{"id":2709,"date":"2026-03-30T16:12:17","date_gmt":"2026-03-30T14:12:17","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2709"},"modified":"2026-03-30T16:12:17","modified_gmt":"2026-03-30T14:12:17","slug":"der-rehbinder-effekt-wenn-flussigkeiten-sprode-materialien-formbar-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-rehbinder-effekt-wenn-flussigkeiten-sprode-materialien-formbar-machen\/","title":{"rendered":"Der Rehbinder-Effekt: Wenn Fl\u00fcssigkeiten spr\u00f6de Materialien formbar machen"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen Sie sich vor, ein St\u00fcck Glas \u2013 spr\u00f6de, zerbrechlich, bekannt f\u00fcr seine Neigung zu scharfkantigen Br\u00fcchen \u2013 lie\u00dfe sich wie weicher Ton verformen, biegen, ja sogar schneiden, ohne zu zersplittern. Was wie Materialwissenschaft auf den ersten Blick erscheint, ist ein Ph\u00e4nomen, das seit den 1940er Jahren bekannt ist, aber erst in den letzten Jahrzehnten seine volle technologische Bedeutung entfaltet hat: der Rehbinder-Effekt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Benannt nach dem russischen Physikochemiker Piotr Aleksandrowitsch Rehbinder (1898\u20131972), beschreibt der Effekt die drastische Reduktion der Festigkeit und Ver\u00e4nderung des Bruchverhaltens von Festk\u00f6rpern durch das Einwirken oberfl\u00e4chenaktiver Substanzen (Surfaktane). Was in der Grundlagenforschung als physikochemische Kuriosit\u00e4t begann, hat heute Anwendungen von der Mikroelektronik bis zur Chirurgie. Doch der Effekt ist zugleich ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie scheinbar einfache Ph\u00e4nomene komplexe Wechselspiele von Oberfl\u00e4chenphysik, Materialwissenschaft und mechanischer Beanspruchung offenbaren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Die Entdeckung: Ein Durchbruch der sowjetischen Materialforschung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wurzeln des Rehbinder-Effekts liegen in den 1930er Jahren am Institut f\u00fcr Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Moskau. Rehbinder, der urspr\u00fcnglich Kolloidchemie studierte, beobachtete bei systematischen Untersuchungen zum Einfluss von Fl\u00fcssigkeiten auf die mechanischen Eigenschaften von Festk\u00f6rpern ein bemerkenswertes Ph\u00e4nomen: Bei der Verformung von Kristallen in Gegenwart bestimmter Fl\u00fcssigkeiten sank die ben\u00f6tigte Kraft signifikant \u2013 oft um 50 bis 80 Prozent \u2013, und die Materialien zeigten ein duktiles (verformbares) statt spr\u00f6des Bruchverhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rehbinders zentrale Erkenntnis war, dass die Wirkung nicht in einer chemischen Aufl\u00f6sung des Materials besteht, sondern in einer physikalischen Wechselwirkung: Oberfl\u00e4chenaktive Molek\u00fcle dringen in bereits vorhandene oder sich unter Belastung bildende Mikrorisse ein und reduzieren dort die freie Oberfl\u00e4chenenergie. Dadurch wird die f\u00fcr die Rissausbreitung notwendige Arbeit herabgesetzt \u2013 das Material \u201egibt nach\u201c, bevor es bricht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Entdecker<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Piotr A. Rehbinder (1898\u20131972)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Institution<\/strong><\/td><td>Institut f\u00fcr Physikalische Chemie, Moskau<\/td><\/tr><tr><td><strong>Zeitraum<\/strong><\/td><td>1930er\u20131940er Jahre<\/td><\/tr><tr><td><strong>Kernmechanismus<\/strong><\/td><td>Reduktion der Oberfl\u00e4chenenergie durch Adsorption<\/td><\/tr><tr><td><strong>Effekt<\/strong><\/td><td>Verminderte Festigkeit, ver\u00e4ndertes Bruchverhalten<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Physikalisch-chemische Grundlagen: Wie der Effekt funktioniert<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rehbinder-Effekt beruht auf einem Prinzip, das als&nbsp;<em>adsorptionsinduzierte Festigkeitsminderung<\/em>&nbsp;(adsorption-induced strength reduction) bezeichnet wird. Im Detail lassen sich drei wesentliche Mechanismen unterscheiden:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.1 Adsorption und Oberfl\u00e4chenenergie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Festigkeit eines Festk\u00f6rpers wird durch die Energie bestimmt, die n\u00f6tig ist, um neue Oberfl\u00e4chen \u2013 also Rissfl\u00e4chen \u2013 zu erzeugen. Diese Energie, die&nbsp;<em>spezifische Oberfl\u00e4chenenergie<\/em>&nbsp;\u03b3, ist materialabh\u00e4ngig. Oberfl\u00e4chenaktive Substanzen lagern sich an die Oberfl\u00e4che des Festk\u00f6rpers an und senken dadurch \u03b3. Nach dem Griffith-Kriterium der Bruchmechanik sinkt mit \u03b3 auch die kritische Spannung, bei der sich ein Riss ausbreitet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.2 Rebinder-Effekt vs. Stress-Corrosion Cracking<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine wichtige begriffliche Kl\u00e4rung ist geboten: Der Rehbinder-Effekt wird h\u00e4ufig mit der&nbsp;<em>Spannungsrisskorrosion<\/em>&nbsp;(stress-corrosion cracking) verwechselt. Der Unterschied ist jedoch fundamental:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Merkmal<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Rehbinder-Effekt<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Spannungsrisskorrosion<\/strong><\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Mechanismus<\/strong><\/td><td>Physikalische Adsorption<\/td><td>Elektrochemische Reaktion<\/td><\/tr><tr><td><strong>Materialver\u00e4nderung<\/strong><\/td><td>Keine chemische Ver\u00e4nderung<\/td><td>Korrosion, Materialabtrag<\/td><\/tr><tr><td><strong>Umgebung<\/strong><\/td><td>Oberfl\u00e4chenaktive Fl\u00fcssigkeiten<\/td><td>Oft aggressive Medien (S\u00e4uren, Salze)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Zeitskala<\/strong><\/td><td>Unmittelbar, reversibel<\/td><td>Zeitabh\u00e4ngig, irreversibel<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rehbinder-Effekt ist rein physikalisch und reversibel \u2013 entfernt man die oberfl\u00e4chenaktive Substanz, kehrt das Material zu seinen urspr\u00fcnglichen Festigkeitseigenschaften zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.3 Rebinder-Effekt in der Praxis<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der experimentellen Praxis zeigt sich der Effekt besonders deutlich bei der H\u00e4rtepr\u00fcfung oder beim Schneiden von Materialien. Wird beispielsweise ein Einkristall aus Kaliumchlorid (KCl) in ges\u00e4ttigter KCl-L\u00f6sung geschnitten, sinkt die Schnittkraft gegen\u00fcber einer Messung an Luft um bis zu 70 Prozent. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Halbleitermaterialien wie Silizium oder Galliumarsenid bei der Bearbeitung in Gegenwart geeigneter Tensidl\u00f6sungen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Historische Entwicklung und Kontroversen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rezeption des Rehbinder-Effekts im Westen verlief \u2013 typisch f\u00fcr die Zeit des Kalten Krieges \u2013 schleppend. Erst in den 1950er und 1960er Jahren, nach \u00dcbersetzungen zentraler Publikationen, begann die internationale Materialforschung, sich systematisch mit dem Ph\u00e4nomen auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine bis heute nicht vollst\u00e4ndig aufgel\u00f6ste Kontroverse betrifft die Frage der&nbsp;<em>Universalit\u00e4t<\/em>&nbsp;des Effekts. W\u00e4hrend Rehbinder selbst und die sowjetische Schule von einer prinzipiell universellen G\u00fcltigkeit ausgingen \u2013 jedes spr\u00f6de Material k\u00f6nne durch geeignete oberfl\u00e4chenaktive Substanzen plastifiziert werden \u2013, zeigten westliche Forscher wie A. R. C. Westwood und Kollegen, dass die Effektst\u00e4rke stark von der spezifischen Kombination aus Material, Fl\u00fcssigkeit und Belastungsgeschwindigkeit abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kritische Einw\u00e4nde, die bis heute diskutiert werden:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Der Effekt ist nicht bei allen spr\u00f6den Materialien gleicherma\u00dfen ausgepr\u00e4gt.<\/li>\n\n\n\n<li>Bei sehr reinen, fehlerfreien Einkristallen (wie whisker) ist der Effekt oft gering oder nicht nachweisbar, da die initiale Rissdichte fehlt.<\/li>\n\n\n\n<li>Die genaue molekulare Wechselwirkung an der Rissspitze ist noch nicht vollst\u00e4ndig modelliert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Anwendungen in Technik und Industrie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die technische Nutzung des Rehbinder-Effekts hat in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen. Besonders in Bereichen, in denen spr\u00f6de Materialien mit hoher Pr\u00e4zision bearbeitet werden m\u00fcssen, bietet der Effekt entscheidende Vorteile.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.1 Halbleiterindustrie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Herstellung von Mikrochips werden Siliziumwafer pr\u00e4zise zers\u00e4gt und getrennt. Der Einsatz von Tensidl\u00f6sungen beim&nbsp;<em>Wafer-Dicing<\/em>&nbsp;reduziert die Schnittkr\u00e4fte, minimiert Ausbr\u00fcche an den Kanten und verl\u00e4ngert die Standzeit der S\u00e4gebl\u00e4tter. Typische Zus\u00e4tze sind nichtionische Tenside oder spezielle Schneid\u00f6le.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.2 Chirurgie und Medizintechnik<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Ophthalmologie (Augenheilkunde) nutzt man den Effekt bei der Laser-in-situ-Keratomileusis (LASIK) oder bei der Katarakt-OP. Hier werden oberfl\u00e4chenaktive Substanzen eingesetzt, um die Hornhaut oder die Linsenkapsel pr\u00e4ziser zu trennen. Auch bei der Herstellung von Implantaten aus Keramik oder Hartmetallen spielt der Effekt eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.3 Bergbau und Gesteinsbearbeitung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der fr\u00fchesten industriellen Anwendungen war der Bergbau. Bereits in den 1960er Jahren wurden in der Sowjetunion Bohrl\u00f6sungen mit Zus\u00e4tzen oberfl\u00e4chenaktiver Stoffe erprobt, um den Bohrfortschritt in Hartgestein zu erh\u00f6hen. Die Effizienzsteigerung lag bei 20 bis 40 Prozent bei gleichzeitiger Reduktion des Werkzeugverschlei\u00dfes.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4.4 Neuere Entwicklungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der aktuellen Forschung wird der Rehbinder-Effekt f\u00fcr folgende Anwendungen untersucht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Pr\u00e4zisionsfertigung von Keramikkomponenten<\/strong>\u00a0f\u00fcr Luft- und Raumfahrt<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ultraschallunterst\u00fctztes Schneiden<\/strong>\u00a0spr\u00f6der Materialien in Kombination mit oberfl\u00e4chenaktiven Medien<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Additive Fertigung<\/strong>\u00a0(3D-Druck) von metallischen und keramischen Werkstoffen zur Verbesserung der Schichthaftung<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Grenzen und ungekl\u00e4rte Aspekte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz der erfolgreichen Anwendungen ist der Rehbinder-Effekt kein Allheilmittel der Materialbearbeitung. Mehrere Einschr\u00e4nkungen sind zu beachten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unsch\u00e4rfe 1: Materialabh\u00e4ngigkeit<\/strong><br>Nicht alle spr\u00f6den Materialien zeigen den Effekt gleicherma\u00dfen. W\u00e4hrend Ionenkristalle (wie NaCl, KCl) und viele Halbleiter stark reagieren, ist die Wirkung bei hochreinen Oxidkeramiken (Al\u2082O\u2083, ZrO\u2082) oft gering. Die Ursache liegt in der unterschiedlichen Oberfl\u00e4chenchemie und der F\u00e4higkeit der Tenside, die Rissspitze tats\u00e4chlich zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unsch\u00e4rfe 2: Geschwindigkeitsabh\u00e4ngigkeit<\/strong><br>Der Effekt nimmt mit steigender Belastungsgeschwindigkeit ab. Bei sehr schnellen Prozessen \u2013 etwa beim mechanischen Zerspanen mit hohen Vorschubgeschwindigkeiten \u2013 ist die Zeit f\u00fcr die Adsorption an der Rissspitze zu kurz, um eine merkliche Festigkeitsminderung zu bewirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unsch\u00e4rfe 3: Reversibilit\u00e4t als zweischneidiges Schwert<\/strong><br>Die Reversibilit\u00e4t bedeutet, dass nach Entfernung der oberfl\u00e4chenaktiven Substanz die urspr\u00fcngliche Festigkeit wiederhergestellt ist. F\u00fcr Prozesse, die eine dauerhafte Plastifizierung erfordern, ist der Effekt daher ungeeignet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unsch\u00e4rfe 4: Abgrenzung zu verwandten Ph\u00e4nomenen<\/strong><br>In der Literatur werden verschiedene Effekte h\u00e4ufig vermischt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Rebinder-Effekt<\/em>\u00a0(reine Adsorption)<\/li>\n\n\n\n<li><em>Joff\u00e9-Effekt<\/em>\u00a0(Aufl\u00f6sung von Oberfl\u00e4chenschichten, benannt nach A. F. Joff\u00e9)<\/li>\n\n\n\n<li><em>Spannungsrisskorrosion<\/em>\u00a0(elektrochemisch)<\/li>\n\n\n\n<li><em>Fl\u00fcssigmetallverspr\u00f6dung<\/em>\u00a0(bei Metallen durch fl\u00fcssige Metalle)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine saubere terminologische Trennung ist f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis essenziell.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Zukunftsperspektiven und Forschungsfragen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die moderne Materialforschung besch\u00e4ftigt sich mit mehreren offenen Fragen:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Quantitative Modellierung<\/strong><br>Die bestehenden Modelle (etwa nach Westwood) beschreiben den Effekt ph\u00e4nomenologisch, aber eine vollst\u00e4ndige atomistische Theorie, die die Wechselwirkung zwischen Rissspitze, Fl\u00fcssigkeitsmolek\u00fclen und Gitterfehlern vorhersagt, steht noch aus.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Nachhaltigkeit<\/strong><br>Viele verwendete oberfl\u00e4chenaktive Substanzen sind \u00f6kologisch bedenklich. Die Entwicklung biobasierter, biologisch abbaubarer Tenside f\u00fcr technische Anwendungen ist ein aktuelles Forschungsfeld.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kombination mit anderen Verfahren<\/strong><br>Erste Arbeiten untersuchen die Kombination des Rehbinder-Effekts mit ultraschallunterst\u00fctzter Bearbeitung oder laserinduzierten thermischen Effekten. Hier zeichnen sich synergetische Wirkungen ab.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>In-situ-Charakterisierung<\/strong><br>Neue bildgebende Verfahren wie die Rasterkraftmikroskopie (AFM) und die hochaufl\u00f6sende Transmissionselektronenmikroskopie (HRTEM) erm\u00f6glichen es erstmals, die Adsorptionsvorg\u00e4nge an der Rissspitze in Echtzeit zu beobachten.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rehbinder-Effekt ist ein faszinierendes Beispiel daf\u00fcr, wie ein grundlegendes physikochemisches Prinzip \u2013 die Reduktion der Oberfl\u00e4chenenergie durch Adsorption \u2013 zu einer breiten Palette technischer Anwendungen f\u00fchren kann. Was vor 90 Jahren als akademische Entdeckung begann, ist heute aus der Pr\u00e4zisionsfertigung spr\u00f6der Materialien nicht mehr wegzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig zeigt der Effekt exemplarisch die Grenzen wissenschaftlicher Universalit\u00e4tsanspr\u00fcche: Er ist weder universell g\u00fcltig noch in allen Belastungsszenarien wirksam. Diese Einschr\u00e4nkungen sind keine Schw\u00e4chen, sondern verweisen auf die komplexe Materialit\u00e4t technischer Systeme \u2013 ein Umstand, den jede verantwortungsvolle ingenieurwissenschaftliche Praxis ber\u00fccksichtigen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft des Rehbinder-Effekts liegt in der pr\u00e4zisen Steuerung der Wechselwirkungen an der Grenzfl\u00e4che zwischen Festk\u00f6rper und Fl\u00fcssigkeit. Mit modernen Analysemethoden und einer wachsenden Nachfrage nach nachhaltigen Fertigungsprozessen k\u00f6nnte dieses Ph\u00e4nomen in den kommenden Jahrzehnten eine noch gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen \u2013 nicht als Wundermittel, sondern als ein pr\u00e4zise einsetzbares Werkzeug im Repertoire der Fertigungstechnik.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Rehbinder, P. A.<\/strong>\u00a0(1947):\u00a0<em>\u00dcber den Einflu\u00df oberfl\u00e4chenaktiver Stoffe auf die Festigkeit von Kristallen<\/em>. In: Zeitschrift f\u00fcr Physikalische Chemie, Bd. 192, S. 41\u201362.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Westwood, A. R. C., &amp; Hitch, T. T.<\/strong>\u00a0(1974):\u00a0<em>The Rebinder Effect and the Environment-Sensitive Mechanical Behavior of Solids<\/em>. In: Journal of Materials Science, Vol. 9, No. 4, pp. 645\u2013653.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Malkin, A. I.<\/strong>\u00a0(2010):\u00a0<em>On the Nature of the Rebinder Effect<\/em>. In: Colloid Journal, Vol. 72, No. 1, pp. 1\u201314.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Lawn, B. R.<\/strong>\u00a0(1993):\u00a0<em>Fracture of Brittle Solids<\/em>. Cambridge University Press, 2. Auflage. (Kapitel 8: Environment-Sensitive Fracture)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Fischer-Cripps, A. C.<\/strong>\u00a0(2007):\u00a0<em>Introduction to Contact Mechanics<\/em>. Springer. (Kapitel zur H\u00e4rtepr\u00fcfung unter Umgebungseinfl\u00fcssen)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>ASTM International<\/strong>\u00a0(2020):\u00a0<em>Standard Guide for Environmentally Assisted Fracture Testing<\/em>. ASTM E1681-20.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einleitung Stellen Sie sich vor, ein St\u00fcck Glas \u2013 spr\u00f6de, zerbrechlich, bekannt f\u00fcr seine Neigung zu scharfkantigen Br\u00fcchen \u2013 lie\u00dfe sich wie weicher Ton verformen, biegen, ja sogar schneiden, ohne zu zersplittern. 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