{"id":1910,"date":"2026-03-11T15:05:09","date_gmt":"2026-03-11T14:05:09","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=1910"},"modified":"2026-03-11T15:05:09","modified_gmt":"2026-03-11T14:05:09","slug":"der-blinde-fleck-der-maschinen-warum-vertrauen-fur-jene-die-am-wenigsten-haben-zum-unerschwinglichen-luxus-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-blinde-fleck-der-maschinen-warum-vertrauen-fur-jene-die-am-wenigsten-haben-zum-unerschwinglichen-luxus-wird\/","title":{"rendered":"Der blinde Fleck der Maschinen: Warum Vertrauen f\u00fcr jene, die am wenigsten haben, zum unerschwinglichen Luxus wird"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Essay von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt S\u00e4tze, die bleiben im Ged\u00e4chtnis haften, weil sie eine Empfindung in eine unumst\u00f6\u00dfliche Formel gie\u00dfen. \u201eVertrauen ist ein Luxus, den Arme sich nicht leisten k\u00f6nnen\u201c ist ein solcher Satz. Er eignet sich nicht f\u00fcr Wohlf\u00fchl-Sonntagsreden, denn er ist schroff, kompromisslos und zeichnet ein d\u00fcsteres Bild der sozialen Realit\u00e4t. Als Technikhistoriker und Journalist, der seit Jahren die Schnittstelle zwischen menschlicher Vulnerabilit\u00e4t und systemischem Fortschritt beobachtet, treibt mich die Frage um: Was passiert mit dieser Diagnose, wenn wir sie durch die Brille der Technikgeschichte und der digitalen Gegenwart betrachten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den ersten Blick scheint der Satz eine rein soziologische oder gar psychologische Aussage \u00fcber zwischenmenschliche Beziehungen zu sein. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart er sich als eine fundamentale \u00f6konomische und systemische Wahrheit. Er beschreibt die Verteilung einer der wertvollsten Ressourcen des Menschen: der F\u00e4higkeit, eine riskante Vorleistung zu erbringen, ohne sofortige Sicherheit zu verlangen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Mechanik des Vertrauens: Eine historische Risikokalkulation<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vertrauen ist, technisch gesprochen, nichts anderes als eine Strategie zur Reduktion von Komplexit\u00e4t. Der Soziologe Niklas Luhmann hat dies in seinem Werk \u201eVertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexit\u00e4t\u201c bereits 1968 pr\u00e4zise herausgearbeitet. Wer vertraut, \u00fcberbr\u00fcckt eine Wissensl\u00fccke. Er handelt, als ob die Zukunft sicher w\u00e4re, obwohl sie es nicht ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Industriegeschichte l\u00e4sst sich dieses Prinzip hervorragend nachvollziehen. Die ersten Dampfmaschinen von James Watt oder die fr\u00fchen Flie\u00dfb\u00e4nder von Henry Ford waren nicht nur technische Errungenschaften \u2013 sie waren vor allem Vertrauensmaschinen. Der Fabrikant musste darauf vertrauen, dass die Maschinen nicht explodierten (was sie taten) und dass die Arbeiter sich nicht gegen ihn auflehnten (was sie auch taten). Henry Ford zahlte seinen Arbeitern 1914 legend\u00e4re f\u00fcnf Dollar pro Tag \u2013 nicht aus G\u00fcte, sondern aus einer Vertrauenskalkulation heraus. Er vertraute darauf, dass h\u00f6here L\u00f6hne die Fluktuation senken und dass seine Arbeiter sich irgendwann die eigenen Produkte leisten k\u00f6nnten. Es war ein strategischer Vorschuss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer jedoch in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen lebt, kann sich einen solchen Vorschuss nicht leisten. Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte des gebrochenen Vertrauens: Lohnk\u00fcrzungen, Entlassungen nach Krankheit, das Vorenthalten von Unfallversicherungen. Die Einf\u00fchrung der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland 1884 durch Otto von Bismarck war kein Akt des Vertrauens in die Arbeiter, sondern ein Versuch, deren Misstrauen in den Staat zu kanalisieren und die revolution\u00e4re Energie zu d\u00e4mpfen. Es war eine staatliche Risikoabsicherung, die genau deshalb n\u00f6tig war, weil das individuelle Vertrauen zwischen Kapital und Arbeit l\u00e4ngst zerst\u00f6rt war.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die \u00d6konomie der Verwundbarkeit: Warum Arme anders kalkulieren m\u00fcssen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu verstehen, warum Vertrauen f\u00fcr Menschen mit geringen Ressourcen ein unerschwinglicher Luxus ist, muss man die Logik des Verlustes verstehen. Die Verhaltens\u00f6konomie, insbesondere die Arbeiten von Daniel Kahneman und Amos Tversky zur Prospect Theory, zeigen, dass Menschen Verluste wesentlich st\u00e4rker gewichten als Gewinne. Wer wenig hat, f\u00fcr den wiegt der Verlust des Wenigen ungleich schwerer als der m\u00f6gliche Gewinn durch eine Vertrauensinvestition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konkret: Eine wohlhabende Person kann einer neuen Bekanntschaft 100 Euro leihen. Wenn das Geld nicht zur\u00fcckkommt, ist das \u00e4rgerlich, aber existentiell irrelevant. Die Person hat ein Sicherheitsnetz. Eine Person, die von Dispositionskredit zu Dispositionskredit lebt, kann diese 100 Euro nicht entbehren. Sie sind die Differenz zwischen einer warmen Mahlzeit und Hunger, zwischen dem Kauf des notwendigen Medikaments und dem Verzicht darauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Zustand permanenter Knappheit erzeugt, was die Wissenschaft als \u201eKnappheitsdenken\u201c (Scarcity Mindset) bezeichnet. In ihrem vielbeachteten Buch \u201eKnappheit: Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben\u201c argumentieren die \u00d6konomen Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir, dass Knappheit die kognitive Bandbreite reduziert. Arme Menschen treffen nicht deshalb andere Entscheidungen, weil sie \u201ed\u00fcmmer\u201c oder \u201emisstrauischer\u201c w\u00e4ren, sondern weil die st\u00e4ndige Sorge um die n\u00e4chste Miete oder das n\u00e4chste Essen ihre mentalen Kapazit\u00e4ten derart bindet, dass f\u00fcr langfristige Vertrauensbildung oder komplexe soziale Abw\u00e4gungen schlicht kein Raum bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die digitale Entfremdung: Wenn Plattformen das Misstrauen institutionalisieren<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zeitalter der Digitalisierung und der Plattform\u00f6konomie hat dieses Ph\u00e4nomen eine neue, erschreckende Dimension erreicht. Die Sharing Economy, einst als gro\u00dfe Vertrauensutopie angepriesen (\u201eWir vertrauen einander und teilen unsere Wohnungen und Autos\u201c), hat sich l\u00e4ngst in ein System des institutionalisierten Misstrauens verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plattformen wie Uber, Airbnb oder Fiverr sind technisch ausgefeilte Maschinerien zur Risikoverlagerung. Sie treten als Vertrauensvermittler auf, indem sie Bewertungssysteme, Versicherungspakete und Escrow-Dienste anbieten. Doch was passiert hier eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Soziologe Richard Sennett hat in seinen Arbeiten zur Kultur des neuen Kapitalismus (u.a. \u201eDer flexible Mensch\u201c) darauf hingewiesen, dass die oberfl\u00e4chliche Kommunikation und die st\u00e4ndige Neuerfindung des Selbst das tiefe, erfahrungsbasierte Vertrauen untergraben. Die digitalen Plattformen perfektionieren dies: Sie ersetzen das langsam gewachsene Vertrauen zwischen Menschen durch eine algorithmische Reputation. Ein F\u00fcnf-Sterne-Rating ist kein Vertrauen, es ist eine datenbasierte Wahrscheinlichkeitsrechnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten in der Gig Economy wird diese Entwicklung zur Falle. Der paketausliefernde Fahrer, der als Scheinselbstst\u00e4ndiger f\u00fcr einen gro\u00dfen Logistikkonzern arbeitet, hat keine Wahl. Er muss dem Algorithmus vertrauen, dass er ihm gen\u00fcgend Auftr\u00e4ge zuteilt. Er muss dem Kunden vertrauen, dass dieser ihn nicht zu Unrecht schlecht bewertet. Und er muss der Plattform vertrauen, dass sie sein Konto nicht ohne Vorwarnung sperrt. Dieses Vertrauen ist jedoch einseitig und erzwungen. Die Plattform wiederum vertraut ihm nicht \u2013 sie \u00fcberwacht seine Route per GPS, misst jede Pause und sanktioniert Abweichungen automatisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird der Satz vom Vertrauen als Luxus zur handfesten Arbeitsbedingung. Wer in dieser Branche arbeitet, kann es sich nicht leisten, zu misstrauen, denn der n\u00e4chste Job wartet schon. Gleichzeitig kann er es sich nicht leisten, zu vertrauen, denn die Ausbeutung ist systemimmanent. Dieses Paradoxon f\u00fchrt zu einer tiefen Entfremdung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">TechArchaeologie des Misstrauens: Die Spuren in den Ger\u00e4ten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Technikhistoriker muss ich an dieser Stelle einen Blick in die \u201eTechArchaeologie\u201c werfen. Die Ger\u00e4te, die uns umgeben, sind Zeugnisse dieser Vertrauenskrise. Betrachten wir das Smartphone eines prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten. Es ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, es ist ein Arbeitsger\u00e4t, ein \u00dcberwachungsinstrument und ein Identit\u00e4tsnachweis in einem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten Mobiltelefone der 1990er Jahre waren Symbole der Freiheit und des Vertrauens in die Zukunft. Man konnte immer erreichbar sein, man konnte sich verabreden, man konnte spontan Pl\u00e4ne \u00e4ndern. Das heutige Smartphone hingegen ist ein Misstrauensgenerator. Es verlangt st\u00e4ndige Authentifizierung (Passw\u00f6rter, Fingerabdruck, Gesichtserkennung). Jede App fragt nach Berechtigungen. Jeder Klick wird getrackt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Menschen mit geringem Einkommen ist dieses Ger\u00e4t oft der einzige Zugang zum gesellschaftlichen Leben \u2013 zur Jobsuche, zur Wohnungssuche, zu Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen, zu g\u00fcnstigeren Versicherungen. Sie m\u00fcssen diesen Misstrauensapparat nutzen, weil sie keine Alternative haben. Sie bezahlen f\u00fcr die Nutzung nicht nur mit Geld, sondern mit ihren Daten, ihrer Privatsph\u00e4re und ihrer psychischen Energie. Das Ger\u00e4t, das uns vernetzen soll, ist zum Symbol einer Gesellschaft geworden, die systematisches Misstrauen in Hardware gegossen hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Krieg gegen die Armen: Eine technische Perspektive<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff \u201eKrieg\u201c ist in diesem Zusammenhang nicht metaphorisch gemeint. In der Rubrik \u201ekrieg-technik\u201c l\u00e4sst sich nachvollziehen, wie Technologien, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke entwickelt wurden, in die zivile \u00dcberwachung und Kontrolle marginalisierter Gruppen diffundieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Predictive Policing, also der Einsatz von Algorithmen zur Vorhersage von Straftaten, ist ein Paradebeispiel. Diese Systeme werden oft mit Daten gef\u00fcttert, die historisch verzerrt sind. Wenn in einem Viertel schon immer mehr Polizeikontrollen stattfanden, weil dort arme Menschen und Migranten leben, dann wird der Algorithmus dieses Viertel auch weiterhin als \u201egef\u00e4hrlich\u201c einstufen. Die Bewohner geraten in einen Kreislauf der Verd\u00e4chtigung. Sie werden von einer Maschine beurteilt, die keinerlei Vertrauen in sie hat, sondern nur historische Daten fortschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die in Gro\u00dfst\u00e4dten wie London oder Berlin eingesetzte Gesichtserkennung trifft die Armen h\u00e4rter, weil sie sich der \u00dcberwachung nicht entziehen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend sich Wohlhabende in Privatr\u00e4ume, abgeschottete Wohnanlagen oder auf Reisen zur\u00fcckziehen k\u00f6nnen, sind die \u00f6ffentlichen R\u00e4ume, in denen sich Arme aufhalten m\u00fcssen (Bahnh\u00f6fe, Parks, g\u00fcnstige Superm\u00e4rkte), die am dichtesten \u00fcberwachten Zonen der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Frage der Perspektive: Ist Misstrauen der Luxus der Reichen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle lohnt es sich, die Perspektive zu wechseln, um dem Gebot der Differenziertheit zu gen\u00fcgen. L\u00e4sst sich nicht auch argumentieren, dass systematisches Misstrauen ein Luxus ist, den sich nur Wohlhabende und Konzerne leisten k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Privatbankier, der jedes Gesch\u00e4ft von einer eigenen Compliance-Abteilung pr\u00fcfen l\u00e4sst, der Konzern, der sich gegen jeden noch so kleinen Schadensfall versichert, der Wohlhabende, der sich einen Sicherheitsdienst leistet \u2013 sie alle institutionalisieren Misstrauen. Sie k\u00f6nnen es sich leisten, niemandem zu vertrauen, weil sie \u00fcber die Ressourcen verf\u00fcgen, jedes Risiko durch Kontrolle und Absicherung zu neutralisieren. Sie kaufen sich das Misstrauen frei, indem sie Anw\u00e4lte, Gutachter und Sicherheitsfirmen bezahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Arme kann das nicht. Er muss im Alltag st\u00e4ndig informelle Vertrauensentscheidungen treffen, aber er tut dies unter dem Damoklesschwert der Katastrophe. Er kann es sich nicht leisten, auf Nummer sicher zu gehen, weil jede Absicherung Geld kostet. Er muss sich auf den Nachbarn verlassen, der auf die Kinder aufpasst, weil er keine bezahlte Kita hat. Er muss dem unseri\u00f6sen Autoverk\u00e4ufer glauben, weil er sich keine Werkstatt leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Perspektivwechsel f\u00fchrt zu einer ersch\u00fctternden Erkenntnis: Die Gesellschaft ist gespalten in diejenigen, die sich Vertrauen leisten k\u00f6nnen, weil sie die Verluste verschmerzen, und diejenigen, die sich Vertrauen nicht leisten k\u00f6nnen, weil sie die Verluste nicht verschmerzen k\u00f6nnen. Beide Gruppen sind zu unterschiedlichen Formen des Umgangs mit Risiko gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die historische Entwicklung: Vom lokalen Tauschhandel zur globalen Anonymit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blicken wir noch einmal in die Industriegeschichte zur\u00fcck. In der vorindustriellen Zeit, in d\u00f6rflichen Gemeinschaften, war Vertrauen oft eine Funktion der Sichtbarkeit. Man kannte den Schmied, den M\u00fcller, den Bauern seit Generationen. Vertrauen war eingebettet in soziale Kontrolle. Wer betrog, flog aus der Gemeinschaft. Dieses System war f\u00fcr den Einzelnen riskant, aber es schuf eine stabile Erwartungshaltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Industrialisierung riss diese Strukturen auf. Die Menschen str\u00f6mten in die St\u00e4dte, trafen auf Fremde, arbeiteten in anonymen Fabriken. Die Soziologen des 19. Jahrhunderts, wie Ferdinand T\u00f6nnies mit seiner Unterscheidung von \u201eGemeinschaft\u201c und \u201eGesellschaft\u201c, beschrieben diesen Schock. In der \u201eGesellschaft\u201c wird das Vertrauen durch Vertr\u00e4ge und Recht ersetzt. Der Arbeiter vertraut nicht mehr dem Meister, er vertraut dem Tarifvertrag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute, in der digitalen Sp\u00e4tmoderne, sind wir einen Schritt weiter. Der Tarifvertrag verschwindet vielerorts, die rechtliche Absicherung wird f\u00fcr prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte l\u00f6chrig. Wir stehen vor dem Paradox, dass wir in einer hypervernetzten Welt sozial isolierter sind denn je. Die Studie \u201eEinsamkeit in der modernen Gesellschaft\u201c des Deutschen Zentrums f\u00fcr Altersfragen (2023) zeigt, dass Einsamkeit kein Ph\u00e4nomen des Alters mehr ist, sondern zunehmend Menschen in der Lebensmitte und junge Erwachsene betrifft, oft korreliert mit niedrigem Einkommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Einsamkeit ist die soziale Entsprechung des fehlenden Vertrauens. Wer keine Ressourcen hat, um Beziehungen zu pflegen, wer st\u00e4ndig umziehen muss, wer mehrere Jobs nachgeht, kann keine tiefen Vertrauensverh\u00e4ltnisse aufbauen. Die Beziehungen bleiben oberfl\u00e4chlich, funktional, austauschbar.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zuk\u00fcnftige Implikationen: Die Vertrauensl\u00fccke der KI<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet dies f\u00fcr die Zukunft? Wir stehen an der Schwelle zu einer Gesellschaft, in der K\u00fcnstliche Intelligenz immer mehr Entscheidungen trifft, die das Leben der Menschen betreffen \u2013 von der Kreditvergabe \u00fcber die Bewerbungssichtung bis hin zur Haftentlassungsprognose.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Systeme sind per Definition vertrauenslos. Sie rechnen, sie kalkulieren, sie optimieren. Sie haben kein Bewusstsein f\u00fcr die existenziellen Folgen ihrer Entscheidungen. Wenn ein KI-System einen Kreditantrag ablehnt, tut es dies auf Basis von Wahrscheinlichkeiten. F\u00fcr den Antragsteller bedeutet dies jedoch oft den Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gro\u00dfe Gefahr besteht darin, dass diese Technologien die Vertrauensl\u00fccke zwischen Arm und Reich weiter aufrei\u00dfen. Wer ohnehin wenig hat, wird von intransparenten Algorithmen bewertet und abgestraft, w\u00e4hrend Wohlhabende sich pers\u00f6nliche Beratung, individuelle L\u00f6sungen und menschliche Entscheider leisten k\u00f6nnen. Die KI droht, das Misstrauen zu automatisieren und zu skalieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Die Wiederaneignung des Vertrauens<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eingangs zitierte These, dass Vertrauen ein Luxus sei, den Arme sich nicht leisten k\u00f6nnten, erweist sich bei genauer technikhistorischer und soziologischer Betrachtung als eine pr\u00e4zise Beschreibung unserer Gegenwart. Sie ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Strukturen und technologischen Entwicklungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte lehrt uns, dass Vertrauen nicht einfach vorhanden ist oder nicht. Es wird institutionell gerahmt. Der Wohlfahrtsstaat, die Sozialversicherungen, die Mitbestimmungsrechte \u2013 all das waren historische Versuche, Vertrauen zu verstetigen und es unabh\u00e4ngig von der individuellen Risikotragf\u00e4higkeit zu machen. Sie waren die Antwort auf die Vertrauenskrise der Industrialisierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute, in der Krise der digitalen Moderne, braucht es neue Antworten. Es braucht eine Technikgestaltung, die nicht auf Misstrauen und Kontrolle, sondern auf Bef\u00e4higung und Teilhabe zielt. Es braucht eine \u00d6konomie, die den Menschen nicht nur als Risikofaktor, sondern als Vertrauenssubjekt begreift. Und es braucht eine Politik, die daf\u00fcr sorgt, dass Vertrauen wieder zu einem \u00f6ffentlichen Gut wird \u2013 und nicht zu einem Luxusgut, das man sich leisten k\u00f6nnen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn eines zeigt die Geschichte der Technik und der Arbeit deutlich: Eine Gesellschaft, die das Vertrauen der \u00c4rmsten verspielt, verspielt am Ende ihr eigenes Fundament.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kategorisierung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>im-rueckspiegel\/industrie-geschichte:<\/strong>\u00a0Der Artikel zieht umfangreich historische Linien von der Industrialisierung bis zur Gegenwart, um die Entwicklung der Vertrauensmechanismen zu erkl\u00e4ren.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>im-kopf\/denkwerkzeuge:<\/strong>\u00a0Die Analyse bedient sich soziologischer und verhaltens\u00f6konomischer Denkmodelle (Luhmann, Kahneman, Scarcity Mindset), um das Ph\u00e4nomen des Vertrauens als kognitives und soziales Werkzeug zu durchleuchten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Schlagworte:<\/strong><br>Vertrauen, Armut, Risikogesellschaft, Digitalisierung, Plattform\u00f6konomie, Technikgeschichte, Soziologie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Luhmann, Niklas:\u00a0<em>Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexit\u00e4t<\/em>. 4. Auflage, Lucius &amp; Lucius, Stuttgart 2000 (Erstver\u00f6ffentlichung 1968).<\/li>\n\n\n\n<li>Mullainathan, Sendhil; Shafir, Eldar:\u00a0<em>Knappheit: Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben<\/em>. Campus Verlag, Frankfurt\/New York 2013.<\/li>\n\n\n\n<li>Kahneman, Daniel:\u00a0<em>Schnelles Denken, langsames Denken<\/em>. Siedler Verlag, M\u00fcnchen 2012.<\/li>\n\n\n\n<li>Sennett, Richard:\u00a0<em>Der flexible Mensch: Die Kultur des neuen Kapitalismus<\/em>. Berlin Verlag, Berlin 1998.<\/li>\n\n\n\n<li>T\u00f6nnies, Ferdinand:\u00a0<em>Gemeinschaft und Gesellschaft: Grundbegriffe der reinen Soziologie<\/em>. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005 (Nachdruck der 8. Auflage von 1935).<\/li>\n\n\n\n<li>Deutscher Ethikrat:\u00a0<em>Stellungnahme: Big Data und Gesundheit \u2013 Datensouver\u00e4nit\u00e4t als informationelle Freiheitsgestaltung<\/em>. Berlin 2017. (Insbesondere die Kapitel zu Machtasymmetrien und Vulnerabilit\u00e4t).<\/li>\n\n\n\n<li>Reckwitz, Andreas:\u00a0<em>Die Gesellschaft der Singularit\u00e4ten: Zum Strukturwandel der Moderne<\/em>. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.<\/li>\n\n\n\n<li>Studie des Deutschen Zentrums f\u00fcr Altersfragen (DZA):\u00a0<em>Einsamkeit in der modernen Gesellschaft<\/em>. Fact Sheet, Berlin 2023. (Repr\u00e4sentative Daten zur Korrelation von Einkommen und sozialer Isolation).<\/li>\n\n\n\n<li>Zuboff, Shoshana:\u00a0<em>Das Zeitalter des \u00dcberwachungskapitalismus<\/em>. Campus Verlag, Frankfurt\/New York 2018.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von DerSchneider Es gibt S\u00e4tze, die bleiben im Ged\u00e4chtnis haften, weil sie eine Empfindung in eine unumst\u00f6\u00dfliche Formel gie\u00dfen. \u201eVertrauen ist ein Luxus, den Arme sich nicht leisten k\u00f6nnen\u201c ist ein solcher Satz. 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