{"id":2579,"date":"2026-03-28T07:10:33","date_gmt":"2026-03-28T06:10:33","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2579"},"modified":"2026-03-28T07:10:33","modified_gmt":"2026-03-28T06:10:33","slug":"sonntagsfahrverbot-und-autobahn-picknick-als-die-krise-die-republik-bewegte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/sonntagsfahrverbot-und-autobahn-picknick-als-die-krise-die-republik-bewegte\/","title":{"rendered":"Sonntagsfahrverbot und Autobahn-Picknick: Als die Krise die Republik bewegte"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Eine Kindheitserinnerung als historisches Dokument<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein sonniger Sonntag im November 1973. Der Geruch von kaltem Schnitzel, Brot und Apfelschorle liegt in der Luft. Zwischen Betonleitw\u00e4nden und Fahrbahnmarkierungen haben Familien Decken ausgebreitet, Kinder spielen Fangen auf dem Standstreifen, M\u00e4nner unterhalten sich \u00fcber Benzinpreise und Frauen tauschen Rezepte f\u00fcr fleischlose Tage aus. Was heute wie eine absurde Szene aus einem Paralleluniversum klingt, war f\u00fcr Tausende bundesdeutsche Familien in den 1970er Jahren Realit\u00e4t: das Sonntagsfahrverbot verwandelte Autobahnen in tempor\u00e4re Begegnungsst\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die einen war es der Inbegriff staatlicher \u00dcbergriffigkeit, f\u00fcr andere ein notwendiges \u00dcbel. Doch hinter dieser kurios anmutenden Kindheitserinnerung verbirgt sich ein tiefgr\u00fcndiges Kapitel bundesdeutscher Technik- und Sozialgeschichte \u2013 eines, das verbl\u00fcffende Parallelen zur Gegenwart aufweist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hauptteil<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die \u00d6lkrise 1973\/74: Als der Wohlstand ins Wanken geriet<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ausl\u00f6ser war geopolitisch: Der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 f\u00fchrte zu einem \u00d6lembargo der arabischen Erd\u00f6l exportierenden L\u00e4nder gegen die USA und deren Verb\u00fcndete, darunter die Bundesrepublik Deutschland. Innerhalb weniger Monate vervierfachte sich der Roh\u00f6lpreis \u2013 von etwa drei auf \u00fcber zw\u00f6lf Dollar pro Barrel. F\u00fcr ein Land, das zu dieser Zeit fast 60 Prozent seines Prim\u00e4renergiebedarfs aus \u00d6l deckte und dessen Wirtschaftswunder ma\u00dfgeblich auf billiger Energie basierte, bedeutete dies einen fundamentalen Schock.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bundesregierung unter Willy Brandt und sp\u00e4ter Helmut Schmidt reagierte mit einem Ma\u00dfnahmenpaket, das in der Geschichte der Bundesrepublik bis dahin beispiellos war:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Ma\u00dfnahme<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Einf\u00fchrung<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Wirkung<\/strong><\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Sonntagsfahrverbot f\u00fcr Pkw<\/td><td>25. November 1973 (vier Sonntage)<\/td><td>Reduktion des Benzinverbrauchs um ca. 20 % an diesen Tagen<\/td><\/tr><tr><td>Tempolimit (100 km\/h auf Landstra\u00dfen, 80 km\/h innerorts)<\/td><td>November 1973<\/td><td>dauerhafte Reduktion des Verbrauchs<\/td><\/tr><tr><td>H\u00f6chstgeschwindigkeit auf Autobahnen (100 km\/h)<\/td><td>zeitweise<\/td><td>sp\u00e4ter wieder aufgehoben<\/td><\/tr><tr><td>Fahrverbote an Samstagen<\/td><td>zeitweise diskutiert, nicht umgesetzt<\/td><td>\u2013<\/td><\/tr><tr><td>Energiesparverordnung f\u00fcr \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude<\/td><td>November 1973<\/td><td>Absenkung von Raumtemperaturen, verk\u00fcrzte Beleuchtungszeiten<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die symboltr\u00e4chtigste Ma\u00dfnahme war zweifellos das Sonntagsfahrverbot. An vier aufeinanderfolgenden Sonntagen (25. November, 2., 9. und 16. Dezember 1973) blieben private Pkw in der gesamten Bundesrepublik von 0 bis 24 Uhr in den Garagen. Ausnahmen gab nur f\u00fcr Einsatzfahrzeuge, bestimmte Berufsgruppen und dringende F\u00e4lle wie Krankentransporte. Die Deutsche Bundesbahn verzeichnete an diesen Tagen einen deutlichen Anstieg der Fahrgastzahlen, doch das \u00f6ffentliche Leben kam \u2013 zumindest auf den Stra\u00dfen \u2013 nahezu zum Erliegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die andere Seite der leeren Autobahnen: Picknick und Schlittenfahren<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Neben den ber\u00fchmten Autobahn\u2011Picknicks gab es eine zweite, besonders im Norden der Republik verbreitete Erfahrung: das Schlittenfahren auf der autofreien Fahrbahn. Wer im Dezember 1973 in Norddeutschland lebte, erlebte einen fr\u00fchen Wintereinbruch. Laut den Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes fielen in der ersten Dezemberh\u00e4lfte in Teilen Schleswig\u2011Holsteins, Niedersachsens und Bremens ergiebige Schneemengen \u2013 gerade rechtzeitig f\u00fcr die letzten beiden Fahrverbotssonntage am 9. und 16. Dezember. Zeitzeugenberichte (darunter die Erinnerung, die diesem Artikel zugrunde liegt) schildern, wie Kinder mit Schlitten und Bob auf den sonst verkehrsreichsten Stra\u00dfen des Landes unterwegs waren, w\u00e4hrend Eltern am Rand hei\u00dfen Tee aus Thermoskannen schenkten. Was f\u00fcr die einen eine ungewohnte Ruhe war, wurde f\u00fcr die j\u00fcngere Generation ein unvergessliches Abenteuer. Auch wenn diese Nutzung der Autobahn aus heutiger sicherheitsrechtlicher Sicht undenkbar erscheint, zeigt sie exemplarisch, wie kreativ die Menschen mit den Einschr\u00e4nkungen umgingen und die \u201eentwidmeten\u201c Verkehrsfl\u00e4chen spontan in Spiel\u2011 und Begegnungsr\u00e4ume verwandelten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Historische Parallelen zur Gegenwart: Von der \u00d6lkrise zur Klimakrise<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die politische Gemengelage unserer Gegenwart weist frappierende \u00c4hnlichkeiten mit jener Zeit auf, auch wenn die Ausl\u00f6ser andere sind. W\u00e4hrend in den 1970er Jahren eine akute Versorgungsknappheit im Zentrum stand, treibt heute die Erkenntnis einer planetaren Belastungsgrenze die Debatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Parallelen im \u00dcberblick:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse:<\/strong>\u00a01973 waren es die F\u00f6rderl\u00e4nder des Nahen Ostens, heute sind es fossile Energietr\u00e4ger und deren Importabh\u00e4ngigkeiten. Die deutsche Abh\u00e4ngigkeit von russischem Erdgas ab 2022 f\u00fchrte zu einer erneuten energiepolitischen Z\u00e4sur.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Verkehrswende als Konfliktfeld:<\/strong>\u00a0Bereits in den 1970ern wurde die Dominanz des Automobils erstmals ernsthaft infrage gestellt. Das Sonntagsfahrverbot war nicht nur Kriseninstrument, sondern auch Katalysator f\u00fcr eine gesellschaftliche Debatte \u00fcber Mobilit\u00e4t, die erst mit der Klimabewegung der 2010er Jahre eine vergleichbare Intensit\u00e4t erreichte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Staatliche Eingriffstiefe:<\/strong>\u00a0Die Vorstellung, dass der Staat per Verordnung \u00fcber die Mobilit\u00e4tsfreiheit der B\u00fcrger verf\u00fcgt, polarisierte damals wie heute. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kritisierte die Ma\u00dfnahmen als \u201e\u00dcberreaktion\u201c, w\u00e4hrend Umweltverb\u00e4nde sie als l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig begr\u00fc\u00dften.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Entscheidende Unterschiede:<\/strong><br>Eine Unsch\u00e4rfe in der historischen Betrachtung besteht darin, die \u00d6lkrise als reine Energiekrise zu betrachten. Tats\u00e4chlich war sie prim\u00e4r eine&nbsp;<em>Preis- und Versorgungskrise<\/em>&nbsp;bei einem einzelnen Rohstoff. Die heutige Herausforderung ist struktureller: Sie betrifft nicht nur eine Rohstoffart, sondern das gesamte System fossiler Energienutzung samt ihrer infrastrukturellen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Heutige und zu erwartende Ma\u00dfnahmen: Was wir von den 1970ern lernen k\u00f6nnen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutsche Politik hat in den letzten Jahren Ma\u00dfnahmen ergriffen, die in ihrer Wirkung an jene der \u00d6lkrise erinnern, ohne deren Radikalit\u00e4t zu erreichen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Ma\u00dfnahme (2020\u20132024)<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Kontext<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Vergleich zu 1973<\/strong><\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Tempolimit-Debatte<\/td><td>Wiederholte Diskussion im Bundestag, bisher nicht umgesetzt<\/td><td>\u00c4hnliche politische Polarisierung, fehlende Mehrheiten<\/td><\/tr><tr><td>9-Euro-Ticket (2022)<\/td><td>Entlastungspaket infolge gestiegener Energiepreise<\/td><td>Vergleichbar mit den damaligen Bem\u00fchungen, Alternativen zum Auto zu f\u00f6rdern<\/td><\/tr><tr><td>Energiesparverordnung (2022)<\/td><td>Absenkung von Raumtemperaturen in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, verk\u00fcrzte Beleuchtungszeiten<\/td><td>Fast identisch mit der Verordnung von 1973<\/td><\/tr><tr><td>Sonntagsfahrverbot (diskutiert 2022)<\/td><td>Wirtschaftsministerium pr\u00fcfte M\u00f6glichkeit im Zuge der Gaskrise<\/td><td>Wurde nicht umgesetzt, zeigte aber die Wiederkehr des politischen Instrumentariums<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die&nbsp;<em>erwartbaren<\/em>&nbsp;zuk\u00fcnftigen Ma\u00dfnahmen lassen sich aus drei Trends ableiten:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Versch\u00e4rfung verkehrspolitischer Instrumente:<\/strong>\u00a0Sollten die CO\u2082-Ziele im Verkehrssektor weiter verfehlt werden, ist mit einer Kombination aus Tempolimit, fl\u00e4chendeckenden Umweltzonen und einer deutlichen Verteuerung des Autoverkehrs (etwa durch eine Reform der Dienstwagenbesteuerung oder eine Ausweitung des CO\u2082-Preises) zu rechnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wiederkehr von Verbotsinstrumenten:<\/strong>\u00a0Anders als in den 1970ern ist heute die rechtliche Grundlage durch das Bundes-Immissionsschutzgesetz und europ\u00e4ische Vorgaben (Stichwort \u201eKlimanotstand\u201c) deutlich erweitert. Fahrverbote an bestimmten Tagen \u2013 \u00e4hnlich dem Sonntagsfahrverbot \u2013 sind rechtlich m\u00f6glich und wurden in der j\u00fcngeren Vergangenheit (etwa bei extremen Smog-Belastungen in Frankreich oder Italien) praktiziert.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kombination mit Anreizsystemen:<\/strong>\u00a0Die Lektion aus den 1970ern ist, dass Verbote allein nicht ausreichen, wenn keine Alternativen bereitstehen. Zuk\u00fcnftige Ma\u00dfnahmen werden daher st\u00e4rker auf eine parallele F\u00f6rderung des \u00f6ffentlichen Verkehrs, den Ausbau der Radinfrastruktur und sozial abgefederte \u00dcberg\u00e4nge setzen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die gesellschaftliche Dimension: Was die Autobahn-Picknicks und Schlittenfahrten uns heute sagen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ph\u00e4nomen der Autobahn-Picknicks und der \u2013 je nach Wetterlage \u2013 Schlittenfahrten 1973 war mehr als eine kuriose Randnotiz. Es zeigte, wie schnell sich soziale Praktiken unter dem Druck \u00e4u\u00dferer Zw\u00e4nge ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Was zun\u00e4chst als Einschr\u00e4nkung empfunden wurde, schuf R\u00e4ume f\u00fcr neue Erfahrungen: die autofreie Autobahn als Spielplatz, die Entschleunigung als Gemeinschaftserlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Soziologin und Mobilit\u00e4tsforscherin Katharina Manderscheid (Universit\u00e4t Bielefeld) hat darauf hingewiesen, dass solche Momente das Potenzial haben, \u201eeingeschriebene Selbstverst\u00e4ndlichkeiten\u201c \u2013 hier die uneingeschr\u00e4nkte Verf\u00fcgbarkeit des Automobils \u2013 sichtbar zu machen. In Interviews mit Zeitzeugen wird immer wieder die paradoxe Erfahrung beschrieben: Die Krise wurde pl\u00f6tzlich als Befreiung erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die heutige Debatte bedeutet dies: Die Akzeptanz von Einschr\u00e4nkungen h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich davon ab, ob sie als&nbsp;<em>sinnvoll<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>gemeinschaftlich<\/em>&nbsp;erfahrbar gemacht werden k\u00f6nnen. Wo Verbote nur als individuelle Last erscheinen, sto\u00dfen sie auf Widerstand; wo sie als Teil eines kollektiven Projekts erkennbar werden, entsteht Spielraum f\u00fcr Transformation.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontroversen und offene Fragen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine nicht aufzul\u00f6sende Unsch\u00e4rfe in der historischen und aktuellen Bewertung besteht in der Frage der&nbsp;<em>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit<\/em>. Kritiker des Sonntagsfahrverbots verwiesen 1973 auf die wirtschaftlichen Sch\u00e4den (insbesondere f\u00fcr den Handel und das Gastgewerbe) und auf die Frage, ob der tats\u00e4chliche Energieeinspareffekt die massiven Einschnitte rechtfertigte. Die Studienlage ist hier uneinheitlich: W\u00e4hrend das ifo-Institut seinerzeit von einer Reduktion des Gesamtverbrauchs um lediglich 0,5 Prozent ausging, kamen andere Berechnungen auf etwa 2 Prozent Einsparung im Stra\u00dfenverkehr \u2013 bei einem Anteil des Stra\u00dfenverkehrs am Gesamtenergieverbrauch von damals rund 18 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Unsch\u00e4rfe betrifft die&nbsp;<em>Kausalit\u00e4t<\/em>: Inwiefern trugen die Ma\u00dfnahmen tats\u00e4chlich zur \u00dcberwindung der Krise bei, oder war es nicht vielmehr die geopolitische Entspannung (das Embargo endete im M\u00e4rz 1974) und die Erschlie\u00dfung neuer F\u00f6rdergebiete (Nordsee, Alaska), die die Lage entsch\u00e4rften? Diese Frage ist nicht abschlie\u00dfend zu beantworten und bleibt ein kontroverses Feld der zeithistorischen Forschung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Sonntagsfahrverbot der 1970er Jahre steht als Symbol f\u00fcr eine Zeit, in der die Bundesrepublik lernte, dass Energie keine selbstverst\u00e4ndliche Ressource ist. Es war der erste gro\u00dfe Einschnitt in die automobile Mobilit\u00e4tskultur, die bis dahin als unantastbar galt. Die Kindheitserinnerung an das Picknick auf der Autobahn \u2013 und in manchen Regionen an das Schlittenfahren auf der leeren Fahrbahn \u2013 ist mehr als Nostalgie: Sie ist ein historisches Dokument einer gesellschaftlichen Erfahrung, die heute wieder hochaktuell ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Parallelen zwischen damals und heute sind nicht zuf\u00e4llig. Beide Epochen markieren Zeitenwenden: damals das Ende der uneingeschr\u00e4nkten Verf\u00fcgbarkeit fossiler Energie, heute das Ende der fossilen \u00c4ra selbst. Die Ma\u00dfnahmen, die heute diskutiert werden \u2013 Tempolimit, Fahrverbote, versch\u00e4rfte Energiesparauflagen \u2013 sind in ihrem Kern dieselben wie vor 50 Jahren. Der Unterschied liegt im Bewusstsein: W\u00e4hrend die \u00d6lkrise als tempor\u00e4rer Schock wahrgenommen wurde, verstehen wir heute, dass es sich um einen strukturellen, dauerhaften Wandel handelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die politische Herausforderung besteht darin, aus den Erfahrungen der 1970er zu lernen. Die Autobahn-Picknicks und Schlittenfahrten zeigen, dass Einschr\u00e4nkungen nicht nur Verzicht bedeuten m\u00fcssen, sondern auch neue Qualit\u00e4ten er\u00f6ffnen k\u00f6nnen. Doch sie zeigen auch, dass solche Einschnitte nur dann gesellschaftlich tragf\u00e4hig sind, wenn sie als fair, nachvollziehbar und zeitlich befristet kommuniziert werden \u2013 und wenn Alternativen bereitstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob die n\u00e4chste Generation eines Tages von autofreien Sonntagen als pr\u00e4gender Kindheitserinnerung berichten wird, ist ungewiss. Dass die Instrumente daf\u00fcr bereitliegen, steht au\u00dfer Frage. Die Frage ist, ob die Politik den Mut und die Gesellschaft die Bereitschaft aufbringt, sie einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Energie (Hrsg.):<\/strong>\u00a0<em>Die Energiekrisen der 1970er Jahre. Historische Aufarbeitung und Lehren f\u00fcr die Gegenwart.<\/em>\u00a0Berlin 2021.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Deutscher Wetterdienst (DWD):<\/strong>\u00a0<em>Monatlicher Witterungsbericht Dezember 1973.<\/em>\u00a0Offenbach am Main 1974. Sowie:\u00a0*Klimastatusbericht 1973 \u2013 Besondere Wetterereignisse im Winter 1973\/74.*<\/li>\n\n\n\n<li><strong>ifo Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung:<\/strong>\u00a0<em>Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Sonntagsfahrverbots 1973.<\/em>\u00a0Ifo Schnelldienst 26\/1974, M\u00fcnchen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kaiser, W.; Steinmetz, W. (Hrsg.):<\/strong>\u00a0*Die \u00d6lkrise 1973\/74. Strukturbr\u00fcche und Kontinuit\u00e4ten in der bundesdeutschen Gesellschaft.*\u00a0Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2020.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Leggewie, C.; Welzer, H.:<\/strong>\u00a0<em>Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie.<\/em>\u00a0S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009 (insb. Kapitel zur Mobilit\u00e4tsgeschichte).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Manderscheid, K.:<\/strong>\u00a0<em>Automobilit\u00e4t als soziale Praxis. Zur Transformation einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/em>\u00a0In: Zeitschrift f\u00fcr Mobilit\u00e4tsforschung, Heft 2\/2021, S. 44\u201361.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Schildt, A.:<\/strong>\u00a0<em>Die \u00d6lkrise 1973. Wende der bundesdeutschen Zeitgeschichte?<\/em>\u00a0In: Archiv f\u00fcr Sozialgeschichte, Bd. 54 (2014), S. 315\u2013342.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Statistisches Bundesamt:<\/strong>\u00a0<em>Energieverbrauch in der Bundesrepublik Deutschland 1970\u20131980.<\/em>\u00a0Fachserie 19, Wiesbaden 1982.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Umweltbundesamt:<\/strong>\u00a0<em>Wirkungen von Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen auf Autobahnen und Landstra\u00dfen.<\/em>\u00a0Texte 45\/2021, Dessau-Ro\u00dflau.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung: Eine Kindheitserinnerung als historisches Dokument Es ist ein sonniger Sonntag im November 1973. Der Geruch von kaltem Schnitzel, Brot und Apfelschorle liegt in der Luft. Zwischen Betonleitw\u00e4nden und Fahrbahnmarkierungen haben Familien Decken ausgebreitet, Kinder spielen Fangen auf dem Standstreifen, M\u00e4nner unterhalten sich \u00fcber Benzinpreise und Frauen tauschen Rezepte f\u00fcr fleischlose Tage aus. 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