehr litt er an einer tragischen Schwachstelle: dem Flachbandkabel, das den Bildschirm mit dem Mainboard verband . Ein Konstruktionsfehler führte dazu, dass das Kabel bei jedem Öffnen und Schließen an einer bestimmten Stelle unnötig stark gebogen wurde .
Das Ergebnis war ein schleichender Tod. Mit der Zeit ermüdete das Material, was zu einem Ausfall des Displays führte – zunächst in Form von horizontalen Linien, später bis hin zum Totalausfall . Dieses Problem ist so bekannt, dass es noch heute in Sammlerforen diskutiert wird und es einen Ersatzmarkt für spezielle, langlebigere Kabel (wie den „Psionflexi“) gab . Auch die Scharniere selbst waren anfällig für Verschleiß . Der Series 5 war damit ein Beispiel für ein Gerät, dessen Genialität durch ein banales, aber entscheidendes Konstruktionsdetail gebremst wurde.
Der Nachfolger und das Erbe: 5mx und das mobile Büro
Der Psion Series 5 war nicht das Ende der Fahnenstange. 1999 folgte der Series 5mx, der den Prozessortakt auf 36 MHz verdoppelte, den Arbeitsspeicher auf bis zu 16 MB erweiterte und über einen verbesserten Bildschirm verfügte . Das Modell 5mx Pro, das nur in Deutschland vertrieben wurde, kam sogar mit 24 MB RAM und integrierter Java-Unterstützung . Ericsson vermarktete eine lizenzierte Version als MC218 .
Der Series 5 war mehr als nur ein PDA. Er war ein Statement. In einer Zeit, in der mobile Computer oft entweder zu groß oder zu schwach waren, zeigte Psion, dass es möglich war, ein echtes, produktives Arbeitsgerät in der Jackentasche zu verstauen. Sein Einfluss ist unbestreitbar: EPOC wurde zum Symbian OS, der Software-Riese, der eine ganze Smartphone-Generation prägte . Der Series 5 steht damit am Anfang einer Erfolgsgeschichte – auch wenn sein eigenes Kapitel durch ein zu dünnes Kabel ein vorzeitiges Ende fand.
Quellen:
- heise online: Psion-PDA mit 32 Bit, 1997
- heise online: Psion contra Windows CE, 1997
- Deutschlandfunk: Nachrichten, 1997
- Informatik-Sammlung Erlangen (FAU): Neuzugang: Psion Series 5mx
- The Centre for Computing History: Psion Series 5 (Boxed) – PDA
- Science Museum Group Collection: MC218 & Psion Series 5
- Wikipedia: EPOC
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