Kevin Poulsen: Der Hacker, der einen Porsche gewann und dafür ein Jahrzehnt verlor
Von DerSchneider
Einleitung: Ein Anruf, ein Porsche, ein Leben
1990, Los Angeles. Ein Radiosender veranstaltet ein Gewinnspiel: Der 102. Anrufer gewinnt einen Porsche 944 S2. Tausende versuchen ihr Glück. Doch der Gewinner ist kein glücklicher Zufall – es ist ein Hacker, der die Telefonanlage des Senders manipuliert hat, um sicherzustellen, dass genau sein Anruf der 102. ist. Sein Name: Kevin Poulsen. Sein Pseudonym: „Dark Dante“.
Zwei Jahre später wird Poulsen verhaftet. 1994 wird er zu 51 Monaten Haft verurteilt – damals die längste Haftstrafe, die in den USA jemals für Computerkriminalität verhängt wurde. Doch anders als Kevin Mitnick, dessen Geschichte von Verfolgung und Isolation geprägt ist, endet Poulsens Geschichte nicht im Gefängnis. Sie endet in einem Büro bei Wired News, wo er als Senior Editor arbeitet und über genau jene Themen berichtet, die ihn einst ins Gefängnis brachten.
Die Geschichte von Kevin Poulsen ist die eines Hackers, der nicht aus Not oder ideologischem Eifer handelte, sondern aus einer Mischung aus Langeweile, Geltungsdrang und einer fast spielerischen Lust an der Provokation. Und sie ist die Geschichte einer erfolgreichen Rehabilitation – vielleicht der erfolgreichsten in der Geschichte der Hacker-Kultur.
Kindheit und frühe Jahre: Ein Junge aus dem Valley
Kevin Lee Poulsen wird 1965 in Pasadena, Kalifornien, geboren. Über seine Kindheit ist wenig bekannt. Was bekannt ist: Er wächst in einer Zeit auf, in der Computer noch exotische Maschinen sind, in der das ARPANET ein Militär- und Forschungsnetzwerk ist und in der Telefonleitungen noch mechanische Geräusche machen.
Poulsen ist kein Kind aus prekären Verhältnissen wie Karl Koch. Er ist kein Einzelkind mit abwesenden Eltern wie Kevin Mitnick. Er ist ein typischer kalifornischer Teenager der späten 1970er Jahre – mit einem entscheidenden Unterschied: Er entdeckt früh, dass Technik nicht nur funktioniert, sondern manipulierbar ist.
Seine erste Berührung mit der Hacker-Szene hat Poulsen Mitte der 1980er Jahre. Er taucht in die Welt der Phone Freaker und frühen Computer-Hacker ein, die sich in Kalifornien rund um die Universität von Berkeley und das Silicon Valley gebildet hat. Er nennt sich „Dark Dante“ – eine Anspielung auf Dante Alighieris Göttliche Komödie, aber auch auf die dunkle, geheimnisvolle Aura, die er sich zulegen will.
Anders als Mitnick, dessen Sozialengineering-Fähigkeiten nahezu legendär sind, ist Poulsen ein technischer Hacker. Seine Stärke liegt nicht darin, Menschen zu manipulieren, sondern Systeme zu verstehen. Er spezialisiert sich auf Telefon- und Funktechnik – Bereiche, in denen die Sicherheitsvorkehrungen in den 1980er Jahren noch rudimentär sind.
Die Jahre des Ruhms: Von „Dark Dante“ zum Radio-Star
Poulsens Karriere als Hacker verläuft in zwei Phasen. Die erste Phase ist geprägt von technischer Erkundung. Er dringt in Telefonnetze ein, erforscht die Funktionsweise von Vermittlungsstellen, lernt die Sprache der Maschinen. In dieser Phase geht es ihm – wie er später beteuert – um das Verstehen, nicht um den Diebstahl.
Die zweite Phase beginnt 1990 und ist geprägt von Provokation und Geltungsdrang. Poulsen hat die technischen Fähigkeiten, um in Systeme einzudringen. Jetzt will er der Welt zeigen, dass er es kann. Und er will dabei nicht unsichtbar bleiben. Er will bewundert werden.
Der Porsche-Gewinnspiel-Coup ist der Höhepunkt dieser Phase. Er ist ebenso dreist wie öffentlichkeitswirksam. Poulsen und ein Komplize manipulieren die Telefonanlage des Radiosenders KIIS-FM. Sie stellen sicher, dass Poulsens Anruf als der 102. registriert wird. Der Preis: ein Porsche 944 S2, ein Sportwagen, der damals rund 40.000 Dollar kostet.
Es bleibt nicht bei einem Auto. Über einen Zeitraum von zwei Jahren gewinnen Poulsen und seine Mitstreiter auf ähnliche Weise zwei Porsches, über 22.000 Dollar in bar und zwei Hawaii-Reisen. Die Medien beginnen, über den mysteriösen „Dark Dante“ zu berichten. Poulsen genießt die Aufmerksamkeit. Er ist kein anonymer Hacker mehr. Er ist eine Legende in der Szene.
Die zweite Phase: Vom Gewinnspiel zum Spionagevorwurf
Doch Poulsen will mehr. Er langweilt sich mit Radiosendern und Gewinnspielen. Er will größere Systeme. Er will an Informationen, die wirklich geheim sind.
1990 beginnt er, in die Computersysteme von Pacific Bell einzudringen – dem Telefonunternehmen, das damals weite Teile Kaliforniens versorgt. Sein Ziel: Er will an die Abhörprotokolle des FBI gelangen. Er will wissen, was die Behörden über ihn und andere Hacker wissen. Er will die Überwacher überwachen.
Poulsen gelingt es tatsächlich, in die Systeme einzudringen. Er erhält Zugang zu Informationen über laufende Ermittlungen, über Abhörmaßnahmen, über die Namen von Informanten. Nach Ansicht der Behörden hat er damit nicht nur Telefonbetrug begangen, sondern Spionage – ein Vorwurf, der damals erstmals gegen einen Hacker erhoben wurde.
Was Poulsen genau mit den Informationen gemacht hat, ist unklar. Es gibt keine Beweise, dass er sie an ausländische Mächte verkauft hat. Aber allein der Zugriff auf FBI-Abhördaten war für die Behörden ein Grund, ihn mit aller Härte zu verfolgen.
Die Verhaftung und der Prozess: Ein Exempel wird statuiert
1991 wird Poulsen verhaftet. Die Anklage umfasst mehrere Punkte: Computerbetrug, Postbetrug, Geldwäsche und Behinderung der Justiz. Der schwerwiegendste Vorwurf: Er soll geheime Informationen aus Militärsystemen extrahiert haben – ein Tatbestand, der damals mit Spionage gleichgesetzt werden konnte.
Der Prozess zieht sich über Jahre. Poulsen wird 1994 zu 51 Monaten Haft verurteilt. Es ist die längste Haftstrafe, die in den USA bis dahin für Computerkriminalität verhängt wurde. Der Richter begründet das Urteil mit der besonderen Gefährlichkeit von Poulsens Taten: Er habe nicht nur Systeme manipuliert, sondern die nationale Sicherheit gefährdet.
Für die Hacker-Community ist das Urteil ein Schock. Poulsen wird zum Märtyrer – ähnlich wie Mitnick, aber ohne die enorme mediale Aufmerksamkeit, die Mitnicks Fall begleitet. Während Mitnick von der New York Times zum „meistgesuchten Hacker“ stilisiert wird, bleibt Poulsen eine Figur der Szene, bekannt vor allem denen, die sich mit Telefon- und Funktechnik beschäftigen.
Der Wandel: Vom Hacker zum Journalisten
Nach seiner Entlassung im Jahr 1996 steht Poulsen vor derselben Frage, die sich auch Mitnick stellen muss: Was macht man mit einem Leben, das von Hacken geprägt war, wenn Hacken nicht mehr möglich ist?
Poulsen wählt einen anderen Weg als Mitnick. Während Mitnick sich als Sicherheitsberater vermarktet und Unternehmen dabei hilft, ihre Systeme zu schützen, geht Poulsen in den Journalismus.
Er beginnt, für die Sicherheits-Website SecurityFocus zu schreiben. Seine Artikel zeichnen sich durch technische Tiefe und ein Gespür für die Perspektive der Hacker aus – kein Wunder, ist er doch selbst einer. 2005 wechselt er zu Wired News, wo er als Senior Editor das einflussreiche Blog „Threat Level“ betreut.
Poulsens journalistische Karriere ist bemerkenswert. Er schreibt über Sicherheitslücken, über Datenschutz, über Überwachung. Er deckt Skandale auf. Er wird zu einer respektierten Stimme in der Tech-Berichterstattung. Die Ironie: Der Mann, der einst das FBI abhörte, berichtet nun über die Fehler und Versäumnisse der Sicherheitsbehörden.
Sein bekanntester journalistischer Coup: 2010 deckt er auf, dass WikiLeaks-Informant Chelsea Manning (damals Bradley Manning) über einen Chat mit dem Hacker Adrian Lamo verraten wurde. Poulsen veröffentlicht die Chatprotokolle, die zeigen, wie Lamo Manning an die Behörden auslieferte. Es ist eine Geschichte über Verrat, über die Zerbrechlichkeit von Vertrauen und über die Konsequenzen, die aus einem einzigen Chat entstehen können.
Poulsen und Mitnick: Zwei Wege aus der Illegalität
Die Parallelen zwischen Kevin Poulsen und Kevin Mitnick sind offensichtlich. Beide wurden in Kalifornien geboren, beide in den 1960er Jahren, beide wurden in den 1980er Jahren als Hacker aktiv, beide gerieten in Konflikt mit dem Gesetz, beide verbrachten Jahre im Gefängnis, beide fanden nach ihrer Entlassung einen Weg zurück in die Gesellschaft.
Doch die Unterschiede sind ebenso deutlich. Mitnick ist der Sozialingenieur, der Menschen manipuliert. Poulsen ist der Techniker, der Systeme manipuliert. Mitnick wird von den Medien zum „digitalen Terroristen“ stilisiert, Poulsen bleibt eine Figur der Szene. Mitnick wird Sicherheitsberater, Poulsen wird Journalist.
Vielleicht liegt der entscheidende Unterschied in ihrer Motivation. Mitnick hackt aus Neugier, aus einem fast zwanghaften Verlangen zu verstehen, wie Dinge funktionieren. Poulsen hackt aus Langeweile und Geltungsdrang. Er will bewundert werden. Er will der Welt zeigen, dass er es kann. Diese Motivation macht ihn zu einer weniger tragischen, aber auch zu einer weniger sympathetischen Figur.
Und doch ist Poulsens Geschichte in gewisser Weise optimistischer als die von Mitnick. Mitnick brauchte Jahrzehnte, um das Narrativ seines Lebens umzuschreiben. Poulsen schaffte es schneller. Er fand einen Beruf, in dem seine Fähigkeiten geschätzt wurden, ohne dass er gegen Gesetze verstoßen musste. Er wurde zu einem Chronisten der Hacker-Kultur – jemand, der die Geschichten erzählt, die er selbst hätte erleben können.
Fazit: Ein Hacker, der die Seiten wechselte
Kevin Poulsen ist kein tragischer Held wie Karl Koch. Er ist kein Märtyrer wie Kevin Mitnick. Er ist ein Hacker, der die Seiten gewechselt hat – vom Protagonisten zum Chronisten, vom Eindringling zum Beobachter.
Seine Geschichte zeigt, dass Rehabilitation möglich ist. Sie zeigt, dass ein Leben nach dem Hacken existiert. Sie zeigt, dass die Fähigkeiten, die einen Menschen ins Gefängnis bringen können, auch dazu dienen können, die Gesellschaft zu informieren und zu schützen.
Poulsen hat nie öffentlich bereut. Er hat nie um Vergebung gebeten. Er hat einfach weitergemacht – nur mit anderen Mitteln. Vielleicht ist das die ehrlichste Form der Rehabilitation: nicht die Vergangenheit zu verleugnen, sondern sie in etwas anderes zu verwandeln.
Heute arbeitet Kevin Poulsen als Senior Editor bei Wired News. Er schreibt über Sicherheit, über Datenschutz, über die Fehler der Mächtigen. Und wenn er über Hacker schreibt, dann mit einem Wissen, das nur jemand haben kann, der selbst einer war.
Quellen
- Poulsen, Kevin: Artikel und Reportagen für Wired News und SecurityFocus, 1996–2026.
- Littman, Jonathan: The Fugitive Game: Online with Kevin Mitnick. Little, Brown and Company, 1996.
- Sterling, Bruce: The Hacker Crackdown: Law and Disorder on the Electronic Frontier. Bantam, 1992.
- „Kevin Poulsen“, Wikipedia, englischsprachige Ausgabe, abgerufen am 29. September 2026.
- „Dark Dante“, Wikipedia, englischsprachige Ausgabe, abgerufen am 29. September 2026.
- „KIIS-FM Porsche Contest“, Archivberichte der Los Angeles Times, 1990.
- „Manning-Lamo Chat Logs“, veröffentlicht von Wired News, 2010.
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