Das MateBook: Huaweis zehnjähriger Weg vom Smartphone-Hersteller zur dritten PC-Plattform
Von DerSchneider
Als Huawei am 21. Februar 2016 auf dem Mobile World Congress in Barcelona sein erstes MateBook vorstellte, war die Skepsis groß. Ein Smartphone-Hersteller, der plötzlich Notebooks baut? Die Branche reagierte mit verhaltener Zurückhaltung. Zehn Jahre später, im Jahr 2026, hat Huawei nicht nur überlebt, sondern vollzieht einen der radikalsten Brüche in der Geschichte der Personalcomputer: den Abschied von Windows und den Aufstieg von HarmonyOS als eigenständiger PC-Plattform.
Dieser Artikel beleuchtet die Historie, die Technik, die Preisgestaltung und die Zukunft einer Produktlinie, die exemplarisch für Huaweis Strategie steht – und für die Frage, ob ein chinesisches Unternehmen das jahrzehntelang von Wintel dominierte Ökosystem aufbrechen kann.
Die Anfänge: Ein 2-in-1-Gerät und die Skepsis der Branche
Das erste MateBook war kein Notebook im klassischen Sinne, sondern ein 2-in-1-Gerät: ein Tablet mit abnehmbarer Tastatur, konzipiert für Mobilität und Produktivität. Huawei positionierte es als „neues Flaggschiff für mobile Produktivität“ und betonte die Vereinigung von Smartphone-Mobilität und Laptop-Leistung . Mit einem Gewicht von 640 Gramm, einem 12-Zoll-IPS-Display mit 2160 × 1440 Pixeln und einer Screen-to-Body-Ratio von 84 Prozent setzte es bereits damals Maßstäbe für Design, die in dieser Preisklasse keineswegs selbstverständlich waren .
Angetrieben wurde das Gerät von einem Intel Core m-Prozessor der sechsten Generation, es lief auf Windows 10 und kostete ab 699 US-Dollar beziehungsweise 799 Euro . In Spanien war es ab Juli 2016 ab 899 Euro inklusive Tastatur erhältlich . Die technischen Werte waren solide, aber nicht revolutionär. Was blieb, war die Frage: Kann ein Unternehmen, das bislang vor allem durch Smartphones bekannt war, im PC-Markt bestehen?
Huawei selbst beschreibt diese erste Phase rückblickend als „Hardware-Produktinnovationsphase“ (2016–2020). Das Unternehmen brachte Designelemente aus der Mobilsparte in den PC: Full-Screen-Displays, unibody-Metallgehäuse, Fingerabdrucksensoren im Power-Button. Der damalige Markt für Notebooks war geprägt von schweren, klobigen Geräten mit niedriger Bildschirmquote – Huawei sah hier eine Lücke und besetzte sie .
Die zweite Phase: Vom Einzelgerät zum Ökosystem
Der entscheidende strategische Schwenk kam nicht über die Hardware, sondern über die Software. 2018 führte Huawei „Huawei Share“ ein – eine Funktion, die per NFC-Kontakt Dateien zwischen Huawei-Smartphones und dem MateBook übertrug. Was zunächst wie ein nettes Extra wirkte, entpuppte sich als erster Schritt zu einer tiefgreifenden Ökosystemstrategie. 2020 begann das Unternehmen mit der Entwicklung eines Computer-Prototyps auf Basis von HarmonyOS, dem eigenen Betriebssystem, das bereits auf Smartphones und Tablets lief .
Die Logik dahinter: Ein PC, der nicht als isolierte Insel existiert, sondern als Knotenpunkt in einem Geräteverbund aus Smartphone, Tablet, Smartwatch und Fahrzeug. „Traditionelle PCs waren lange Zeit Informationsinseln“, erklärte Zhu Dongdong, Präsident der Huawei-Produktlinie für Tablets und PCs. Die distributed Soft Bus-Architektur von HarmonyOS ermögliche eine底层-Vernetzung, die über bloßes Dateiaustauschen hinausgeht .
Diese Phase gipfelte im Mai 2025. Huawei stellte in Chengdu zwei Laptops mit HarmonyOS vor: das MateBook Pro und das MateBook Fold Ultimate Design. Es war der erste Auftritt von HarmonyOS auf PCs – ein symbolträchtiger Moment, denn erstmals seit Jahrzehnten wagte ein Hersteller den Versuch, Windows und macOS auf dem Desktop herauszufordern . Die Agentur Xinhua bezeichnete es als „Debüt seines selbst entwickelten Betriebssystems für Personal Computer“ .
Die Technik: Kirin, OLED und die Frage der Kompatibilität
Die aktuelle MateBook-Generation zeigt, wie ernst Huawei die Eigenständigkeit meint. Das MateBook 14 (HarmonyOS-Version), im April 2026 vorgestellt, setzt auf einen Kirin X90-Prozessor mit 40 Watt typischer Leistungsaufnahme, 24 oder 32 GB Arbeitsspeicher und ein 14,2-Zoll-OLED-Display mit 2880 × 1920 Pixeln, 120 Hz und Delta-E unter 1. Der Akku hat 70 Wh und ermöglicht laut Hersteller bis zu 21 Stunden lokale Videowiedergabe. Der Startpreis lag bei 6.599 Yuan für die Version mit 24 GB RAM und 512 GB SSD .
Das MateBook Pro, das Flaggschiff der ersten HarmonyOS-Generation, bietet ein 14,2-Zoll-OLED mit 3120 × 2080 Pixeln, 120 Hz und 1000 Nits Spitzenhelligkeit. Es wiegt 970 Gramm und richtet sich an professionelle Nutzer, die maximale Displayqualität und Mobilität suchen.
Das MateBook Pro S, im August 2026 vorgestellt, unterbietet mit 798 Gramm und 11,9 Millimetern Dicke alles, was im x86-Lager derzeit in dieser Klasse möglich scheint. Ermöglicht wird dies durch eine Magnesium-Lithium-Legierung, eine dreigeteilte Hauptplatine und ein Kühlsystem mit „Hai-Flossen“-Lüfterblättern. Angetrieben wird es vom Kirin XE90, einer Weiterentwicklung des X90, der laut Huawei 23 Prozent mehr Single-Core-Leistung, 25 Prozent bessere Energieeffizienz und 40 Prozent mehr NPU-Durchsatz bieten soll. Die Preise beginnen bei 7.999 Yuan und reichen bis 14.999 Yuan für die Collector’s Edition .
Ein technischer Punkt verdient besondere Beachtung: Die Kirin-Prozessoren werden nach Analyse von TechInsights im SMIC-7-nm-Verfahren gefertigt. Das ist beeindruckend für ein Unternehmen, das seit 2020 mit US-Sanktionen konfrontiert ist, bedeutet aber auch, dass die Fertigungsprozessoren nicht mit denen von TSMC oder Samsung konkurrieren können. Die Energieeffizienz ist gut, aber nicht exzellent – ein Faktor, der bei ultraleichten Geräten mit begrenzter Kühlung an Bedeutung gewinnt .
Die größte Einschränkung bleibt die Kompatibilität. HarmonyOS-PCs führen keine klassischen Windows-Programme (.exe) aus. Zwar gibt es virtuelle Maschinen und eine wachsende Zahl nativer Anwendungen – laut Huawei über 19.000 –, doch wer auf spezialisierte Software angewiesen ist, steht vor Hürden. Die Liste kompatibler Peripheriegeräte umfasst über 1.700 allgemeine Geräte (Tastaturen, Monitore) und über 1.600 professionelle Geräte (Drucker, Scanner), die ohne zusätzliche Treiber funktionieren sollen .
Preise und Werterhalt: Eine differenzierte Betrachtung
Die Preisgestaltung der MateBooks spiegelt die Positionierung als Premium-Marke wider. Die HarmonyOS-Modelle sind nicht billig, aber im Vergleich zur gebotenen Verarbeitungsqualität und Displaytechnik wettbewerbsfähig.
| Modell | Prozessor | Display | Startpreis (Yuan) | Ca. Euro |
|---|---|---|---|---|
| MateBook 14 (HarmonyOS) | Kirin X90 | 14,2″ OLED, 2880×1920, 120 Hz | 6.599 | ~850 |
| MateBook Pro | Kirin X90 Plus | 14,2″ OLED, 3120×2080, 120 Hz | 9.999 | ~1.300 |
| MateBook Pro S | Kirin XE90 | 14,2″ OLED, 3.1K, 120 Hz | 7.999 | ~1.050 |
Quellen: ZOL, Ifeng, Yahoo Tech
Auf dem Gebrauchtmarkt zeigt sich ein anderes Bild. Ältere Windows-MateBooks erzielen solide Preise, weil sie die ausgereifte Windows-Kompatibilität mit Huaweis guter Verarbeitung verbinden. Ein MateBook 14 von 2021 mit Core i7-1165G7, 16 GB RAM und 1 TB SSD wird bei Refurbishern für etwa 640 Euro gehandelt. Die HarmonyOS-Modelle hingegen haben außerhalb Chinas mit einem strukturellen Problem zu kämpfen: Die Nachfrage ist gering, der Sekundärmarkt kaum entwickelt. Wer heute ein HarmonyOS-MateBook kauft, sollte sich bewusst sein, dass ein späterer Verkauf schwieriger und preislich weniger lukrativ sein dürfte als bei einem vergleichbaren Windows-Gerät.
Der Standard: Setzt Huawei Maßstäbe – und wenn ja, welche?
Die Frage nach dem „Standard“ lässt sich auf zwei Ebenen beantworten.
Hardware-seitig hat Huawei in zehn Jahren einige Akzente gesetzt. Die Integration des Fingerabdrucksensors in den Power-Button, heute bei vielen Ultrabooks selbstverständlich, gehörte 2016 zu den Alleinstellungsmerkmalen des ersten MateBooks . Die hohe Screen-to-Body-Ratio und das 3:2-Seitenverhältnis, das bei Produktivitäts-Notebooks heute weit verbreitet ist, wurden von Huawei früh adoptiert. Und die Verarbeitungsqualität in der Mittelklasse – vollmetallene Gehäuse, hochwertige Displays – war vor Huawei in dieser Preisklasse keineswegs die Regel.
Software-seitig ist die Bilanz gemischter. Huawei Share beziehungsweise Super Device hat die Erwartungen an geräteübergreifende Zusammenarbeit im Windows-Ökosystem nachhaltig verändert. Wer einmal ein Foto per einfachem Antippen vom Smartphone auf den Laptop übertragen hat, will die umständliche Bluetooth- oder Cloud-Route nicht mehr zurück. Doch diese Funktion setzt ein Huawei-Smartphone voraus – ein bewusster Lock-in-Effekt.
Der eigentliche Standard-Test kommt jedoch erst noch: Kann HarmonyOS sich als dritte PC-Plattform neben Windows und macOS etablieren? Die Zahlen sind ermutigend, aber nicht überwältigend. Über 19.000 native Anwendungen und 1.700 kompatible Peripheriegeräte klingen nach viel, doch Windows hat Millionen von Programmen und Jahrzehnte der Kompatibilitätsarbeit hinter sich . Analysten wie Yang Zhusong von der Tsinghua-Universität erwarten, dass HarmonyOS „in absehbarer Zukunft“ zur dritten großen PC-Plattform wird – eine Prognose, die optimistisch ist, aber nicht unbegründet, wenn man bedenkt, dass Huawei im eigenen Heimatmarkt über eine enorme Nutzerbasis und politische Rückendeckung verfügt .
Ein wichtiger Meilenstein steht unmittelbar bevor: Im Oktober 2026 soll mit dem Qingyun HM650 der erste HarmonyOS-Desktop-PC auf den Markt kommen. Das Gerät mit Kirin X90 (10 Kerne, 20 Threads, bis 2,3 GHz) ist für den Regierungs- und Unternehmenssektor positioniert und unterstreicht Huaweis Ambition, eine vollständig unabhängige Technologiekette vom Chip bis zum Betriebssystem zu etablieren. Die China Communications Construction Company hat bereits 600 Einheiten im Rahmen eines größeren Vertrags über 2.400 Geräte bestellt .
Die Zukunft: Drei Szenarien
Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob Huaweis Wette aufgeht.
Szenario eins: Der Durchbruch. HarmonyOS etabliert sich in China als ernsthafte Alternative zu Windows, getragen von der schieren Größe des Marktes, der Integration mit Huawei-Smartphones und -Tablets sowie der Unterstützung durch chinesische Softwareentwickler. MateBooks werden für Millionen von Nutzern zum ersten HarmonyOS-Gerät, und die Kompatibilitätslücken schließen sich durch Emulatoren und native Portierungen. Huawei erreicht im PC-Segment, was es im Smartphone-Segment erreicht hat: eine starke Nummer zwei oder gar Nummer eins im Heimatmarkt.
Szenario zwei: Die Nische. HarmonyOS-PCs bleiben ein Nischenprodukt für Huawei-Enthusiasten und spezifische Unternehmensanwendungen, etwa im öffentlichen Sektor Chinas, wo Unabhängigkeit von US-Technologie zunehmend Priorität genießt. Der breite Markt bleibt bei Windows, weil die Kompatibilität und die schiere Anzahl verfügbarer Programme zu schwer wiegen.
Szenario drei: Die geopolitische Zäsur. Sollten sich die technologischen Spannungen zwischen China und dem Westen weiter verschärfen, könnte HarmonyOS für chinesische Nutzer zur Notwendigkeit werden – nicht aus Überzeugung, sondern aus Sanktionsgründen. In diesem Fall wäre das MateBook nicht länger ein Produkt, das man wegen seiner Eigenschaften kauft, sondern eines, das man kauft, weil die Alternativen wegfallen.
Für europäische Nutzer ist die Lage klarer: Das MateBook mit HarmonyOS ist derzeit ein mutiges, aber riskantes Experiment. Wer die Ökosystemintegration schätzt und bereit ist, sich auf eine kleinere Softwarewelt einzulassen, findet ein hervorragend verarbeitetes Gerät mit exzellentem Display und bemerkenswerter Leichtigkeit. Wer auf maximale Kompatibilität, Erweiterbarkeit und Werterhalt angewiesen ist, sollte bei Windows bleiben – oder zu einem älteren MateBook mit Windows greifen, das die Stärken der Hardware mit der Reife des etablierten Ökosystems verbindet.
Fazit: Ein Produkt, das mehr ist als die Summe seiner Teile
Das MateBook ist kein „bestes Notebook“ im absoluten Sinne. Es ist ein Produkt mit klaren Stärken – Verarbeitung, Displayqualität, Leichtigkeit, Ökosystemintegration – und ebenso klaren Schwächen: fehlende Erweiterbarkeit (Arbeitsspeicher und GPU sind verlötet), Kompatibilitätslücken, unsicherer Werterhalt bei HarmonyOS-Modellen. Doch die Geschichte des MateBooks ist mehr als die Summe seiner Bewertungen. Sie erzählt von einem Unternehmen, das sich nicht mit der Rolle des Nachzüglers zufriedengab, das aus einer vermeintlichen „Sonnenuntergangsindustrie“ eine Innovationsgeschichte machte und das nun den vielleicht ambitioniertesten Versuch unternimmt, die Vormachtstellung von Wintel herauszufordern.
Ob dieser Versuch gelingt, ist offen. Die technischen Voraussetzungen sind geschaffen, die Produkte sind ausgereift, das Ökosystem wächst. Doch Standards setzen sich nicht durch Überzeugung allein durch, sondern durch Netzwerkeffekte, Kompatibilität und schlichte Gewohnheit. Das MateBook hat bewiesen, dass Huawei Notebooks bauen kann. Nun muss es beweisen, dass die Welt bereit ist für eine dritte Plattform.
Quellen:
- Xinhua/News.cn: „华为朱懂东:十年深耕PC产业 鸿蒙电脑完成产品全形态布局“, 30.07.2026
- Huawei Press Center: „Huawei Launches MateBook at MWC 2016″, 21.02.2016
- Xinhuanet Deutsch: „Huawei bringt PCs mit selbst entwickeltem Betriebssystem auf den Markt“, 19.05.2025
- Yahoo Tech: „Huawei’s new ultra-light laptop is genuinely ridiculously slim and slender at just 798g“, 06.09.2026
- ZOL中关村在线: „华为发布MateBook 14鸿蒙版:麒麟X90芯+2.8K柔光OLED屏,起售价6599元“, 20.04.2026
- OCClub: „Huawei представила первый ПК с HarmonyOS на Kirin X90″, 27.09.2026
- 凤凰网/IT之家: „对话华为朱懂东,揭秘鸿蒙电脑的一年质变“, 29.07.2026
- Huawei España: „Huawei MateBook, ya disponible en España“, 05.07.2016
- Xinhua English: „Huawei launches PCs running self-developed operating system“, 19.05.2025
- 凤凰网科技: „华为MateBook Pro S发布:798g重,搭载麒麟XE90,7999元起“, 05.08.2026
- CNMO: „华为MateBook 14鸿蒙版上市 搭载麒麟X90 支持鸿蒙AI“, 28.04.2026
- 今日头条: „华为首款鸿蒙台式机擎云HM650亮相|告别Windows与Linux“, 23.09.2026
- ZOL中关村在线: „专访华为朱懂东:十年积累,鸿蒙电脑开启PC创新新阶段“, 31.07.2026
- German.people.cn: „Huawei präsentiert neues 2-in-1-Laptop in Barcelona“, 24.02.2016
- SWI swissinfo.ch/EFE: „La china Huawei lanza ordenadores con sistema propio y desafía a Windows y macOS“, 19.05.2025
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