{"id":2220,"date":"2026-03-18T16:41:40","date_gmt":"2026-03-18T15:41:40","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2220"},"modified":"2026-03-18T16:41:40","modified_gmt":"2026-03-18T15:41:40","slug":"der-geschenkte-fortschritt-wie-open-source-die-spielregeln-der-technologiegeschichte-neu-schrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-geschenkte-fortschritt-wie-open-source-die-spielregeln-der-technologiegeschichte-neu-schrieb\/","title":{"rendered":"Der geschenkte Fortschritt: Wie Open Source die Spielregeln der Technologiegeschichte neu schrieb"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von einem erfahrenen Fachjournalisten und Technikhistoriker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Momente in der Technikgeschichte, die so selbstverst\u00e4ndlich geworden sind, dass wir ihre Radikalit\u00e4t kaum noch wahrnehmen. Dass ein Student in Bangalore, eine Entwicklerin in Berlin und ein Hobbybastler in S\u00e3o Paulo dieselbe Software nutzen, ver\u00e4ndern und weitergeben k\u00f6nnen \u2013 ohne eine einzige Lizenzgeb\u00fchr zu zahlen, ohne Vertr\u00e4ge, ohne Bitsteller \u2013 das w\u00e4re vor drei\u00dfig Jahren noch als Utopie erschienen. Heute ist es Alltag. Doch der Weg dahin war kein gradliniger Triumphzug des Altruismus, sondern eine komplexe Auseinandersetzung um die Frage, wem Wissen eigentlich geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Geburt einer Idee: Als Software noch selbstverst\u00e4ndlich geteilt wurde<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu verstehen, was Open Source eigentlich bedeutet, m\u00fcssen wir zur\u00fcck in die 1950er und 1960er Jahre. Die Computerwissenschaft steckte in den Kinderschuhen, Hardware war teuer und selten. Software galt als Annex der Maschine, nicht als eigenst\u00e4ndiges Wirtschaftsgut. An Universit\u00e4ten und in Forschungslabors wie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder den Bell Labs war der Austausch von Code selbstverst\u00e4ndlich. Man teilte, weil man gemeinsam lernen wollte. Programme wurden weitergereicht wie Notizen in einer Vorlesung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Kultur des Teilens war keine politische Entscheidung, sondern eine pragmatische. In seiner grundlegenden Untersuchung &#8222;Open Sources: Voices from the Open Source Revolution&#8220; beschreibt der Informatiker Eric S. Raymond diese fr\u00fche \u00c4ra als eine Welt, in der &#8222;Hacker&#8220; \u2013 damals noch ein Ehrentitel f\u00fcr t\u00fcftelnde Programmierer \u2013 Code als gemeinsames Gut betrachteten. Es gab kaum eine kommerzielle Softwareindustrie; wer ein Problem l\u00f6ste, gab die L\u00f6sung weiter, damit andere darauf aufbauen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese Idylle w\u00e4hrte nicht lange. Mit der zunehmenden Verbreitung von Computern in der Wirtschaft und der Ausgliederung von Software aus Hardwarepaketen in den sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren begann sich das Blatt zu wenden. Software wurde zur Ware.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der gro\u00dfe Bruch: Als das Teilen zum Verbrechen wurde<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der entscheidende Wendepunkt l\u00e4sst sich an einem Mann und einem Unternehmen festmachen: Bill Gates und Microsoft. 1976 verfasste der junge Gates seinen ber\u00fchmten &#8222;Open Letter to Hobbyists&#8220;. Adressiert war er an die fr\u00fche Heimcomputer-Szene, die seinen BASIC-Interpreter f\u00fcr den Altair 8800 weitgehend ungefragt kopierte und weitergab. Gates&#8216; Tonfall war emp\u00f6rt: &#8222;As the majority of hobbyists must be aware, most of you steal your software. Hardware must be paid for, but software is something to share. Who cares if the people who worked on it get paid?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Brief markierte einen epistemologischen Bruch. Er formte das Narrativ, dass unerlaubtes Teilen von Software nichts mit akademischem Austausch zu tun habe, sondern schlicht Diebstahl sei. Es war der Beginn einer \u00c4ra, in der Software zunehmend durch Urheberrecht und Lizenzvertr\u00e4ge gesch\u00fctzt wurde \u2013 und damit der Grundstein f\u00fcr die heutige propriet\u00e4re Softwareindustrie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1980er Jahren erreichte diese Entwicklung mit dem US-amerikanischen Copyright Act von 1976 und der zunehmenden Patentierung von Software einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Code wurde zu einem Betriebsgeheimnis, Quelltexte verschwanden in Tresoren. Aus Sicht der Unternehmen war dies nachvollziehbar: Sie hatten investiert und wollten Rendite. Aus Sicht einer wachsenden Zahl von Entwicklern war es ein kultureller und intellektueller R\u00fcckschritt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Richard Stallman und die Geburt einer Bewegung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diese Zeit des Umbruchs f\u00e4llt die Geschichte von Richard Stallman, einem Programmierer am MIT AI Lab. Stallman erlebte hautnah mit, wie seine Gemeinschaft zerfiel. Als der Hersteller Xerox dem Labor einen leistungsstarken Drucker spendete, aber den Quellcode des Treibers verweigerte, war Stallman nicht nur ver\u00e4rgert \u2013 er war zutiefst verunsichert. Er konnte das Ger\u00e4t nicht anpassen, nicht verbessern, nicht reparieren. Die Kontrolle \u00fcber sein Werkzeug war ihm entzogen worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1983 verk\u00fcndete Stallman den Start des GNU-Projekts (GNU steht f\u00fcr &#8222;GNU&#8217;s Not Unix&#8220;). Sein Ziel war ambitioniert: ein vollst\u00e4ndig freies Unix-\u00e4hnliches Betriebssystem zu schaffen. Zwei Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndete er die Free Software Foundation und formulierte die erste Version der GNU General Public License (GPL). Dies war die eigentliche Revolution. Stallman schuf kein rechtliches Vakuum, sondern nutzte das Urheberrecht, um Freiheit zu erzwingen. Das sogenannte&nbsp;<em>Copyleft<\/em>&nbsp;besagt: Jeder darf die Software nutzen, ver\u00e4ndern und weitergeben \u2013 aber nur unter denselben Bedingungen. Wer den Code verwendet, muss die Quellen offenlegen und die gleichen Freiheiten gew\u00e4hren. Die Freiheit pflanzt sich fort, sie kann nicht zur\u00fcckgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stallman sprach bewusst von &#8222;Free Software&#8220;, wobei er stets betonte, dass es hier um Freiheit (englisch:&nbsp;<em>free as in free speech<\/em>), nicht um kostenlosen Bierkonsum (<em>free as in free beer<\/em>) gehe. Seine Motivation war eine zutiefst ethische: Softwarefreiheit sei eine Frage der Menschenw\u00fcrde und der digitalen Selbstbestimmung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Linux: Der Zufall, der alles ver\u00e4nderte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dem GNU-Projekt lange fehlte, war ein funktionierender Kernel \u2013 das Herzst\u00fcck eines Betriebssystems. Und hier betritt der Finne Linus Torvalds die B\u00fchne. 1991, als Student an der Universit\u00e4t Helsinki, begann er aus purer Neugier mit der Entwicklung eines eigenen Terminal-Emulators. Was als pers\u00f6nliches Spielprojekt begann, wurde unter dem Namen Linux zu einem globalen Ph\u00e4nomen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Torvalds war weniger Ideologe als Pragmatiker. Er stellte seinen Code ins Internet und bat um Mithilfe. Die Reaktion \u00fcbertraf jede Vorstellung. Innerhalb weniger Jahre schlossen sich hunderte, dann tausende Entwickler zusammen, um das Betriebssystem voranzutreiben. Sie nutzten das Internet als globale Kollaborationsplattform, lange bevor Begriffe wie &#8222;Social Media&#8220; existierten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verbindung von GNU-Werkzeugen und Linux-Kernel ergab ein vollst\u00e4ndig freies Betriebssystem, das stabil genug f\u00fcr den Servereinsatz war. Pl\u00f6tzlich war Open Source \u2013 der Begriff setzte sich erst sp\u00e4ter durch \u2013 nicht mehr nur eine Nischenexistenz von Idealisten, sondern eine ernstzunehmende technologische Alternative.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Spaltung: Open Source vs. Free Software<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau hier, Mitte der 1990er Jahre, entstand eine der interessantesten Kontroversen der Bewegung, die bis heute nachwirkt. Der Erfolg von Linux brachte die Frage auf: Wie vermittelt man diese Idee der Wirtschaft?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1998 traf sich eine Gruppe einflussreicher Entwickler um Eric S. Raymond und Bruce Perens in Kalifornien. Sie waren \u00fcberzeugt, dass der Begriff &#8222;Free Software&#8220; im Gesch\u00e4ftsleben falsch verstanden werde \u2013 zu ideologisch, zu anti-kommerziell, zu sehr nach &#8222;umsonst&#8220; klingend. Sie pr\u00e4gten den neuen Begriff &#8222;Open Source&#8220; und gr\u00fcndeten die Open Source Initiative (OSI).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Open Source Definition sollte pragmatisch sein. Sie legt fest, unter welchen Bedingungen Software als Open Source gelten darf: freie Weitergabe, Offenlegung des Quellcodes, Erlaubnis von Modifikationen, Diskriminierungsverbote f\u00fcr Personen oder Anwendungsfelder. Die wirtschaftlichen Vorteile standen nun im Vordergrund: bessere Qualit\u00e4t durch viele Augen, schnellere Innovation, geringere Abh\u00e4ngigkeiten von Herstellern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Richard Stallman und die Free Software Foundation sahen dies mit gro\u00dfer Skepsis. F\u00fcr sie war die Umbenennung ein Verrat am ethischen Kern. Man opfere die Moral dem Marketing, so Stallmans Vorwurf. W\u00e4hrend Open Source lediglich eine effiziente Entwicklungsmethode beschreibe, gehe es bei Freier Software um Freiheit und Gemeinschaft. Die Debatte zwischen diesen Lagern ist bisweilen von fast theologischer Sch\u00e4rfe. In der Praxis haben sich beide Begriffe etabliert, wobei &#8222;Open Source&#8220; im wirtschaftlichen Kontext dominiert, w\u00e4hrend &#8222;Free Software&#8220; in der Aktivisten- und Datenschutzszene verankert bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wikipedia und die Demokratisierung von Wissen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Open Source beschr\u00e4nkte sich nie auf Software. Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel f\u00fcr die \u00dcbertragung des Prinzips auf andere Bereiche ist Wikipedia. 2001 von Jimmy Wales und Larry Sanger ins Leben gerufen, sollte die freie Enzyklop\u00e4die urspr\u00fcnglich ein wissenschaftlich begutachtetes Modell werden. Doch erst der Wechsel zum Wiki-Prinzip \u2013 jeder darf schreiben und editieren \u2013 brachte den Durchbruch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wikipedia ist in mehrfacher Hinsicht das Kind der Open-Source-Idee. Die Software (MediaWiki) ist Open Source, die Inhalte stehen unter freien Lizenzen (Creative Commons), und die Gemeinschaft der Freiwilligen organisiert sich in Diskussionsforen und nach selbstgesetzten Regeln. Dass dieses Modell funktioniert, ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Studien, etwa von der Wikimedia Foundation selbst oder unabh\u00e4ngigen Forschern wie der Oxford Internet Institute, zeigen, dass die Qualit\u00e4t der Artikel in vielen Bereichen mit traditionellen Enzyklop\u00e4dien mithalten kann \u2013 und das trotz (oder wegen) der Offenheit f\u00fcr alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wikipedia ist zum zentralen Wissensspeicher des Internets geworden. Es zeigt, dass das Open-Source-Prinzip nicht nur Code, sondern auch kulturelle G\u00fcter demokratisieren kann. Gleichzeitig offenbart es die Schattenseiten: Machtk\u00e4mpfe unter Editoren, systematische Verzerrungen (etwa eine Unterrepr\u00e4sentation von Frauen und Themen des Globalen S\u00fcdens) und die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr gezielte Desinformationskampagnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Linux im Alltag: Der unsichtbare Riese<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend viele Nutzer Open Source vor allem mit Linux oder Firefox verbinden, ist die tats\u00e4chliche Verbreitung weitaus gr\u00f6\u00dfer \u2013 und oft unsichtbar. Jeder, der ein Android-Smartphone nutzt, verwendet einen Linux-Kernel. Google Chrome und Microsoft Edge basieren auf dem Open-Source-Browser Chromium. Die meisten Webserver laufen unter Linux, der Apache-Server oder Nginx sind Open Source. Cloud-Dienste, Supercomputer, das Internet der Dinge \u2013 \u00fcberall steckt Open Source drin, oft ohne dass es dem Endnutzer bewusst ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese unsichtbare Dominanz ist ein Beleg f\u00fcr die technische \u00dcberlegenheit des Modells. Open-Source-Software ist in vielen Bereichen zum Industriestandard geworden, nicht wegen moralischer Appelle, sondern weil sie schlicht besser, sicherer und flexibler ist. Unternehmen wie IBM, Red Hat (inzwischen von IBM \u00fcbernommen), Intel und Google investieren massiv in Open-Source-Projekte \u2013 nicht aus N\u00e4chstenliebe, sondern aus strategischem Kalk\u00fcl. Sie reduzieren Entwicklungskosten, vermeiden Lock-in-Effekte und profitieren von den Verbesserungen der Gemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die \u00f6konomische Logik des Schenkens<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies f\u00fchrt zu einer interessanten Frage: Warum funktioniert Open Source wirtschaftlich? Die klassische \u00d6konomie geht vom knappen Gut aus, das verteidigt werden muss. Open Source hingegen produziert \u00f6ffentliche G\u00fcter, die jeder kostenlos nutzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort liegt in einem ver\u00e4nderten Verst\u00e4ndnis von Wertsch\u00f6pfung. Der Wirtschaftswissenschaftler und Autor Yochai Benkler hat in seinem Werk &#8222;The Wealth of Networks&#8220; das Konzept der &#8222;commons-based peer production&#8220; gepr\u00e4gt. Demnach entsteht Wert nicht durch hierarchische Organisation oder reine Marktmechanismen, sondern durch dezentrale Zusammenarbeit Gleichgestellter. Die Motivationen sind vielf\u00e4ltig: Reputation in der Gemeinschaft, das L\u00f6sen eigener Probleme, Lernchancen, ideelle \u00dcberzeugung oder schlicht Freude am Programmieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unternehmen haben gelernt, mit dieser Logik umzugehen. Sie besch\u00e4ftigen Entwickler, die hauptberuflich an Open-Source-Projekten arbeiten, und verkaufen dann Dienstleistungen, Support oder Zusatzfunktionen. Red Hat war der Pionier dieses Gesch\u00e4ftsmodells. Andere Firmen nutzen Open Source, um propriet\u00e4re Standards zu untergraben oder den eigenen Markt zu erweitern. Google f\u00f6rdert Android, um sein Werbegesch\u00e4ft zu st\u00fctzen, nicht weil Suchkonzern-Chef Sundar Pichai ein Anh\u00e4nger Stallmans w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die dunklen Seiten: Sicherheit, Nachhaltigkeit und Ausbeutung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So erfolgreich die Open-Source-Bewegung ist, sie hat auch ihre Schattenseiten. Das oft zitierte &#8222;Given enough eyeballs, all bugs are shallow&#8220; (Linus Torvalds&#8216; Gesetz, formuliert von Eric Raymond) stimmt nur bedingt. Wenn die Augen nicht hinsehen, bleiben Fehler verborgen. Die Sicherheitsl\u00fccke Heartbleed im Open-SSL-Projekt (einer weit verbreiteten Verschl\u00fcsselungsbibliothek) zeigte 2014 erschreckend deutlich, wie verwundbar kritische Infrastruktur sein kann, wenn sie von einigen wenigen, oft unbezahlten Entwicklern gepflegt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Problem der Nachhaltigkeit ist fundamental. Viele zentrale Open-Source-Bibliotheken werden von Freiwilligen in ihrer Freizeit gewartet, w\u00e4hrend global agierende Konzerne darauf aufbauen und Millionen verdienen. Es entsteht ein Ungleichgewicht, das der Sicherheitsforscher und Autor Nadia Eghbal in ihrem Buch &#8222;Working in Public&#8220; treffend als &#8222;Lizenz zur Ausbeutung&#8220; beschrieben hat. Die Entwickler leiden unter Burnout, die Wartung bleibt auf der Strecke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem ist Open Source nicht immun gegen Kommerzialisierung und Vereinnahmung. Immer wieder versuchen Unternehmen, Open-Source-Projekte zu \u00fcbernehmen, die Kontrolle an sich zu rei\u00dfen oder die Lizenzbedingungen nachtr\u00e4glich zu versch\u00e4rfen. Der Fall um das Datenbankprojekt MongoDB, das 2018 seine Lizenz wechselte, um Cloud-Anbietern die kommerzielle Nutzung ohne Gegenleistung zu erschweren, ist ein Beispiel f\u00fcr diesen Kampf um die Deutungshoheit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Open Source und k\u00fcnstliche Intelligenz: Die n\u00e4chste Front<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Aufkommen generativer KI und gro\u00dfer Sprachmodelle stellt sich die Frage nach Offenheit v\u00f6llig neu. Sind KI-Modelle die neue Software? Und wenn ja, was bedeutet Open Source hier \u00fcberhaupt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Debatte ist komplex. W\u00e4hrend Firmen wie OpenAI (trotz des Namens) ihre Modelle wie GPT-4 weitgehend unter Verschluss halten und nur \u00fcber APIs anbieten, gibt es Gegenbewegungen. Meta ver\u00f6ffentlichte mit Llama Modelle, die zwar nicht vollst\u00e4ndig offen im Sinne der Open Source Definition sind, aber zumindest Gewichte zug\u00e4nglich machen. Projekte wie BLOOM, ein multinationales Forschungsprojekt unter F\u00fchrung von Hugging Face, versuchen, ein wirklich offenes Sprachmodell zu schaffen, das den Kriterien von Transparenz und Nachnutzbarkeit gen\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Herausforderungen sind immens. Trainingsdaten sind oft urheberrechtlich gesch\u00fctzt, die ben\u00f6tigte Rechenleistung ist enorm, und die gesellschaftlichen Auswirkungen sind noch kaum absehbar. Die Open-Source-Bewegung steht hier vor einer ihrer gr\u00f6\u00dften Bew\u00e4hrungsproben. Kann sie das Prinzip der Offenheit in eine Dom\u00e4ne tragen, die von industriellen Ma\u00dfst\u00e4ben und geopolitischen Rivalit\u00e4ten gepr\u00e4gt ist? Oder wird KI die R\u00fcckkehr zur alten Welt der streng geh\u00fcteten Betriebsgeheimnisse bedeuten?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Eine stille Revolution<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">R\u00fcckblickend erscheint die Open-Source-Bewegung als eine der folgenreichsten kulturellen und technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Sie hat nicht nur die Softwareindustrie grundlegend ver\u00e4ndert, sondern unser Verst\u00e4ndnis von Eigentum, Gemeinschaft und Zusammenarbeit im digitalen Zeitalter neu justiert. Was als Aufbegehren einiger weniger Hacker begann, ist heute das Betriebssystem des Internets \u2013 im \u00fcbertragenen wie im w\u00f6rtlichen Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bewegung hat gezeigt, dass Teilen kein Nullsummenspiel sein muss. Dass Wissen nicht weniger wird, wenn man es weitergibt, sondern im Gegenteil wachsen kann. Dass tausende Freiwillige, verteilt \u00fcber den ganzen Globen, gemeinsam Dinge erschaffen k\u00f6nnen, an die kein Konzern allein sich heranwagen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch der Kampf um Offenheit ist nicht vorbei. Die Kommerzialisierung des Internets, die Macht der gro\u00dfen Plattformen und die neuen Herausforderungen der KI-\u00c4ra stellen das Modell auf die Probe. Open Source muss sich weiterentwickeln, Antworten finden auf die Fragen nach nachhaltiger Finanzierung, fairer Anerkennung und dem Schutz vor Vereinnahmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende bleibt die Erkenntnis, die schon Richard Stallman trieb: Kontrolle \u00fcber die Werkzeuge bedeutet Kontrolle \u00fcber das eigene digitale Leben. Open Source hat uns diese Kontrolle zumindest m\u00f6glich gemacht \u2013 wenn wir sie denn nutzen wollen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Benkler, Yochai:\u00a0<em>The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom<\/em>. Yale University Press, 2006.<\/li>\n\n\n\n<li>Eghbal, Nadia:\u00a0<em>Working in Public: The Making and Maintenance of Open Source Software<\/em>. Stripe Press, 2020.<\/li>\n\n\n\n<li>Gates, Bill:\u00a0<em>An Open Letter to Hobbyists<\/em>. Computer Notes, 1976.<\/li>\n\n\n\n<li>Raymond, Eric S.:\u00a0<em>The Cathedral and the Bazaar<\/em>. O&#8217;Reilly Media, 1999.<\/li>\n\n\n\n<li>Raymond, Eric S. (Hrsg.):\u00a0<em>Open Sources: Voices from the Open Source Revolution<\/em>. O&#8217;Reilly Media, 1999.<\/li>\n\n\n\n<li>Stallman, Richard M.:\u00a0<em>Free Software, Free Society: Selected Essays<\/em>. GNU Press, 2002.<\/li>\n\n\n\n<li>Tozzi, Christopher:\u00a0<em>For Fun and Profit: A History of the Free and Open Source Software Revolution<\/em>. MIT Press, 2017.<\/li>\n\n\n\n<li>Weber, Steven:\u00a0<em>The Success of Open Source<\/em>. Harvard University Press, 2004.<\/li>\n\n\n\n<li>Wikimedia Foundation:\u00a0<em>Wikipedia Quality Research<\/em>\u00a0(mehrj\u00e4hrige Studienreihe, abrufbar \u00fcber das Wikimedia Meta-Wiki).<\/li>\n\n\n\n<li>Oxford Internet Institute:\u00a0<em>The Geography of Wikipedia&#8217;s Editing<\/em>\u00a0(verschiedene Ver\u00f6ffentlichungen zur demografischen Verteilung der Wikipedia-Autoren).<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einem erfahrenen Fachjournalisten und Technikhistoriker Es gibt Momente in der Technikgeschichte, die so selbstverst\u00e4ndlich geworden sind, dass wir ihre Radikalit\u00e4t kaum noch wahrnehmen. 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