Die vergessene Armee – Wie Ausländer Hitlers Kriegsmaschine am Laufen hielten
Autor: DerSchneider
Einleitung
Wenn wir heute an die deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg denken, dominiert das Bild des „arischen“ Soldaten – blond, großgewachsen, fanatisch. Dieses Bild war schon zu Kriegszeiten reine Propaganda. Die historische Realität sieht anders aus: Die deutschen Streitkräfte waren während des Krieges eine der multiethnischsten Armeen der Geschichte. Über zwei Millionen ausländische Soldaten dienten in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS. Auf dem Höhepunkt des Krieges war an der Ostfront jeder dritte Uniformträger auf deutscher Seite ein Ausländer.
Dieser Artikel beleuchtet die erschreckende Dimension dieser „vergessenen Armee“ – ihre Zusammensetzung, ihre Motive und die ideologischen Widersprüche, die sie in sich trug.
Die nackten Zahlen: Eine Armee der Vielen
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Größenordnungen zusammen:
Hinzu kamen zu Beginn des Unternehmens „Barbarossa“ im Jahr 1941 etwa 600.000 Mann verbündete Truppen aus Ländern wie Finnland, Ungarn, Rumänien und Italien.
Diese Zahlen zeigen: Ohne die ausländischen Soldaten wäre die deutsche Kriegsmaschinerie, insbesondere an der Ostfront, nicht zu stemmen gewesen. Sie waren nicht nur eine Randerscheinung, sondern ein entscheidender Faktor für die militärische Leistungsfähigkeit.
Die Waffen-SS: Vom „arischen“ Orden zur Vielvölkerarmee
Die Waffen-SS, ursprünglich als rassische Elite konzipiert, vollzog im Kriegsverlauf einen bemerkenswerten Wandel. Sie entwickelte sich von einer „germanischen“ zu einer „paneuropäischen“, anti-bolschewistischen Armee.
Die „germanischen“ Freiwilligen
Zunächst rekrutierte die SS vor allem als „artverwandt“ geltende Völker aus Nord- und Westeuropa. Ende 1941 kämpften etwa 43.000 ausländische Freiwillige in Wehrmacht und Waffen-SS, darunter 12.000 „nichtdeutsche Germanen“ wie Niederländer und Skandinavier. Sie waren oft ideologisch überzeugte Nationalsozialisten oder Antikommunisten.
Die „Muselgermanen“ und andere
Der größte Bruch mit der eigenen Ideologie war die Rekrutierung von Muslimen. Die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ wurde aus bosnischen Muslimen gebildet und erreichte eine Stärke von bis zu 26.000 Soldaten. Ihr folgten die albanische Division „Skanderbeg“ und andere.
Die Zwangsrekrutierten
Ein großer Teil der ausländischen SS-Angehörigen wurde jedoch zwangsrekrutiert. Für viele sowjetische Kriegsgefangene, die in den sogenannten „Trawniki“-Einheiten dienten, war der Eintritt in die SS die einzige Chance, dem Hungertod in den Gefangenenlagern zu entkommen. Sie wurden dann oft als Wachmannschaften in den Vernichtungslagern eingesetzt – ein erschütterndes Beispiel für die Verstrickung von Überlebenswillen und Mittäterschaft.
Die Wehrmacht: Die „Ostlegionen“ und andere Hilfstruppen
Auch die reguläre Wehrmacht rekrutierte in großem Stil. Die sogenannten „Ostlegionen“ bestanden aus Angehörigen der Völker der Sowjetunion – Kaukasier, Turkvölker, Kosaken. Ihre Stärke wird auf etwa eine Million Mann geschätzt. Sie waren den deutschen Soldaten in jeder Hinsicht gleichgestellt.
Ein besonders kurioses Kapitel ist die „Indische Legion“, die aus indischen Nationalisten und Kriegsgefangenen gebildet wurde und der Wehrmacht unterstellt war.
Die Motive: Zwischen Ideologie, Überleben und Kollaboration
Die Motive der ausländischen Soldaten waren so vielfältig wie ihre Herkunft:
- Ideologische Überzeugung: Viele Westeuropäer, insbesondere aus den „germanischen“ Ländern, waren überzeugte Nationalsozialisten oder Antikommunisten, die den „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ unterstützen wollten.
- Überlebenswille: Für Millionen von Soldaten aus der Sowjetunion war der Dienst auf deutscher Seite oft die einzige Alternative zum Verhungern oder Erfrieren in den Gefangenenlagern.
- Finanzielle Not: Die Versorgung der eigenen Familie war für viele ein zentrales Motiv.
- Nationalismus und Antikommunismus: In einigen Regionen, wie dem Baltikum oder dem Balkan, sahen manche in den Deutschen einen Verbündeten im Kampf gegen die Sowjetunion oder gegen verfeindete ethnische Gruppen.
Fazit: Die Wunde der Kollaboration
Die multiethnische Belegung der deutschen Streitkräfte ist ein oft vergessenes, aber zentrales Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Sie zeigt die pragmatische und rücksichtslose Natur des NS-Regimes, das seine rassistische Ideologie jederzeit militärischen und machtpolitischen Erwägungen opferte.
Die Frage nach der „Freiwilligkeit“ und der moralischen Verantwortung dieser Soldaten ist bis heute Gegenstand historischer Debatten und nationaler Traumata in vielen Ländern Europas. Die Erinnerung an diese „vergessene Armee“ mahnt uns, die Komplexität von Krieg, Kollaboration und Überlebenswillen nicht auf einfache Feindbilder zu reduzieren.
Quellen
- Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ 1941–1945.
- Christopher Ailsby: Hitler’s renegades: foreign nationals in the service of the Third Reich.
- Franziska A. Zaugg: Albanische Muslime in der Waffen SS. Von „Großalbanien“ zur Division „Skanderbeg“.
- Gerda Henkel Stiftung: Forschungsprojekt Non-Germans in the Waffen-SS: A Cultural History.
- Wikipedia-Einträge: Ausländische Freiwillige der Waffen-SS, Ostlegionen
- Deutschlandfunk: Die ausländischen Helfer der Wehrmacht (Sendung vom 10.12.2010)
- Focus Online: Hunderttausende Ausländer kämpften in der Waffen-SS
- Bachelorarbeit, LMU München: Kontextinformationen in Bachelorarbeit (enthält Zahlen zu ausländischen Soldaten)
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