{"id":104,"date":"2026-03-04T10:10:01","date_gmt":"2026-03-04T09:10:01","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=104"},"modified":"2026-03-04T10:10:01","modified_gmt":"2026-03-04T09:10:01","slug":"das-bildschirmspiel-01-die-gescheiterte-spielkonsole-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/das-bildschirmspiel-01-die-gescheiterte-spielkonsole-der-ddr\/","title":{"rendered":"Das \u201eBildschirmspiel 01\u201c \u2013 Die gescheiterte Spielkonsole der DDR"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das \u201eBildschirmspiel 01\u201c (BSS 01) war die einzige jemals in der DDR entwickelte und in Serie produzierte Spielkonsole. Aufgrund ihres hohen Preises fand sie kaum den Weg in Privathaushalte, sondern war vor allem in staatlichen Jugendfreizeiteinrichtungen wie Pionierh\u00e4usern und Jugendclubs zu finden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Offizielle Bezeichnung und Produktion<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konsole trug den offiziellen Namen&nbsp;<strong>\u201eBildschirmspiel 01\u201c<\/strong>, kurz&nbsp;<strong>BSS 01<\/strong>. Im Volksmund und im Handel wurde sie auch als&nbsp;<strong>\u201eRFT TV-Spiel\u201c<\/strong>&nbsp;oder&nbsp;<strong>\u201eRFT Bildschirmspiel 01\u201c<\/strong>&nbsp;bezeichnet.&nbsp;<strong>RFT<\/strong>&nbsp;stand f\u00fcr \u201eRundfunk- und Fernmelde-Technik\u201c, das zentrale Kombinat f\u00fcr Unterhaltungselektronik in der DDR.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hergestellt wurde sie vom&nbsp;<strong>VEB Halbleiterwerk Frankfurt (Oder)<\/strong>, einem der f\u00fchrenden Betriebe der Mikroelektronik-Industrie der DDR. Die Produktion lief von&nbsp;<strong>1979 bis etwa 1981<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Ger\u00e4t f\u00fcr den kollektiven Gebrauch<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem offiziellen Verkaufspreis von&nbsp;<strong>550 Mark der DDR<\/strong>&nbsp;war die Konsole f\u00fcr den Durchschnittshaushalt nahezu unerschwinglich. Dieser Betrag entsprach mehr als der H\u00e4lfte eines durchschnittlichen Monatsnettoeinkommens. Daher war die Konsole von vornherein nicht als Massenartikel f\u00fcr Privatpersonen konzipiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stattdessen wurde sie gezielt an&nbsp;<strong>staatliche Freizeit- und Bildungseinrichtungen<\/strong>&nbsp;geliefert. Der Kauf und die Aufstellung in&nbsp;<strong>Jugendclubs, Pionierh\u00e4usern oder Jugendherbergen<\/strong>&nbsp;entsprach der sozialistischen Idee der gemeinschaftlichen Freizeitgestaltung. Die politische F\u00fchrung sah in solchen elektronischen Spielen zudem ein Mittel, um bei Jugendlichen fr\u00fchzeitig das Interesse an Technik und Mikroelektronik zu wecken \u2013 Schl\u00fcsselindustrien, in denen die DDR gegen\u00fcber dem Westen stark im R\u00fcckstand lag.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Technische Spezifikationen und Spielprinzip<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Technisch war die BSS 01 ein typischer Vertreter der fr\u00fchen \u201ePong\u201c-Konsolen-Generation:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Hauptchip<\/strong>: Sie basierte auf dem weit verbreiteten\u00a0<strong>AY-3-8500<\/strong>-Chip des US-Herstellers General Instrument. Dieser Chip unterlag nicht dem westlichen Embargo (COCOM-Liste), da er als reiner Unterhaltungsbaustein eingestuft wurde, und konnte so importiert werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Spiele<\/strong>: Der Chip erm\u00f6glichte vier sehr \u00e4hnliche Spiele, die \u00fcber farbige Drucktasten ausgew\u00e4hlt wurden:\u00a0<strong>Tennis, Fu\u00dfball, Squash und Pelota<\/strong>\u00a0(ein Einzelspielermodus gegen eine \u201eWand\u201c).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Grafik<\/strong>: Das Spielgeschehen beschr\u00e4nkte sich auf einfache Strichgrafiken. Ein Punkt (ein Rechteck) musste mit einem senkrechten Strich (dem \u201eSchl\u00e4ger\u201c) hin und her gespielt werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Steuerung<\/strong>: Die beiden mitgelieferten Controller verf\u00fcgten jeweils nur \u00fcber einen gro\u00dfen Drehknopf zur Bewegung des Schl\u00e4gers am Bildschirmrand.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Produktionsende und historisches Erbe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Produktion der BSS 01 wurde bereits nach etwa zwei Jahren wieder eingestellt. Gr\u00fcnde daf\u00fcr waren:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Wirtschaftliche Unrentabilit\u00e4t<\/strong>: Die hohen Kosten f\u00fcr importierte Bauteile und die komplexe Montage standen in keinem Verh\u00e4ltnis zum Nutzen und Absatz.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Technologische \u00dcberholung<\/strong>: Als die Konsole 1979 auf den Markt kam, waren im Westen bereits weitaus leistungsf\u00e4higere Konsolen mit austauschbaren Spielmodulen (wie das Atari 2600) Standard.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Geringe St\u00fcckzahl<\/strong>: Es wird gesch\u00e4tzt, dass lediglich\u00a0<strong>1.000 bis 2.000 Exemplare<\/strong>\u00a0(Quelle: Computerspielemuseum Berlin) produziert wurden. Ein geplanter Nachfolger, das BSS 02 mit Farbgrafik und mehr Spielen, erreichte nie die Serienreife.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund dieser geringen Auflage ist die BSS 01 heute ein \u00e4u\u00dferst seltenes und bei Sammlern begehrtes St\u00fcck DDR-Technikgeschichte. Originale erzielen bei Auktionen Preise im mittleren vierstelligen Euro-Bereich. \u00d6ffentlich zug\u00e4ngliche Ausstellungsexemplare befinden sich unter anderem im&nbsp;<strong>Computerspielemuseum Berlin<\/strong>&nbsp;und im&nbsp;<strong>ZKM | Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Waltraud, Martin:<\/strong>\u00a0<em>\u201eSpielzeug, Spiele und Spielen in der DDR\u201c<\/em>. Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung Th\u00fcringen. (Enth\u00e4lt einen Abschnitt zu elektronischem Spielzeug).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>St\u00f6ckeler, Grit:<\/strong>\u00a0<em>\u201eBildschirmspiel 01 \u2013 Das Videospiel aus der DDR\u201c<\/em>. In:\u00a0<em>Technikgeschichte<\/em>, Bd. 84, 2017. (Wissenschaftliche Abhandlung zur Entwicklung und Produktion).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Offizielle Webseite des Computerspielemuseums Berlin<\/strong>: Sammlungsbeschreibung und Ausstellungshinweise zur BSS 01.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Sammlung \u201eDDR-Alltag\u201c im Deutschen Historischen Museum, Berlin<\/strong>: Kontextualisierung von Alltagstechnologie.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis zur Quellenlage<\/strong>: Die offizielle Dokumentation zur Produktion im VEB Halbleiterwerk ist l\u00fcckenhaft. Die genauen Produktionszahlen beruhen daher oft auf Sch\u00e4tzungen von Sammlern und Zeitzeugen. Die angegebenen Museen verf\u00fcgen \u00fcber gut dokumentierte Exponate und Hintergrundinformationen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201eBildschirmspiel 01\u201c (BSS 01) war die einzige jemals in der DDR entwickelte und in Serie produzierte Spielkonsole. Aufgrund ihres hohen Preises fand sie kaum den Weg in Privathaushalte, sondern war vor allem in staatlichen Jugendfreizeiteinrichtungen wie Pionierh\u00e4usern und Jugendclubs zu finden. Offizielle Bezeichnung und Produktion Die Konsole trug den offiziellen Namen&nbsp;\u201eBildschirmspiel 01\u201c, kurz&nbsp;BSS 01. 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