Die Ästhetik der Elektrizität: Wie der Art déco die Elektrotechnik formte und bis heute prägt

Autor: DerSchneider


Einleitung

Die Geschichte der Elektrotechnik wird meist als eine Abfolge von Erfindungen, Patenten und physikalischen Durchbrüchen erzählt. Doch diese Perspektive blendet einen entscheidenden Aspekt aus: die Art und Weise, wie Technik in den Alltag der Menschen integriert wurde. Hier kommt eine ungewöhnliche, aber prägende Kraft ins Spiel – der Art déco.

In den 1920er und 1930er Jahren, als die Elektrizität erstmals flächendeckend in die Haushalte einzog, stand die Industrie vor einem ästhetischen Problem. Die neuen elektrischen Geräte – Radios, Staubsauger, Kühlschränke, Lampen – hatten keine gestalterischen Vorbilder. Sie mussten nicht wie Kerzenleuchter oder Gaslampen aussehen. Diese gestalterische Freiheit nutzte eine Generation von Pionieren des Industriedesigns, um eine völlig neue Formensprache zu entwickeln: den Art déco. Dieser Artikel zeichnet die tiefgreifenden Einflüsse dieser Stilrichtung auf die Elektrotechnik nach und zeigt, wo ihre Spuren bis heute sichtbar sind.


I. Der historische Moment: Elektrizität trifft auf Design

Um den Einfluss des Art déco zu verstehen, muss man sich die Ausgangslage vor Augen führen. Vor dem Ersten Weltkrieg war Elektrizität in den meisten Haushalten noch eine Seltenheit. Die Elektrifizierungswelle der 1920er Jahre, vorangetrieben durch den Ausbau der Stromnetze und fallende Preise für Elektrogeräte, schuf schlagartig einen Massenmarkt für elektrische Produkte. Von 1920 bis 1929 verdreifachte sich die Zahl der US-amerikanischen Haushalte mit Stromanschluss auf über 85 Prozent.

Doch diese Geräte waren zunächst oft technisch, aber ästhetisch ungelöst. Sie wirkten klobig, funktional und erinnerten an Laborapparaturen. Die Hersteller erkannten schnell: Um Elektrizität in den Wohnzimmern willkommen zu heißen, musste sie schön sein. Genau hier setzte der Art déco an, der auf der Pariser Weltausstellung von 1925 seinen internationalen Durchbruch feierte. Seine Geometrie, seine Stromlinienform und seine Vorliebe für neue, industrielle Materialien waren wie geschaffen für die Produkte des Maschinenzeitalters.

Die Verschmelzung von Art déco und Elektrotechnik ist ein klassisches Beispiel für das Zusammenwirken von technologischer Innovation und kultureller Ästhetik – ein Phänomen, das der Technikhistoriker Wiebe E. Bijker als „co-construction“ von Technik und Gesellschaft beschreibt.


II. Der Einfluss auf die Elektrotechnik im Einzelnen

2.1 Das Material der Moderne: Bakelit

Kein Material ist so eng mit dem Art déco in der Elektrotechnik verbunden wie Bakelit. Erfunden 1907 vom belgischen Chemiker Leo Hendrik Baekeland, war Bakelit der erste vollsynthetische, industriell gefertigte Kunststoff . Die Elektroindustrie zeigte sofort großes Interesse an diesem neuen Werkstoff .

Die entscheidenden Eigenschaften für die Elektrotechnik waren:

  • Hervorragende Isolationseigenschaften
  • Hitzebeständigkeit (bis ca. 300°C)
  • Chemische Beständigkeit
  • Formbarkeit im Pressverfahren für Massenproduktion

Diese technischen Vorzüge allein erklären jedoch nicht den Erfolg. Erst die Verbindung mit der Art-déco-Ästhetik machte Bakelit zum dominierenden Material der Epoche. Das braune bis schwarze Harz (andere Farben waren durch Zuschlagstoffe wie Kupferpuder möglich, aber selten) ließ sich in glatte, geometrische Formen pressen, die perfekt zum Zeitgeist passten .

Beispiele aus der Praxis:

  • Lichtschalter und Steckdosen: Die ersten flächenbündigen Schaltergehäuse aus Bakelit ersetzten die porzellanbasierten Vorgänger und definierten das Erscheinungsbild von Elektroinstallationen für Jahrzehnte .
  • Das Bakelit-Telefon: 1931 brachte Ericsson das erste Telefon mit Bakelit-Gehäuse auf den Markt – ein Designikone, die bis in die 1980er Jahre in Gebrauch blieb .
  • Radio-Gehäuse: Statt aufwendiger Holzkonstruktionen konnten Radiogeräte nun in einem Arbeitsgang aus Bakelit gepresst werden. Der berühmte „Volksempfänger“ VE 301 (ab 1933) wurde allein bis 1939 über acht Millionen Mal produziert – nur möglich durch das für Massenproduktion geeignete Bakelit .

Der sinkende Bekanntheitsgrad von Bakelit täuscht über seine Bedeutung hinweg. Bis heute wird Phenol-Formaldehyd-Harz in spezifischen Anwendungen eingesetzt, etwa in Leiterplatten, Reibbelägen und Schleifscheiben . Die „Bakelit-Ästhetik“ erlebt zudem im Retro-Design eine Renaissance.

2.2 Leuchtende Städte: Die Neonröhre

Die Erfindung der Neonröhre durch den französischen Chemiker und Ingenieur Georges Claude im Jahr 1910 ist ein Paradebeispiel für die Art-déco-Verschmelzung von Technik und Kunst . Claude füllte Glasröhren mit dem Edelgas Neon, legte eine hohe elektrische Spannung an und erzeugte so ein leuchtend rötliches Licht.

Die technischen Grundlagen waren zwar älter – die Geissler-Röhre gab es bereits im 19. Jahrhundert –, aber Claude perfektionierte das Verfahren zur kommerziellen Nutzung . 1912 installierte er die erste kommerzielle Neonreklame für einen Friseursalon am Pariser Boulevard Montmartre . Der Durchbruch in den USA kam 1922, als eine Packard-Agentur in Los Angeles das erste Neonzeichen in Auftrag gab .

Die charakteristischen leuchtenden Farben entstehen dabei nicht nur durch Neon selbst (rot-orange), sondern durch andere Edelgase oder fluoreszierende Beschichtungen: Argon ergibt blau, Helium rosafarben, Krypton grünlich-weiß, Xenon bläulich-weiß.

Der Art déco nahm diese Technologie sofort auf. Die Möglichkeit, Röhren in nahezu jede Form zu biegen, ermöglichte die typischen geometrischen Schriftzüge, Sonnenstrahlen-Motive und Zickzack-Muster. Die Neonreklame wurde zum Synonym für urbane Moderne, für das nächtliche New York, für den Glamour des Maschinenzeitalters. 1934 waren allein in Manhattan und Brooklyn über 20.000 Neonröhren installiert .

Die dunkle Seite dieses Erfinders ist jedoch bemerkenswert: Georges Claude war überzeugter Antidemokrat, Antisemit und Kollaborateur mit dem nationalsozialistischen Vichy-Regime. 1945 wurde er wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt, später aber wegen „geistiger Verwirrung“ freigelassen .

2.3 Form follows function: Die Leuchte als Designobjekt

Die Leuchtengestaltung war vielleicht das Feld, auf dem sich Art déco und Elektrotechnik am intensivsten durchdrangen. Elektrische Lampen hatten keine historischen Vorbilder – sie mussten nicht wie Kerzenleuchter aussehen. Diese Freiheit nutzten Designer wie Walter von Nessen, um völlig neue Formen zu entwickeln.

Von Nessen, der 1923 von Deutschland in die USA auswanderte und 1927 die Nessen Studios in New York gründete, gilt als einer der ersten Industriedesigner überhaupt . Seine Designphilosophie lässt sich wie folgt zusammenfassen:

DesignprinzipUmsetzungBeispiel
FunktionalismusForm folgt der Funktion, nicht historischen VorbildernSchwenkarmleuchte (1927)
Neue MaterialienChrom, Aluminium, Bakelit, FiberglasTischleuchte mit Chromfuß, Bakelit-Details
Indirekte BeleuchtungLicht als gestalterisches ElementDeckenleuchte mit konzentrischen Ringen (1929)
PräzisionBewusstsein für Mechanik (Schwenkarme, justierbare Teile)Kugellager-Leuchte (1930)

Seine berühmteste Erfindung, die Schwenkarmleuchte (swing-arm lamp), ist bis heute im Programm von Nessen Lighting erhältlich und ein Musterbeispiel für gelungenes Industriedesign . Das Metropolitan Museum of Art in New York zeigte von Nessens Arbeiten 1935 in der bahnbrechenden Ausstellung „Contemporary American Industrial Art“, die einen Wendepunkt für das Industriedesign markierte .

Neben von Nessen prägten Persönlichkeiten wie Raymond Loewy, Donald Deskey, Gilbert Rohde und Russel Wright diese Ära . Loewy, bekannt für die Coca-Cola-Flasche und das Studebaker-Design, gestaltete das berühmte „Columaire“-Radio für Westinghouse – ein Kunstwerk aus Bakelit und Chrom.


III. Die bleibenden Spuren bis heute

Der Art déco als eigenständige Stilrichtung verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich zugunsten des Funktionalismus und der Nachkriegsmoderne. Doch seine Einflüsse auf die Elektrotechnik sind bis heute spürbar – in direkten und indirekten Formen.

3.1 Die direkte Linie: Retro-Design und Neuauflagen

Das anhaltende Interesse an der Art-déco-Ästhetik zeigt sich in einem lebendigen Markt für Retro-Designs:

  • Schalterprogramme: Mehrere Hersteller bieten explizit Schalter und Steckdosen im Art-déco-Stil an – mit Bakelit-optischen Oberflächen, Messingrahmen und Kippschaltern. Die Schweizer Firma Modelec produziert mit ihrer Kollektion „Hitera“ solche historisierenden Elemente.
  • Lampen: Nessen Lighting produziert die klassischen von Nessen-Designs bis heute unverändert . Die Schwenkarmleuchte ist ein Dauerbrenner in Inneneinrichtungen, die einen Hauch von Machine Age suchen.
  • Sammlerstücke und Reproduktionen: Originale Bakelit-Radios, -Telefone und -Lampen erzielen auf Auktionsplattformen hohe Preise. Parallel dazu entsteht ein Markt für hochwertige Reproduktionen.

3.2 Die moderne Interpretation: „Electric Deco“

Innenarchitekten und Designer haben das Erbe des Art déco für das 21. Jahrhundert neu interpretiert. Unter dem informellen Begriff „Electric Deco“ (geprägt u. a. vom Designstudio belarteSTUDIO) fasst man zeitgenössische Designs zusammen, die die Design-DNA des Art déco aufgreifen: geometrische Muster, elegante Materialkombinationen (Messing, Glas, dunkles Holz), oft kombiniert mit modernster LED-Technik.

Dieser Trend zeigt sich besonders in der Gastronomie- und Hotellerie, wo Art-déco-Elemente ein glamouröses, nostalgisches Ambiente schaffen, ohne altmodisch zu wirken.

3.3 Die indirekte Wirkung: Grundprinzipien des Industriedesigns

Der nachhaltigste Einfluss des Art déco ist vielleicht der unscheinbarste: Er etablierte das Industriedesign als eigenständige Disziplin. Die Überzeugung, dass technische Geräte nicht nur funktionieren, sondern auch schön gestaltet sein müssen, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wir verdanken diese Erkenntnis maßgeblich den Pionieren des Art déco.

Jedes moderne Smartphone, jeder elegante Laptop, jede stilvolle Schreibtischlampe ist ein entfernter Nachfahre dieser Revolution. Die Prinzipien des Art déco – Form follows function, die Verwendung neuer Materialien, die Integration von Technik in die Wohnästhetik – sind Teil des modernen Designkanons geworden. Der Art déco lehrte die Welt, dass Technologie nicht im Verborgenen bleiben muss, sondern als Ausdruck von Fortschritt und Stil gefeiert werden kann.


Fazit und Ausblick

Die Geschichte der Elektrotechnik ist nicht nur eine Geschichte von Schaltkreisen, Spannungen und Widerständen. Sie ist auch eine Geschichte der Wahrnehmung, der Integration in den Alltag und der ästhetischen Vermittlung von Technologie. Der Art déco spielte dabei eine Schlüsselrolle. In einer Zeit des tiefgreifenden technologischen Wandels – der Massenelektrifizierung – gab er den neuen elektrischen Geräten ein Gesicht.

Von den Bakelit-Gehäusen der ersten Radios über die leuchtenden Neonreklamen der Großstädte bis hin zu den stromlinienförmigen Leuchten eines Walter von Nessen – der Art déco verwandelte die unscheinbare, ja gefährliche Elektrizität in einen glamourösen, zukunftsweisenden und alltagstauglichen Begleiter.

Bis heute sind seine Spuren sichtbar: im anhaltenden Retro-Trend, in der anspruchsvollen Ästhetik vieler Elektrogeräte und vor allem in der selbstverständlichen Erwartung, dass Technik nicht nur funktioniert, sondern auch schön ist. Wenn wir heute eine elegant gestaltete Lampe einschalten oder einen stilvollen Lichtschalter betätigen, arbeiten wir – oft unbewusst – im Erbe des Art déco.


Quellen

  1. Nessen Lighting: About Nessen – Walter von Nessen: An Original. https://www.nessenlighting.com/aboutnessen 
  2. Wikipedia: Bakelit. https://de.wikipedia.org/wiki/Bakelit 
  3. NeonSignLife: Ursprung der Technologie – Die Vintage-Leuchtreklamen. https://neonsignlife.com/de/blogs/neoner-blog/vintage-neon-signs-timeline-a 
  4. Welt.de: Bakelit – Relikte aus der Vorzeit des Plastiks. https://www.welt.de/kultur/article211703027/Bakelit-Relikte-aus-der-Vorzeit-des-Plastiks.html 
  5. National Inventors Hall of Fame: Georges Claude – Neon Tubes. https://www.invent.org/inductees/georges-claude 
  6. 1stDibs: Walter Von Nessen – Designer Biography. https://www.1stdibs.com/creators/walter-von-nessen/ 
  7. ChemieFreunde Erkner e. V.: Bakelit – Wie das Bakelit die Welt eroberte (MOZ-Serie). http://www.chemieforum-erkner.de/chemie-geschichte/stoffe/bakelit100-MOZ/bakelit100-MOZ-5.htm 
  8. Bundesverband Patentanwälte: Leuchtendes Kultobjekt der Großstadt – Neonreklame. https://www.bundesverband-patentanwaelte.de/patente/leuchtendes-kultobjekt-der-grossstadt/ 

Post Comment

You May Have Missed