{"id":2842,"date":"2026-04-02T06:32:04","date_gmt":"2026-04-02T04:32:04","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2842"},"modified":"2026-04-02T06:32:04","modified_gmt":"2026-04-02T04:32:04","slug":"die-mannigfaltigkeit-ein-begriffsgeschichtlicher-und-mathematischer-exkursionsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-mannigfaltigkeit-ein-begriffsgeschichtlicher-und-mathematischer-exkursionsbericht\/","title":{"rendered":"Die Mannigfaltigkeit: Ein begriffsgeschichtlicher und mathematischer Exkursionsbericht"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich auf das Wort \u201eMannigfaltigkeit\u201c einl\u00e4sst, betritt ein semantisches Spannungsfeld. Da ist der allt\u00e4gliche Gebrauch, der schlicht die Vielfalt der Dinge meint. Da ist die philosophische Kategorie bei Kant, wo das \u201eMannigfaltige der Anschauung\u201c erst durch den Verstand geordnet werden muss. Und da ist die mathematische Mannigfaltigkeit \u2013 ein Begriff von solcher begrifflichen Sch\u00e4rfe, dass er zur Grundsprache der modernen Physik und Geometrie geworden ist. Dieser Artikel trennt diese Bedeutungsebenen, zeichnet den historischen Weg von Gau\u00df \u00fcber Riemann bis in die Gegenwart nach und zeigt, warum das Konzept heute unverzichtbar ist \u2013 von der Allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie bis zur Robotik.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Drei Welten eines Wortes<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um Unsch\u00e4rfen zu vermeiden, ist eine begriffliche Auftrennung unerl\u00e4sslich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bedeutungsebene<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Charakterisierung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Typische Verwendung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Alltagssprache<\/td><td>Vielfalt, Formenreichtum, Vielgestaltigkeit<\/td><td>\u201eMannigfaltigkeit der Arten\u201c, \u201emannigfaltige Eindr\u00fccke\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Philosophie (Kant)<\/td><td>Das ungeordnete, passive Material der Sinnesanschauung<\/td><td>\u201eDas Mannigfaltige der Anschauung muss synthetisiert werden\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Mathematik (Fachsprache)<\/td><td>Topologischer Raum mit lokaler euklidischer Modellierbarkeit<\/td><td>\u201en-dimensionale differenzierbare Mannigfaltigkeit\u201c<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gefahr liegt in der unreflektierten \u00dcbertragung: Dass etwas vielf\u00e4ltig ist, macht es noch nicht zu einer mathematischen Mannigfaltigkeit. Umgekehrt hat eine mathematische Mannigfaltigkeit nichts mit \u201eVielfalt\u201c im allt\u00e4glichen Sinne zu tun, sondern mit der Frage, wie ein Raum lokal und global beschaffen ist. Die Pr\u00e4zision der Mathematik ist hier ein Gewinn \u2013 wenn man sie denn als solche erkennt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Die Grundidee: Lokal vertraut, global fremd<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kerndefinition der Mathematik lautet: Eine Mannigfaltigkeit ist ein Raum, der&nbsp;<strong>lokal<\/strong>&nbsp;wie der euklidische Raum \u211d\u207f aussieht, aber&nbsp;<strong>global<\/strong>&nbsp;eine andere, oft komplexere Struktur haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet: Zu jedem Punkt existiert eine Umgebung, die sich stetig (und bei differenzierbaren Mannigfaltigkeiten: glatt) auf eine offene Teilmenge des \u211d\u207f abbilden l\u00e4sst. Diese Abbildung hei\u00dft&nbsp;<strong>Karte<\/strong>. Eine Sammlung solcher Karten, die den gesamten Raum \u00fcberdecken, hei\u00dft&nbsp;<strong>Atlas<\/strong>. In \u00dcberlappungsbereichen m\u00fcssen die Kartenwechsel \u2013 also die Abbildungen von einer Karte in die n\u00e4chste \u2013 bestimmte Glattheitsbedingungen erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anschaulich: Die Erdoberfl\u00e4che ist lokal kaum von einer Ebene zu unterscheiden. Mit einem Atlas aus vielen einzelnen Landkarten kann man sie dennoch vollst\u00e4ndig beschreiben. Die Mathematik verallgemeinert dieses Prinzip auf beliebige Dimensionen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Historische Entwicklung: Von Gau\u00df bis zur Abstraktion<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Idee einer Mannigfaltigkeit entstand nicht aus reiner Theoriensucht, sondern aus einem konkreten Problem der Geometrie und Kartografie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.1 Carl Friedrich Gau\u00df (1777\u20131855)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gau\u00df war einer der Ersten, der erkannte, dass die innere Geometrie einer Fl\u00e4che \u2013 etwa einer gekr\u00fcmmten Erdoberfl\u00e4che \u2013 ohne R\u00fcckgriff auf einen umgebenden Raum beschrieben werden kann. In seinen \u201eDisquisitiones generales circa superficies curvas\u201c (1827) f\u00fchrte er die&nbsp;<strong>intrinsische Kr\u00fcmmung<\/strong>&nbsp;ein. Das war ein entscheidender Schritt weg von der Einbettungsgeometrie (Fl\u00e4che als Teil des \u211d\u00b3) hin zur Geometrie der Fl\u00e4che selbst. Gau\u00df arbeitete zwar noch nicht mit dem Begriff \u201eMannigfaltigkeit\u201c, aber er schuf die begrifflichen Werkzeuge daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.2 Bernhard Riemann (1826\u20131866)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Riemann, ein Sch\u00fcler von Gau\u00df, verallgemeinerte dessen Ideen in seiner Habilitationsvorlesung&nbsp;<strong>\u201e\u00dcber die Hypothesen, welche der Geometrie zu Grunde liegen\u201c<\/strong>&nbsp;(1854) auf beliebig viele Dimensionen. Er pr\u00e4gte den Begriff der&nbsp;<strong>Mannigfaltigkeit<\/strong>&nbsp;(damals noch \u201eMannigfaltigkeit\u201c als \u00dcbersetzung von&nbsp;<em>multiplex<\/em>). Bei Riemann findet sich bereits die Unterscheidung zwischen stetigen (topologischen) und metrischen (riemannschen) Mannigfaltigkeiten. Seine Arbeit legte das Fundament f\u00fcr die sp\u00e4teren Theorien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.3 Henri Poincar\u00e9 (1854\u20131912) und die Topologisierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Poincar\u00e9 arbeitete um 1900 die topologischen Grundlagen aus. Er definierte Mannigfaltigkeiten \u00fcber die lokale Modellierung durch \u211d\u207f und unterschied zwischen differenzierbaren und nicht-differenzierbaren F\u00e4llen. Die nach ihm benannte&nbsp;<strong>Poincar\u00e9-Vermutung<\/strong>&nbsp;(jede einfach zusammenh\u00e4ngende, geschlossene 3-Mannigfaltigkeit ist hom\u00f6omorph zur 3-Sph\u00e4re) wurde erst 2003 von Grigori Perelman bewiesen und zeigt, wie tief die Theorie reicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3.4 Das 20. Jahrhundert: Formalisierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1930er und 1940er Jahren pr\u00e4gten Mathematiker wie Hassler Whitney, John Milnor und John Nash die moderne Theorie. Whitney zeigte, dass jede abstrakte differenzierbare Mannigfaltigkeit in einen euklidischen Raum eingebettet werden kann (Einbettungssatz von Whitney). Milnor entdeckte 1956&nbsp;<strong>exotische Sph\u00e4ren<\/strong>&nbsp;\u2013 Mannigfaltigkeiten, die hom\u00f6omorph, aber nicht diffeomorph zur Standardsph\u00e4re sind. Das war eine begriffliche Sensation: Die Kartenwechsel k\u00f6nnen so beschaffen sein, dass dieselbe topologische Mannigfaltigkeit verschiedene differenzierbare Strukturen tr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Eine pr\u00e4zise Typologie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die moderne Mathematik unterscheidet mehrere Klassen von Mannigfaltigkeiten. Jede erbt die Eigenschaften der vorherigen und f\u00fcgt neue hinzu.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Typ<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zus\u00e4tzliche Struktur<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kernmerkmal<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Beispiel<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Topologische Mannigfaltigkeit<\/td><td>\u2013<\/td><td>Kartenwechsel stetig<\/td><td>Sph\u00e4re S\u00b2, Torus T\u00b2<\/td><\/tr><tr><td>Differenzierbare (glatte) Mannigfaltigkeit<\/td><td>Kartenwechsel C^\u221e (glatt)<\/td><td>Ableitungen, Tangentialr\u00e4ume, Vektorfelder m\u00f6glich<\/td><td>Sph\u00e4re mit glatter Struktur<\/td><\/tr><tr><td>Riemannsche Mannigfaltigkeit<\/td><td>Riemannsche Metrik (Skalarprodukt pro Tangentialraum)<\/td><td>L\u00e4ngen, Winkel, Kr\u00fcmmung messbar<\/td><td>Kugeloberfl\u00e4che mit Standardmetrik<\/td><\/tr><tr><td>Pseudo-Riemannsche Mannigfaltigkeit<\/td><td>Nicht-degenerierte, indefinite Metrik<\/td><td>Raumzeit der ART<\/td><td>Minkowski-Raum, Schwarzschild-Metrik<\/td><\/tr><tr><td>Komplexe Mannigfaltigkeit<\/td><td>Holomorphe Kartenwechsel<\/td><td>Komplexe Analysis<\/td><td>Riemannsche Fl\u00e4chen, \u2102\u2119\u207f<\/td><\/tr><tr><td>Lie-Gruppe<\/td><td>Glatte Gruppenstruktur<\/td><td>Symmetrien, kontinuierliche Gruppen<\/td><td>SO(3), SU(2), GL(n,\u211d)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Typologie ist keine blo\u00dfe akademische \u00dcbung. Sie bestimmt, welche mathematischen Werkzeuge zur Verf\u00fcgung stehen und welche physikalischen Aussagen m\u00f6glich sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Die entscheidenden Konzepte im Detail<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.1 Der Tangentialraum<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An jedem Punkt p einer differenzierbaren Mannigfaltigkeit M kann man einen Vektorraum T\u209aM definieren, den&nbsp;<strong>Tangentialraum<\/strong>. Er enth\u00e4lt alle Richtungen, in denen man sich von p aus bewegen kann. Formal gesprochen ist T\u209aM der Raum der Derivationen auf glatten Funktionen oder der \u00c4quivalenzklassen von Kurven durch p. Der Tangentialraum ist die lineare Approximation der Mannigfaltigkeit in p.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.2 Vektorfelder und Differentialformen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein&nbsp;<strong>Vektorfeld<\/strong>&nbsp;weist jedem Punkt p einen Vektor aus T\u209aM zu. Es beschreibt eine kontinuierliche Richtungsvorgabe.&nbsp;<strong>Differentialformen<\/strong>&nbsp;sind die dualen Objekte: Sie erlauben Integration auf Mannigfaltigkeiten. Die \u00c4u\u00dfere Ableitung d bildet k-Formen auf (k+1)-Formen ab.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.3 Der Satz von Stokes<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Satz von Stokes ist ein H\u00f6hepunkt der Analysis auf Mannigfaltigkeiten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u222b_\u2202M \u03c9 = \u222b_M d\u03c9<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Worten: Das Integral einer Differentialform \u03c9 \u00fcber den Rand \u2202M einer orientierten Mannigfaltigkeit M ist gleich dem Integral ihrer \u00e4u\u00dferen Ableitung d\u03c9 \u00fcber M selbst. Dieser Satz vereinheitlicht den Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung, den Satz von Gau\u00df und den klassischen Satz von Stokes aus der Vektoranalysis.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Anwendungen: Wo Mannigfaltigkeiten wirken<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Abstraktion der Mannigfaltigkeit ist kein Selbstzweck. Sie ist die Grundlagensprache f\u00fcr zentrale Bereiche der Physik und Technik.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.1 Allgemeine Relativit\u00e4tstheorie (ART)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einstein formulierte die Gravitation als Kr\u00fcmmung der Raumzeit. Die Raumzeit ist eine&nbsp;<strong>vierdimensionale pseudo-Riemannsche Mannigfaltigkeit<\/strong>&nbsp;mit einer Metrik der Signatur (+, \u2212, \u2212, \u2212) oder (\u2212, +, +, +). Die Feldgleichungen von Einstein,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">G_\u03bc\u03bd = (8\u03c0G\/c\u2074) T_\u03bc\u03bd<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">verkn\u00fcpfen den Einstein-Tensor G_\u03bc\u03bd (ein Ma\u00df f\u00fcr die Kr\u00fcmmung) mit dem Energie-Impuls-Tensor T_\u03bc\u03bd. Die L\u00f6sungen \u2013 etwa die Schwarzschild-Metrik f\u00fcr ein schwarzes Loch oder die Friedmann-Lema\u00eetre-Robertson-Walker-Metrik f\u00fcr das expandierende Universum \u2013 sind konkrete Beispiele f\u00fcr gekr\u00fcmmte Mannigfaltigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.2 Stringtheorie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Stringtheorie wird eine konsistente Quantengravitation nur in Raumzeiten mit 10 oder 11 Dimensionen m\u00f6glich. Die \u00fcber die vier beobachtbaren Dimensionen hinausgehenden Dimensionen werden als&nbsp;<strong>kompakte, oft sechsdimensionale Mannigfaltigkeiten<\/strong>&nbsp;(z.B. Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten) modelliert. Die genaue Gestalt dieser Mannigfaltigkeiten bestimmt die Teilchenphysik in der vierdimensionalen Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.3 Robotik und Konfigurationsr\u00e4ume<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der&nbsp;<strong>Konfigurationsraum<\/strong>&nbsp;eines Roboters ist eine Mannigfaltigkeit. Ein Roboterarm mit drei Gelenken bewegt sich in einem dreidimensionalen Konfigurationsraum. Die Gruppe der Drehungen eines starren K\u00f6rpers im Raum ist die Lie-Gruppe SO(3), die diffeomorph zum reell-projektiven Raum \u211d\u2119\u00b3 ist. Bewegungsplanung bedeutet dann: Finde eine Kurve auf dieser Mannigfaltigkeit unter Vermeidung von Hindernissen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6.4 Datenanalyse und maschinelles Lernen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der dimensionsreduzierenden Datenanalyse (z.B. Isomap, LLE) wird oft angenommen, dass hochdimensionale Datenpunkte auf einer niedrigdimensionalen&nbsp;<strong>Datenmannigfaltigkeit<\/strong>&nbsp;liegen. Das Erlernen dieser Mannigfaltigkeit aus diskreten Punkten ist ein aktives Forschungsfeld.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Kontroversen und offene Fragen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Theorie der Mannigfaltigkeiten ist keineswegs abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">7.1 Exotische differenzierbare Strukturen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Sph\u00e4re S\u2077 gibt es 28 verschiedene differenzierbare Strukturen (Milnor 1956). F\u00fcr \u211d\u2074 \u2013 den vertrauten vierdimensionalen Raum \u2013 ist die Situation dramatisch: Es gibt unendlich viele nicht-diffeomorphe glatte Strukturen (die sogenannten&nbsp;<strong>exotischen \u211d\u2074<\/strong>). Das bedeutet, dass ein und dieselbe topologische Mannigfaltigkeit verschiedene glatte Atlanten tragen kann, die nicht ineinander \u00fcberf\u00fchrbar sind. Diese Entdeckung zeigte, dass der Unterschied zwischen Topologie und Differentialgeometrie gr\u00f6\u00dfer ist als angenommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">7.2 Die Poincar\u00e9-Vermutung und ihre Folgen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 2003 von Perelman bewiesene Poincar\u00e9-Vermutung schloss ein Jahrhundert intensiver Forschung ab. Sie besagt, dass jede einfach zusammenh\u00e4ngende, geschlossene 3-Mannigfaltigkeit hom\u00f6omorph zur 3-Sph\u00e4re ist. Der Beweis nutzte die Ricci-Fluss-Methode. Offen bleibt die Klassifikation der 4-Mannigfaltigkeiten, wo sich die Situation als wesentlich komplexer erweist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">7.3 Differenzierbare Strukturen und Quantengravitation<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Schleifenquantengravitation und der kanonischen Quantengravitation wird vermutet, dass die differenzierbare Struktur der Raumzeit auf fundamentaler Ebene m\u00f6glicherweise aufgegeben werden muss. Mannigfaltigkeiten setzen eine kontinuierliche, differenzierbare Struktur voraus \u2013 eine Annahme, die in einer Quantentheorie der Gravitation m\u00f6glicherweise nicht aufrechterhalten werden kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">8. Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mannigfaltigkeit ist eine der gro\u00dfen Synthesen der Mathematik. Sie vereinigt Topologie (globale Form), Analysis (differenzierbare Struktur) und Geometrie (Metrik, Kr\u00fcmmung) unter einem begrifflichen Dach. Von Gau\u00df\u2018 Theorema Egregium \u00fcber Riemanns Habilitationsvortrag bis zu Perelmans Beweis der Poincar\u00e9-Vermutung \u2013 das Konzept hat Mathematik und Physik gleicherma\u00dfen vorangetrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die offenen Fragen zeigen, dass die Theorie lebendig ist. Exotische Strukturen auf \u211d\u2074 werfen die Frage auf, ob die physikalische Raumzeit eine ausgezeichnete differenzierbare Struktur besitzt oder ob mehrere Strukturen nebeneinander m\u00f6glich sind. Die Vereinheitlichung von Allgemeiner Relativit\u00e4tstheorie und Quantenmechanik wird m\u00f6glicherweise eine tiefere Revision des Mannigfaltigkeitsbegriffs erzwingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt, ist die Einsicht: Dass wir die Welt lokal als flach und \u00fcberschaubar erleben, bedeutet nicht, dass sie es global auch ist. Die Mannigfaltigkeit lehrt uns, diesen Unterschied nicht zu verwischen, sondern als produktive Spannung zu begreifen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Riemann, B. (1854).\u00a0<em>\u00dcber die Hypothesen, welche der Geometrie zu Grunde liegen<\/em>. (Nachdruck in: Riemanns gesammelte mathematische Werke, 1876)<\/li>\n\n\n\n<li>Gau\u00df, C. F. (1827).\u00a0<em>Disquisitiones generales circa superficies curvas<\/em>. (Allgemeine Untersuchungen \u00fcber gekr\u00fcmmte Fl\u00e4chen)<\/li>\n\n\n\n<li>Milnor, J. (1956).\u00a0*On manifolds homeomorphic to the 7-sphere*. Annals of Mathematics, 64(2), 399\u2013405.<\/li>\n\n\n\n<li>Whitney, H. (1936).\u00a0<em>Differentiable manifolds<\/em>. Annals of Mathematics, 37(3), 645\u2013680.<\/li>\n\n\n\n<li>Perelman, G. (2003).\u00a0<em>The entropy formula for the Ricci flow and its geometric applications<\/em>. arXiv:math\/0211159.<\/li>\n\n\n\n<li>Einstein, A. (1915).\u00a0<em>Die Feldgleichungen der Gravitation<\/em>. Sitzungsberichte der Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften.<\/li>\n\n\n\n<li>Nash, J. (1956).\u00a0<em>The imbedding problem for Riemannian manifolds<\/em>. Annals of Mathematics, 63(1), 20\u201363.<\/li>\n\n\n\n<li>Klingenberg, W. (1995).\u00a0<em>Riemannsche Geometrie<\/em>. De Gruyter. (Lehrbuch-Klassiker)<\/li>\n\n\n\n<li>Jost, J. (2017).\u00a0<em>Riemannian Geometry and Geometric Analysis<\/em>. Springer. (Standardlehrbuch, 7. Auflage)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich auf das Wort \u201eMannigfaltigkeit\u201c einl\u00e4sst, betritt ein semantisches Spannungsfeld. Da ist der allt\u00e4gliche Gebrauch, der schlicht die Vielfalt der Dinge meint. Da ist die philosophische Kategorie bei Kant, wo das \u201eMannigfaltige der Anschauung\u201c erst durch den Verstand geordnet werden muss. 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