1 MB, 1 GB, 1 TB – was diese Zahlen wirklich bedeuten
Einleitung: Die drei Zeichen, die uns täglich begegnen
„1 MB“ – diese drei Zeichen sehen wir auf der Festplattenverpackung, in der Systemanzeige, im Mobilfunkvertrag. Doch was genau dahintersteckt, ist erstaunlich uneindeutig. Die Speichergrößen, mit denen wir täglich hantieren, sind kein reines Naturgesetz, sondern ein Kompromiss aus Geschichte, Marketing und technischen Standards. Dieser Artikel beginnt bei den grundlegendsten Einheiten und erklärt, warum eine 1-TB-Festplatte unter Windows nur etwa 931 GB anzeigt – und warum die „Normseite“ der Verlagsbranche alles andere als eine präzise physikalische Größe ist.
Vom Bit zum Byte: die einzige harte Definition
Die kleinste Einheit in einem Computer ist das Bit (b). Es kennt genau zwei Zustände: 0 oder 1, aus oder an, Strom oder kein Strom. Für sich genommen ist ein einzelnes Bit bedeutungslos – erst in der Gruppe entsteht Information.
Acht Bits werden zu einem Byte (B) zusammengefasst. Diese Gruppierung ist keine Naturkonstante, sondern eine historische Konvention: Frühe Computer arbeiteten mit 6-Bit- oder 9-Bit-Zeichen, bis sich in den 1960er-Jahren das 8-Bit-Byte als Standard durchsetzte – maßgeblich durch IBM und die ASCII-Zeichentabelle. Ein Byte kann damit 2⁸ = 256 verschiedene Werte darstellen – genug für ein Zeichen in 8-Bit-Zeichensätzen (inklusive ASCII).
Das ist die einzige wirklich „harte“ Definition in der gesamten Speicherhierarchie. Alles, was darüber hinausgeht, ist menschliche Konvention.
Der jahrzehntelange Streit: 1000 oder 1024?
Computer arbeiten intern binär, deshalb ist 2¹⁰ = 1024 eine „runde Zahl“. Das metrische System jedoch verwendet Dezimalpräfixe, und „Kilo“ bedeutet dort offiziell 1000. So entstand ein Konflikt, der bis heute nicht vollständig gelöst ist: Betriebssysteme – insbesondere Windows – rechnen traditionell mit 1024, während Festplattenhersteller mit 1000 rechnen. Letzteres sieht auf der Verpackung besser aus, weil die Zahlen größer wirken.
Die Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) reagierte 1998 und genehmigte offizielle binäre Präfixe zur Unterscheidung: Kibi (Ki = 1024), Mebi (Mi = 1024²), Gibi (Gi = 1024³) und so weiter. Theoretisch sollte „1 KiB“ 1024 Byte und „1 KB“ 1000 Byte bedeuten.
Die Praxis sieht anders aus. Windows hat diese Konvention bis heute nicht übernommen. Wer eine „1 TB“-Festplatte kauft (Herstellerangabe: 10¹² Byte), sieht unter Windows „931 GB“, weil Windows durch 1024³ teilt. Die Festplatte ist nicht geschrumpft – es sind schlicht zwei verschiedene Maßstäbe. Windows rechnet binär (1024³), beschriftet das Ergebnis aber mit „GB“ – der angezeigte Wert entspricht also GiB, nicht GB (dezimal). Wer auf der Verpackung „TB“ liest, liest tatsächlich TB (dezimal). Beides ist nicht falsch. Es misst nur nicht dasselbe.
Die Normseite: Warum 1800 Zeichen nicht dasselbe ist wie 30×60
In der Verlagswelt ist die „Normseite“ eine Maßeinheit zur Berechnung des Manuskriptumfangs. Die traditionelle Definition stammt aus dem Schreibmaschinenzeitalter: 30 Zeilen × 60 Anschläge (einschließlich Leerzeichen), maximal 1800 Zeichen. Entscheidend ist jedoch: Nicht vollständig ausgefüllte Zeilen, Absatzumbrüche, Leerzeilen und Kapitelenden zählen als volle Zeilen.
Das führt zu einem erheblichen Unterschied. Wer einen Text einfach durch 1800 teilt, ignoriert den tatsächlichen physischen Platzverbrauch. Bei dialogreichen oder stark gegliederten Texten kann diese Rechenmethode den tatsächlichen Umfang um 10 bis 30 Prozent unterschätzen. Die VG Wort verwendet in der Praxis deshalb vereinfacht 1500 Zeichen als eine Normseite. Bei Übersetzungsverträgen empfehlen Fachleute, mit etwa 1650 Zeichen zu rechnen, um sich der tatsächlichen Normseite anzunähern.
„1800 Zeichen“ ist also eine Obergrenze, kein Durchschnittswert. Sie als präzise Umrechnungskonstante zu behandeln, ist didaktisch bequem, aber fachlich ungenau.
Die 1,44 MB der 3,5-Zoll-Diskette: ein Produkt gemischter Einheiten
Die „1,44 MB“ auf dem Diskettenetikett sind ein historisches Relikt gemischter Einheiten. Die tatsächliche Kapazität beträgt:
2 Seiten × 80 Spuren × 18 Sektoren × 512 Byte = 1.474.560 Byte
Umgerechnet in KiB: 1.474.560 ÷ 1024 = 1440 KiB. Die Industrie bezeichnete diese 1440 KiB als „1,44 MB“, wobei sie „Mega“ hier als 1000 × 1024 = 1.024.000 Byte interpretierte – ein weder rein dezimales noch rein binäres Maß. Dieser gemischte Ansatz machte die Zahl „1,44″ optisch ansprechend, verletzte aber gleichzeitig sowohl das dezimale als auch das binäre System.
Wer diese Zahl in einer Berechnung verwendet, sollte am sichersten direkt 1.474.560 Byte schreiben, um die durch Einheitenpräfixe verursachte Verwirrung zu vermeiden.
Das „Token“ großer Sprachmodelle: keine feste Konstante
Die offizielle Dokumentation von Google Gemini gibt an: 1 Token entspricht etwa 4 Zeichen; 100 Token entsprechen etwa 60 bis 80 englischen Wörtern. Umgerechnet entspricht 1 Token etwa 0,6 bis 0,8 englischen Wörtern.
Diese Zahl gilt ausschließlich für Englisch. Die Tokenisierung chinesischer, japanischer oder anderer Sprachen unterscheidet sich erheblich – ein chinesisches Schriftzeichen kann mehrere Token belegen oder auch nur teilweise ein Token sein. „0,75 Wörter pro Token“ als feste Konstante zu verwenden, ist für englische Texte eine grobe Schätzung, für andere Sprachen jedoch möglicherweise völlig unzutreffend.
Der Stromverbrauch der Datenübertragung: vom Netzwerkstandard abhängig
Die Aussage „1 GB zu übertragen verbraucht etwa so viel Strom wie eine LED-Lampe in einer Stunde“ ist zu pauschal. Der Stromverbrauch variiert je nach Netzwerkstandard erheblich. Eine Studie des Öko-Instituts im Auftrag des Umweltbundesamts nennt für das Jahr 2018 folgende Werte:
| Mobilfunkstandard | Energieintensität | Übertragungsdauer für 1 GB |
|---|---|---|
| 2G (GPRS) | 17 kWh/GB | 9–42 Stunden |
| 3G (UMTS) | 1 kWh/GB | 0,1–6 Stunden |
| 4G (LTE) | 0,2 kWh/GB | 8–27 Sekunden |
Eine 10-Watt-LED-Lampe verbraucht in einer Stunde 0,01 kWh. Dieser Wert liegt näher am Festnetz-Kernnetz (etwa 0,052 kWh/GB nach derselben Studie) als an mobiler Datenübertragung. Die undifferenzierte „LED-Lampe“-Analogie führt in die Irre.
Fazit
Die Größe „1 MB“ ist keine reine physikalische Größe. Sie ist das Ergebnis eines Kompromisses zwischen menschlichen Konventionen und technischen Einschränkungen. Wer diese Kompromisse versteht, wird bei den Zahlen auf Verpackungen, in Systemanzeigen und in Verträgen nicht mehr verwirrt sein. Die wichtigsten Merksätze:
| Begriff | Tatsächliche Bedeutung | Häufigstes Missverständnis |
|---|---|---|
| Bit → Byte | 8 Bit = 1 Byte, 256 Werte | Keine Kontroverse |
| KB vs. KiB | 1000 vs. 1024 | Windows rechnet binär (1024³), beschriftet aber mit „GB“ – der Wert entspricht GiB, nicht GB (dezimal) |
| Normseite | Max. 1800 Zeichen, realer Durchschnitt ~1500–1650 | 1800 als fester Divisor unterschätzt den Umfang |
| Disketten-„1,44 MB“ | 1.474.560 Byte = 1440 KiB | Gemischte Einheiten („M“ = 1000 × 1024), kein Standard-MB |
| LLM-Token | ~0,6–0,8 englische Wörter, ~4 Zeichen | Keine feste Konstante, sprachabhängig |
| Datenübertragungsstrom | 0,052–17 kWh/GB je nach Netz | „LED-Lampe“ ist zu pauschal |
Quellen
- International Electrotechnical Commission (IEC): IEC 60027-2, Letter symbols to be used in electrical technology – Part 2: Telecommunications and electronics, Amendment 2, Genf 1999.
- National Institute of Standards and Technology (NIST): Prefixes for binary multiples, abgerufen 2026.
- Burkhart Kroeber: Was ist und wozu dient die Normseite?, Literaturübersetzer.de.
- Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ): Die Normseite, 2020.
- Wikipedia: Normseite, abgerufen 2026.
- Google: Token zählen für Gemini-Modelle, Firebase AI Logic, 2026.
- Öko-Institut e.V. für das Umweltbundesamt: Energieintensität verschiedener Mobilfunkstandards, in: BUND-Studie „Energie sparen – digitaler Fußabdruck“, 2018.
- Umweltbundesamt: Reduzierung des Energie- und Ressourcenverbrauchs vernetzter Elektro- und Elektronikgeräte, Texte 17/2022.
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