Das Ende einer Ära: Wie die CeBIT von der Weltspitze verschwand
Von DerSchneider
Ein Nachruf auf die einst größte Computermesse der Welt
Am 28. November 2018 veröffentlichte die Deutsche Messe AG eine knappe Erklärung: Die CeBIT, seit zweiunddreißig Jahren die weltweit bedeutendste Messe für Informationstechnik, würde nicht länger als eigenständige Veranstaltung stattfinden. Das Handelsblatt sprach von einem „schweren Schlag für den Messestandort Deutschland“. Für langjährige Beobachter der IT-Branche kam die Nachricht wenig überraschend. Sie war das Ende eines langen, schleichenden Niedergangs.
Die CeBIT war einst die größte Computermesse der Welt. In ihren besten Jahren strömten über 800.000 Besucher nach Hannover. Sie erlebte den Aufstieg des Personal Computers, den Siegeszug des Internets, den Ausbruch der Mobilfunkrevolution. Am Ende wurde sie zum Opfer genau jener digitalen Revolution, die sie selbst mit vorangetrieben hatte. Stefan Weil, damals niedersächsischer Ministerpräsident, brachte es auf den Punkt: „Die CeBIT ist ein Opfer ihres eigenen Erfolges geworden.“
Vom Anhängsel der Industriemesse zum eigenständigen Giganten
Die Geschichte der CeBIT beginnt in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders. 1947 fand die erste Hannover Messe statt, gedacht als Motor für den Wiederaufbau der deutschen Industrie. Ab 1950 wuchs innerhalb dieser Leistungsschau die Abteilung „Büroindustrie“ stetig. Bereits 1959 rangierte sie gemessen an der Ausstellerzahl auf dem dritten Platz aller Industriezweige.
In den Jahren 1969 bis 1970 entwarf der Architekt Ernst Friedrich Brockmann die eigens für diese Branche konzipierte „Halle 1″, die den Namen CeBIT erhielt – die Abkürzung für „Centrum der Büro- und Informationstechnik“. Die Namenswahl war bemerkenswert vorausschauend: Die letzten drei Buchstaben „BIT“ bezeichnen die kleinste Informationseinheit eines Computers und deuteten den Beginn eines neuen Zeitalters an.
Die Halle selbst war ein architektonisches Monument. Sie bot rund 70.000 Quadratmeter Nettoausstellungsfläche, in der Tiefgarage fanden etwa 2.000 Ausstellerfahrzeuge Platz, und auf dem Dach entstanden 750 kleine Fertighäuser. 1984 wurde das Bauwerk ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen – als „größte einstöckige Ausstellungshalle der Welt“.
Doch die Büro- und Informationstechnik wuchs schneller, als es die Hannover Messe fassen konnte. Die Branche sprengte buchstäblich die Hallen. 1986 wurde die CeBIT daher erstmals als eigenständige Messe im März ausgerichtet, während die Hannover Messe einen Monat später folgte. Der Erfolg gab den Veranstaltern recht: 2.142 Aussteller und über 334.000 Besucher kamen zur Premiere.
Die goldenen Jahre
In den folgenden zwei Jahrzehnten stieg die CeBIT zu einer Institution auf, die weit über die Fachwelt hinausstrahlte. Wer in der IT-Branche etwas auf sich hielt, war im März in Hannover. Microsoft, IBM, Apple, SAP, Siemens – sie alle nutzten die CeBIT als Bühne für ihre wichtigsten Produktankündigungen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnete die Messe 2001 gemeinsam mit Bill Gates. Es war der Höhepunkt einer Ära, in der die CeBIT den Puls der digitalen Welt bestimmte.
| Jahr | Besucher | Aussteller | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| 1986 | 334.000 | 2.142 | Erste eigenständige CeBIT |
| 1990 | 500.000 | 3.500 | Wachstumskurs hält an |
| 1995 | 755.000 | 6.800 | Internet-Euphorie |
| 2000 | 780.000 | 7.500 | Rekordjahr |
| 2001 | 830.000 | 8.100 | Historischer Höchststand |
| 2005 | 480.000 | 6.200 | Erste Konsolidierung |
| 2010 | 334.000 | 4.200 | Rückkehr zu Fachbesucherzahlen |
| 2015 | 200.000 | 3.300 | Starker Rückgang |
| 2018 | 120.000 | 2.800 | Letzte CeBIT |
Quelle: Deutsche Messe AG, Geschäftsberichte verschiedener Jahrgänge
Der lange Weg nach unten
Bereits in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends zeichnete sich der Wandel ab. Zwei Entwicklungen erwiesen sich als fatal für das Geschäftsmodell der CeBIT.
Zum einen verlor die Messe ihre Funktion als primäre Informationsplattform. Das Internet übernahm die Rolle des schnellen Nachrichtenkanals. Produktankündigungen erreichten die Öffentlichkeit nun in Echtzeit über Online-Medien, Fachportale und soziale Netzwerke – lange bevor die Tore in Hannover sich öffneten. Die CeBIT verlor dadurch ihren Status als exklusiver Ort der Premieren und Neuheiten.
Zum anderen differenzierte sich die IT-Branche immer weiter aus. Mobilfunk, Consumer Electronics, industrielle Automatisierung, Softwareentwicklung – jeder dieser Bereiche entwickelte eigene, spezialisierte Leitmessen. Der Mobile World Congress in Barcelona wurde für die Telekommunikationsbranche zum Pflichttermin. Die CES in Las Vegas dominierte den Consumer-Bereich. Und die Hannover Messe selbst beanspruchte zunehmend das Thema Industrie 4.0 für sich.
Die Identitätskrise
Die CeBIT versuchte, sich dieser Entwicklung anzupassen, doch ihre Strategie blieb widersprüchlich. Einerseits wollte sie eine Fachmesse für Geschäftskunden sein, andererseits lockte sie mit publikumswirksamen Attraktionen. 2005 versuchten die Veranstalter, Privatbesucher konsequent fernzuhalten – eine Entscheidung, die zwar die Fachbesucherquote erhöhte, aber den öffentlichen Aufmerksamkeitswert der Messe drastisch senkte. Die CeBIT verlor damit ihren Volksfestcharakter, der sie über Jahre hinweg auch für die breite Öffentlichkeit interessant gemacht hatte.
Der Versuch, das Rad zurückzudrehen, kam zu spät. 2018 unternahm die Deutsche Messe AG einen letzten, verzweifelten Relaunch. Die CeBIT sollte als „Digital-Festival“ neu erfunden werden – mit Konzerten, Freizeitattraktionen und einem verstärkten Fokus auf junge Zielgruppen. Das Konzept ging nicht auf. Die Besucherzahlen fielen auf 120.000, viele Aussteller blieben der Veranstaltung fern oder reduzierten ihre Standflächen erheblich. Die Messe verlor Geld, und die Deutsche Messe AG zog die Notbremse.
Warum die CeBIT verschwand: Eine Analyse der Ursachen
Der Niedergang der CeBIT ist kein isoliertes Phänomen, sondern Ausdruck eines grundlegenden Strukturwandels. Vier Faktoren wirkten zusammen:
Erstens: Die Digitalisierung wurde zum Querschnittsthema. IT durchdrang zunehmend alle Branchen – von der Automobilindustrie über den Maschinenbau bis zum Gesundheitswesen. Eine horizontale Messe, die „IT an sich“ zeigte, verlor damit an Kontur. Fachbesucher suchten die spezifische Anwendung für ihre Branche, nicht die allgemeine Schau.
Zweitens: Die Konkurrenz durch spezialisierte Leitmessen wuchs. Veranstaltungen wie der MWC, die CES oder die embedded world in Nürnberg boten fokussierte Plattformen für ihre jeweiligen Segmente. Die CeBIT konnte diesen Grad an Spezialisierung nicht erreichen.
Drittens: Die Kosten scheuten die Aussteller. Ein Messeauftritt in Hannover war teuer – Standmiete, Aufbau, Personal, Reisekosten. In Zeiten knapper Marketingbudgets und effizienterer digitaler Kommunikationskanäle mussten Unternehmen den Return on Investment kritisch prüfen. Viele entschieden sich, ihre Ressourcen auf wenige, hochspezialisierte Messen zu konzentrieren.
Viertens: Die CeBIT verlor ihre Rolle als Innovationsschau. Während früher bahnbrechende Neuheiten in Hannover präsentiert wurden, verlagerten sich diese Ankündigungen zunehmend zu hauseigenen Veranstaltungen der Unternehmen – wie Apples WWDC, Googles I/O oder Microsofts Build. Die Messe wurde zum Nachrichtenverwerter, nicht mehr zum Nachrichtenproduzenten.
Ein Blick über den Tellerrand: Was bleibt?
Die CeBIT hinterlässt eine Lücke, aber auch ein Erbe. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Hannover sich als IT-Standort etablieren konnte. Unternehmen wie die Deutsche Messe AG haben aus dem Scheitern gelernt und setzen nun auf spezialisierte Formate. Die Hannover Messe hat das Thema Digitalisierung integriert und firmiert heute als Leitmesse für Industrie 4.0.
Für die Messebranche insgesamt ist die CeBIT ein warnendes Beispiel. Sie zeigt, dass Größe allein kein Garant für Bestand ist. Wer seine Daseinsberechtigung verliert, weil sich die Rahmenbedingungen ändern, muss sich neu erfinden – oder verschwinden. Die CeBIT hat beides versucht. Am Ende stand die Einsicht, dass ihr ursprünglicher Daseinszweck – die Zusammenführung einer jungen, überschaubaren Branche – sich überlebt hatte.
Fazit: Vom Zentrum der digitalen Welt zur Fußnote der Geschichte
Die CeBIT war mehr als eine Messe. Sie war ein Symbol für den Aufbruch in die digitale Gesellschaft. In ihren Hallen wurde greifbar, was sonst abstrakt blieb: der Fortschritt der Technik, die Vision einer vernetzten Welt, die Faszination des Neuen. Dass sie verschwand, ist kein Versagen einzelner Personen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels. Die Digitalisierung hat die CeBIT überflüssig gemacht – nicht weil sie unwichtig wurde, sondern weil sie allgegenwärtig wurde.
Wer heute nach Hannover kommt, findet dort keine CeBIT mehr. Aber die Erinnerung an jene Märztage, in denen die Welt für eine Woche in Niedersachsen zu Gast war, bleibt. Sie erinnert daran, dass auch die größte Erfolgsgeschichte ein Ende finden kann – und dass der Fortschritt keine Rücksicht auf jene nimmt, die ihn einst möglich gemacht haben.
Quellen
- Deutsche Messe AG: Geschäftsberichte und Pressemitteilungen 1986–2018
- Handelsblatt: „CeBIT wird eingestellt – Das Ende einer Ära“, 28. November 2018
- Heise Online: „Das Ende der CeBIT: Eine Chronologie des Niedergangs“, 28. November 2018
- Neue Zürcher Zeitung: „Wie die CeBIT sich selbst überflüssig machte“, 30. November 2018
- Norddeutscher Rundfunk: „CeBIT-Geschichte: Aufstieg und Fall der weltgrößten Computermesse“, 2018
- c’t Magazin: „CeBIT 2018: Ein Festival, das keines war“, März 2018
- Manager Magazin: „CeBIT-Aus: Die Messe hat sich überlebt“, 28. November 2018
- Deutsche Messe AG: „CeBIT 2018 – Abschlussbericht“, März 2018
- Guinness-Buch der Rekorde, Ausgabe 1984
- Archiv der Hannover Messe: Historische Dokumente 1947–1986
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