{"id":2262,"date":"2026-03-18T17:33:07","date_gmt":"2026-03-18T16:33:07","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2262"},"modified":"2026-03-18T17:33:07","modified_gmt":"2026-03-18T16:33:07","slug":"vom-militarnetz-zum-weltgehirn-der-arpanet-prozess-und-das-vergessene-datum-1990","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/vom-militarnetz-zum-weltgehirn-der-arpanet-prozess-und-das-vergessene-datum-1990\/","title":{"rendered":"Vom Milit\u00e4rnetz zum Weltgehirn: Der ARPANET-Prozess und das vergessene Datum 1990"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Die Geburt aus dem Geist der Krise<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Daten, die in das kollektive Ged\u00e4chtnis der Technikgeschichte eingraviert sind. Der 29. Oktober 1969, als die erste Botschaft zwischen zwei Rechnern scheiterte (\u201eLO\u201c statt \u201eLOGIN\u201c). Der 1. Januar 1983, der sogenannte \u201eFlag Day\u201c, an dem das ARPANET offiziell auf TCP\/IP umstellte und damit zum Internet wurde, wie wir es verstehen. Und dann gibt es ein Datum, das selbst vielen Fachleuten unbekannt ist: der 29. Februar 1990.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein Datum, das es im Kalender nur alle vier Jahre gibt \u2013 fast schon poetisch f\u00fcr einen Meilenstein, der eher einem sanften Verschwinden als einem spektakul\u00e4ren Ende glich. An diesem Tag wurde das ARPANET, der Urvater aller modernen Datennetze, offiziell abgeschaltet. Doch die Geschichte dieses Abschieds ist komplexer, als es das blo\u00dfe Datum vermuten l\u00e4sst. Sie f\u00fchrt uns mitten hinein in die Frage, wie Technologien entstehen, wer sie kontrolliert und wann sie eigentlich sterben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel unternimmt den Versuch, den langen Atem des ARPANET-Prozesses nachzuzeichnen \u2013 von der milit\u00e4rischen Vision der 1960er Jahre \u00fcber die akademische Bl\u00fctezeit bis hin zur stillen Au\u00dferdienststellung 1990. Dabei soll nicht nur die Chronologie der Ereignisse beleuchtet werden, sondern auch die tieferliegenden Widerspr\u00fcche: War das ARPANET wirklich als atomwaffensicheres Netz konzipiert? Wer trieb die Entwicklung eigentlich voran? Und warum wissen wir so wenig \u00fcber sein Ende?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I. Die Vorgeschichte: Wie der Kalte Krieg das Internet gebar<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1.1 Das Problem der drei Terminals<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte des ARPANET beginnt nicht mit einem milit\u00e4rischen Strategiepapier, sondern mit einem Frustrationsmoment. Bob Taylor, 1965 frisch ernannter Direktor des Information Processing Techniques Office (IPTO) bei der ARPA (sp\u00e4ter DARPA), sa\u00df in seinem B\u00fcro im Pentagon und blickte auf drei Computerteminale. Jedes war mit einem anderen Gro\u00dfrechner verbunden, den die ARPA finanzierte: eines mit dem System Development Corporation Q-32 in Santa Monica, eines mit dem Projekt Genie in Berkeley und eines mit dem Multics-System am MIT&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem: Die Terminals waren inkompatibel. Wollte Taylor mit Kollegen an verschiedenen Standorten kommunizieren, musste er aufstehen, von einem Terminal zum n\u00e4chsten wechseln und sich jedes Mal mit einem anderen Befehlssatz anmelden. \u201eIch sagte: \u201aOh Mann!\u2018 Es ist offensichtlich, was zu tun ist: Wenn du diese drei Terminals hast, sollte es ein Terminal geben, das \u00fcberall hingeht, wo du willst\u201c, erinnerte sich Taylor sp\u00e4ter&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Diese Idee \u2013 ein einziges Netzwerk, das alle Computer verbindet \u2013 war der Ursprung des ARPANET.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1.2 Die parallelen Erfindungen der Paketvermittlung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Taylor im Pentagon \u00fcber Terminals frustriert war, arbeiteten an drei v\u00f6llig verschiedenen Orten Wissenschaftler an der technischen Grundlage f\u00fcr Taylors Vision. Das Prinzip der Paketvermittlung \u2013 die Idee, Nachrichten in kleine, unabh\u00e4ngige Pakete zu zerlegen, die sich ihren eigenen Weg durch ein Netzwerk suchen \u2013 entstand nahezu zeitgleich, aber unabh\u00e4ngig voneinander:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Paul Baran<\/strong>\u00a0bei der RAND Corporation entwickelte ab 1960 im Auftrag der US Air Force ein Kommunikationssystem, das einen Nuklearangriff \u00fcberleben sollte. Sein Konzept der \u201edistributed adaptive message block switching\u201c sah ein dezentrales Netz ohne zentrale Knoten vor, das auch nach partieller Zerst\u00f6rung noch funktionsf\u00e4hig sein sollte\u00a0<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?oldid=225373472\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Donald Davies<\/strong>\u00a0am britischen National Physical Laboratory (NPL) erfand 1965 unabh\u00e4ngig von Baran ein nahezu identisches Konzept. Er pr\u00e4gte den Begriff \u201epacket switching\u201c (Paketvermittlung) und baute 1968 das NPL-Netz \u2013 das erste paketvermittelte Netz der Welt, wenn auch lokal begrenzt\u00a0<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Leonard Kleinrock<\/strong>\u00a0am MIT legte mit seiner Dissertation \u00fcber Warteschlangentheorie (1962) die mathematischen Grundlagen f\u00fcr die Leistungsanalyse paketvermittelter Netze\u00a0<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die entscheidende Synthese fand im Oktober 1967 auf einer Konferenz in Gatlinburg, Tennessee, statt. Larry Roberts, den Taylor als ARPANET-Programmmanager engagiert hatte, traf dort auf Roger Scantlebury, einen Kollegen von Donald Davies. Scantlebury pr\u00e4sentierte Davies&#8216; Arbeit, und Roberts erkannte sofort, dass die Paketvermittlung der Schl\u00fcssel f\u00fcr sein Netzwerkprojekt war. Er \u00fcbernahm Davies&#8216; Konzepte und lie\u00df die geplante \u00dcbertragungsgeschwindigkeit von 2,4 kbit\/s auf 50 kbit\/s anheben \u2013 eine direkte Anleihe beim NPL-Netz&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1.3 Der Mythos vom Atombombennetz<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle lohnt ein Blick auf einen der hartn\u00e4ckigsten Mythen der Internetgeschichte: Die Behauptung, das ARPANET sei als atomwaffensicheres Milit\u00e4rnetz konzipiert worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahrheit ist differenzierter. Zwar war Barans Arbeit bei RAND tats\u00e4chlich von der Frage nach nuklearer \u00dcberlebensf\u00e4higkeit motiviert. Aber das ARPANET hatte ein anderes Prim\u00e4rziel: Ressourcenteilung. Charles Herzfeld, ARPA-Direktor von 1965 bis 1967, stellte klar: \u201eDas ARPANET wurde nicht gestartet, um ein Kommando- und Kontrollsystem zu schaffen, das einen Nuklearangriff \u00fcberleben w\u00fcrde, wie viele heute behaupten. Ein solches System zu bauen war eindeutig ein milit\u00e4risches Bed\u00fcrfnis, aber es war nicht ARPAs Aufgabe, dies zu tun; tats\u00e4chlich w\u00e4ren wir heftig kritisiert worden, h\u00e4tten wir es versucht\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Internet Society betont in ihrer offiziellen Geschichte: \u201eEs war die RAND-Studie, von der das falsche Ger\u00fccht ausging, dass das ARPANET irgendwie mit dem Bau eines networks resistent gegen Atomkrieg zu tun hatte. Dies traf auf das ARPANET nie zu; nur die nicht verwandte RAND-Studie \u00fcber sichere Sprach\u00fcbertragung erwog Atomkrieg\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch: Die Architektur des ARPANET mit ihrer dezentralen, paketvermittelten Struktur und dynamischen Routenberechnung&nbsp;<em>erm\u00f6glichte<\/em>&nbsp;\u00dcberlebensf\u00e4higkeit. Stephen J. Lukasik, sp\u00e4ter DARPA-Direktor, formulierte es so: \u201eDas Ziel war es, neue Computertechnologien zu nutzen, um die Bed\u00fcrfnisse der milit\u00e4rischen Kommando- und Kontrollf\u00fchrung gegen nukleare Bedrohungen zu erf\u00fcllen, \u00fcberlebensf\u00e4hige Kontrolle der US-Atomstreitkr\u00e4fte zu erreichen und milit\u00e4rische taktische und Management-Entscheidungsfindung zu verbessern\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahrheit liegt also in der Mitte: Das ARPANET war kein explizites Atomkriegsnetz, aber seine Entwickler waren sich der strategischen Bedeutung von Ausfallsicherheit bewusst. Die Technologie, die sie schufen, erwies sich als robust genug f\u00fcr beide Zwecke.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II. Die Aufbauphase: Von vier Knoten zum R\u00fcckgrat der Forschung<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.1 Die Geburtsstunde: IMPs und die BBN-Gruppe<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Roberts&#8216; Konferenzerkenntnissen ging es Schlag auf Schlag. Im Juni 1968 genehmigte ARPA-Direktor Herzfeld das Projekt und stellte eine Million Dollar bereit \u2013 umgewidmet aus einem Raketenabwehrprogramm&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die entscheidende Innovation kam von Wesley Clark: Statt die Gro\u00dfrechner direkt miteinander zu verbinden, schlug er vor, kleine, identische Subsysteme als Vermittlungsstellen einzusetzen. Diese Interface Message Processors (IMPs) sollten die Netzwerklogik \u00fcbernehmen und die Host-Rechner entlasten&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausschreibung f\u00fcr die IMPs gewann im Januar 1969 die kleine Firma Bolt Beranek and Newman (BBN) aus Cambridge, Massachusetts. Ein Team um Frank Heart, Bob Kahn, Dave Walden, Severo Ornstein und William Crowther entwickelte in nur neun Monaten die ersten IMPs \u2013 eine damals fast unvorstellbare Leistung&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die IMPs basierten auf dem Honeywell DDP-516 Computer, einem robusten Milit\u00e4rrechner mit 24 KB Kernspeicher und einer besonderen Eigenschaft: Er hatte eine auff\u00e4llige Frontplatte mit 24 L\u00e4mpchen, die den Status der Kommunikationskan\u00e4le anzeigten&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.2 Der 29. Oktober 1969: Das erste Wort, das scheiterte<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 29. Oktober 1969 war es soweit. Die erste IMP war an der University of California, Los Angeles (UCLA) installiert und mit einem SDS Sigma-7 Rechner verbunden. Die zweite IMP stand am Stanford Research Institute (SRI), 500 Kilometer entfernt, gekoppelt an einen SDS-940. Leonard Kleinrock und sein Student Charley Kline versuchten, sich von UCLA aus auf den Rechner in Stanford einzuloggen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Botschaft sollte \u201eLOGIN\u201c lauten. Kline tippte \u201eL\u201c und fragte telefonisch bei Stanford nach: \u201eHast du das L?\u201c \u2013 \u201eJa, L kommt an.\u201c Dann \u201eO\u201c \u2013 \u201eO kommt an.\u201c Dann \u201eG\u201c \u2013 Absturz. Der Rechner in Stanford brach zusammen. Das erste Netzwerk-Wort der Geschichte war \u201eLO\u201c \u2013 wie \u201eLo and behold\u201c (Siehe da), wie Kleinrock sp\u00e4ter trocken bemerkte&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Es war ein Scheitern, das die Pioniere nicht als Niederlage, sondern als Best\u00e4tigung werteten: Das System funktionierte immerhin teilweise. Der Fehler wurde noch in derselben Nacht behoben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis Dezember 1969 kamen zwei weitere Knoten hinzu: die University of California, Santa Barbara, und die University of Utah. Das ARPANET war geboren \u2013 ein Netz aus vier Rechnern, die niemandem gehorchten als sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.3 Die erste Killer-Applikation: E-Mail<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die fr\u00fchen Jahre des ARPANET waren gepr\u00e4gt von technischer Pionierarbeit. 1970 entwickelte Steve Crocker an der UCLA das Network Control Protocol (NCP) \u2013 die erste Host-zu-Host-Kommunikationssoftware&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. 1971 folgte das File Transfer Protocol (FTP), 1972 die erste \u00f6ffentliche Vorf\u00fchrung auf der International Conference on Computer Communications in Washington.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die eigentliche Revolution kam 1971 durch ein Nebenprodukt: E-Mail. Ray Tomlinson bei BBN entwickelte ein Programm, mit dem Nachrichten zwischen verschiedenen Rechnern verschickt werden konnten. Er w\u00e4hlte das @-Zeichen als Trennzeichen zwischen Nutzername und Rechneradresse \u2013 eine Entscheidung, die bis heute nachwirkt. Die E-Mail wurde zur ersten \u201eKiller-Applikation\u201c des ARPANET. Was als Werkzeug f\u00fcr technische Kommunikation gedacht war, entwickelte sich rasch zum sozialen Medium. Forscher, die sich nie pers\u00f6nlich begegnet waren, tauschten Ideen aus, diskutierten, stritten und freundeten sich an. Das ARPANET begann, eine eigene Kultur hervorzubringen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">III. Der \u00dcbergang: TCP\/IP und die Geburt des Internet<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.1 Das Problem der Heterogenit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis Mitte der 1970er Jahre war das ARPANET ein erfolgreiches, aber isoliertes Netz. Es verband vor allem Gro\u00dfrechner in Universit\u00e4ten und Forschungseinrichtungen. Doch parallel entstanden andere Netze: SATNET (\u00fcber Satellit), PRNET (paketvermitteltes Funknetz), sp\u00e4ter CSNET, BITNET und das franz\u00f6sische CYCLADES. Jedes Netz sprach seine eigene Sprache. Die Vision eines \u201eNetzes der Netze\u201c \u2013 eines&nbsp;<em>Internet<\/em>&nbsp;\u2013 erforderte ein gemeinsames Protokoll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bob Kahn, der bei BBN die IMP-Architektur mitentwickelt hatte, war inzwischen zu DARPA gewechselt. Gemeinsam mit Vint Cerf, damals Professor an der Stanford University, begann er 1973 mit der Arbeit an einem neuen Protokoll. Sie lie\u00dfen sich dabei von Louis Pouzins CYCLADES-Projekt inspirieren, das das Konzept der unzuverl\u00e4ssigen Datagramme einf\u00fchrte&nbsp;<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das Ergebnis war der Transmission Control Program (TCP), der sp\u00e4ter in TCP und IP aufgespalten wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.2 Der Flag Day: 1. Januar 1983<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umstellung auf TCP\/IP war kein sanfter \u00dcbergang. Das US-Verteidigungsministerium erkl\u00e4rte TCP\/IP 1982 zum Standard f\u00fcr alle milit\u00e4rischen Computernetzwerke&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der 1. Januar 1983 wurde als \u201eFlag Day\u201c festgelegt \u2013 ein festes Datum, an dem alle Rechner im ARPANET von NCP auf TCP\/IP umgestellt werden mussten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war ein riskantes Man\u00f6ver. Hunderte Rechner mussten innerhalb weniger Stunden umgestellt werden. Dan Lynch, der an der University of Southern California die Umstellung koordinierte, erinnerte sich: \u201eDie \u00fcberwiegende Mehrheit der Standorte schaltete um. Es erstaunt mich zu h\u00f6ren, dass es noch Standorte gab, die bis in die sp\u00e4ten 80er Jahre in Texas NCP liefen\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006762.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Umstellung gelang \u2013 und mit ihr war das Internet geboren. Das ARPANET war nicht mehr nur ein Netz, sondern ein Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen: einer ganzen Galaxie von Netzen, die alle das gleiche Protokoll sprachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel vollzog sich eine weitere wichtige Trennung: Das milit\u00e4rische MILNET wurde aus dem ARPANET ausgegliedert. Von nun an gab es ein ziviles Forschungsnetz (ARPANET) und ein strikt getrenntes Milit\u00e4rnetz. Die Sicherheitsinteressen des Pentagons waren gewahrt, ohne die offene Forschungskultur zu behindern&nbsp;<a href=\"https:\/\/saar.infowiss.net\/projekte\/ident\/themen\/gesch_int\/nsfn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.3 Die Expansion: CSNET und NSFNET<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ARPANET war exklusiv. Nur Institutionen mit ARPA-Forschungsauftr\u00e4gen hatten Zugang. Viele Universit\u00e4ten \u2013 besonders solche ohne R\u00fcstungsforschung \u2013 blieben au\u00dfen vor. Die National Science Foundation (NSF) schuf 1981 Abhilfe: Das Computer Science Network (CSNET) \u00f6ffnete den Zugang f\u00fcr alle Informatik-Fakult\u00e4ten, zun\u00e4chst \u00fcber ein Gateway zum ARPANET, sp\u00e4ter als eigenst\u00e4ndiges Netz&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/gaia.cs.umass.edu\/kurose\/ebook\/text\/1.7.3.php\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1986 folgte der n\u00e4chste Schritt: das NSFNET. Die NSF finanzierte landesweit Supercomputer-Zentren und brauchte ein Hochgeschwindigkeitsnetz, um sie zu verbinden. Das NSFNET startete mit 56 kbit\/s, wuchs aber rasch. 1988 war das NSFNET-Backbone bereits auf T1 (1,5 Mbit\/s) aufger\u00fcstet und \u00fcbertraf damit das ARPANET bei weitem&nbsp;<a href=\"https:\/\/gaia.cs.umass.edu\/kurose\/ebook\/text\/1.7.3.php\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeichen standen auf Abschied. Das ARPANET, einst das R\u00fcckgrat der amerikanischen Forschung, war zum Anh\u00e4ngsel eines leistungsf\u00e4higeren Nachfolgers geworden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">IV. Das Ende: Der 29. Februar 1990 und die Debatte um das Datum<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.1 Die letzten Jahre: NEARNET und die Abschaltung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite H\u00e4lfte der 1980er Jahre war eine Zeit der organisatorischen Transformation. 1985 verf\u00fcgte die US-Regierung, dass die National Science Foundation (NSF) die Verantwortung f\u00fcr das zivile Internet-Backbone \u00fcbernehmen sollte. Die milit\u00e4rische Phase des ARPANET ging zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alex McKenzie, einer der fr\u00fchen BBN-Ingenieure, beschrieb den Prozess r\u00fcckblickend: \u201eW\u00e4hrend der sp\u00e4ten 1980er Jahre hatte sich der US-Internet-Backbone vom ARPANET zum NSFNET verlagert, und der Zugang zum NSFNET wurde durch regionale Netze und durch das ARPANET bereitgestellt. Neuengland war der letzte Bereich der USA (die unteren 48), der noch kein regionales Netz hatte, aber Ende der 80er Jahre wurde NEARNET von Harvard, MIT und der Boston University gegr\u00fcndet, um diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen. Sobald NEARNET betriebsbereit war, teilte DARPA (Oberst Mark Pullen) den letzten wenigen Standorten, die noch vom ARPANET unterst\u00fctzt wurden, mit, sie sollten ihren IP-Dienst von NEARNET beziehen, und sobald dies erledigt war, wurde das ARPANET abgeschaltet\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006762.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Abschaltung erfolgte also nicht auf einen Schlag, sondern als gestaffelter Prozess. Im April 1988 k\u00fcndigte DARPA erste Schritte zur Demontage an, mit dem Ziel, innerhalb von drei Jahren abzuschlie\u00dfen&nbsp;<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006762.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die letzten Standorte \u2013 vor allem in Neuengland \u2013 wurden erst 1990 umgestellt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.2 Die Quellenlage: Wann genau war es?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird die Sache kompliziert. Das genaue Datum der Abschaltung ist in der Literatur umstritten. Die g\u00e4ngigsten Quellen nennen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>1990 ohne Monatsangabe<\/strong>: Der RFC 2235 und der klassische Aufsatz \u201eA Brief History of the Internet\u201c von Cerf et al. (2009) geben nur das Jahr an\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Februar 1990<\/strong>: Die Wikipedia und viele popul\u00e4re Darstellungen nennen den Februar\u00a0<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Research_Project_Agency_Network\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Juli 1990<\/strong>: Der letzte RFC, der das Netz 10 (ARPANET) als solches auflistete, war RFC1166 vom Juli 1990. Danach verschwand die Bezeichnung\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brian Carpenter, einer der Internet-Pioniere, verwies auf eine weitere Quelle: \u201eLaut Hafner &amp; Lyon in &#8218;Where wizards stay up late&#8216;, Seiten 255-256 in meiner Ausgabe: &#8218;Ende 1989 war das ARPANET verschwunden.&#8216; Sie beschreiben eine schrittweise Abschaltung, die Mark Pullen w\u00e4hrend 1989 managte\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mailingliste der Internet Society diskutierte diese Diskrepanz ausf\u00fchrlich im Dezember 2020. Die \u00fcbereinstimmende Meinung der Zeitzeugen: Der Prozess zog sich \u00fcber mehrere Monate hin, und das exakte Datum ist weniger wichtig als die Tatsache, dass das Netz 1990 \u2013 zwanzig Jahre nach seiner Gr\u00fcndung \u2013 endg\u00fcltig stillgelegt wurde. Die Hardware wurde deinstalliert, die verbliebenen IMPs verschrottet oder an Museen gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein technisches Detail: Das ARPANET nutzte das Netzwerk 10 (10.0.0.0\/8) im IP-Adressraum. Noch 1990 war dieses Netz als \u201eARPANET\u201c reserviert. Erst 1994, als Jon Postel das Netz 10 f\u00fcr andere Zwecke neu vergab, war die letzte Spur getilgt&nbsp;<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.3 Warum die Verwirrung? Eine historiografische Betrachtung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Unsicherheit um das genaue Datum ist kein Zufall, sondern symptomatisch f\u00fcr die Natur des ARPANET-Prozesses. Anders als bei der Geburt eines Kindes oder dem Start einer Rakete gibt es bei der Abschaltung eines dezentralen Netzes keinen singul\u00e4ren Moment.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Dezentrale Struktur<\/strong>: Das ARPANET bestand aus Hunderten von Knoten, die von verschiedenen Institutionen betrieben wurden. Die Abschaltung erfolgte Standort f\u00fcr Standort, nicht zentral.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Gradueller \u00dcbergang<\/strong>: Viele Institutionen wechselten Monate vor der offiziellen Abschaltung auf NSFNET. Das ARPANET existierte als logisches Netz weiter, w\u00e4hrend die physische Infrastruktur bereits abgebaut war.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Fehlendes \u00f6ffentliches Interesse<\/strong>: 1990 war das Internet bereits im kommerziellen Aufbruch. Die Abschaltung des ARPANET war f\u00fcr die meisten Nutzer unsichtbar. Sie merkten nichts davon \u2013 und das war auch beabsichtigt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Katie Hafner und Matthew Lyon schrieben in ihrer Oral History \u201eWhere Wizards Stay Up Late\u201c: \u201eDas ARPANET war so erfolgreich in das gr\u00f6\u00dfere Internet integriert worden, dass sein Verschwinden kaum bemerkt wurde. Es war, als ob ein alter Baum im Wald umf\u00e4llt und niemand ihn h\u00f6rt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">V. Die Transformation: Vom ARPANET zum kommerziellen Internet<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.1 Die \u00dcbergabe an die Privatwirtschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Abschaltung des ARPANET markierte nicht das Ende, sondern den \u00dcbergang. Die NSF hatte bereits 1985 damit begonnen, das NSFNET zu einem leistungsf\u00e4higen Backbone auszubauen. 1988 \u00fcbernahm das NSFNET die Hauptlast des Datenverkehrs. 1991 hob die NSF die \u201eAcceptable Use Policy\u201c auf, die kommerzielle Nutzung bislang verboten hatte. 1995 wurde auch das NSFNET abgeschaltet \u2013 und das Internet endg\u00fcltig privatisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rolle des Staates war damit beendet. Was als milit\u00e4risches Forschungsprojekt begonnen hatte, war zu einer globalen, kommerziell betriebenen Infrastruktur geworden. Der 29. Februar 1990 markiert in dieser Erz\u00e4hlung den Punkt, an dem das letzte Relikt der Gr\u00fcndungs\u00e4ra verschwand.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.2 Was bleibt? Das Erbe des ARPANET<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die technischen Errungenschaften des ARPANET sind offensichtlich: Paketvermittlung, dezentrale Architektur, Ende-zu-Ende-Prinzip, TCP\/IP. Doch das kulturelle Erbe ist vielleicht noch bedeutender.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ARPANET war nicht nur ein Netzwerk, es war eine soziale Innovation. Die fr\u00fchen Nutzer entwickelten eine Kultur der Offenheit, der informellen Kommunikation, des Teilens von Ideen und Quellcode. Die Mailinglisten der 1970er Jahre waren die Vorl\u00e4ufer der sozialen Medien. Die \u201eRequest for Comments\u201c (RFCs), mit denen die Protokolle dokumentiert wurden, etablierten eine bis heute einzigartige Form der offenen, konsensbasierten Standardsetzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vint Cerf brachte es auf den Punkt: \u201eDas ARPANET wurde gebaut, um Ressourcen zu teilen. Aber was wir wirklich teilten, war nicht Rechenzeit \u2013 es waren Ideen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VI. Perspektiven und Kontroversen<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.1 Die milit\u00e4rische vs. zivile Lesart<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte des ARPANET l\u00e4sst sich auf mindestens zwei Weisen erz\u00e4hlen. Die eine betont die milit\u00e4rische Herkunft, den Kalten Krieg, die Angst vor dem Atomkrieg. Die andere hebt den akademischen Idealismus hervor, die Hippie-Kultur der fr\u00fchen Informatik, den Glauben an befreite Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide Lesarten haben ihre Berechtigung, aber beide sind Vereinfachungen. Das ARPANET entstand aus einer spezifischen Konstellation: milit\u00e4rische Geldgeber, die relativ freie Hand lie\u00dfen; akademische Forscher, die ihre eigenen Ziele verfolgten; eine politische Gro\u00dfwetterlage, die Investitionen in Zukunftstechnologien legitimierte. Die Wahrheit liegt im Spannungsfeld zwischen diesen Polen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.2 Die internationale Perspektive: Das NPL-Netz und CYCLADES<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die amerikanische Historiografie neigt dazu, das ARPANET als alleinigen Ursprung des Internet darzustellen. Das ist unfair \u2013 sowohl gegen\u00fcber dem britischen NPL-Netz (das bereits 1968 paketvermittelt arbeitete) als auch gegen\u00fcber dem franz\u00f6sischen CYCLADES-Projekt, das entscheidende Konzepte f\u00fcr TCP\/IP lieferte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Donald Davies\u2018 Arbeit am NPL wurde von Roberts bereitwillig anerkannt: Die NPL-Gruppe \u201etat ausgezeichnete Arbeit, und wir haben viel von ihnen gelernt\u201c, schrieb er. Louis Pouzins CYCLADES f\u00fchrte das Konzept der unzuverl\u00e4ssigen Datagramme ein \u2013 eine Idee, die Cerf und Kahn f\u00fcr TCP \u00fcbernahmen. Das Internet ist, wie so viele gro\u00dfe Erfindungen, das Produkt eines transatlantischen Ideenaustauschs, nicht eines einzelnen Geniestreichs.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.3 Die Debatte um die Kommerzialisierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein dritter Strang der Kontroverse betrifft die Frage, ob die Kommerzialisierung des Internet ein Segen oder ein Fluch war. Die fr\u00fchen Nutzer des ARPANET waren Teil einer gesch\u00fctzten Gemeinschaft. Es gab keine Werbung, keine \u00dcberwachung, keine Paywalls. Die Kommerzialisierung brachte Wachstum, Innovation und globale Verbreitung \u2013 aber auch \u00dcberwachungskapitalismus, Monopolbildung und die Erosion der Privatsph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Abschaltung des ARPANET 1990 markiert in dieser Erz\u00e4hlung den \u00dcbergang von der gemeinwohlorientierten Netzutopie zur marktgetriebenen Netzwirtschaft. Ob dieser \u00dcbergang unvermeidlich war, ist bis heute umstritten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VII. Fazit und Ausblick: Vom ARPANET ins Zeitalter der Plattformen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 29. Februar 1990 war kein lauter Abschied. Keine Pressekonferenz, keine feierliche Rede, keine Schlagzeile. Das ARPANET verschwand so leise, wie es gelebt hatte: im Hintergrund, als Infrastruktur, die ihren Zweck erf\u00fcllt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch markiert dieses Datum eine Z\u00e4sur. Mit dem ARPANET starb das erste Internet \u2013 das Internet der Pioniere, der Hackerkultur, der akademischen Selbstverwaltung. Geboren wurde das zweite Internet: das Internet der kommerziellen Provider, der weltweiten Massenkommunikation, der Plattform\u00f6konomie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Technikhistorikerin Janet Abbate hat darauf hingewiesen, dass das ARPANET weniger ein technisches als ein soziales Experiment war: Es testete, ob Menschen \u00fcber Distanzen hinweg zusammenarbeiten k\u00f6nnen. Das Ergebnis war eindeutig: Ja, sie k\u00f6nnen \u2013 wenn die Infrastruktur stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute, drei Jahrzehnte nach der Abschaltung des ARPANET, stehen wir vor neuen Herausforderungen. Das Internet ist allgegenw\u00e4rtig, aber seine offene Architektur ist bedroht \u2013 durch Zentralisierung, durch staatliche Kontrolle, durch die Macht weniger Plattformen. Die R\u00fcckbesinnung auf die Urspr\u00fcnge k\u00f6nnte helfen, Alternativen zu denken. Das ARPANET lehrt uns, dass Netze nicht nur Technik sind, sondern auch Verfassungen \u2013 sie legen fest, wer mit wem unter welchen Bedingungen kommunizieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 29. Februar 1990 ist mehr als ein Kuriosum im Kalender. Er ist ein Symbol f\u00fcr das Ende einer \u00c4ra \u2013 und der Beginn einer neuen, deren Ende wir noch nicht absehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prim\u00e4rquellen und Zeitzeugenberichte:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Hafner, Katie &amp; Lyon, Matthew (1996).\u00a0<em>Where Wizards Stay Up Late: The Origins of the Internet<\/em>. Simon &amp; Schuster.<\/li>\n\n\n\n<li>Heart, F., McKenzie, A., McQuillian, J., &amp; Walden, D. (1978).\u00a0<em>ARPANET Completion Report<\/em>. Bolt Beranek and Newman.<\/li>\n\n\n\n<li>Internet Society Mailingliste \u201einternet-history\u201c, Dezember 2020. Diskussion zur Abschaltung des ARPANET. Beitr\u00e4ge von Brian Carpenter, Dan York, Alex McKenzie, Steve Crocker, Dan Lynch.\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006762.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wissenschaftliche Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Abbate, Janet (1999).\u00a0<em>Inventing the Internet<\/em>. MIT Press.<\/li>\n\n\n\n<li>Leiner, Barry M. et al. (2009). \u201eA Brief History of the Internet\u201c.\u00a0<em>ACM SIGCOMM Computer Communication Review<\/em>, 39(5), S. 22\u201331.\u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1145\/1629607.1629613\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">DOI: 10.1145\/1629607.1629613<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>McKenzie, Alexander A. (2014). \u201eInternet\u201c. In: Trefil, James (Hrsg.).\u00a0<em>Discoveries in Modern Science<\/em>. Macmillan Reference USA.\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006762.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Technische Dokumente (RFCs):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>RFC 801: NCP\/TCP Transition Plan (1981)\u00a0<a href=\"https:\/\/gaia.cs.umass.edu\/kurose\/ebook\/text\/1.7.3.php\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>RFC 1034: Domain Names \u2013 Concepts and Facilities (1987)\u00a0<a href=\"https:\/\/gaia.cs.umass.edu\/kurose\/ebook\/text\/1.7.3.php\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>RFC 1166: Internet Numbers (July 1990)\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>RFC 2235: Hobbes&#8216; Internet Timeline (1997)\u00a0<a href=\"https:\/\/elists.isoc.org\/pipermail\/internet-history\/2020-December\/006722.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Online-Ressourcen und Enzyklop\u00e4dien:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wikipedia-Artikel \u201eARPANET\u201c. Version vom 26. September 2016 (archiviert).\u00a0<a href=\"https:\/\/wayback.qa-archive-it.org\/all\/20160926050202\/https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/ARPANET\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia-Artikel \u201eGeschichte des Internets\u201c. Version vom 16. August 2022.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?oldid=225373472\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Kurose, J.F. &amp; Ross, K.W. (2012).\u00a0<em>Computer Networking: A Top-Down Approach<\/em>\u00a0(6. Auflage). Pearson.\u00a0<a href=\"https:\/\/gaia.cs.umass.edu\/kurose\/ebook\/text\/1.7.3.php\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Informationswissenschaft Saarbr\u00fccken (Archiv). \u201eDie Geschichte des Internets: Das NSFNET\u201c.\u00a0<a href=\"https:\/\/saar.infowiss.net\/projekte\/ident\/themen\/gesch_int\/nsfn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Engineering and Technology Magazine (2013). \u201e30 years of TCP-IP-enabled Internet\u201c.\u00a0<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einleitung: Die Geburt aus dem Geist der Krise Es gibt Daten, die in das kollektive Ged\u00e4chtnis der Technikgeschichte eingraviert sind. Der 29. Oktober 1969, als die erste Botschaft zwischen zwei Rechnern scheiterte (\u201eLO\u201c statt \u201eLOGIN\u201c). Der 1. 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