{"id":2180,"date":"2026-03-14T10:59:30","date_gmt":"2026-03-14T09:59:30","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2180"},"modified":"2026-03-14T10:59:30","modified_gmt":"2026-03-14T09:59:30","slug":"william-perkin-und-die-purpurne-revolution-wie-ein-zufallsfund-die-moderne-welt-einfarbte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/william-perkin-und-die-purpurne-revolution-wie-ein-zufallsfund-die-moderne-welt-einfarbte\/","title":{"rendered":"William Perkin und die purpurne Revolution: Wie ein Zufallsfund die moderne Welt einf\u00e4rbte"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Der Farbton, der die Welt ver\u00e4nderte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es begann mit einem schleimigen, schwarzen R\u00fcckstand in einem Kolben \u2013 und endete mit einer der folgenreichsten industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts. Als der achtzehnj\u00e4hrige Chemiestudent William Henry Perkin in den Osterferien 1856 in seinem Dachlabor in London&#8217;s East End einen misslungenen Versuch zur Chininsynthese auswerten wollte, ahnte er nicht, dass er soeben den Grundstein f\u00fcr die moderne organisch-chemische Industrie gelegt hatte. Die tiefviolette L\u00f6sung, die er beim Reinigen des Kolbens mit Alkohol erhielt, sollte nicht nur die Modewelt auf den Kopf stellen, sondern auch die Weichen stellen f\u00fcr synthetische Medikamente, Fotografie, Parf\u00fcmherstellung und schlie\u00dflich sogar f\u00fcr die Chemiewaffen des Ersten Weltkriegs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte von Perkins Mauve (oder Mauvein, wie der Farbstoff sp\u00e4ter genannt wurde) ist weit mehr als eine Anekdote \u00fcber einen gl\u00fccklichen Zufall. Sie ist eine historische Fallstudie \u00fcber das Zusammenspiel von wissenschaftlicher Neugier, unternehmerischem Weitblick, industrieller Innovation und globaler Machtverschiebung. Und sie zeigt, wie eine Farbe, die \u00fcber Jahrtausende den Herrschern vorbehalten war, innerhalb weniger Jahre demokratisiert wurde \u2013 zu einem Preis, den sich pl\u00f6tzlich jedermann leisten konnte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I. Der Purpur der K\u00f6nige: Eine kurze Vorgeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um die Tragweite von Perkins Entdeckung zu verstehen, muss man einen Blick auf die Geschichte der Farbe Lila werfen. Der antike Purpur \u2013 lateinisch&nbsp;<em>purpura<\/em>, griechisch&nbsp;<em>porphyra<\/em>&nbsp;\u2013 war mehr als nur ein Farbstoff; er war ein Mythos, ein Machtsymbol, ein g\u00f6ttliches Privileg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewonnen wurde er aus dem Dr\u00fcsensekret verschiedener Schneckenarten der Gattungen&nbsp;<em>Murex<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Purpura<\/em>, die im \u00f6stlichen Mittelmeer heimisch waren. Die Herstellung war aufwendig und absto\u00dfend: Tausende von Schnecken mussten gesammelt, ihr Sekret gewonnen und \u00fcber Tage in bleiernen Kesseln gekocht werden \u2013 ein Prozess, der einen unertr\u00e4glichen Gestank verbreitete. Die Ausbeute war verschwindend gering: Sch\u00e4tzungen zufolge ben\u00f6tigte man f\u00fcr die Gewinnung von 1,5 Gramm reinen Purpurfarbstoffs zwischen 10.000 und 12.000 Schnecken&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/prj\/mis\/de\/mit\/21902211.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend teuer war das Ergebnis. Purpurstoffe waren ein Vielfaches ihres Gewichts in Gold wert. In der r\u00f6mischen Kaiserzeit wurde die Farbe zur exklusiven Dom\u00e4ne des Herrschers \u2013 ein Vergehen, das mit dem Tode bestraft werden konnte. Kaiser Diokletian erlie\u00df im Jahr 301 n. Chr. einen H\u00f6chstpreiserlass, der ein Pfund tyrischen Purpurseide mit dem damals astronomischen Betrag von 150.000 Denaren bepreiste&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Auch Elisabeth I. von England erlie\u00df im 16. Jahrhundert Kleiderordnungen, die Purpur dem Hochadel vorbehielten. Diese Exklusivit\u00e4t hielt sich \u00fcber Jahrtausende \u2013 bis zu jenem Osterwochenende 1856.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II. Der junge Mann und das falsche Experiment<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">William Henry Perkin, 1838 als j\u00fcngstes von sieben Kindern eines erfolgreichen Zimmermanns im Londoner East End geboren, zeigte fr\u00fch Interesse an Technik und Chemie&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Sein Lehrer Thomas Hall an der City of London School erkannte das Talent und f\u00f6rderte den Jungen. Mit 15 Jahren trat Perkin in das neu gegr\u00fcndete Royal College of Chemistry ein, wo er Sch\u00fcler des deutschen Chemikers August Wilhelm von Hofmann wurde&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Hofmann, ein Sch\u00fcler Justus von Liebigs, war einer der Pioniere der organischen Chemie und besch\u00e4ftigte sich intensiv mit den Bestandteilen des Steinkohlenteers \u2013 jenem \u00fcbelriechenden Abfallprodukt, das bei der Herstellung von Leuchtgas aus Kohle in riesigen Mengen anfiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hofmann hatte die Hypothese aufgestellt, dass es m\u00f6glich sein m\u00fcsse, das begehrte Malariamittel Chinin synthetisch herzustellen. Chinin wurde aus der Rinde des s\u00fcdamerikanischen Chinarindenbaums gewonnen, der Import war teuer und unsicher. Der junge Perkin, inzwischen Hofmanns Laborassistent, nahm die Herausforderung an \u2013 ein ambitioniertes Unterfangen, denn die Summenformel von Chinin war bekannt (C\u2082\u2080H\u2082\u2084N\u2082O\u2082), aber die Strukturchemie steckte noch in den Kinderschuhen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Osterferien 1856, als Hofmann verreist war, richtete sich Perkin in einem improvisierten Labor in seiner Wohnung in der Cable Street ein. Er experimentierte mit der Oxidation von Anilin, einer aus Steinkohlenteer gewonnenen Verbindung. Das Ergebnis war ern\u00fcchternd: Statt des klaren Chinins erhielt er einen schwarzen, teerigen R\u00fcckstand. Beim Reinigen des Kolbens mit Alkohol bemerkte Perkin jedoch, dass sich einige Bestandteile des R\u00fcckstands violett l\u00f6sten&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Er tauchte ein St\u00fcck Seide in die L\u00f6sung \u2013 und der Stoff f\u00e4rbte sich in einem intensiven, best\u00e4ndigen Purpurton.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die traditionelle Geschichtsschreibung spricht oft vom \u201egl\u00fccklichen Zufall\u201c. Das ist nicht falsch, aber unvollst\u00e4ndig. Perkin hatte nicht nur Gl\u00fcck; er war vorbereitet. Sein Interesse an Malerei und Fotografie hatte ihn f\u00fcr Farbeigenschaften sensibilisiert&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Er erkannte sofort, dass diese Substanz mehr sein k\u00f6nnte als ein Kuriosum. Gemeinsam mit seinem Bruder Thomas und seinem Freund Arthur Church f\u00fchrte er weitere Versuche durch \u2013 heimlich in einer H\u00fctte im Garten, um Hofmann nicht zu ver\u00e4rgern, der solch praktische Anwendungen gering sch\u00e4tzte&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">III. Vom Labor in die Fabrik: Der schwierige Weg zur Industrialisierung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dann folgte, war eine bemerkenswerte unternehmerische Leistung. Der 18-J\u00e4hrige lie\u00df sich den Farbstoff im August 1856 patentieren (Patent Nr. 1984) \u2013 ein entscheidender Schritt, der ihm die kommerzielle Verwertung sicherte&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Er schickte Proben an die schottische F\u00e4rberei Pullar in Perth. Die Antwort von Robert Pullar war ermutigend: \u201eWenn Ihre Erfindung die Kosten nicht exorbitant steigen l\u00e4sst, w\u00e4re sie zweifellos ein gro\u00dfer Gewinn f\u00fcr die F\u00e4rberei\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die H\u00fcrden waren enorm. Perkins Vater George, ein Zimmermann, investierte sein gesamtes Erspartes in das Vorhaben der S\u00f6hne \u2013 ein betr\u00e4chtliches Risiko f\u00fcr eine Familie der unteren Mittelschicht. 1857 gr\u00fcndeten die Perkins die Fabrik \u201ePerkin &amp; Sons\u201c in Greenford Green bei London, am Ufer des Grand Union Canal, der die notwendige Wasserversorgung und Transportanbindung sicherstellte&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die technischen Probleme waren gewaltig. Die Synthese musste vom Laborma\u00dfstab auf industrielle Gr\u00f6\u00dfenordnung skaliert werden, die Reinheit der Ausgangsstoffe schwankte, und die F\u00e4rber mussten erst lernen, mit dem neuen Material umzugehen. F\u00fcr Baumwolle, das wichtigste Textilmaterial der Industriellen Revolution, entwickelte Perkin eigens eine Beiztechnik&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Durchbruch kam, als die Mode den Farbstoff entdeckte. 1857 trug Kaiserin Eug\u00e9nie, die Gemahlin Napoleons III., eine mauvefarbene Seidenrobe \u2013 ein Signal f\u00fcr die Pariser Modewelt&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.chemeurope.com\/en\/encyclopedia\/Mauveine.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. K\u00f6nigin Victoria folgte 1862 mit einem mauvefarbenen Seidenkleid zur Royal Exhibition&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.chemeurope.com\/en\/encyclopedia\/Mauveine.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der \u201eMauve-Mania\u201c war nicht mehr aufzuhalten. Die britische Wochenzeitschrift&nbsp;<em>All the Year Round<\/em>, herausgegeben von Charles Dickens, beschrieb das Ph\u00e4nomen: \u201ePurpurn gestreifte Kleider, die sich in Landauer dr\u00e4ngen, Droschken f\u00fcllen, auf Dampfer str\u00f6men&#8230; wie Zugv\u00f6gel auf dem Weg ins Purpurparadies\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das Satiremagazin&nbsp;<em>Punch<\/em>&nbsp;spottete \u00fcber die \u201eMauve-Masern\u201c, die sich epidemisch ausbreiteten&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">IV. Die Wissenschaft hinter der Farbe: Was Perkin wirklich erfand<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die chemische Aufkl\u00e4rung von Perkins Entdeckung erwies sich als \u00fcberraschend schwierig. Lange wusste man nicht genau, welche Verbindung Perkin tats\u00e4chlich synthetisiert hatte. Erst 1994 gelang es einem Forscherteam um Meth-Cohn, die Struktur endg\u00fcltig zu kl\u00e4ren&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Es zeigte sich: Mauvein ist kein einheitlicher Stoff, sondern ein komplexes Gemisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perkin hatte Anilin oxidiert, das mit verschiedenen Toluidinen verunreinigt war \u2013 typisch f\u00fcr die damaligen Produktionsbedingungen. Die Reaktion ergab mehrere verwandte Phenazinium-Verbindungen. Heute unterscheidet man Mauvein A (C\u2082\u2086H\u2082\u2083N\u2084\u207a) und Mauvein B (C\u2082\u2087H\u2082\u2085N\u2084\u207a) sowie weitere Varianten, die erst 2007 und 2008 identifiziert wurden&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Insgesamt kennt man heute mindestens zw\u00f6lf verschiedene Mauvein-Verbindungen. Dass Perkins Farbe \u00fcberhaupt funktionierte, lag an dieser komplexen Mischung \u2013 ein Gl\u00fccksfall der Chemiegeschichte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">V. Perkins Verm\u00e4chtnis: Die Geburtsstunde der chemischen Industrie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bedeutung von Perkins Entdeckung geht weit \u00fcber die Mode hinaus. Sie l\u00e4utete das Zeitalter der synthetischen organischen Chemie ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Die Farbstoffindustrie explodiert<\/strong><br>Innerhalb weniger Jahre nach Mauvein entstanden zahlreiche neue Teerfarben: Fuchsin (1858), Anilinblau (1859), Bleu de Lyon, Perkins eigenes Britannia-Violett und Perkin-Gr\u00fcn&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Nachfrage war scheinbar unstillbar. In den 1870er Jahren produzierte Perkins Fabrik j\u00e4hrlich Hunderttausende Tonnen Farbstoffe&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/prj\/mis\/de\/mit\/21902211.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2. Von Farben zu Medikamenten<\/strong><br>Die Techniken der Farbstoffsynthese erwiesen sich als \u00fcbertragbar auf medizinische Anwendungen. Robert Koch f\u00e4rbte menschliches Gewebe mit Anilinfarben, um den Tuberkelbazillus sichtbar zu machen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Paul Ehrlich, der \u201eVater der Chemotherapie\u201c, entwickelte aus der Beobachtung, dass bestimmte Farbstoffe Bakterien anf\u00e4rben und abt\u00f6ten, die Idee der \u201emagischen Kugel\u201c \u2013 Substanzen, die gezielt Krankheitserreger angreifen. Sein Syphilis-Mittel Salvarsan (1909) basierte auf diesen Prinzipien&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Sulfonamide, die ersten wirksamen Antibiotika, entstanden in den 1930er Jahren aus der Farbstoffforschung&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.chemeurope.com\/en\/encyclopedia\/Mauveine.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>3. Parf\u00fcm und Aromastoffe<\/strong><br>1868 synthetisierte Perkin Cumarin, den ersten wichtigen synthetischen Duftstoff des Steinkohlenteers&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. 1881 brachte Houbigant mit&nbsp;<em>Foug\u00e8re Royale<\/em>&nbsp;das erste Parf\u00fcm auf den Markt, das auf einem solchen synthetischen Grundstoff basierte \u2013 eine Revolution f\u00fcr die Parf\u00fcmerie, die bis dahin ausschlie\u00dflich auf nat\u00fcrliche Essenzen angewiesen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>4. Der deutsche Aufstieg<\/strong><br>Paradoxerweise profitierte von Perkins Erfindung langfristig nicht England, sondern Deutschland. Perkins Heimatland vers\u00e4umte es, die junge Industrie durch Ausbildung und F\u00f6rderung zu st\u00fctzen. Die deutsche Chemie hingegen setzte auf systematische Forschung. Unternehmen wie BASF, Bayer, Hoechst und Agfa investierten fr\u00fch in firmeneigene Forschungslabors&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/industrie-und-wirtschaft\/basf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. 1869 entwickelten die Deutschen Graebe und Liebermann ein Verfahren zur Synthese von Alizarin (dem roten Farbstoff des Krapps) \u2013 Perkin meldete ein verbessertes Verfahren nur einen Tag sp\u00e4ter zum Patent an und konnte so immerhin noch mithalten&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Aber der Trend war klar: In den 1890er Jahren hatte Deutschland ein Quasi-Monopol auf dem Weltfarbstoffmarkt, Perkins Fabrik wurde verkauft&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VI. Die dunkle Seite: Gift, Krieg und Umwelt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erfolgsgeschichte der Teerfarben hat eine Schattenseite, die nicht verschwiegen werden darf. Die Arbeiter in den Anilinfabriken waren ungesch\u00fctzten Chemikalien ausgesetzt. Fr\u00fch schon wurde ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr Blasenkrebs festgestellt \u2013 eine Berufskrankheit, die erst Jahrzehnte sp\u00e4ter systematisch erforscht wurde&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die enge Verbindung von chemischer Industrie und Kriegsmaschinerie zeigte sich sp\u00e4testens im Ersten Weltkrieg. Die Farbstoffabriken wurden auf die Produktion von Sprengstoffen umgestellt; Abfallprodukte wie Chlor fanden Verwendung als Giftgas&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die BASF, urspr\u00fcnglich zur Farbstoffherstellung gegr\u00fcndet, produzierte im Krieg massiv Salpeters\u00e4ure f\u00fcr Munition und betrieb zeitweise Werke mit 60.000 Zwangsarbeitern, haupts\u00e4chlich Belgiern&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/industrie-und-wirtschaft\/basf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fusion deutscher Chemiefirmen zur IG Farben 1925 schuf das gr\u00f6\u00dfte Chemieunternehmen der Welt \u2013 das sp\u00e4ter in Auschwitz das Kautschukwerk Monowitz betrieb und das Zyklon B lieferte, mit dem Millionen Menschen ermordet wurden&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das ist die dunkle Erblast der Industrie, die mit Perkins harmloser violetter Seide begann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VII. R\u00fcckzug und sp\u00e4te Ehre<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perkin selbst zog sich 1874, mit nur 36 Jahren, aus dem Gesch\u00e4ftsleben zur\u00fcck und widmete sich der Grundlagenforschung. Er entdeckte die nach ihm benannte Perkin-Reaktion zur Synthese unges\u00e4ttigter S\u00e4uren, forschte \u00fcber magnetische Drehung und chemische Konstitution und wurde 1906, zum 50. Jahrestag seiner Entdeckung, von einer internationalen Gemeinschaft geehrt&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/biography\/William-Henry-Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Er wurde zum Knight Bachelor geschlagen, erhielt die Hofmann-Medaille der Deutschen Chemischen Gesellschaft und die Lavoisier-Medaille der Soci\u00e9t\u00e9 Chimique de France&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. In New York trugen die Herren bei einem Festbankett zu seinen Ehren lila Fliegen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Ein Jahr sp\u00e4ter starb Perkin an den Folgen einer geplatzten Blinddarmentz\u00fcndung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick: Die purpurne Demokratisierung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte von William Perkin ist die Geschichte einer Demokratisierung. Was Jahrtausende lang den M\u00e4chtigen vorbehalten war \u2013 die Farbe Lila \u2013 wurde innerhalb weniger Jahre f\u00fcr jedermann erschwinglich. Aber sie ist auch eine Geschichte \u00fcber die Macht des Zufalls im Zusammenspiel mit Vorbereitung und unternehmerischem Mut. Perkin war nicht nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort; er war f\u00e4hig, die Bedeutung des Fundes zu erkennen und gegen alle Widerst\u00e4nde umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die moderne Welt ist bunt geworden \u2013 bunt durch synthetische Farben, die in Textilien, Lebensmitteln, Kosmetika und Medikamenten allgegenw\u00e4rtig sind. Die chemische Industrie, die Perkin mitbegr\u00fcndete, hat unbestreitbar Wohlstand und Fortschritt gebracht. Sie hat aber auch gezeigt, wie schnell wissenschaftlicher Fortschritt in zerst\u00f6rerische Bahnen gelenkt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir heute ein lilafarbenes T-Shirt tragen, sollten wir uns daran erinnern: Dieser Farbton ist das Ergebnis einer Kette von Ereignissen, die in einem Dachlabor in London begann \u2013 mit einem 18-J\u00e4hrigen, der den Mut hatte, einen schwarzen, schleimigen R\u00fcckstand nicht einfach wegzukippen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung an Mauvein ist \u00fcbrigens noch nicht abgeschlossen. 2015 gelang erstmals die Kristallstrukturanalyse eines Mauvein-Chromophors&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Chemie dieser \u00fcber 160 Jahre alten Verbindung gibt immer noch R\u00e4tsel auf \u2013 ein Zeichen daf\u00fcr, dass die Wissenschaft nie am Ende ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Goethe-Institut: Die Erfindung der Farbe Lila\u00a0<a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/prj\/mis\/de\/mit\/21902211.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia (englisch): William Henry Perkin\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin&amp;printable=yes\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia (englisch): Mauveine\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mauveine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia (deutsch): William Henry Perkin\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=William_Henry_Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Spektrum der Wissenschaft: Rezension zu Simon Garfield \u201eLila\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/rezension\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\/579613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Encyclopaedia Britannica: Sir William Henry Perkin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/biography\/William-Henry-Perkin\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>ChemEurope: Mauveine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.chemeurope.com\/en\/encyclopedia\/Mauveine.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste Dresden: Bibliotheksbeitrag\u00a0<a href=\"https:\/\/www.hfbk-dresden.de\/aktuelles\/details\/lila-wie-eine-farbe-die-welt-veraenderte\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Deutsches Historisches Museum: LeMO \u2013 BASF\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/kaiserreich\/industrie-und-wirtschaft\/basf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einleitung: Der Farbton, der die Welt ver\u00e4nderte Es begann mit einem schleimigen, schwarzen R\u00fcckstand in einem Kolben \u2013 und endete mit einer der folgenreichsten industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts. Als der achtzehnj\u00e4hrige Chemiestudent William Henry Perkin in den Osterferien 1856 in seinem Dachlabor in London&#8217;s East End einen misslungenen Versuch zur Chininsynthese auswerten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,32],"tags":[424,1480,3280,4398,6780,6903,7752],"class_list":["post-2180","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-ruckspiegel","category-techarchaologie","tag-anilin","tag-demokratisierung-von-luxus","tag-industriegeschichte","tag-mauvein","tag-synthetische-farbstoffe","tag-teerfarben","tag-william-perkin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2180"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2180\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}