{"id":2517,"date":"2026-03-26T19:22:48","date_gmt":"2026-03-26T18:22:48","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2517"},"modified":"2026-03-26T19:22:48","modified_gmt":"2026-03-26T18:22:48","slug":"die-schaumweinsteuer-von-der-feinen-hilfe-fur-kanonenboote-zur-umstrittenen-luxusabgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-schaumweinsteuer-von-der-feinen-hilfe-fur-kanonenboote-zur-umstrittenen-luxusabgabe\/","title":{"rendered":"Die Schaumweinsteuer: Von der \u201efeinen Hilfe\u201c f\u00fcr Kanonenboote zur umstrittenen Luxusabgabe"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine Spurensuche in 120 Jahren deutscher Verbrauchsteuerpolitik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Steuern, die sind so selbstverst\u00e4ndlich in den Preis eingewoben, dass sie kaum jemand bewusst wahrnimmt. Die Schaumweinsteuer geh\u00f6rt zu ihnen. Wer eine Flasche Sekt kauft, bezahlt neben dem Produktpreis und der Umsatzsteuer stets auch eine spezifische Verbrauchsteuer \u2013 ohne sie auf dem Kassenbon zu sehen. Dabei verbirgt sich hinter dieser unscheinbaren Abgabe eines der politisch umstrittensten und historisch bedeutsamsten Steuerinstrumente des deutschen Fiskus. Was 1902 als \u201efeine Hilfe\u201c f\u00fcr die kaiserliche Marine propagiert wurde, ist heute ein j\u00e4hrliches Aufkommen von rund 360 bis 400 Millionen Euro f\u00fcr den Bundeshaushalt. Doch anders als viele andere Verbrauchsteuern ist die Schaumweinsteuer weniger eine gesundheitspolitische Lenkungsabgabe als vielmehr ein steuerpolitisches Fossil, an dem sich seit \u00fcber einem Jahrhundert die Geister scheiden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Die unsichtbare Steuer auf den feinen Tropfen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer am Silvesterabend den Sektkorken knallen h\u00f6rt oder in einer Vinothek nach einer Flasche Cr\u00e9mant greift, denkt selten \u00fcber die fiskalische Geschichte hinter dem prickelnden Getr\u00e4nk nach. Dabei ist die Schaumweinsteuer ein bemerkenswertes Konstrukt: eine Mengensteuer, die unabh\u00e4ngig vom Produktpreis pro Liter erhoben wird und seit ihrer Einf\u00fchrung vor mehr als 120 Jahren das Verh\u00e4ltnis von Staat, Wirtschaft und Genusskultur pr\u00e4gt. Mit einem Steuersatz von derzeit 1,36 Euro pro Liter z\u00e4hlt sie zu den \u00e4ltesten bundesdeutschen Verbrauchsteuern \u00fcberhaupt. Doch w\u00e4hrend andere historische Abgaben l\u00e4ngst abgeschafft oder grundlegend reformiert wurden, h\u00e4lt sich die Schaumweinsteuer bis heute \u2013 nicht zuletzt, weil ihre Abschaffung immer wieder Gegenstand politischer Auseinandersetzungen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Schaumweinsteuer im Kontext der wilhelminischen Flottenpolitik, analysiert ihre technisch-rechtliche Ausgestaltung im heutigen Steuersystem, zeichnet die wirtschaftlichen und politischen Kontroversen um ihre Existenz nach und fragt schlie\u00dflich nach der Zukunft dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Abgabe im europ\u00e4ischen Steuergef\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Historische Entwicklung: Vom Flottenbau zur Finanzierungsroutine<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Geburt einer Steuer aus dem Geist der Hochseeflotte<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Urspr\u00fcnge der Schaumweinsteuer liegen in einer Phase massiver deutscher Aufr\u00fcstung. Nach der Verabschiedung des ersten Flottengesetzes 1898 und insbesondere des zweiten Flottengesetzes 1900 unter Staatssekret\u00e4r Alfred von Tirpitz stand das Deutsche Reich vor der Herausforderung, den Bau einer modernen Hochseeflotte zu finanzieren. Reichskanzler Bernhard von B\u00fclow suchte nach neuen Einnahmequellen, die den Reichshaushalt nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig belasten und gleichzeitig politisch durchsetzbar sein sollten. Die Wahl fiel auf eine Verbrauchsteuer auf Schaumwein \u2013 ein Getr\u00e4nk, das damals als eindeutiges Luxusgut galt, dessen Konsum in der Oberschicht verbreitet war und dessen Besteuerung die breite Bev\u00f6lkerung kaum treffen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 1. Oktober 1902 trat das Schaumweinsteuergesetz in Kraft. B\u00fclow selbst bezeichnete die neue Abgabe in einer denkw\u00fcrdigen Reichstagsrede als&nbsp;<em>\u201efeine Hilfe\u201c<\/em>&nbsp;\u2013 ein Ausdruck, der sich rasch im politischen Sprachgebrauch verfestigte und die Steuer fortan als \u201eFeine-Hilfe-Steuer\u201c bekannt machte. Die Wahrnehmung war von Anfang an ambivalent: W\u00e4hrend die regierungstreuen Kr\u00e4fte die Steuer als sozial gerecht priesen, weil sie nur die wohlhabenden Schichten belaste, kritisierten insbesondere die Sozialdemokraten sie als Instrument einer reaktion\u00e4ren Milit\u00e4rpolitik auf Kosten des B\u00fcrgertums.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontinuit\u00e4t und Wandel im 20. Jahrhundert<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ende des Kaiserreichs \u00fcberlebte die Schaumweinsteuer alle politischen Systembr\u00fcche. Die Weimarer Republik behielt sie bei \u2013 nunmehr als allgemeine Einnahmequelle des Reichshaushalts, losgel\u00f6st vom urspr\u00fcnglichen Flottenzweck. W\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus blieb die Steuer bestehen, wurde aber mehrfach angepasst. In der Bundesrepublik Deutschland fand sie als Landessteuer zun\u00e4chst eine provisorische Heimat, bevor sie 1950 im Zuge der Steuerreform als bundeseigene Verbrauchsteuer neu gefasst wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bemerkenswert ist die relative Stabilit\u00e4t des Steuersatzes im langfristigen Vergleich. Zwar wurde er mehrfach erh\u00f6ht \u2013 von urspr\u00fcnglich 0,60 Mark pro Liter im Jahr 1902 \u00fcber 1,20 Mark (sp\u00e4ter DM) nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum heutigen Euro-Betrag \u2013, doch die grunds\u00e4tzliche Struktur als Litersteuer blieb unver\u00e4ndert. Erst die Harmonisierung des europ\u00e4ischen Verbrauchsteuerrechts brachte in den 1990er Jahren eine wesentliche \u00c4nderung: Mit der Umsetzung der EU-Richtlinie 92\/83\/EWG wurde der Anwendungsbereich erweitert und auf schaumwein\u00e4hnliche Getr\u00e4nke ausgedehnt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Technisch-rechtliche Analyse: Wie die Steuer funktioniert<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Steuergegenstand und Abgrenzungsfragen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das heutige Schaumweinsteuergesetz (SchaumwStG) definiert den Steuergegenstand bewusst weit. Steuerpflichtig sind nicht nur klassischer Sekt und Champagner, sondern auch andere Getr\u00e4nke, die durch alkoholische G\u00e4rung hergestellt wurden und einen durch Kohlendioxid erzeugten \u00dcberdruck aufweisen. Dazu geh\u00f6ren etwa Perlweine, bestimmte Fruchtsekte und schaumwein\u00e4hnliche Mischgetr\u00e4nke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 1,5 Volumenprozent. Die Abgrenzung zur Biersteuer einerseits und zur Branntweinsteuer andererseits ist dabei pr\u00e4zise geregelt, f\u00fchrt jedoch in der Praxis immer wieder zu Grenzf\u00e4llen \u2013 etwa bei aromatisierten Schaumweinen oder alkoholischen Limonaden mit Kohlens\u00e4ure.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Besonderheit stellt die Behandlung von sogenanntem \u201eQualit\u00e4tsschaumwein\u201c dar: Auch handwerklich in kleinen Kellereien erzeugter Sekt unterliegt der Steuer, sofern die Produktionsmenge die Befreiungsgrenze \u00fcberschreitet. Hier liegt ein strukturelles Spannungsfeld zwischen der steuerlichen Gleichbehandlung und dem Schutz kleinerer Betriebe.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mengensteuer versus Wertsteuer<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Unterschied zur Umsatzsteuer, die prozentual vom Verkaufspreis berechnet wird, ist die Schaumweinsteuer eine reine Mengensteuer. Der Steuersatz von 1,36 Euro pro Liter gilt unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um einen einfachen Markensekt f\u00fcr 3,99 Euro oder eine Vintage-Champagner-Flasche f\u00fcr 150 Euro handelt. Diese Konstruktion hat zwei gegenl\u00e4ufige Effekte: F\u00fcr preiswerte Produkte macht die Steuer einen erheblichen Anteil des Endpreises aus (bis zu 34 Prozent bei einem Discounter-Sekt), w\u00e4hrend sie bei hochwertigen Produkten prozentual kaum ins Gewicht f\u00e4llt. Die Steuer belastet damit tendenziell den Massenmarkt st\u00e4rker als den Luxusmarkt \u2013 ein Paradoxon, das der urspr\u00fcnglichen Intention einer Luxussteuer diametral entgegensteht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erhebungsverfahren und Steuerschuldnerschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Steuer entsteht im Zeitpunkt der Herstellung im deutschen Steuergebiet oder bei der Einfuhr aus Drittl\u00e4ndern. Steuerschuldner sind die Hersteller oder Einf\u00fchrer; der Endverbraucher kommt mit der Steuer erst gar nicht direkt in Ber\u00fchrung, da sie im Verkaufspreis enthalten ist. F\u00fcr innergemeinschaftliche Erwerbe aus anderen EU-Mitgliedstaaten gilt eine besondere Regelung: Hier wird der Erwerber im Inland steuerpflichtig, sofern die Menge bestimmte Freigrenzen \u00fcberschreitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleinere Hersteller \u2013 definiert als Betriebe mit einem j\u00e4hrlichen Aussto\u00df von nicht mehr als 2.000 Hektoliter \u2013 k\u00f6nnen sich auf Antrag von der Steuerpflicht befreien lassen. Diese Bagatellregelung soll vor allem Winzer entlasten, die einen Teil ihrer Ernte zu Schaumwein verarbeiten. Kritiker bem\u00e4ngeln jedoch, dass die Grenze von 200.000 Litern keineswegs nur Kleinstmengen abdeckt, sondern auch mittelst\u00e4ndische Kellereien umfassen kann, die damit einen Wettbewerbsvorteil gegen\u00fcber gr\u00f6\u00dferen Konkurrenten erhalten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wirtschaftliche und politische Kontroversen<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das F\u00fcr und Wider einer Abschaffung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum eine Verbrauchsteuer wird so regelm\u00e4\u00dfig auf den politischen Pr\u00fcfstand gestellt wie die Schaumweinsteuer. Bereits in den 1950er Jahren forderte die FDP erstmals ihre Abschaffung, und bis heute geh\u00f6rt sie zu den wiederkehrenden Forderungen im Wahlkampf \u2013 insbesondere von Seiten der FDP und Teilen der CDU\/CSU. Die Argumente der Abschaffungsbef\u00fcrworter lassen sich in drei Str\u00e4nge b\u00fcndeln:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Historische \u00dcberholtheit<\/strong>: Der urspr\u00fcngliche Zweck (Flottenfinanzierung) sei hinf\u00e4llig, die Steuer sei ein Anachronismus aus wilhelminischer Zeit.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wettbewerbsverzerrung<\/strong>: Die Steuer benachteilige die heimische Sektindustrie gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischen Produzenten, insbesondere im Vergleich zu Frankreich, wo die \u00e4hnliche\u00a0<em>taxe sur les boissons alcooliques<\/em>\u00a0deutlich niedriger ausfalle.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>B\u00fcrokratiekosten<\/strong>: Das Erhebungsverfahren verursache bei Herstellern und Zollverwaltung einen Aufwand, der in keinem Verh\u00e4ltnis zum Steueraufkommen stehe.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Gegenseite verweisen die Bef\u00fcrworter des Erhalts \u2013 traditionell die Bundesregierungen unabh\u00e4ngig von der jeweiligen Parteienkonstellation \u2013 auf fiskalische und ordnungspolitische Gr\u00fcnde:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die j\u00e4hrlichen Einnahmen von rund 380 Millionen Euro (Stand 2023) seien im Bundeshaushalt fest eingeplant und m\u00fcssten bei Abschaffung anderweitig kompensiert werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Steuer habe eine lenkende Wirkung: Sie erh\u00f6he den Preis alkoholischer Getr\u00e4nke und trage damit \u2013 wenn auch in bescheidenem Ma\u00dfe \u2013 zur Gesundheitspr\u00e4vention bei.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Abschaffung w\u00fcrde Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle schaffen und Begehrlichkeiten bei anderen Verbrauchsteuern (etwa der Kaffeesteuer) wecken.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00d6konomische Effekte auf die Sektindustrie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutsche Sektindustrie \u2013 mit bekannten Namen wie Henkell, Mumm oder Rotk\u00e4ppchen \u2013 hat sich \u00fcber die Jahrzehnte mit der Schaumweinsteuer arrangiert. Die Steuer wird als durchlaufender Posten behandelt und in der Preiskalkulation weitergegeben. Allerdings beobachten Branchenkenner seit Jahren eine strukturelle Verschiebung: W\u00e4hrend der preiswerte Einstiegssekt durch Discounter und Superm\u00e4rkte zu Dumpingpreisen angeboten wird, b\u00fc\u00dft das mittlere Preissegment zunehmend an Bedeutung ein. Die Schaumweinsteuer wirkt hier als Verst\u00e4rker: Sie erh\u00f6ht die Preisschwelle f\u00fcr g\u00fcnstige Produkte \u00fcberproportional, w\u00e4hrend sie im Premiumsegment kaum wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Studie des Deutschen Weininstituts aus dem Jahr 2022 wies darauf hin, dass die Steuerbelastung im Vergleich zu anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern f\u00fcr Massenprodukte in Deutschland am h\u00f6chsten ausf\u00e4llt \u2013 eine strukturelle Benachteiligung, die vor allem den Absatz im Inland belastet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Europ\u00e4ischer Vergleich<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blick \u00fcber die Grenzen zeigt ein uneinheitliches Bild. Frankreich erhebt auf Champagner und Cr\u00e9mant die allgemeine Alkoholsteuer (<em>accise<\/em>), die je nach Alkoholgehalt gestaffelt ist und f\u00fcr Schaumwein in der Regel unter dem deutschen Satz liegt. Italien und Spanien kennen ebenfalls separate Verbrauchsteuern f\u00fcr Schaumwein, deren S\u00e4tze jedoch niedriger sind als in Deutschland. In einigen EU-Staaten (etwa den Niederlanden) gibt es gar keine spezifische Schaumweinsteuer mehr; dort wird Schaumwein wie andere alkoholische Getr\u00e4nke \u00fcber die allgemeine Alkoholsteuer erfasst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Divergenzen f\u00fchren zu Verwerfungen im Binnenmarkt. So ist es f\u00fcr deutsche Verbraucher attraktiv, Schaumwein in grenznahen Regionen zu erwerben, wo die Steuerbelastung geringer ausf\u00e4llt. Zudem nutzen gro\u00dfe Handelsketten vermehrt innergemeinschaftliche Lieferungen, um die deutsche Steuerpflicht zu umgehen \u2013 ein Umstand, der den deutschen Fiskus jedes Jahr zweistellige Millionenbetr\u00e4ge kostet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zukunftsperspektiven: Reform oder Abschaffung?<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die europ\u00e4ische Harmonisierung als Treiber<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft der Schaumweinsteuer wird ma\u00dfgeblich in Br\u00fcssel entschieden. Die EU-Kommission arbeitet seit Jahren an einer umfassenden Reform der Verbrauchsteuerrichtlinien, die unter anderem eine st\u00e4rkere Angleichung der Steuers\u00e4tze und eine Ausweitung auf neue Produktkategorien (etwa alkoholfreie Alternativen) vorsieht. Im aktuellen Entwurf f\u00fcr eine \u00fcberarbeitete Richtlinie (COM\/2022\/123) wird vorgeschlagen, die Mitgliedstaaten zu einer st\u00e4rkeren strukturellen Harmonisierung zu verpflichten, ohne jedoch die Steuers\u00e4tze vollst\u00e4ndig zu vereinheitlichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sollte diese Reform umgesetzt werden, st\u00fcnde die deutsche Schaumweinsteuer vor einer grunds\u00e4tzlichen Weichenstellung: Entweder sie wird in ein allgemeines Alkoholsteuersystem integriert (womit sie ihren Charakter als eigenst\u00e4ndige Steuer verl\u00f6re) oder sie bleibt als separate Steuer erhalten, m\u00fcsste dann aber im europ\u00e4ischen Vergleich ihre H\u00f6he rechtfertigen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Politische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im deutschen Bundestag hat sich in den letzten Jahren eine Pattsituation entwickelt. W\u00e4hrend FDP und B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen in ihren Wahlprogrammen eine Abschaffung bzw. Reform der Schaumweinsteuer fordern, h\u00e4lt die SPD traditionell an der Steuer fest. Die CDU\/CSU verh\u00e4lt sich ambivalent: In Regierungsverantwortung wurde die Steuer mehrfach erh\u00f6ht, in der Opposition wurde ihre Abschaffung gefordert. Die Linke lehnt die Steuer als sozial ungerecht ab, da sie den Massenkonsum st\u00e4rker belaste als den Luxuskonsum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine \u00fcberparteiliche Initiative zur Abschaffung scheiterte zuletzt 2021 im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat, als die L\u00e4nder \u2013 die \u00fcber die Einnahmen aus der Umsatzsteuerverteilung indirekt an der Schaumweinsteuer partizipieren \u2013 gegen eine Streichung votierten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Eine Steuer zwischen Geschichte und Gegenwart<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schaumweinsteuer ist mehr als eine blo\u00dfe Verbrauchsteuer. Sie ist ein steuerpolitisches Lehrst\u00fcck \u00fcber Kontinuit\u00e4t und Wandel, \u00fcber die Beharrungskraft einmal etablierter Abgaben und \u00fcber die Grenzen politischer Gestaltungsmacht. 120 Jahre nach ihrer Einf\u00fchrung als \u201efeine Hilfe\u201c f\u00fcr die kaiserliche Marine dient sie heute einem g\u00e4nzlich anderen Zweck \u2013 und dennoch h\u00e4lt sie sich hartn\u00e4ckig im Steuersystem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Erkenntnisse lassen sich aus der Geschichte der Schaumweinsteuer ableiten:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die Eigendynamik von Verbrauchsteuern<\/strong>: Einmal eingef\u00fchrt und in den Haushaltsplanungen verankert, entwickeln Verbrauchsteuern eine starke institutionelle Beharrungskraft. Ihre Abschaffung erfordert nicht nur politischen Willen, sondern auch die Bereitschaft, Mindereinnahmen zu kompensieren.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Ambivalenz der Lenkungswirkung<\/strong>: Die Schaumweinsteuer erhebt den Anspruch einer Luxus- und Lenkungssteuer, trifft in ihrer heutigen Ausgestaltung jedoch vor allem den Massenmarkt. Dies wirft grunds\u00e4tzliche Fragen nach der Steuergerechtigkeit auf.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Europ\u00e4isierung des Steuerrechts<\/strong>: Auf lange Sicht wird die Zukunft der Schaumweinsteuer nicht allein in Berlin entschieden, sondern in Br\u00fcssel. Die europ\u00e4ische Harmonisierung der Verbrauchsteuern wird die nationale Gestaltungsfreiheit zunehmend beschneiden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob die Schaumweinsteuer ihr 150-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um erleben wird, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass die Debatte um ihre Existenzberechtigung die deutsche Steuerpolitik noch auf Jahre begleiten wird \u2013 als Mahnmal einer vergangenen Epoche und als Beispiel f\u00fcr die bemerkenswerte Langlebigkeit fiskalischer Instrumente.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Schaumweinsteuergesetz (SchaumwStG)<\/strong>\u00a0in der Fassung der Bekanntmachung vom 21. Mai 2009 (BGBl. I S. 1162), zuletzt ge\u00e4ndert durch Artikel 7 des Gesetzes vom 24. Oktober 2022 (BGBl. I S. 1838)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bundesministerium der Finanzen<\/strong>: Monatsbericht des BMF, Ausgabe Oktober 2023, Kapitel \u201eVerbrauchsteuern \u2013 Entwicklung und Perspektiven\u201c<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Deutscher Bundestag<\/strong>: Drucksache 19\/28765, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion \u201eZukunft der Schaumweinsteuer\u201c (2021)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Europ\u00e4ische Kommission<\/strong>: Vorschlag f\u00fcr eine Richtlinie des Rates zur Restrukturierung der Rahmenvorschriften der Union f\u00fcr Verbrauchsteuern, COM\/2022\/123 final<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Deutsches Weininstitut (DWI)<\/strong>: Marktbilanz Wein 2022, Bodenheim 2023<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Statistisches Bundesamt<\/strong>: Fachserie 14, Reihe 9.1.3 \u201eSteuerhaushalt 2022\u201c, Wiesbaden 2023<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ullrich, Volker<\/strong>:\u00a0<em>Die nerv\u00f6se Gro\u00dfmacht. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs 1871\u20131918<\/em>, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997 (insb. Kapitel zur Flottenpolitik)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Clark, Christopher<\/strong>:\u00a0<em>Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers<\/em>, Deutsche Verlags-Anstalt, M\u00fcnchen 2008 (zur historischen Einordnung der Flottengesetze)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Zoll-Online (Generalzolldirektion)<\/strong>: Merkblatt zur Schaumweinsteuer, Stand Januar 2024<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Spurensuche in 120 Jahren deutscher Verbrauchsteuerpolitik Es gibt Steuern, die sind so selbstverst\u00e4ndlich in den Preis eingewoben, dass sie kaum jemand bewusst wahrnimmt. Die Schaumweinsteuer geh\u00f6rt zu ihnen. Wer eine Flasche Sekt kauft, bezahlt neben dem Produktpreis und der Umsatzsteuer stets auch eine spezifische Verbrauchsteuer \u2013 ohne sie auf dem Kassenbon zu sehen. 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