{"id":2619,"date":"2026-03-28T08:27:07","date_gmt":"2026-03-28T07:27:07","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2619"},"modified":"2026-03-28T08:27:07","modified_gmt":"2026-03-28T07:27:07","slug":"percy-fawcett-die-suche-nach-der-verlorenen-stadt-z-eine-techarchaologie-des-amazonas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/percy-fawcett-die-suche-nach-der-verlorenen-stadt-z-eine-techarchaologie-des-amazonas\/","title":{"rendered":"Percy Fawcett: Die Suche nach der verlorenen Stadt Z \u2013 Eine Techarch\u00e4ologie des Amazonas"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Der britische Offizier und Kartograf Percy Harrison Fawcett (1867\u20131925) unternahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts sieben Expeditionen in das unerforschte Amazonasgebiet. Sein Verschwinden 1925 bei der Suche nach einer vermeintlichen antiken Stadt \u2013 von ihm \u201eZ\u201c genannt \u2013 geh\u00f6rt zu den r\u00e4tselhaftesten Kapiteln der Entdeckungsgeschichte. Aus heutiger Sicht l\u00e4sst sich Fawcetts Weg nicht nur als Trag\u00f6die eines Besessenen deuten, sondern auch als fr\u00fche, intuitive Antizipation einer arch\u00e4ologischen Revolution: Die moderne Forschung hat nachgewiesen, dass der Amazonas keineswegs ein \u201emenschenleerer Urwald\u201c war, sondern vor der europ\u00e4ischen Kolonisation von komplexen Gesellschaften durchzogen wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Der Mythos und seine Faktenbasis<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fawcetts Geschichte wirkt wie ein Drehbuch f\u00fcr einen Abenteuerfilm \u2013 tats\u00e4chlich diente sie Arthur Conan Doyle als Inspiration f\u00fcr&nbsp;<em>Die verlorene Welt<\/em>&nbsp;(1912) und pr\u00e4gte das Bild des \u201eIndiana Jones\u201c-Archetyps. Doch hinter dem Mythos steht ein akribischer Kartograf, der f\u00fcr die Royal Geographical Society (RGS) Grenzvermessungen in S\u00fcdamerika durchf\u00fchrte und dabei auf Widerspr\u00fcche zwischen kolonialer \u00dcberlieferung und der von ihm beobachteten Realit\u00e4t stie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale These dieses Artikels lautet: Fawcetts jahrzehntelange Suche nach \u201eZ\u201c war keine blo\u00dfe Obsession eines von \u00fcberspannten Theorien getriebenen Abenteurers. Sie entsprang der methodischen Beobachtung, dass die offizielle Wissenschaft seiner Zeit die indigene Geschichte Amazoniens systematisch ignorierte \u2013 und sie erwies sich posthum als richtig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Hintergrund: Vom Milit\u00e4rkartografen zum Grenzg\u00e4nger<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fawcett wurde am 18. August 1867 in Torquay, Devon, geboren. Nach einer Ausbildung an der K\u00f6niglichen Milit\u00e4rakademie in Woolwich diente er ab 1886 in der Royal Artillery. Seine Versetzung nach Ceylon (heute Sri Lanka) weckte sein Interesse an Arch\u00e4ologie: Er lernte dort Vermessungsmethoden unter tropischen Bedingungen und begann, sich f\u00fcr antike Bauwerke zu interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1901 verlie\u00df Fawcett die Armee, um sich ganz der Kartografie zu widmen. Auf Empfehlung der Royal Geographical Society, der er als Fellow angeh\u00f6rte, f\u00fchrte er 1906 seine erste S\u00fcdamerika-Expedition durch. Sein Auftrag war technisch: Die Vermessung eines umstrittenen Grenzgebiets zwischen Bolivien und Brasilien. Der damalige Stand der Technik \u2013 Theodolit, Sextant, Chronometer \u2013 erforderte pr\u00e4zise astronomische Beobachtungen unter extremen Bedingungen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Technikhistorische Einordnung<\/strong>: Fawcetts Arbeit lag an der Schnittstelle zwischen klassischer geod\u00e4tischer Vermessung und der beginnenden Luftbildarch\u00e4ologie. Er nutzte noch keine Flugzeuge, entwickelte aber systematische Methoden zur Gel\u00e4ndeaufnahme aus der Vogelperspektive, indem er Baumkronen bestieg und H\u00f6henprofile anfertigte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Die Entstehung der \u201eStadt Z\u201c-Theorie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend seiner Vermessungsarbeiten stie\u00df Fawcett auf zwei Quellen, die seine sp\u00e4tere Obsession begr\u00fcndeten:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Manuskript 512<\/strong>: Eine im Nationalarchiv von Rio de Janeiro aufbewahrte portugiesische Handschrift aus dem Jahr 1753. Sie beschreibt, wie ein Bandeirante (portugiesischer Siedler) im Inneren Brasiliens auf die Ruinen einer Stadt mit Steinb\u00f6gen, breiten Stra\u00dfen und Hieroglyphen gesto\u00dfen sei. Die Koordinaten waren vage, die Beschreibung erinnerte an klassische Hochkulturen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>M\u00fcndliche \u00dcberlieferungen indigener V\u00f6lker<\/strong>: Fawcett sammelte bei seinen Expeditionen systematisch Berichte \u00fcber Ruinenst\u00e4tten. Besonders die Kalapalo-Indianer im oberen Xingu-Gebiet erz\u00e4hlten ihm von \u201egro\u00dfen, verlassenen Steinh\u00e4usern\u201c im Dschungel \u2013 ein Motiv, das er nicht als Mythos, sondern als kollektives Ged\u00e4chtnis vergangener Besiedlung interpretierte.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fawcetts Kernthese war k\u00fchn: Er vermutete, dass im Amazonasbecken eine komplexe Zivilisation existiert hatte, die \u00e4lter als die bekannten Andenkulturen sein k\u00f6nnte. Diese Behauptung widersprach dem wissenschaftlichen Konsens seiner Zeit, der den tropischen Regenwald als lebensfeindlich f\u00fcr dichte Populationen ansah.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Die sieben Expeditionen: Methodik und Scheitern<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen 1906 und 1924 unternahm Fawcett sieben gr\u00f6\u00dfere Expeditionen. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Etappen zusammen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zielregion<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ergebnis<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>1906<\/td><td>Bolivien\/Grenzgebiet Brasilien<\/td><td>Erste Kartierung; Entdeckung von Steininschriften, die er als Hinweise auf Ruinen deutete<\/td><\/tr><tr><td>1908<\/td><td>Rio Verde (Mato Grosso)<\/td><td>Fund von Keramikscherben und bearbeiteten Steinen; Kontakt mit den Bakair\u00ed-Indianern<\/td><\/tr><tr><td>1911\u20131912<\/td><td>Oberer Xingu<\/td><td>Detaillierte Aufzeichnungen \u00fcber indigene Siedlungsstrukturen; R\u00fcckkehr nach England wegen Ausbruch des Ersten Weltkriegs<\/td><\/tr><tr><td>1920<\/td><td>Bahia (im Auftrag brasilianischer Regierung)<\/td><td>Suche nach Manuskript-512-Ruinen scheitert an logistischen Problemen; Fawcett kehrt ersch\u00f6pft zur\u00fcck<\/td><\/tr><tr><td>1925<\/td><td>Xingu-Quellgebiet (letzte Expedition)<\/td><td>Verschwinden mit Sohn Jack und Raleigh Rimell<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bemerkenswert ist Fawcetts methodische Pr\u00e4zision: Er f\u00fchrte detaillierte Tageb\u00fccher, fertigte systematisch Skizzen an und sammelte ethnografische sowie arch\u00e4ologische Belege. Viele seiner Funde \u2013 darunter Keramiken und Steinger\u00e4te \u2013 gelangten ins Museum von Rio de Janeiro und sp\u00e4ter nach London, wo sie jedoch mangels Interesse nicht umfassend ausgewertet wurden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Das R\u00e4tsel des Verschwindens: Fakten, Spekulationen und ihre \u00dcberpr\u00fcfbarkeit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 20. April 1925 brach Fawcett mit seinem \u00e4ltesten Sohn Jack (22) und Jacks Freund Raleigh Rimell von Cuiab\u00e1 aus auf. Die Ausr\u00fcstung entsprach dem damaligen Stand der Expeditionstechnik: Maultiere, konservierte Lebensmittel, Gewehre, Instrumente.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzte Nachricht erreichte seine Frau Nina am 29. Mai 1925 vom \u201eDead Horse Camp\u201c (benannt nach einem dort verendeten Pferd). Darin teilte Fawcett mit, dass er nun mit seinen beiden Begleitern allein in v\u00f6llig unerforschtes Gebiet aufbrechen werde. Es folgte keine weitere Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen 1925 und 2000 wurden \u00fcber ein Dutzend Suchaktionen durchgef\u00fchrt, darunter:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>1928: Die nordamerikanische Journalistin und Forscherin Sybille Sanderson (Ehefrau eines verschollenen Forschers) durchk\u00e4mmte das Gebiet.<\/li>\n\n\n\n<li>1932\u20131935: Die British Air Mission nutzte erstmals Flugzeuge zur Suche.<\/li>\n\n\n\n<li>1951: Der brasilianische Forscher Orlando Villas B\u00f4as h\u00f6rte von Kalapalo-Indianern, die drei wei\u00dfe M\u00e4nner \u00f6stlich ihres Dorfes gesehen h\u00e4tten \u2013 angeblich seien sie sp\u00e4ter von feindlichen St\u00e4mmen get\u00f6tet worden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgende Tabelle systematisiert die Theorien mit ihrem jeweiligen Evidenzgrad:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Theorie<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Quellenlage<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bewertung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Tod durch Indianer<\/strong><\/td><td>Berichte der Kalapalo, aufgezeichnet von Villas B\u00f4as (1951) und weiteren Ethnologen; widerspr\u00fcchliche Angaben zu Zeitpunkt und verantwortlichem Stamm<\/td><td>Wahrscheinlich, aber nicht verifizierbar; m\u00fcndliche \u00dcberlieferung gilt als glaubw\u00fcrdig, jedoch durch mehrfache \u00dcbersetzung ungenau<\/td><\/tr><tr><td><strong>Verhungert \/ Verirrt<\/strong><\/td><td>Aussagen von Fawcetts langj\u00e4hrigem Begleiter Henry Costin; logistische Probleme bei der letzten Etappe<\/td><td>M\u00f6glich; die \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit in unbekanntem Terrain ohne Unterst\u00fctzung war gering<\/td><\/tr><tr><td><strong>Konflikt mit Begleitern<\/strong><\/td><td>Keine direkten Belege; spekulativ, basierend auf psychologischer Deutung von Fawcetts zunehmender Rigidit\u00e4t<\/td><td>Spekulativ, keine dokumentarische Grundlage<\/td><\/tr><tr><td><strong>\u00dcberfall \/ Raubmord<\/strong><\/td><td>1979 tauchte Fawcetts Siegelring in einem Pfandhaus in Cuiab\u00e1 auf; nicht gesichert, ob der Ring nach 1925 abhandenkam<\/td><td>Indiz, aber kein Beweis; der Ring k\u00f6nnte auch fr\u00fcher verloren gegangen sein<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 1996 durchgef\u00fchrte Expedition des britischen Abenteurers Benedict Allen brachte keine neuen forensischen Erkenntnisse. Bis heute existiert kein gesicherter Fundort der sterblichen \u00dcberreste.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Das Verm\u00e4chtnis: Wie die moderne Arch\u00e4ologie Fawcett recht gibt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fawcett galt lange als gescheitert. Sein Ruf wurde durch seinen eigenen Mythos \u00fcberlagert \u2013 die Vorstellung eines verschrobenen Engl\u00e4nders, der im Dschungel nach einem Phantom suchte. Dieses Bild begann sich erst in den 1990er Jahren zu wandeln, als arch\u00e4ologische Methoden wie Lidar (Laserscanning aus der Luft) und interdisziplin\u00e4re geoarch\u00e4ologische Ans\u00e4tze ein neues Bild Amazoniens zeichneten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Entdeckung von Kuhikugu<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab 1993 untersuchte der US-amerikanische Arch\u00e4ologe Michael Heckenberger mit Unterst\u00fctzung der Kuikuro-Indianer (einer Untergruppe der Kalapalo) das Gebiet des oberen Xingu. Seine Forschungen, ver\u00f6ffentlicht in&nbsp;<em>Science<\/em>&nbsp;(2003) und&nbsp;<em>The Amazonian Formative<\/em>&nbsp;(2005), dokumentierten ein Netzwerk aus:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>20 bis 30 pr\u00e4kolumbianischen Siedlungen,<\/li>\n\n\n\n<li>befestigten D\u00f6rfern mit Palisaden,<\/li>\n\n\n\n<li>Stra\u00dfen und Br\u00fccken, die die Siedlungen verbanden,<\/li>\n\n\n\n<li>komplexen Wasserbauwerken und Landschaftsterrassen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Radiokarbondatierung ergab eine Besiedlungszeit von etwa 1200 bis 400 Jahre vor der Gegenwart. Die von Fawcett vermutete \u201everlorene Stadt\u201c existierte nicht als einzelne Metropole, wohl aber als urbane Agglomeration \u2013 was dem entspricht, was Fawcett als \u201eZ\u201c bezeichnete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heckenberger selbst zog 2003 in einem Interview mit dem&nbsp;<em>Guardian<\/em>&nbsp;die Parallele: \u201eFawcett hatte intuitiv verstanden, dass der Amazonas dichter besiedelt war, als man damals glaubte. Er irrte sich in vielen Details, aber die Grundthese war richtig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Methodischer Wandel: Vom Mythos zur Wissenschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus technikhistorischer Perspektive ist bemerkenswert, dass Fawcetts Irrt\u00fcmer weniger seinem fehlenden wissenschaftlichen Ethos, sondern dem technologischen Stand seiner Zeit geschuldet waren. Ihm fehlten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Datierungsmethoden<\/strong>: Radiokarbon-Datierung wurde erst nach 1949 entwickelt.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Lidar<\/strong>: Diese Technologie erm\u00f6glicht erst seit den 2010er Jahren fl\u00e4chendeckende Vermessungen unter dem Bl\u00e4tterdach.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit<\/strong>: Fawcett arbeitete als Einzelk\u00e4mpfer; heutige Projekte kombinieren Arch\u00e4ologie, Botanik (Analyse von Terra Preta, menschengemachter Schwarzerde), Ethnohistorie und Fernerkundung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Kontroversen und offene Fragen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch nach der arch\u00e4ologischen Best\u00e4tigung dicht besiedelter pr\u00e4kolumbianischer Gesellschaften bleibt Fawcetts Geschichte umstritten:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die Quellenkritik des Manuskripts 512<\/strong>: Einige Historiker wie John Hemming (<em>Red Gold<\/em>, 1978) weisen darauf hin, dass Manuskript 512 m\u00f6glicherweise eine F\u00e4lschung oder stark verzerrte Darstellung ist. Fawcetts Fixierung auf dieses Dokument k\u00f6nnte seine Wahrnehmung verzerrt haben.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Esoterische Einfl\u00fcsse<\/strong>: In den 1910er Jahren geriet Fawcett in Kontakt mit theosophischen Zirkeln. Sein Briefwechsel zeigt, dass er zeitweise an telepathische Verbindungen zu \u201everborgenen Meistern\u201c glaubte. Diese Seite seiner Pers\u00f6nlichkeit f\u00fchrte dazu, dass seri\u00f6se Institutionen wie die Royal Geographical Society sich sp\u00e4ter von ihm distanzierten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Rolle des Kolonialismus<\/strong>: Fawcett bewegte sich im Fahrwerk des britischen Imperialismus. Seine Expeditionen waren teils staatlich legitimierte Grenzziehungsmissionen. Moderne postkoloniale Ans\u00e4tze kritisieren die Aneignung indigener Wissensbest\u00e4nde durch Fawcett, auch wenn er sich im Vergleich zu anderen Forschern seiner Zeit respektvoll gegen\u00fcber lokalen V\u00f6lkern verhielt.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Percy Fawcetts Geschichte ist weder eine einfache Erfolgs- noch eine reine Trag\u00f6dien-Erz\u00e4hlung. Sie ist ein Beispiel f\u00fcr wissenschaftliche Intuition, die ihrer Zeit technologisch voraus war, aber durch pers\u00f6nliche Obsession und methodische Grenzen scheiterte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus heutiger Sicht lassen sich drei Lehren ziehen:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Technikhistorische<\/strong>: Die Geschichte der Arch\u00e4ologie ist auch eine Geschichte der technischen M\u00f6glichkeiten. Fawcetts Scheitern markiert die Grenze des M\u00f6glichen im Zeitalter rein terrestrischer, instrumentengest\u00fctzter Feldforschung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wissenschaftstheoretische<\/strong>: Der wissenschaftliche Konsens der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts \u2013 der Amazonas als \u201eGr\u00fcne H\u00f6lle\u201c ohne komplexe Zivilisation \u2013 war ebenso ideologisch gepr\u00e4gt wie empirisch unzureichend. Fawcetts Dissens erwies sich als richtig, obwohl seine Methoden unzureichend waren.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ethische<\/strong>: Die indigene Geschichte Amazoniens ist heute anerkannt, jedoch durch Landraub, Rodung und unzureichenden Schutz der indigenen Territorien bedroht. Fawcetts Suche nach einer \u201everlorenen Stadt\u201c \u00fcbersah die lebendigen Kulturen der Gegenwart \u2013 ein Spannungsfeld, das auch moderne Arch\u00e4ologie kritisch reflektieren muss.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von David Grann 2009 vorgelegte Biografie&nbsp;<em>Die versunkene Stadt Z<\/em>&nbsp;sowie die Verfilmung von 2016 haben das \u00f6ffentliche Interesse neu entfacht. Wichtiger als die Mythenbildung ist jedoch die wissenschaftliche Arbeit: Die Entdeckung von Kuhikugu und \u00e4hnlicher Siedlungen im bolivianischen Ben\u00ed, im kolumbianischen Amazonas und in Franz\u00f6sisch-Guayana zeigt, dass Fawcetts Intuition Teil eines umfassenden Paradigmenwechsels war \u2013 von der Vorstellung eines menschenleeren Urwalds zur Anerkennung einer langen, komplexen menschlichen Besiedlungsgeschichte Amazoniens.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Grann, David<\/strong>:\u00a0<em>Die versunkene Stadt Z. Fawcetts letzte Fahrt in den Amazonas<\/em>. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2009 (Original:\u00a0<em>The Lost City of Z<\/em>, New York 2009).<br>\u2013 Umfassendste journalistische Aufarbeitung mit Auswertung bis dahin nicht zug\u00e4nglicher Tageb\u00fccher.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Heckenberger, Michael J.<\/strong>:\u00a0<em>The Ecology of Power. Culture, Place, and Personhood in the Southern Amazon, AD 1000\u20132000<\/em>. Routledge, New York 2005.<br>\u2013 Grundlegende arch\u00e4ologische Monografie zur Xingu-Region.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Heckenberger, Michael J. et al.<\/strong>:\u00a0<em>Amazonia 1492: Pristine Forest or Cultural Parkland?<\/em>\u00a0In:\u00a0<em>Science<\/em>, Vol. 301, 2003, S. 1710\u20131714.<br>\u2013 Wissenschaftliche Erstver\u00f6ffentlichung zu den pr\u00e4kolumbianischen Siedlungsstrukturen im oberen Xingu.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Hemming, John<\/strong>:\u00a0<em>Red Gold. The Conquest of the Brazilian Indians<\/em>. Macmillan, London 1978 (Neuauflage 2004).<br>\u2013 Standardwerk zur Kolonialgeschichte Amazoniens mit kritischer Einordnung Fawcetts.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Villas B\u00f4as, Orlando \/ Villas B\u00f4as, Claudio<\/strong>:\u00a0<em>Xingu. The Indians, Their Myths<\/em>. Farrar, Straus &amp; Giroux, New York 1973.<br>\u2013 Ethnografische Aufzeichnungen der Br\u00fcder Villas B\u00f4as, die die Berichte der Kalapalo zu Fawcetts Verschwinden dokumentierten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Royal Geographical Society (RGS) Archive<\/strong>: Korrespondenz und Expeditionsberichte Percy Fawcetts, Signatur RGS\/CB\/Fawcett.<br>\u2013 Prim\u00e4rquellen zu den Expeditionen 1906\u20131925.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische Offizier und Kartograf Percy Harrison Fawcett (1867\u20131925) unternahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts sieben Expeditionen in das unerforschte Amazonasgebiet. 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