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Der Mann, der auf Deutsch fluchte, durch und durch preußisch war und den Staat der USA in die Unabhängigkeit steuerte

Autor: DerSchneider


Einleitung: Ein Preuße wird zum amerikanischen Mythos

Es ist ein kalter Februartag des Jahres 1778. Im Winterlager von Valley Forge, Pennsylvania, frieren und hungern die Soldaten der Kontinentalarmee. Die Männer sind schlecht ausgerüstet, demoralisiert – und ungehorsam. Viele von ihnen sind Bauern, die zur Erntezeit einfach nach Hause fahren. George Washington, der Oberbefehlshaber, beschreibt den Zustand seiner Truppe als »loose, disorderly, and unsoldierlike«.

Dann tritt ein Mann in die Szene, der kein Wort Englisch spricht, dafür aber umso lauter auf Deutsch, Französisch und in einem eigenwilligen Kauderwelsch flucht. Sein Lieblingsausruf: »God-dam!«. Es ist Friedrich Wilhelm von Steuben – ein arbeitsloser preußischer Ex-Offizier, der in der Alten Welt gescheitert ist und in der Neuen Welt zur entscheidenden Figur des Unabhängigkeitskampfes werden sollte.

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der durch und durch preußisch war, auf Deutsch fluchte, mit seinem Windhund Azor durch die Winterlager zog und den Staat der USA in die Unabhängigkeit steuerte – eine Geschichte von Aufstieg, Fall und zweiter Karriere, die bis heute in Denkmälern, Paraden und erbitterten Debatten nachwirkt.


Kindheit und Jugend: Geboren in der Festung (1730–1747)

Friedrich Wilhelm Ludolf Gerhard Augustin von Steuben erblickte am 17. September 1730 in der Festung Magdeburg das Licht der Welt. Sein voller Name war Programm: Er war eine Hommage an seine vier Paten, darunter kein Geringerer als Friedrich Wilhelm I., König von Preußen – ein Zeichen für das hohe Ansehen der Steuben-Familie im Hohenzollern-Reich.

Sein Vater, Wilhelm Augustin von Steuben, war Ingenieurhauptmann (Pionierhauptmann) in der preußischen Armee. Schon als Kind begleitete Friedrich Wilhelm seinen Vater auf militärischen Kampagnen nach Russland, wo er sich auf der Krim und in Kronstadt aufhielt – gerade zu jener Zeit, als Russland den Türkenkrieg führte. Nach der Rückkehr der Familie 1740 erhielt er Schulunterricht in den Garnisonsstädten Neiße und Breslau, wo er sich besonders für Geschichte und Mathematik interessierte.

Mit vierzehn Jahren begleitete er 1744 seinen Vater als Freiwilliger in den Zweiten Schlesischen Krieg und nahm an der Belagerung von Prag teil. Die großen Erfolge Friedrichs des Großen begeisterten den jungen Steuben so sehr, dass er 1747 – im Alter von gerade einmal 16 Jahren – in das Regiment von Lestwitz eintrat. Der Militärdienst war ihm in die Wiege gelegt.


Der Siebenjährige Krieg: Aufstieg und Bewährung (1756–1763)

1753 wurde Steuben zum Leutnant befördert. Als 1756 der Siebenjährige Krieg ausbrach, begann für den jungen Offizier die entscheidende Bewährungsprobe. Der Krieg, in dem alle europäischen Großmächte um ein Mächtegleichgewicht und territoriale Gewinne in Europa kämpften, sollte Steubens Karriere beflügeln – und später abrupt beenden.

Steuben wurde dem Freibataillon des Oberstleutnants Johann von Mayr zugeteilt – einer Truppe, die überall dort kämpfte, wo es gerade am meisten brannte. Anders als die regulären Linieninfanterieeinheiten operierte diese Truppe flexibler – ein Modell, an das sich Steuben Jahre später in Amerika erinnern sollte.

Wegen seiner Verdienste wurde er bald zum Flügeladjutanten und Stabskapitän unter Friedrich II. befördert. Mit 33 Jahren war er Hauptmann im Generalstab Friedrichs des Großen – ein beachtlicher Aufstieg für einen Offizier bürgerlicher Herkunft. Er gehörte sogar zu jenen 13 Offizieren, die der König persönlich in einer Sonderklasse der Kriegsschule unterrichtete, um sie auf größere strategische Aufgaben vorzubereiten.

Doch der Krieg war auch eine harte Schule. Steuben wurde in der Schlacht bei Prag verwundet und geriet 1761 bei der Kapitulation von Kolberg in russische Gefangenschaft. In russischer Gefangenschaft stand er offenbar in großer Gunst bei Peter III. – so sehr, dass dieser ihn für den russischen Dienst gewinnen wollte.


Die Entlassung: Karriereende und zwölf verlorene Jahre (1763–1777)

1763, mit dem Ende des Siebenjährigen Krieges, endete Steubens Karriere in der preußischen Armee abrupt und rätselhaft. Mit knapp 34 Jahren wurde er aus der königlichen preußischen Armee entlassen.

Die genauen Gründe sind bis heute Gegenstand von Spekulationen. Historiker gehen heute mehrheitlich davon aus, dass Homosexualität der wahre Grund war. In der preußischen Armee des 18. Jahrhunderts war dies ein unverzeihlicher Makel. Andere Quellen sprechen von einer Intrige eines Rivalen. Steuben selbst schwieg zeitlebens über die Umstände seiner Entlassung. Was feststeht: Der Abschied war keine Ehre, sondern ein Bruch.

Es folgten über zwölf Jahre, die Steuben selbst als »verschleudert« bezeichnen sollte. 1764 übernahm er das Amt des Hofmarschalls beim Fürsten Josef Friedrich Wilhelm von Hohenzollern-Hechingen. In dieser Zeit wurde er zum Freiherren erhoben – was später in Amerika zum »Baron« wurde. Doch auch diesen Posten verlor er schließlich – erneut wegen Vorwürfen der Homosexualität. 1775 trat er in badische Dienste, doch auch hier fand er keine dauerhafte Erfüllung.

Im kriegsmüden Europa gab es wenig Hoffnung auf eine Neuanstellung. Steuben war ein gescheiterter Mann – ohne Einkommen, ohne Aussicht, ohne Zukunft.


Der Weg nach Amerika: Eine zweite Chance (1777)

1777 – das Jahr, das alles veränderte. Steuben wandte sich an den amerikanischen Gesandten in Paris, Benjamin Franklin. Franklin und sein Kollege Silas Deane verfassten einen Empfehlungsbrief an George Washington, in dem sie Steuben als »Lieut. Genl. in the King of Prussia’s Service« vorstellten – eine deutliche Übertreibung seines tatsächlichen Ranges. Aber Franklin wusste: Die amerikanische Sache brauchte einen Mann mit Steubens Fähigkeiten – und Steuben brauchte eine Chance.

Im Dezember 1777 kam Steuben in Amerika an. Er reiste mit einem kleinen Gefolge, darunter sein Adjutant Louis de Pontière, sein militärischer Sekretär Peter Stephen Du Ponceau und sein treuer Begleiter: der Windhund Azor.


Valley Forge: Die Geburtsstunde der amerikanischen Armee (1778)

Am 23. Februar 1778 erreichte Steuben das Winterlager von Valley Forge. Was er vorfand, war eine Armee in Auflösung: unzureichend ausgebildet, schlecht ausgerüstet, demoralisiert. Die Männer sahen sich nicht als Soldaten, sondern als Freiwillige, die kamen und gingen, wie es ihnen persönlich passte.

Washington ernannte Steuben zum Generalinspekteur der Kontinentalarmee. Was dann folgte, war eine Revolution des Militärwesens.

Steuben führte strenge preußische Disziplin und Drill ein. Er handelte nach dem Multiplikatorprinzip: Er bildete eine 100 bis 200 Mann starke Ehrengarde – die »Model Company« – die ihr Wissen anschließend an ihre Kameraden weitergab. Innerhalb von vier Monaten war die gesamte Armee nach preußischem Vorbild ausgebildet.

Zu seinen Reformen gehörten unter anderem:

BereichSteubens Reform
LagerordnungFeste Straßen für Kommandeure, Offiziere und Mannschaften
HygieneKüchen und Latrinen auf gegenüberliegenden Seiten des Lagers, Latrinen hangabwärts; Ende der Verwilderung
VerwaltungExakte Register über Vorräte, Kleidung und Mannschaftsstärken
InspektionenRegelmäßige Kontrollen verhinderten den Verlust von Tausenden Musketen
AusbildungEinführung eines standardisierten Drills mit Bajonett- und Schießtraining

Steuben selbst unterrichtete die Truppen – auf Deutsch, Französisch und in einem wilden Kauderwelsch, begleitet von derber Flücherei. Die Soldaten liebten ihn dafür. Er war einer von ihnen – nur disziplinierter.


Das »Blaue Buch«: Die Geburtsurkunde der US-Armee (1779)

Neben der Ausbildung schrieb Steuben das militärische Standardwerk der jungen Nation: die »Regulations for the Order and Discipline of the Troops of the United States«. Das sogenannte »Blue Book« – benannt nach seinem blauen Umschlag – wurde 1779 vom Kontinentalkongress offiziell als militärische Richtschnur verabschiedet.

Das 164-seitige Werk enthielt:

  • Standardisierte Drillbefehle für die Infanterie
  • Dienstvorschriften für Administration und Kriegsgerichte
  • Hygiene- und Sanitätsvorschriften
  • Pflichten und Verantwortlichkeiten jedes Offizierrangs

Steuben schrieb das Manual auf Französisch, sein Stab übersetzte es ins Englische. Alexander Hamilton und Nathanael Greene halfen bei der Redaktion. Sogar George Washington selbst verbrachte zwei Wochen damit, das Manuskript zu überarbeiten, bevor es in Druck ging.

Das »Blue Book« blieb bis 1812 die offizielle militärische Richtschnur der USA. Eine überarbeitete Version davon wird noch heute von der US-Armee genutzt.


Die Schlacht von Monmouth: Der erste Sieg (1778)

Der erste große Erfolg der von Steuben ausgebildeten Truppen zeigte sich in der Schlacht von Monmouth am 28. Juni 1778. Die Kontinentalarmee stand nun den Briten ebenbürtig gegenüber – diszipliniert, gut geführt und siegessicher.

Historiker sehen Monmouth als Wendepunkt des Unabhängigkeitskrieges. Die Amerikaner hatten gelernt, wie man eine professionelle Armee führt – und Steuben hatte es ihnen beigebracht.

Im Mai 1778 wurde Steuben auf Washingtons Empfehlung zum Generalmajor befördert. 1781 nahm er als Divisionskommandeur an der Belagerung von Yorktown teil – der entscheidenden Schlacht, in der die Briten ihre endgültige Niederlage erlitten.


Die preußischen Tugenden: Was Steuben der amerikanischen Armee gab

Steuben brachte nicht nur militärisches Wissen nach Amerika – er brachte eine Haltung. Die preußischen Tugenden, die er einführte, waren:

  1. Disziplin – nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für militärischen Erfolg
  2. Ordnung – im Lager, in der Verwaltung, in der Ausbildung
  3. Hygiene – als Überlebensfrage (mehr Soldaten starben an Krankheiten als im Kampf)
  4. Professionalisierung des Unteroffizierskorps – Steuben erklärte den Sergeant zum »wichtigsten Soldaten der Armee«
  5. Standardisierung – einheitliche Ausbildung und einheitliche Befehle für alle Truppen

Diese Prinzipien bilden bis heute das Fundament der US-amerikanischen Militärdoktrin.


Nach dem Krieg: Ein Leben in der Neuen Welt (1783–1794)

Nach dem Krieg ließ sich Steuben in New York City nieder. Der Staat New York schenkte ihm 16.000 Acres Land – eine großzügige Geste der Dankbarkeit. 1790 erhielt er eine lebenslange Pension von 2.500 Dollar.

Doch Steuben lebte so extravagant, dass er zeitlebens in Schulden blieb. Er war kein Geschäftsmann – er war Soldat. Sein Leben in der Neuen Welt war geprägt von finanziellen Sorgen, aber auch von Anerkennung und Respekt.

Steuben starb am 28. November 1794 auf seiner Farm bei Remsen, New York.


Azor: Der treue Begleiter

Steubens Windhund Azor – ein Italienischer Windhund – begleitete ihn auf all seinen Reisen: von der Überfahrt nach Amerika über das Winterlager von Valley Forge bis zu den Schlachtfeldern des Unabhängigkeitskrieges. In der Geschichte wird Azor oft als Symbol für Steubens menschliche Seite erwähnt – der strenge preußische Drillmeister, der seinen kleinen Hund überallhin mitnahm.

Azor war Zeuge, wie aus einem gescheiterten preußischen Offizier der »Vater der amerikanischen Armee« wurde.


Steuben heute: Denkmäler, Paraden und ein Deutungskampf

Steuben ist in den USA bis heute allgegenwärtig.

Denkmäler

  • Washington, D.C. (Lafayette Square) : Eine über 10 Fuß hohe Bronzestatue, errichtet 1910. Die Festlichkeiten zur Enthüllung waren die letzte große Feier der deutsch-amerikanischen Freundschaft vor dem Ersten Weltkrieg.
  • Valley Forge, Pennsylvania: Eine weitere Statue im National Historical Park.
  • Steuben Memorial State Historic Site (New York) : Ein ganzer Staatspark zu seinen Ehren, mit Gedenkstätte an seinem Grab seit 1870.
  • Magdeburg: Ein Denkmal, eingeweiht 1996.
  • Berlin: Ein Denkmal, errichtet 1987.

Die Steuben-Parade

Seit 1957 findet alljährlich am dritten Samstag im September die German-American Steuben Parade auf der Fifth Avenue in New York statt. Sie ist die größte Feier des deutschen Erbes in den USA und zieht Zehntausende Teilnehmer an.

Der Deutungskampf

In den letzten Jahren ist Steuben ins Zentrum der amerikanischen Kulturkämpfe gerückt. Die LGBTQ+-Community feiert ihn als queeren Militärhelden – viele Historiker gehen heute davon aus, dass Steuben homosexuell war. Konservative Kreise fordern teilweise die Entfernung seiner Denkmäler.

Die Frage, was Steuben nachts in seinem Schlafzimmer trieb, ist heute zum Gegenstand erbitterter Debatten geworden. Dabei übersehen beide Seiten oft das Entscheidende: Ohne Steuben gäbe es die Vereinigten Staaten in ihrer heutigen Form nicht.


Fazit: Der Preuße, der Amerika rettete

Friedrich Wilhelm von Steuben war ein Mann der Widersprüche: ein gescheiterter Ex-Offizier, der eine Armee rettete; ein Mann, der kaum Englisch sprach, aber das militärische Regelwerk einer Nation schrieb; ein Mann, der in der Alten Welt wegen seiner Sexualität verfolgt wurde und in der Neuen Welt zum Helden wurde.

Er war der Mann, der auf Deutsch fluchte, durch und durch preußisch war und den Staat der USA in die Unabhängigkeit steuerte. Seine Reformen – Disziplin, Hygiene, Standardisierung, Professionalisierung – sind bis heute das Fundament der US-amerikanischen Streitkräfte.

Steuben starb als hochgeehrtester Deutscher in Amerika. Sein Vermächtnis lebt fort – in Denkmälern, in Paraden, im »Blue Book« und im Herzen einer Nation, die ohne ihn vielleicht nie entstanden wäre.

»Er war nach George Washington der wichtigste Militär« – und vielleicht der bedeutendste Deutsche, den die USA je gesehen haben.


Quellen

  • Wikipedia: Friedrich Wilhelm von Steuben
  • Spektrum: Friedrich von Steuben – Wie ein Preuße Amerika in die Unabhängigkeit rettete
  • Spiegel Geschichte: Kulturkampf um Friedrich Wilhelm von Steuben
  • WDR Zeitzeichen: Wie ein Preuße die US-Armee schuf
  • Library of Congress: The U.S.’s First Military Manual
  • Army University Press: Friedrich Von Steuben
  • American Revolution Institute: Regulations for the Order and Discipline
  • Goethe-Institut: Steuben Denkmal, LaFayette Square
  • Wikipedia: German-American Steuben Parade
  • Deutsche Nationalbibliothek: Biographie Friedrich Wilhelm von Steuben

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