{"id":1557,"date":"2026-03-05T02:10:36","date_gmt":"2026-03-05T01:10:36","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=1557"},"modified":"2026-03-05T02:10:36","modified_gmt":"2026-03-05T01:10:36","slug":"die-340-millionen-fehlnummer-wie-circuit-city-mit-divx-die-zukunft-verpfandete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-340-millionen-fehlnummer-wie-circuit-city-mit-divx-die-zukunft-verpfandete\/","title":{"rendered":"Die $340-Millionen-Fehlnummer: Wie Circuit City mit DIVX die Zukunft verpf\u00e4ndete"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Technikhistoriker blickt zur\u00fcck auf eines der folgenreichsten Desaster der US-Elektronikbranche. Es ist die Geschichte eines Formats, das nicht nur fast eine dreiviertel Milliarde Dollar vernichtete, sondern auch den Niedergang eines einstigen Branchenriesen einl\u00e4utete und unfreiwillig eine digitale Revolution lostrat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Momente in der Technikgeschichte, die so absurd anmuten, dass man sie f\u00fcr eine Fabel aus dem Silicon Valley halten k\u00f6nnte \u2013 w\u00e4re da nicht die schiere H\u00f6he des finanziellen Schadens und die Tragweite der Konsequenzen. Die Rede ist von DIVX (Digital Video Express), einem Produkt, das Mitte der 1990er Jahre in den Laboren der Anwaltskanzlei Ziffren, Brittenham, Branca &amp; Fischer und den Vorstandsetagen der Elektronikkette Circuit City Gestalt annahm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war der Versuch, das Schl\u00fcssel-Schloss-Prinzip der Videotheken ins digitale Zeitalter zu retten \u2013 ein letzter, verzweifelter Griff der alten Industrie nach der Kontrolle \u00fcber das heimische Wohnzimmer. Dass dieser Griff nicht nur ins Leere ging, sondern dem Gralsh\u00fcter Circuit City die Hand abriss und eine Lawine lostrat, die in einer franz\u00f6sischen Studentenwohnung ihren Anfang nahm, macht die Geschichte von DIVX zu einer der lehrreichsten des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Geburt einer Idee aus dem Geist der Kontrollsucht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das Jahr 1997 war die Welt der bewegten Bilder im heimischen Wohnzimmer noch klar geordnet. VHS beherrschte das Feld der Videokassetten, und das Gesch\u00e4ftsmodell war einfach: Der Kunde ging in den Videoverleih, mietete einen Film f\u00fcr ein paar Dollar, sah ihn sich an und brachte ihn zur\u00fcck \u2013 oder zahlte saftige S\u00e4umnisgeb\u00fchren. Dieses System, so sehr es von den Verbrauchern gehasst wurde, war eine Goldgrube f\u00fcr Verleiher wie Blockbuster.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch am Horizont zogen dunkle Wolken auf. Die Unterhaltungselektronik-Industrie hatte sich auf einen neuen Standard geeinigt: die Digital Versatile Disc (DVD). Sie war kleiner, robuster, bot eine bislang ungekannte Bild- und Tonqualit\u00e4t und versprach, die sperrigen VHS-Kassetten zu beerben. F\u00fcr die Filmbranche und den Handel war die DVD jedoch ein zweischneidiges Schwert. Einmal gekauft, geh\u00f6rte die Scheibe dem Kunden f\u00fcr immer. Das lukrative Verleihgesch\u00e4ft mit seinen ewigen Nachzahlungen schien bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diese Gemengelage hinein pr\u00e4sentierte Circuit City, damals nach Best Buy der zweitgr\u00f6\u00dfte Elektronikh\u00e4ndler der USA, gemeinsam mit der einflussreichen Entertainment-Anwaltskanzlei aus Los Angeles im September 1997 eine ebenso k\u00fchne wie simple Idee: DIVX. Die Pr\u00e4misse klang verlockend einfach und wurde mit dem Slogan \u201eNo returns, no late fees\u201c (Keine R\u00fcckgabe, keine S\u00e4umnisgeb\u00fchren) beworben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kunde erwarb einen speziellen DIVX-f\u00e4higen DVD-Player und kaufte dann f\u00fcr einen geringen Preis von etwa 4,50 US-Dollar einen Film auf einer Disc, die einer DVD t\u00e4uschend \u00e4hnlich sah. Diese Disc konnte er mit nach Hause nehmen und beliebig oft ansehen \u2013 allerdings nur f\u00fcr 48 Stunden ab dem ersten Abspielen. Wer die Scheibe nach Ablauf dieser Frist erneut sehen wollte, musste eine Verl\u00e4ngerungsgeb\u00fchr von etwa 3,25 US-Dollar zahlen. Gegen einen h\u00f6heren Aufpreis konnte man die Disc in den Status \u201eDIVX Silver\u201c versetzen und sie so uneingeschr\u00e4nkt nutzen. Geplant war auch eine \u201eGold\u201c-Version, die von vornherein unbegrenzt abspielbar gewesen w\u00e4re, diese wurde jedoch nie realisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das technische Fundament dieser Kontrollmaschinerie war ebenso genial wie verst\u00f6rend: Jeder DIVX-Player musste an eine aktive Telefonleitung angeschlossen sein. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden \u2013 nicht w\u00e4hrend des Filmabspielens \u2013 w\u00e4hlte sich das Ger\u00e4t in eine zentrale Datenbank ein, \u00fcbermittelte die Abspielhistorie und lizenzierte neue \u201eViewing Periods\u201c. Die Discs selbst waren mit einem zus\u00e4tzlichen Triple-DES-Verschl\u00fcsselungscode versehen, der sie f\u00fcr handels\u00fcbliche DVD-Player unlesbar machte. Es war ein digitaler Tresor, dessen Kombination nur der Hersteller kannte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Momentum des Widerstands: Eine Allianz der Unwahrscheinlichen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dann geschah, ist ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie man es nicht machen sollte. Kaum war DIVX der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt, formierte sich eine Oppositionsbewegung, die in ihrer Breite und Vehemenz beispiellos war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da waren zun\u00e4chst die Early Adopters und Home-Enthusiasten. F\u00fcr sie war DVD die Verhei\u00dfung von Kinoqualit\u00e4t im eigenen Heim \u2013 ungeschnittene Filme im Original-Seitenverh\u00e4ltnis (Widescreen) mit jeder Menge Bonusmaterial. DIVX aber lieferte in der Regel abgeschnittene \u201ePan &amp; Scan\u201c-Versionen mit kaum nennenswerten Extras. Die Bef\u00fcrchtung war gro\u00df, dass ein Erfolg von DIVX das junge, offene DVD-Format im Keim ersticken w\u00fcrde. In den neu entstehenden Internetforen und Mailinglisten tobte der Aufstand. Die Anti-DIVX-Bewegung im Netz war eine der ersten, die die geballte Wut der Tech-Community mobilisierte und kanalisierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann war da die Konkurrenz. Blockbuster, das Imperium des Videoverleihs, durchschaute sofort die Bedrohung f\u00fcr sein eigenes Gesch\u00e4ftsmodell und weigerte sich strikt, DIVX zu f\u00fchren. Andere H\u00e4ndler wie Hollywood Video starteten Werbekampagnen gegen das Format. Eine Anzeige in der Los Angeles Times zeigte eine Hand, die eine Telefonleitung festhielt, mit der Unterschrift: \u201eLass dir von niemandem das Telefonkabel andrehen\u201c \u2013 eine direkte Spitze gegen die zwangsweise Verbindung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst die Gr\u00fcnderv\u00e4ter der DVD, die Firmen Sony und Toshiba, sowie das m\u00e4chtige DVD-Forum stellten sich \u00f6ffentlich gegen DIVX. Warner Home Video, das erste gro\u00dfe Studio, das auf DVD setzte, verweigerte ebenfalls die Unterst\u00fctzung. Die Liste der Gegner war eine Allianz der Giganten, die sich in dieser Geschlossenheit selten gegen ein einzelnes Produkt formierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und schlie\u00dflich gab es noch die grunds\u00e4tzlichen, gesellschaftlichen Bedenken. Datensch\u00fctzer schlugen Alarm. Die \u201eDial-Home\u201c-Funktion der Player, so ihre Bef\u00fcrchtung, erm\u00f6gliche es dem Unternehmen oder sogar dem Staat, ein detailliertes Profil der Sehgewohnheiten jedes B\u00fcrgers zu erstellen \u2013 ganz ohne dessen Zustimmung. Umweltgruppen protestierten gegen die geplante Obsoleszenz: \u201eKeine R\u00fcckgabe\u201c bedeutete im Umkehrschluss, dass Millionen von Scheiben nach 48 Stunden im M\u00fcll landen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Todeskampf in Zeitlupe: Der Markt spricht, Circuit City h\u00f6rt nicht zu<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz dieses massiven Gegenwinds startete Circuit City den Testlauf f\u00fcr DIVX am 8. Juni 1998 in den Metropolregionen San Francisco und Richmond (Virginia), dem Heimatstaat des Unternehmens. Der bundesweite Rollout folgte im September. Doch die Zeichen standen von Anfang an auf Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Player waren teuer \u2013 zun\u00e4chst etwa 100 Dollar teurer als reine DVD-Player. Die Auswahl an Titeln war begrenzt. Und die versprochene Unterst\u00fctzung durch die gro\u00dfen Filmstudios erwies sich als zweischneidig. Zwar sicherten sich Disney, 20th Century Fox und Paramount die Rechte, ihre Filme exklusiv auf DIVX zu ver\u00f6ffentlichen, was die Gegner des Formats in ihrer Angst vor einer Spaltung des Marktes nur best\u00e4tigte. Andere Studios wie Warner und vor allem Sony (mit Columbia Pictures) blieben dem Format fern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verbraucherverhalten war eindeutig. Die Menschen wollten die Freiheit der DVD. Sie wollten ihre Filme besitzen, verleihen, verschenken und jederzeit ansehen k\u00f6nnen \u2013 ohne eine tickende Uhr im Hintergrund. Bis Ende 1998 wurden zwar etwa 87.000 DIVX-Player und 535.000 Discs verkauft, doch die Zahl der tats\u00e4chlich eingerichteten Kundenkonten blieb mit unter 17.000 weit hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Zum Vergleich: Allein im Jahr 1999 wurden 3,9 Millionen herk\u00f6mmliche DVDs abgesetzt. Es war eine vernichtende Niederlage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Manager von Circuit City, geblendet von der Vision einer endlosen Einnahmequelle durch die \u201ePay-per-View\u201c-Geb\u00fchren, schienen die Realit\u00e4t ausblenden zu wollen. Ein damaliger Kommentator des Motley Fool verglich die Strategie mit dem Versuch, einen Videorekorder zu verkaufen, den man ans Telefon anschlie\u00dfen und dem man seine Kreditkartennummer geben m\u00fcsse, um die Weihnachtsgeschenk-Videos anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 16. Juni 1999, knapp ein Jahr nach dem Marktstart, zog Circuit City endlich den Stecker. Die Firma gab bekannt, das Projekt mit einem einmaligen Verlust von 114 Millionen Dollar zu beenden. Gesamtsch\u00e4tzungen, die alle Kosten einbezogen, beliefen sich auf die atemberaubende Summe von bis zu 340 Millionen Dollar. Besitzer eines DIVX-Players erhielten eine R\u00fcckerstattung von 100 Dollar. Die Server, die f\u00fcr die Freischaltung der Filme n\u00f6tig waren, liefen noch bis zum 7. Juli 2001 \u2013 dann wurden sie abgeschaltet und jede einzelne der verkauften DIVX-Discs schlagartig zu einem wertlosen St\u00fcck Plastik.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Verm\u00e4chtnis eines Fehlschlags: Von der Asche zur Revolution<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die unmittelbare Folge war der finanzielle Aderlass bei Circuit City, der das Unternehmen nachhaltig schw\u00e4chte und als einer von mehreren Faktoren zu seiner Insolvenz und endg\u00fcltigen Schlie\u00dfung im Jahr 2009 beitrug. Der indirekte, aber weitaus bedeutendere Effekt spielte sich jedoch in der digitalen Welt ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwo in einer Wohnung im franz\u00f6sischen Montpellier verfolgte ein junger Entwickler namens J\u00e9r\u00f4me \u201eGej\u201c Rota das Spektakel um DIVX mit wachsendem Am\u00fcsement und Abscheu. Die Idee eines ablaufenden Videos war f\u00fcr ihn der Inbegriff von Kundenfeindlichkeit. Als er nach einem Weg suchte, seine eigenen Videokreationen im Internet zu teilen und dabei auf das leistungsf\u00e4hige, aber komplexe Microsoft MPEG-4 v3-Codec stie\u00df, das f\u00fcr den Gebrauch in Windows Media Files gedacht war, entschl\u00fcsselte er es kurzerhand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ironischen Kommentar auf das gescheiterte, kontrolls\u00fcchtige Format der Amerikaner nannte er seine gehackte Version des Codecs \u201eDivX ;-)\u201c \u2013 mit einem zwinkernden Smiley, der die Nase \u00fcber das Original r\u00fcmpfte. Dieser Codec komprimierte Filme auf eine Gr\u00f6\u00dfe, die man \u00fcber das noch junge Internet herunterladen konnte, ohne dass die Qualit\u00e4t allzu sehr litt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDivX ;-)\u201c wurde zum Synonym f\u00fcr die erste gro\u00dfe Welle legal h\u00f6chst fragw\u00fcrdiger, aber technisch revolution\u00e4rer Filmtauschb\u00f6rsen. Es war die Rache der Konsumenten. Aus dem Raubkopierer-Tool entwickelte sich sp\u00e4ter das legale Unternehmen DivX, Inc., das heute zu den f\u00fchrenden Anbietern von Videotechnologie f\u00fcr 4K-Streaming und vernetzte Ger\u00e4te geh\u00f6rt. Der Spuk von Circuit Citys Kontrollwahn gebar also unfreiwillig den Geist der digitalen Befreiung, der die Medienindustrie bis heute umtreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte von DIVX ist damit mehr als nur eine Fu\u00dfnote in den Annalen gescheiterter Produkte. Sie ist eine zeitlose Lektion \u00fcber Hybris, \u00fcber die fatale Fehleinsch\u00e4tzung des Kundenwillens und \u00fcber die Ohnmacht selbst der m\u00e4chtigsten Konzerne gegen\u00fcber der geballten Kraft der Community und der unberechenbaren Eigendynamik technologischer Entwicklung. Sie lehrt uns, dass kein Gesch\u00e4ftsmodell, das auf Misstrauen und Kontrolle basiert, auf Dauer Bestand haben kann, wenn die Nutzer eine offene, freie Alternative im Kopf haben \u2013 oder im Fall von J\u00e9r\u00f4me Rota, im heimischen Programmierversteck.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Technikhistoriker blickt zur\u00fcck auf eines der folgenreichsten Desaster der US-Elektronikbranche. Es ist die Geschichte eines Formats, das nicht nur fast eine dreiviertel Milliarde Dollar vernichtete, sondern auch den Niedergang eines einstigen Branchenriesen einl\u00e4utete und unfreiwillig eine digitale Revolution lostrat. 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