{"id":2640,"date":"2026-03-28T08:58:10","date_gmt":"2026-03-28T07:58:10","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2640"},"modified":"2026-03-28T08:58:10","modified_gmt":"2026-03-28T07:58:10","slug":"vom-zustimmungsvorbehalt-zur-partnerschaft-wie-das-bgb-die-erwerbsarbeit-von-frauen-bis-1977-pragte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/vom-zustimmungsvorbehalt-zur-partnerschaft-wie-das-bgb-die-erwerbsarbeit-von-frauen-bis-1977-pragte\/","title":{"rendered":"Vom Zustimmungsvorbehalt zur Partnerschaft: Wie das BGB die Erwerbsarbeit von Frauen bis 1977 pr\u00e4gte"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland betrachtet, st\u00f6\u00dft unweigerlich auf eine scheinbare Paradoxie: Obwohl die Bundesrepublik bereits 1949 im Grundgesetz die Gleichberechtigung von M\u00e4nnern und Frauen festschrieb (Art. 3 Abs. 2 GG), dauerte es fast drei Jahrzehnte, bis im B\u00fcrgerlichen Gesetzbuch (BGB) das letzte Relikt des m\u00e4nnlichen Entscheidungsvorrangs in Ehefragen beseitigt war. Die Rechtslage zwischen 1949 und 1977 war gepr\u00e4gt von einer schrittweisen, aber keineswegs gradlinigen Entwicklung. Zwei Daten markieren dabei entscheidende Einschnitte: das&nbsp;<strong>Gleichberechtigungsgesetz von 1957<\/strong>&nbsp;(in Kraft getreten 1958) und die&nbsp;<strong>Eherechtsreform von 1977<\/strong>. Erst mit letzterer wurde das im Kaiserreich konzipierte Leitbild der &#8222;Hausfrauenehe&#8220; endg\u00fcltig \u00fcberwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel beleuchtet die rechtlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Hintergr\u00fcnde dieser Entwicklung. Er zeigt auf, wie Normen und Realit\u00e4t \u00fcber Jahrzehnte auseinanderklafften, wo vermeintliche &#8222;Gleichstellung&#8220; lediglich eine scheinbare war und welche langen Schatten diese Rechtsgeschichte bis in die Gegenwart wirft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Die Ausgangslage: Das BGB von 1900 und die &#8222;Gewalt des Mannes&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das am 1. Januar 1900 in Kraft getretene BGB war ein Kind des wilhelminischen Kaiserreichs. Im Familienrecht spiegelte sich das patriarchalische Weltbild seiner Sch\u00f6pfer wider. Zentrale Normen waren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>\u00a7 1354 BGB a.F.<\/strong>: &#8222;Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu.&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li><strong>\u00a7 1356 BGB a.F.<\/strong>: &#8222;Die Frau f\u00fchrt den Haushalt. Sie ist berechtigt, erwerbst\u00e4tig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Praktisch bedeutete dies: Die Ehefrau war nicht grunds\u00e4tzlich erwerbst\u00e4tig; sie&nbsp;<em>durfte<\/em>&nbsp;arbeiten, wenn der Ehemann es erlaubte und wenn die Haushaltsf\u00fchrung nicht darunter litt. Der Ehemann konnte ihr die Arbeit jederzeit untersagen. Hinzu kam der&nbsp;<strong>Zustimmungsvorbehalt<\/strong>&nbsp;(\u00a7 1357 BGB a.F.), wonach die Ehefrau f\u00fcr Rechtsgesch\u00e4fte, die \u00fcber den Rahmen des &#8222;angemessenen&#8220; Unterhalts hinausgingen, der Zustimmung des Mannes bedurfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Regelungen waren nicht blo\u00df symbolischer Natur. Sie hatten handfeste wirtschaftliche Konsequenzen: Eine verheiratete Frau konnte ohne Einwilligung des Mannes keinen Arbeitsvertrag abschlie\u00dfen, kein eigenes Bankkonto er\u00f6ffnen und nicht selbst \u00fcber ihr Gehalt verf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. 1957 \u2013 Das Gleichberechtigungsgesetz: Fortschritt mit halber Kraft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Grundgesetz von 1949 stellte die Weichen neu. Art. 3 Abs. 2 erkl\u00e4rte M\u00e4nner und Frauen f\u00fcr gleichberechtigt. Art. 117 Abs. 1 GG verpflichtete den Gesetzgeber, bis zum 31. M\u00e4rz 1953 alles dem Grundgesetz widersprechende Recht \u2013 insbesondere die \u00a7\u00a7 1354, 1356 BGB \u2013 anzupassen. Diese Frist wurde verpasst. Erst 1957, nach langen politischen Debatten, verabschiedete der Bundestag das &#8222;Gesetz \u00fcber die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des b\u00fcrgerlichen Rechts&#8220; \u2013 kurz&nbsp;<strong>Gleichberechtigungsgesetz<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.1 Was sich \u00e4nderte<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gesetz, das am 1. Juli 1958 in Kraft trat, brachte wichtige Verbesserungen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bereich<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Regelung vor 1958<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Regelung ab 1958<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Entscheidungsrecht in Eheangelegenheiten<\/td><td>\u00a7 1354 BGB: Alleinentscheidungsrecht des Mannes<\/td><td>Gestrichen; stattdessen: gemeinsame Entscheidung mit Schiedsfunktion des Mannes bei Uneinigkeit (\u00a7 1354 BGB n.F.)<\/td><\/tr><tr><td>Erwerbst\u00e4tigkeit der Ehefrau<\/td><td>Nur mit Zustimmung des Mannes, wenn mit Haushalt vereinbar<\/td><td>Grunds\u00e4tzlich erlaubt, aber bei Gef\u00e4hrdung des &#8222;Wohls der Familie&#8220; konnte der Mann die Arbeit untersagen<\/td><\/tr><tr><td>Gesch\u00e4ftsf\u00e4higkeit<\/td><td>Zustimmungsvorbehalt des Mannes bei vielen Rechtsgesch\u00e4ften<\/td><td>Volle Gesch\u00e4ftsf\u00e4higkeit; Zustimmungsvorbehalt entfiel<\/td><\/tr><tr><td>Namensrecht<\/td><td>Ehefrau f\u00fchrte den Familiennamen des Mannes<\/td><td>Wahlrecht: Geburtsname oder Familienname des Mannes (Doppelname m\u00f6glich)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.2 Die T\u00fccken des &#8222;Wohls der Familie&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der entscheidende Schwachpunkt des Gesetzes von 1957 war die nach wie vor verankerte&nbsp;<strong>Schiedsfunktion des Mannes<\/strong>. Konnten sich die Ehegatten nicht einigen, entschied der Mann \u2013 sofern seine Entscheidung dem &#8222;Wohl der Familie&#8220; entsprach. Zudem konnte der Mann die Erwerbst\u00e4tigkeit der Frau untersagen, wenn diese &#8222;das Wohl der Familie gef\u00e4hrdete&#8220;. In der Rechtsprechung wurde dies vielfach extensiv ausgelegt: Schichtarbeit, zu hohes Einkommen der Frau (das vermeintlich die Autorit\u00e4t des Mannes untergrub) oder die Vernachl\u00e4ssigung von Haushalt und Kindern galten als Gef\u00e4hrdungsgr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Familienrechtler&nbsp;<strong>Heinrich D\u00f6rner<\/strong>&nbsp;konstatierte bereits 1959: &#8222;Das Gesetz hat die Herrschaft des Mannes nicht beseitigt, sondern nur in andere Formen gekleidet.&#8220; Diese Einsch\u00e4tzung wurde von der zeitgen\u00f6ssischen Frauenbewegung geteilt. So kritisierte&nbsp;<strong>Alice Schwarzer<\/strong>&nbsp;r\u00fcckblickend, das Gesetz habe den &#8222;Untertanengeist&#8220; konserviert, indem es den Mann zum Schiedsrichter \u00fcber die Berufst\u00e4tigkeit der Frau machte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Die Zeit bis 1977: Gesellschaftlicher Wandel und juristische Aush\u00f6hlung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren wuchs der Druck auf den Gesetzgeber. Mehrere Faktoren spielten zusammen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Wirtschaftswunder und Arbeitskr\u00e4ftemangel<\/strong>: Die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen \u2013 auch verheirateter \u2013 wurde zur wirtschaftlichen Notwendigkeit. 1970 waren bereits 48 % der verheirateten Frauen erwerbst\u00e4tig, faktisch h\u00e4ufig gegen den Willen des Gesetzes.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bundesverfassungsgerichtsurteile<\/strong>: Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits 1959 entschieden, dass die Schiedsfunktion des Mannes verfassungsgem\u00e4\u00df sei \u2013 eine Entscheidung, die zunehmend in die Kritik geriet. 1973 erkl\u00e4rte das Gericht in einer Grundsatzentscheidung, dass jede Ungleichbehandlung von M\u00e4nnern und Frauen im Familienrecht einer strengen verfassungsrechtlichen Rechtfertigung bed\u00fcrfe.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Internationaler Kontext<\/strong>: Die UN-Deklaration zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau (1979) stand zwar noch bevor, doch die europ\u00e4ische Rechtsangleichung und die Frauenbewegung der 1970er Jahre setzten den Gesetzgeber massiv unter Druck.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die sozialliberale Koalition<\/strong>: Mit der Regierungs\u00fcbernahme durch Willy Brandt 1969 gewannen familienpolitische Reformkr\u00e4fte an Einfluss. Bundesjustizminister Gerhard Jahn (SPD) trieb eine grundlegende Reform voran.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. 1977 \u2013 Die Eherechtsreform: Ende der Hausfrauenehe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 1. Juli 1977 trat das&nbsp;<strong>Erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts<\/strong>&nbsp;(1. EheRG) in Kraft. Es bedeutete die entscheidende Z\u00e4sur:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>\u00a7 1354 BGB (Schiedsfunktion) wurde ersatzlos gestrichen.<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>\u00a7 1356 BGB n.F.<\/strong>: &#8222;Ehegatten regeln ihre Lebensverh\u00e4ltnisse in gegenseitigem Einvernehmen. Sie tragen die Verantwortung f\u00fcreinander.&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Erwerbst\u00e4tigkeit<\/strong>: Die Erwerbst\u00e4tigkeit jedes Ehegatten wurde grunds\u00e4tzlich als gleichberechtigt anerkannt. Eine Untersagungsm\u00f6glichkeit bestand nicht mehr.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Haushaltsf\u00fchrung<\/strong>: Sie wurde zur gemeinsamen Pflicht erkl\u00e4rt, die beide Ehegatten in Abstimmung mit ihrer Erwerbst\u00e4tigkeit gestalten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.1 Was blieb \u2013 und was kam hinzu<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reform von 1977 war kein vollst\u00e4ndiger Bruch mit der Vergangenheit. Zwei Aspekte sind hervorzuheben:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Aspekt<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Regelung 1977<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bewertung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Zugewinngemeinschaft<\/strong><\/td><td>Automatischer G\u00fcterstand ohne Zuweisung von Verwaltungs- und Verf\u00fcgungsrechten an einen Ehegatten<\/td><td>Wesentlicher Fortschritt gegen\u00fcber der vorherigen Verwaltungsgemeinschaft des Mannes<\/td><\/tr><tr><td><strong>Ehename<\/strong><\/td><td>Wahlm\u00f6glichkeit f\u00fcr beide Ehegatten; Geburtsname als Bestandsname m\u00f6glich<\/td><td>Gleichberechtigte Regelung<\/td><\/tr><tr><td><strong>Unterhalt<\/strong><\/td><td>Fortbestand eines nachehelichen Unterhaltsanspruchs, der oft an traditionale Rollenbilder ankn\u00fcpfte<\/td><td>Kritikpunkt: Zementierung von Erwerbsnachteilen, die in der Ehe entstanden waren<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rechtshistorikerin&nbsp;<strong>Ute Gerhard<\/strong>&nbsp;betont in ihrer Studie &#8222;Gleichheit ohne Angleichung&#8220; (2001), dass mit der Reform von 1977 das &#8222;juristische Korsett&#8220; der Hausfrauenehe zwar gefallen sei, die strukturellen \u00f6konomischen Ungleichheiten \u2013 etwa in der Renten- und Sozialversicherung \u2013 damit aber nicht automatisch beseitigt waren. So blieb etwa die sogenannte&nbsp;<strong>&#8222;Ehegattenbesteuerung&#8220;<\/strong>&nbsp;(Ehegattensplitting) unangetastet, die bis heute Anreize f\u00fcr ein Alleinverdiener-Modell setzt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Historische Einordnung und Kontroversen<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.1 War 1957 ein &#8222;Meilenstein&#8220; oder eine &#8222;Scheinreform&#8220;?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bewertung des Gleichberechtigungsgesetzes von 1957 ist in der Geschichtswissenschaft umstritten. Die einen sehen darin den ersten gro\u00dfen Schritt zur \u00dcberwindung des vorkonstitutionellen Rechts. Andere verweisen darauf, dass das Gesetz die verfassungsrechtlich geforderte Gleichberechtigung bewusst verz\u00f6gerte und die faktische Ungleichheit durch unbestimmte Rechtsbegriffe wie das &#8222;Wohl der Familie&#8220; fortwirkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rechtswissenschaftler&nbsp;<strong>Dieter Schwab<\/strong>&nbsp;argumentierte in seinem Standardwerk &#8222;Familienrecht&#8220; (1999), dass das Gesetz von 1957 aus heutiger Sicht &#8222;ein unvollendeter Kompromiss&#8220; gewesen sei, der jedoch die notwendige Vorarbeit f\u00fcr die sp\u00e4tere Reform leistete. Demgegen\u00fcber steht die Position von&nbsp;<strong>Barbara Duden<\/strong>, die in einer vielbeachteten Analyse f\u00fcr den Berliner Juristentag 1974 konstatierte: &#8222;Die sogenannte Gleichberechtigung von 1958 hat die rechtliche Unterordnung der Frau nur kaschiert, nicht beseitigt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.2 Die Verfassungswidrigkeit der Schiedsfunktion \u2013 ein versp\u00e4tetes Urteil<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die Schiedsfunktion des Mannes jahrelang als verfassungsgem\u00e4\u00df galt, zeigt die z\u00f6gerliche Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Erst 1975, in einer Entscheidung zum Familiennamen, stellte das Gericht klar, dass jede auf das Geschlecht abstellende Norm einer &#8222;besonders strengen Rechtfertigung&#8220; bed\u00fcrfe. Damit war der Weg f\u00fcr die Reform von 1977 verfassungsrechtlich vorgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.3 Die \u00f6konomische Dimension: Was das Recht nicht regeln konnte<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rechts\u00e4nderungen von 1957 und 1977 betrafen prim\u00e4r die formelle Rechtsgleichheit. Materielle Ungleichheiten \u2013 insbesondere in der sozialen Sicherung, im Steuerrecht und in der tats\u00e4chlichen Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit \u2013 blieben davon weitgehend unber\u00fchrt. Die Einf\u00fchrung des&nbsp;<strong>Erziehungsgeldes<\/strong>&nbsp;(1986) und sp\u00e4ter des&nbsp;<strong>Elterngeldes<\/strong>&nbsp;(2007) sowie schrittweise Verbesserungen beim&nbsp;<strong>Ehegattensplitting<\/strong>&nbsp;und beim&nbsp;<strong>Versorgungsausgleich<\/strong>&nbsp;adressierten diese strukturellen Fragen, jedoch mit zeitlicher Verz\u00f6gerung und keineswegs abschlie\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entwicklung des BGB in der Frage der Erwerbsarbeit von Frauen bis 1977 ist ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Beharrungskraft von Rechtsinstituten. Dass das Grundgesetz von 1949 die Gleichberechtigung postulierte, aber erst fast drei Jahrzehnte sp\u00e4ter die letzte gesetzliche Ungleichheit im Familienrecht beseitigt wurde, zeigt das Spannungsfeld zwischen Verfassungsnorm und gesellschaftlicher Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rechtslage von 1957 war kein echter Gleichberechtigungsdurchbruch, sondern ein Kompromiss, der die Entscheidungsmacht des Mannes in neue, weniger eindeutige Formen goss. Erst die Reform von 1977 schuf die Grundlage f\u00fcr ein partnerschaftliches Familienmodell, wie es heute im BGB verankert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass rechtliche Gleichstellung allein strukturelle Ungleichheiten nicht beseitigt. Die Debatten um die &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220;, das Ehegattensplitting oder die Reform des Unterhaltsrechts zeigen, dass das Familienrecht bis heute ein Ort politischer Auseinandersetzungen \u00fcber Geschlechterrollen ist. Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Pfadabh\u00e4ngigkeiten kennen \u2013 und dazu geh\u00f6rt die Erinnerung daran, dass noch vor wenigen Generationen eine verheiratete Frau in Deutschland nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durfte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gesetze und amtliche Materialien:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>B\u00fcrgerliches Gesetzbuch (BGB) in den Fassungen von 1900, 1958 und 1977<\/li>\n\n\n\n<li>Gesetz \u00fcber die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des b\u00fcrgerlichen Rechts vom 18. Juni 1957 (BGBl. I S. 609)<\/li>\n\n\n\n<li>Erstes Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1. EheRG) vom 14. Juni 1976 (BGBl. I S. 1421), in Kraft getreten am 1. Juli 1977<\/li>\n\n\n\n<li>Grundgesetz f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland (1949)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Rechtsprechung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 17. Dezember 1953 \u2013 1 BvR 147\/52 (zum Grundsatz der Gleichberechtigung)<\/li>\n\n\n\n<li>Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 20. Mai 1975 \u2013 1 BvR 332\/70 (zur strengen Rechtfertigung geschlechtsbezogener Normen)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>D\u00f6rner, Heinrich:\u00a0<em>Gleichberechtigung von Mann und Frau im b\u00fcrgerlichen Recht<\/em>, in: Juristenzeitung 1959, S. 401\u2013408<\/li>\n\n\n\n<li>Gerhard, Ute:\u00a0<em>Gleichheit ohne Angleichung. Frauen im Recht<\/em>, M\u00fcnchen 2001<\/li>\n\n\n\n<li>Schwab, Dieter:\u00a0<em>Familienrecht<\/em>, 9. Aufl., M\u00fcnchen 1999<\/li>\n\n\n\n<li>Duden, Barbara:\u00a0<em>Die rechtliche Stellung der Frau \u2013 Eine Bilanz nach 25 Jahren Grundgesetz<\/em>, in: Kritische Justiz 1974, S. 221\u2013238<\/li>\n\n\n\n<li>Ramm, Thilo:\u00a0<em>Die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Familienrecht<\/em>, in: Zeitschrift f\u00fcr das gesamte Familienrecht 1957, S. 513\u2013524<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Statistische Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Statistisches Bundesamt:\u00a0<em>Bev\u00f6lkerung und Erwerbst\u00e4tigkeit \u2013 Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen<\/em>, Wiesbaden 1972 (f\u00fcr Daten zur Erwerbsquote verheirateter Frauen um 1970)<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Wer heute die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland betrachtet, st\u00f6\u00dft unweigerlich auf eine scheinbare Paradoxie: Obwohl die Bundesrepublik bereits 1949 im Grundgesetz die Gleichberechtigung von M\u00e4nnern und Frauen festschrieb (Art. 3 Abs. 2 GG), dauerte es fast drei Jahrzehnte, bis im B\u00fcrgerlichen Gesetzbuch (BGB) das letzte Relikt des m\u00e4nnlichen Entscheidungsvorrangs in Ehefragen beseitigt war. 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