Wireless before Wi‑Fi: Die Geschichte der Richtfunk‑Verbindungen im 20. Jahrhundert
Autor: DerSchneider
Einleitung
Wer heute an drahtlose Kommunikation denkt, hat WLAN, Bluetooth oder das Mobilfunknetz im Kopf. Die Vorstellung, dass einst ganze Telefonnetze und Fernsehprogramme ohne ein einziges Kabel durch die Luft übertragen wurden, wirkt fast anachronistisch. Doch lange bevor der Begriff „Wi‑Fi“ erfunden wurde, gab es eine Technologie, die das Rückgrat der globalen Telekommunikation bildete: den Richtfunk.
Richtfunk ist die Kunst, Informationen mit gebündelten Funkwellen von einem Punkt zum anderen zu senden – punktgenau, abhörsicher und ohne lästige Kabelverlegung. Seine Geschichte ist eine Geschichte der Kriege, der Krisen und des unermüdlichen Fortschritts. Sie beginnt in den Laboren der 1930er Jahre, findet ihren ersten großen Einsatz im Zweiten Weltkrieg, prägt den Nachkriegsaufbau in Deutschland und endet – vorläufig – in den gläsernen Türmen der Glasfasernetze.
Dieser Artikel erzählt die Geschichte der Richtfunk-Verbindungen im 20. Jahrhundert. Er beleuchtet die technischen Pioniere, die militärischen und zivilen Nutzungen, die erbitterten Frequenzkonflikte und den mühsamen Wiederaufbau nach dem Krieg. Und er zeigt, warum diese „vergessene“ Technologie die Grundlage für alles legte, was wir heute unter drahtloser Kommunikation verstehen.
1. Die Pioniere: Erste Schritte im Dezimeter-Bereich (1930er Jahre)
Die Anfänge des Richtfunks liegen in den 1930er Jahren – einer Zeit, in der der Rundfunk auf Mittel- und Kurzwelle dominierte und die Idee, Nachrichten mit gebündelten Mikrowellen zu übertragen, geradezu visionär wirkte.
1935 begann die Firma Telefunken in Berlin mit der Entwicklung eines neuen Übertragungsverfahrens. Das Ziel: Nachrichten sollten mit speziellen Antennen gebündelt zwischen zwei Stationen in Entfernungen von 20 bis 50 Kilometern ausgetauscht werden. Die Geräte sollten im Frequenzbereich von 600 MHz arbeiten – dem Bereich, der heute für die Fernsehübertragung genutzt wird.
Bereits 1936/37 präsentierten die Telefunken-Entwicklungsingenieure eine Reihe von Mustern unter der Bezeichnung „Olympiagerät“ – ein Name, der die Verbindung zu den Olympischen Spielen in Berlin herstellte, aber schnell das Interesse des Militärs weckte.
Die Technik war vollständig neu. Selbst die verwendeten Elektronenröhren mussten neu entwickelt werden. Der große Vorteil: Anders als der gebräuchliche Kurzwellenfunk benötigte die gerichtete Übertragung nur Sendeleistungen von etwa einem Watt – und war zudem weitgehend abhörsicher. Das Prinzip war einfach und genial: Statt die Funkwellen ungerichtet in alle Himmelsrichtungen zu abstrahlen, wurden sie mit Parabolantennen zu einem schmalen Strahl gebündelt – wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers.
2. Der Krieg als Beschleuniger: Richtfunk im Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg war der entscheidende Katalysator für die Richtfunktechnik. Das Militär erkannte sofort die Vorteile: keine verwundbaren Kabel, schnelle Verlegbarkeit, hohe Abhörsicherheit.
A) Das „Michael“-Gerät der Luftwaffe
Die Luftwaffe beauftragte Telefunken mit der Serienfertigung der Dezimeter-Geräte vom Typ DMG 5K – Deckname: „Michael“ . Diese Geräte wurden in den Jahren 1942 bis 1945 produziert und wogen stolze 150 Kilogramm.
Die Michael-Geräte arbeiteten auf Frequenzen von 502 bis 554 MHz und ermöglichten die Übertragung von einem Sprachkanal und vier Fernschreibkanälen. Die Reichweite betrug typischerweise 20 bis 50 Kilometer.
Was folgte, war ein kontinentales Nachrichtennetz von bisher ungekannten Ausmaßen. Die Luftwaffe verband damit Stützpunkte in ganz Europa – vom Nordkap bis nach Kreta, von der Atlantikküste bis weit nach Russland. Die Richtfunkstrecken waren das Rückgrat der militärischen Kommunikation und ermöglichten eine Koordination, die ohne sie undenkbar gewesen wäre.
B) Die britische Antwort: Wireless Set Number 10
Auch die Alliierten entwickelten eigene Richtfunksysteme. Die britische Armee führte das Wireless Set Number 10 ein – das erste Mehrkanal-Mikrowellen-Relais-Telefonsystem der Welt. Es übertrug acht Vollduplex-Sprechkanäle über Entfernungen von 40 bis 80 Kilometern. Die Stationen waren in mobilen Anhängern montiert und konnten durch das Ausrichten zweier Parabolantennen auf dem Dach schnell in Betrieb genommen werden.
Das System nutzte zwei Schlüsseltechnologien: das Hohlraum-Magnetron, das Mikrowellensignale mit brauchbarem Wirkungsgrad erzeugte, und die Pulscode-Modulation (PCM) , die eine einfache Codierung der Signale ermöglichte. Bis 1944 war das System einsatzbereit und kam bei den D-Day-Operationen zum Einsatz, um eine gesicherte Kommunikation von den Stränden der Normandie zurück nach England zu gewährleisten.
Feldmarschall Bernard Montgomery würdigte die Technologie später mit den Worten: „Durch die Nutzung einer Kette von No. 10 Set-Stationen war ich in der Lage, mein taktisches Hauptquartier so weit vorne zu halten, wie ich es tat, und dennoch Kontakt mit London zu haben. Der Wert, persönlichen Kontakt über meine Armeen hinweg behalten zu können, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.“
3. Der Nachkriegsaufbau: Richtfunk als Lebensader
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Telekommunikationsinfrastruktur Europas in Trümmern. Kabel waren zerstört, Leitungen unterbrochen. Die Alliierten standen vor der Herausforderung, ein ziviles Nachrichtennetz aus dem Nichts aufzubauen.
A) Deutschland: FREDA und der Beginn des Fernsehzeitalters
Die Lösung kam aus Ulm. In den Jahren 1948 bis 1951 entwickelte Telefunken in Abstimmung mit der Deutschen Bundespost die Breitband-Richtfunkanlage FREDA. FREDA war das erste kommerzielle Richtfunksystem überhaupt.
Die Entscheidung für den Richtfunk war pragmatisch: Das vorhandene Kabelnetz der Post war weder an die neuen TV-Sendestandorte angepasst noch verfügte es über die erforderliche Bandbreite von 5 MHz, um Fernsehprogramme flächendeckend zu übertragen. Der Richtfunk hingegen war schnell und wirtschaftlich zu realisieren.
1952 fand die erste Übertragung statt. Das System konnte einen Fernsehkanal vom Studio zum Fernsehsender übertragen. Insgesamt wurden etwa 100 Geräte gefertigt und ausgeliefert. FREDA läutete damit das Fernsehzeitalter in Deutschland ein.
Parallel dazu nutzte die Deutsche Bundespost einen Teil der ehemaligen Wehrmachtsgeräte vom Typ DMG 5K für den ersten Aufbau eines nachrichtentechnischen Netzes in der Bundesrepublik. Diese Geräte blieben bis zum Beginn der 1950er Jahre im Einsatz und wurden erst durch Neuentwicklungen abgelöst.
B) Der Richtfunk in der Bundesrepublik
Das Netz wuchs rasant. Die Deutsche Bundespost errichtete ein Richtfunknetz, das bis 1978 eine Ausdehnung von 57.000 Kilometern erreichte. Richtfunkanlagen übertrugen die Multiplexsignale mittels Antennen über große Entfernungen – meist von den markanten Fernmeldetürmen, die noch heute weithin sichtbar sind.
Der Richtfunk wurde zur unverzichtbaren Infrastruktur für Telefonie, Datenübertragung und Fernsehen. Er überbrückte geografische Hindernisse, verband Ballungsräume und schuf die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung der jungen Bundesrepublik.
C) Die USA: Das TD-2-System und die transkontinentale Verbindung
Auch in den USA erlebte der Richtfunk einen gewaltigen Aufschwung. Bell Labs entwickelte das TD-2-System, ein Mikrowellen-Relais-System, das von AT&T zum Aufbau eines landesweiten Netzes von Relaisstationen für Telefon und Fernsehen genutzt wurde.
Das System basierte auf dem experimentellen TDX, das bereits im November 1947 den Fernseh- und Telefonverkehr zwischen Boston und New York City übertrug. TD-2 nutzte das 3,7- bis 4,2-GHz-Band, das 1947 für den allgemeinen Übertragungsdienst reserviert worden war. Mit sechs Kanälen und Frequenzmultiplex konnte jeder Kanal bis zu 480 Telefongespräche oder ein Fernsehsignal übertragen.
Die erste TD-2-Verbindung zwischen New York und Chicago wurde am 1. September 1950 eröffnet. Wenige Wochen später folgte die Verbindung Los Angeles – San Francisco. Im Jahr 1951 waren die beiden Küsten der USA erstmals durch ein Richtfunknetz verbunden.
AT&T hatte damit eine Mikrowellen-Skyway geschaffen – ein Netz aus 107 Türmen, das Telefon- und Fernsehsignale über den gesamten nordamerikanischen Kontinent transportierte. Die Investition betrug 40 Millionen Dollar – eine Summe, die die strategische Bedeutung dieser Technologie unterstrich.
4. Der Frequenzkonflikt: Wenn die Äther-Wellen knapp werden
Mit der rasanten Verbreitung des Richtfunks wuchs auch ein Problem: Der Äther wurde voll. Die Frequenzbereiche waren begrenzt, und die verschiedenen Nutzer – Militär, zivile Telekommunikation, Rundfunk – konkurrierten um dieselben Bänder.
Die Lösung war die Frequenzverwaltung. In Deutschland ist die Bundesnetzagentur (früher die Deutsche Bundespost) für die Vergabe von Frequenznutzungsrechten zuständig. Betreiber von Richtfunkanwendungen benötigen eine Nutzungsgenehmigung mit entsprechender Frequenzzuteilung.
Besonders heikel war die militärische Nutzung. Da die Bundeswehr oft auf Frequenzen angewiesen war, die auch für zivile Zwecke genutzt wurden, gab es immer wieder Konflikte. Die militärische Nutzung stand dabei rechtlich oft über der zivilen Nutzung.
Ein besonders komplexes Kapitel war die Funkaufklärung. Schon seit Beginn der 1970er Jahre bildete der Richtfunkverkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik für die Funkaufklärung eine hochwertige Abhörquelle. Die Möglichkeit, diese Verbindungen abzuhören oder zu stören, war ein ständiges Risiko im Kalten Krieg.
5. Die Berliner Richtfunkbrücke – Technik als Lebensader im Kalten Krieg
Eine der eindrucksvollsten Geschichten des Richtfunks spielt in der geteilten Stadt Berlin. Die Berlin-Blockade vom 24. Juni 1948 schnitt West-Berlin von allen Land- und Wasserwegen ab.
Die Telefonverbindungen nach Westdeutschland waren gefährdet – die Kabel führten durch das Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone und konnten jederzeit unterbrochen werden. Die Lösung: Richtfunk.
Der Aufbau von betrieblich stabilen Richtfunkstrecken war eine technische Meisterleistung. Die zu überbrückenden Distanzen von 135 bis 190 Kilometern lagen an der Grenze des physikalisch Machbaren. Die vorhandenen Wehrmachtsgeräte vom Typ DMG 5K konnten diese Entfernungen nicht überbrücken.
Dennoch gelang es, Verbindungen aufzubauen – über das Gebiet der DDR hinweg. Die Richtfunkverbindungen sicherten die Telefonverbindungen zwischen West-Berlin und Westdeutschland und waren ein symbolträchtiges Zeichen der Verbundenheit der Inselstadt mit dem Westen.
6. Das Erbe – Der Niedergang und die Wiederentdeckung
Der Richtfunk hatte seine Blütezeit in den 1950er bis 1980er Jahren. In den späten 1980er und besonders 1990er Jahren wurden die Mikrowellennetze jedoch zunehmend durch Glasfaserkabel ersetzt. Die Glasfaser bot eine höhere Bandbreite, war weniger störanfällig und konnte die wachsende Datenflut des Internetzeitalters besser bewältigen.
Viele der einstigen Richtfunktürme sind heute verlassen. Einige werden noch für andere Zwecke genutzt, aber die Mehrheit der Standorte ist aufgegeben.
Dennoch: Der Richtfunk lebt weiter – in veränderter Form. In der Satellitenkommunikation, im Mobilfunk (insbesondere bei der Anbindung von Basisstationen) und in der Breitbandversorgung ländlicher Gebiete spielt Richtfunktechnik bis heute eine Rolle. Die Prinzipien der gebündelten Übertragung, der Frequenzmultiplex-Verfahren und der Relais-Strecken sind die technologischen Vorfahren von Wi-Fi, 5G und Satelliten-Internet.
7. Ein Vergleich der frühen Richtfunksysteme
| System | Land | Jahr | Frequenz | Kanäle | Reichweite | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|---|---|
| DMG 5K „Michael“ | Deutschland | 1942–1945 | 500–555 MHz | 1 Sprachkanal + 4 Fernschreibkanäle | 20–50 km | Erste Serienfertigung für die Luftwaffe |
| Wireless Set No. 10 | Großbritannien | 1944 | Mikrowelle | 8 Vollduplex-Sprachkanäle | 40–80 km | Weltweit erstes Mehrkanal-Mikrowellen-Relais |
| FREDA | Deutschland | 1951 | (unbekannt) | 1 Fernsehkanal | (unbekannt) | Erstes kommerzielles Richtfunksystem |
| TD-2 (AT&T) | USA | 1950 | 3,7–4,2 GHz | 6 Kanäle mit je 480 Telefonaten | Transkontinental | Rückgrat der US-Telekommunikation bis in die 1980er |
Fazit & Ausblick
Die Geschichte des Richtfunks ist eine Geschichte der Überwindung von Grenzen – geografischer, technologischer und politischer Grenzen. Was als militärisches Geheimprojekt begann, wurde zur Lebensader des Nachkriegsdeutschlands, zum Rückgrat der amerikanischen Telekommunikation und zum Symbol der Verbundenheit im Kalten Krieg.
Der Richtfunk war die „Wireless before Wi‑Fi“ – eine Technologie, die ohne Kabel auskam, aber dennoch verlässlich, schnell und weitreichend war. Er ebnete den Weg für die drahtlose Kommunikation, die wir heute als selbstverständlich betrachten.
Dass der Richtfunk heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, liegt nicht an technischen Defiziten, sondern an der Überlegenheit der Glasfaser in puncto Bandbreite. Doch sein Erbe lebt weiter – in den Prinzipien der drahtlosen Übertragung, in den Frequenzmanagement-Verfahren und in den Relais-Strecken, die heute unsere Mobilfunknetze verbinden.
Vielleicht, eines Tages, wenn die Glasfasernetze an ihre Grenzen stoßen, wird der Richtfunk eine Renaissance erleben – als Ergänzung, nicht als Ersatz. Die Technologie ist da, sie ist erprobt, und sie wartet nur darauf, wiederentdeckt zu werden.
Quellen
- Museumsstiftung Post und Telekommunikation: Richtfunksendeempfänger „DMG 5K U“, „Michael“ (Inventar-Nr. 4.2021.195)
- Museumsstiftung Post und Telekommunikation: Dezimetergerät DMG 5K U, Richtfunksendeempfänger „Michael“ (Inventar-Nr. 4.2021.192)
- museum-digital: Telefunken Breitband-Richtfunkanlage FREDA (Objekt-ID 79813)
- Wikipedia: Richtfunkverbindungen nach West-Berlin
- Wikipedia: Wireless Set Number 10 (englische Ausgabe)
- Wikipedia: TD-2 (englische Ausgabe)
- Wikipedia: Richtfunk (deutsche Ausgabe)
- Bundesarchiv: Funkaufklärung
- Wollenhaupt, Heinz: „Der Richtfunk in Deutschland von 1936 bis 1956“, Backnanger Jahrbuch 25 (2017)
- Wired: „The Abandoned Microwave Towers That Once Linked the US“ (2015)
Post Comment