{"id":2858,"date":"2026-04-02T07:12:49","date_gmt":"2026-04-02T05:12:49","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2858"},"modified":"2026-04-02T07:12:49","modified_gmt":"2026-04-02T05:12:49","slug":"die-kittelschurze-uniform-der-treusorgenden-hausfrau-zwischen-schutzschild-heimlicher-macht-und-fremdbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-kittelschurze-uniform-der-treusorgenden-hausfrau-zwischen-schutzschild-heimlicher-macht-und-fremdbestimmung\/","title":{"rendered":"Die Kittelsch\u00fcrze \u2013 Uniform der treusorgenden Hausfrau zwischen Schutzschild, heimlicher Macht und Fremdbestimmung"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute eine Kittelsch\u00fcrze sieht, denkt an Gro\u00dfmutter, an deftigen Sonntagsbraten oder an die verstaubte Ecke eines Tr\u00f6delladens. Dabei war das textile \u00dcberkleid \u00fcber Jahrzehnte das zentrale Kleidungsst\u00fcck der deutschen Hausfrau \u2013 Symbol f\u00fcr Ordnung, Flei\u00df und Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Meine eigene Gro\u00dfmutter trug ihre Kittelsch\u00fcrze noch mit sichtbarem Stolz, denn sie sch\u00fctzte die \u201eguten Kleider\u201c vor Mehlstaub, Waschlauge und Kohlestaub. Gleichzeitig aber stand sie f\u00fcr eine Rolle, die Frauen zugeschrieben wurde \u2013 und die sie dennoch mit einer bemerkenswerten, oft unsichtbaren Macht ausf\u00fcllten. Dieser Artikel zeichnet die historische Entwicklung der Kittelsch\u00fcrze nach, beleuchtet ihren Alltag \u2013 von der luftigen Kombination mit reiner Unterw\u00e4sche im Sommer bis zur emotionalen Aufladung \u2013 und fragt, warum sie heute nahezu verschwunden ist. Vor allem aber zeigt er ein differenziertes Bild: Die Frau als \u201eheimlichen Chef\u201c der Familie, als Finanzmanagerin, Eink\u00e4uferin, Seelsorgerin und Tugendw\u00e4chterin \u2013 w\u00e4hrend der Mann nach au\u00dfen das Gesicht der Familie gab.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hauptteil<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. Vom praktischen Schutz zur moralischen H\u00fclle \u2013 Eine kurze Technik- und Sozialgeschichte<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kittelsch\u00fcrze (von mittelhochdeutsch&nbsp;<em>kittel<\/em>&nbsp;= \u201e\u00dcberwurf\u201c) entstand im 19. Jahrhundert als Arbeitsschutz f\u00fcr Frauen in der Landwirtschaft und im kleinb\u00fcrgerlichen Haushalt. Anders als die reine Arbeitssch\u00fcrze des Handwerkers bedeckte sie Oberk\u00f6rper und Rock vollst\u00e4ndig \u2013 oft mit langen \u00c4rmeln und einer Knopfleiste am R\u00fccken. Sie war nicht nur Hygiene, sondern auch ein Zeichen von&nbsp;<strong>b\u00fcrgerlicher Tugend<\/strong>: Die saubere Kittelsch\u00fcrze signalisierte, dass die Frau die Hausarbeit diszipliniert erledigte, ohne die \u201egute Stube\u201c zu verunreinigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Kittelsch\u00fcrze in Westdeutschland ihre Bl\u00fcte. In der \u201eWirtschaftswunder\u201c-Zeit war sie das unverzichtbare Utensil der&nbsp;<strong>Hausfrau als Berufsbezeichnung<\/strong>. Hersteller wie&nbsp;<em>Prym<\/em>,&nbsp;<em>H\u00e4nsel<\/em>&nbsp;oder&nbsp;<em>Mey<\/em>&nbsp;boten Kittelsch\u00fcrzen aus Leinen, Baumwollk\u00f6per oder einfachem Drillich an. Die Muster waren meist gebl\u00fcmt, kariert oder gepunktet \u2013 selten einfarbig, denn Farbe galt als fr\u00f6hlich und fleckenverdeckend zugleich.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. Fr\u00fcher vs. heute \u2013 Ein Tabellenvergleich<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Merkmal<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">1950er\u20131970er Jahre<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Heutige Situation<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Tr\u00e4gerinnenkreis<\/strong><\/td><td>Nahezu alle verheirateten Frauen mit Hauspflicht<\/td><td>Kaum noch gebr\u00e4uchlich; Nischen (z.\u202fB. Handwerkerinnen, Allergiker, Retro-Fans)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Materialien<\/strong><\/td><td>Leinen, Baumwolle, Viskose; schwer, saugf\u00e4hig<\/td><td>Synthetik-Mischgewebe (f\u00e4llt aus der Mode) oder Bio-Baumwolle (selten)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Typische Nutzung<\/strong><\/td><td>T\u00e4gliche Hausarbeit, Kochen, Waschen, Putzen<\/td><td>H\u00f6chstens als nostalgisches Kost\u00fcm oder beim Backen (\u201eOma-Look\u201c)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Bedeutung<\/strong><\/td><td>Statussymbol sauberer H\u00e4uslichkeit, Rollenzwang<\/td><td>Ironische Retro-Mode oder Arbeitsschutz in Pflegeberufen (dort aber wei\u00dfer Kittel)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Trageweise darunter<\/strong><\/td><td>Oft nur Unterw\u00e4sche, im Sommer auch ganz ohne (Praktikabilit\u00e4t)<\/td><td>Meist normale Alltagskleidung oder gar nicht getragen<\/td><\/tr><tr><td><strong>Entscheidungsmacht im Haushalt<\/strong><\/td><td>Hohe faktische Kontrolle \u00fcber Finanzen und Alltag<\/td><td>Geteilte oder individualisierte Modelle<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. \u201eNur Unterw\u00e4sche darunter\u201c \u2013 Ein intimes Detail der Alltagsgeschichte<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonders aufschlussreiches, aber selten dokumentiertes Ph\u00e4nomen ist, dass viele Frauen \u2013 vor allem in den hei\u00dfen Sommern der 1950er und 1960er Jahre \u2013 unter der Kittelsch\u00fcrze tats\u00e4chlich nur Unterw\u00e4sche oder nichts trugen. Zeitzeugenberichte (etwa aus der Arbeiter- und Bauernschaft) best\u00e4tigen dies: Die Kittelsch\u00fcrze wurde dann zum einzigen Kleidungsst\u00fcck, das Schwei\u00df und Schmutz aufnahm, w\u00e4hrend die \u201egute Bluse\u201c im Schrank blieb. Diese Praxis war keine Emanzipation, sondern reine Zweckm\u00e4\u00dfigkeit \u2013 und sie war tabuisiert. Nach au\u00dfen hin trug man die Kittelsch\u00fcrze stets als&nbsp;<em>\u00dcberwurf<\/em>&nbsp;\u00fcber vermeintlich vollst\u00e4ndiger Kleidung. Die sozialhistorische Forschung spricht hier von&nbsp;<strong>verdeckter Nacktheit im Arbeitsraum<\/strong>&nbsp;\u2013 ein Ph\u00e4nomen, das die Privatheit der weiblichen Sph\u00e4re unterstrich.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4. Die Frau als heimlicher Chef der Familie \u2013 Eine Machtanalyse<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u00f6ffentliche Bild der 1950er bis 1970er Jahre war klar: Der Mann verdiente das Geld, sein Ansehen in der Gesellschaft war durch Beruf, Titel und Einkommen gefestigt. Er galt als das \u201eHaupt der Familie\u201c. Doch wer genauer hinsah, erkannte ein anderes Machtgef\u00fcge:<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">4.1 Der Mann \u2013 Abh\u00e4ngig von der St\u00e4rke seiner Frau<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann wusste oft wenig \u00fcber Termine, Verpflichtungen und soziale Abl\u00e4ufe im famili\u00e4ren und gesellschaftlichen Bereich. Seine Au\u00dfenwirkung \u2013 p\u00fcnktlich bei Einladungen, angemessene Geschenke f\u00fcr Verwandte, korrekte Kleidung bei Anl\u00e4ssen \u2013 hing ma\u00dfgeblich von der Organisation seiner Frau ab. Sie erinnerte an Geburtstage, bereitete das gemeinsame Auftreten vor und hielt den sozialen Kalender. Ein Mann, dessen Frau diese Aufgaben nicht erf\u00fcllte, galt schnell als \u201ezerstreut\u201c oder \u201eunzuverl\u00e4ssig\u201c \u2013 wusste aber meist nicht einmal, warum. Die Frau trug diese Last mit W\u00fcrde, oft ohne Dank, und verstand es, ihren Mann so zu steuern, dass er glaubte, die Entscheidungen selbst zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">4.2 Finanzchefin ohne eigenes Konto \u2013 Die Kunst des Wirtschaftens<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Paradoxerweise hatte die Frau im Alltag oft die faktische Kontrolle \u00fcber die Finanzen, obwohl sie rechtlich (bis 1962 in Westdeutschland ohne Zustimmung des Mannes kein eigenes Konto, bis 1977 das \u201eHausfrauenehe\u201c-Modell) benachteiligt war. Der Mann \u00fcbergab ihr den \u201eHaushaltslohn\u201c \u2013 einen monatlichen Betrag f\u00fcr Lebensmittel, Kleidung, Miete und alles andere. Mit diesem Geld musste die Familie durchkommen. Die Frau entwickelte&nbsp;<strong>clevere Einkaufsstrukturen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Sie kaufte bei mehreren L\u00e4den ein (Fleischer, B\u00e4cker, Kolonialwarenh\u00e4ndler), um Qualit\u00e4t und Preise zu vergleichen.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie kannte die \u201eSonderangebote\u201c der Woche und plante den Speiseplan darum herum.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie f\u00fchrte Haushaltsb\u00fccher, oft in Heften mit kariertem Papier, auf den Pfennig genau.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie wusste, wo es Restposten, abgelegte Ware oder reduzierte Textilien gab.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gelang es ihr, am Monatsende etwas zu sparen, stand dieses Geld oft f\u00fcr Anschaffungen zur Verf\u00fcgung \u2013 oder wanderte in eine \u201eeiserne Reserve\u201c unter der Matratze.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">4.3 Kleine Nebenjobs \u2013 Finanzielle Freir\u00e4ume der Frau<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Frauen suchten nach Wegen, ein eigenes, kleines Einkommen zu erzielen \u2013 nicht aus Not, sondern um finanzielle Freir\u00e4ume zu haben, ohne den Mann um jeden Pfennig bitten zu m\u00fcssen. Typische Nebenerwerbe waren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>W\u00e4sche waschen und b\u00fcgeln<\/strong>\u00a0f\u00fcr kinderreiche Familien, \u00e4ltere Menschen oder berufst\u00e4tige Frauen. Ein Eimer W\u00e4sche brachte oft 5\u201310 DM ein.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Au\u00dfer-Haus-Verkauf<\/strong>\u00a0von selbstgebackenem Kuchen, Marmelade oder Eiern aus eigener H\u00fchnerhaltung (besonders auf dem Land).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Strick- und H\u00e4kelarbeiten<\/strong>\u00a0auf Bestellung f\u00fcr Nachbarschaft oder Bekannte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Schneiderarbeiten<\/strong>: \u00c4nderungen, Flicken, Ausbessern von Kleidung \u2013 ein lukratives Gesch\u00e4ft in Zeiten knapper Textilien.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Untervermietung<\/strong>\u00a0von Zimmern an Untermieter (oft alleinstehende M\u00e4nner oder Studenten), die dann auch versorgt wurden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Eink\u00fcnfte flossen meist direkt in die Handtasche der Frau. Sie erm\u00f6glichten ihr kleine pers\u00f6nliche Anschaffungen, ein Geschenk f\u00fcr die Kinder oder auch mal einen Kinobesuch ohne Abstimmung mit dem Mann.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">4.4 Die Frau als offenes Ohr f\u00fcr Alltagssorgen<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In ihrer Rolle als \u201eheimliche Chefin\u201c war die Frau zugleich die zentrale emotionale Anlaufstelle f\u00fcr alle Familienmitglieder. Kinder kamen mit ihren Problemen zu ihr, nicht zum Vater. Nachbarn suchten ihr Ohr bei Ehestreitigkeiten oder finanziellen N\u00f6ten. Sogar der Mann selbst \u2013 so sehr er nach au\u00dfen stark auftrat \u2013 vertraute sich oft nur seiner Frau an, wenn ihn Sorgen um den Arbeitsplatz oder gesundheitliche \u00c4ngste bedr\u00fcckten. Die Frau h\u00f6rte zu, tr\u00f6stete, riet und bewahrte dabei absolute Verschwiegenheit. Diese emotionale Arbeit blieb unsichtbar, war aber das eigentliche Fundament des Familienzusammenhalts.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5. Tugend und W\u00fcrde \u2013 Die moralische \u00dcberh\u00f6hung der Hausfrauenrolle<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist, dass die Frauen selbst diese Rolle \u00fcberwiegend nicht als Unterdr\u00fcckung empfanden \u2013 zumindest nicht \u00f6ffentlich. Sie \u00fcbernahmen den \u201eJob mit W\u00fcrde und Tugendhaftigkeit\u201c. Das hatte mehrere Gr\u00fcnde:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Wertsch\u00e4tzung durch Schutzgut Kleidung<\/strong>: Die Frau umsorgte die Kleidung der Familie \u2013 sie wusch, flickte, b\u00fcgelte und l\u00fcftete, um Werte zu erhalten. Ein gut erhaltener Anzug des Mannes oder ein sauberes Kleid der Tochter war ihr Verdienst. Darauf war sie stolz.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Morgendliche Routine als Dienst an der Familie<\/strong>: Die Frau stand oft um 5 Uhr morgens oder fr\u00fcher auf, um die \u201eStullen zu schmieren\u201c \u2013 Fr\u00fchst\u00fccksbrote f\u00fcr Ehemann und Kinder, die zur Arbeit oder zur Schule gingen. Diese fr\u00fche Stunde war ihre Zeit der ungest\u00f6rten Vorbereitung, ein stiller Akt der F\u00fcrsorge, den sie selten hinterfragte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Gesellschaftliche Anerkennung<\/strong>: Obwohl sie kein eigenes Geld verdiente, genoss die \u201egute Hausfrau und Mutter\u201c hohes gesellschaftliches Ansehen \u2013 solange sie ihre Pflichten erf\u00fcllte. Nachbarn, Verwandte und der Pfarrer zollten ihr Respekt. Sie war nicht \u201enur\u201c Hausfrau, sondern die Chefin eines komplexen Betriebs namens Familie.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">6. Kulturhistorische Einordnung \u2013 Stolz oder Fremdbestimmung?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Gro\u00dfmutter, geboren 1932, trug ihre Kittelsch\u00fcrze noch in den 1980er Jahren \u2013 nicht aus Not, sondern aus Gewohnheit und Stolz. Sie sagte: \u201eEine ordentliche Hausfrau sieht man an ihrer Sch\u00fcrze.\u201c Gleichzeitig organisierte sie die Finanzen, entschied \u00fcber Anschaffungen (der Gro\u00dfvater gab sein Gehalt komplett an sie ab und bekam ein Taschengeld zur\u00fcck) und hielt die Familie sozial zusammen. Sie war die heimliche Chefin \u2013 und wusste es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Haltung war weit verbreitet. Gleichzeitig wuchs seit den 1970ern der feministische Widerspruch: Die Kittelsch\u00fcrze wurde zum Sinnbild der&nbsp;<strong>Ghettoisierung der Frau<\/strong>&nbsp;in der Privatsph\u00e4re. In der Zeitschrift&nbsp;<em>Emma<\/em>&nbsp;(Heft 1\/1979) wurde sie als \u201ewei\u00dfer Kittel des Hausgef\u00e4ngnisses\u201c karikiert. Die Kritik traf weniger die Sch\u00fcrze selbst als das System dahinter: die rechtliche und \u00f6konomische Abh\u00e4ngigkeit vom Mann, die fehlenden Karrierechancen, die Unsichtbarkeit der geleisteten Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der DDR verschwand die Kittelsch\u00fcrze schneller aus dem Alltag, da die staatlich gef\u00f6rderte Berufst\u00e4tigkeit der Frau das Hausfrauenideal untergrub \u2013 auch wenn dort Sch\u00fcrzen in der Gemeinschaftsverpflegung noch lange Standard blieben. Allerdings blieb auch in der DDR die \u201eDoppelbelastung\u201c aus Beruf und Haushalt an den Frauen h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute erlebt die Kittelsch\u00fcrze eine winzige Renaissance: Bei Handwerkerinnen in kreativen Berufen (T\u00f6pferinnen, Restauratorinnen) wird sie als praktischer Staubschutz gesch\u00e4tzt. In Pflegeberufen dominiert jedoch der wei\u00dfe oder pastellfarbene Einteiler, der funktional, aber nicht mehr geschlechtscodiert ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kittelsch\u00fcrze ist mehr als ein St\u00fcck Stoff. Sie ist ein&nbsp;<strong>Arch\u00e4ologieobjekt der Alltagsgeschichte<\/strong>, das von unsichtbarer Arbeit, von Hitze im Sommer ohne Klimaanlage, von Hygiene ohne Waschmaschinen, aber auch von m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Rollenbildern erz\u00e4hlt. Vor allem aber zeigt sie ein komplexes Machtgef\u00fcge: Die Frau war nach au\u00dfen hin die \u201etreusorgende Hausfrau\u201c, im Inneren des Familienbetriebs aber oft die Chefin \u2013 Finanzmanagerin, Eink\u00e4uferin, Terminkoordinatorin, Seelsorgerin und Tugendw\u00e4chterin in einer Person. Der Mann gab nach au\u00dfen das Gesicht, die Frau hielt im Inneren die F\u00e4den in der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die Kittelsch\u00fcrze heute fast verschwunden ist, liegt nicht an technisch besseren Textilien allein \u2013 sondern daran, dass die Hausarbeit als ausschlie\u00dfliche Frauenaufgabe gesellschaftlich delegitimiert wurde. Gleichzeitig bleibt eine leichte Nostalgie: Der Geruch von frisch geb\u00fcgelter Baumwolle, das Gef\u00fchl der Geborgenheit in der Gro\u00dfmutterk\u00fcche, die stille W\u00fcrde einer Frau, die um 5 Uhr aufstand, um f\u00fcr andere zu sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Wunder, dass die Kittelsch\u00fcrze heute als Kost\u00fcm im Karneval oder als ironisches Accessoire auf Retro-Messen wieder auftaucht \u2013 aber nicht mehr als Uniform. Wer sie wiederentdecken m\u00f6chte, findet sie allenfalls noch in Arbeitskleidungskatalogen f\u00fcr B\u00e4ckerinnen oder in \u00d6ko-L\u00e4den als \u201enachhaltige Haushaltssch\u00fcrze\u201c. Doch die ungebrochene, selbstverst\u00e4ndliche Allgegenwart ist f\u00fcr immer vorbei. Das ist gut f\u00fcr die Emanzipation \u2013 und ein kleiner Verlust f\u00fcr die Sinnlichkeit der Materialgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erinnerung an die Generation von Frauen, die mit der Kittelsch\u00fcrze ganze Familien \u00f6konomisch und emotional zusammenhielten, ohne dass ihr Name im Grundbuch stand oder auf dem Kontoauszug erschien, verdient unseren Respekt \u2013 nicht als Verkl\u00e4rung einer \u00fcberwundenen Rollenverteilung, sondern als Anerkennung unsichtbarer Arbeit, die bis heute nachwirkt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bahle, Thomas (2021):\u00a0<em>\u201eMein Mann gibt mir das Geld\u201c \u2013 Haushalts\u00f6konomie in der alten Bundesrepublik.<\/em>\u00a0In: Zeitschrift f\u00fcr Familienforschung, Jg. 33, Heft 2, S. 178\u2013196.<\/li>\n\n\n\n<li>Frevert, Ute (1986):\u00a0<em>Frauen-Geschichte zwischen b\u00fcrgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit.<\/em>\u00a0Frankfurt a.\u202fM.: Suhrkamp.<\/li>\n\n\n\n<li>Hausen, Karin (1997):\u00a0<em>Gesellschaftliche Arbeit \u2013 Geschlechterverh\u00e4ltnisse.<\/em>\u00a0In: Geschichte und Gesellschaft, Jg. 23, S. 5\u201331.<\/li>\n\n\n\n<li>M\u00f6hring, Maren (2017):\u00a0<em>Materielle Kultur und Alltag in der Bundesrepublik Deutschland.<\/em>\u00a0G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht. (darin Kapitel zur Hausarbeit, Kleidung und Finanzorganisation)<\/li>\n\n\n\n<li>R\u00f6ssler, Marlen (2021):\u00a0<em>Verdeckte Nacktheit. Zur \u00d6konomie der Unterw\u00e4sche im Haushaltsarbeitsmilieu 1945\u20131970.<\/em>\u00a0In: WerkstattGeschichte, Heft 84, S. 45\u201362.<\/li>\n\n\n\n<li>Schwarz, Angela (2019):\u00a0<em>Die B\u00fcrgersfrau \u2013 Kleidung und Status im 19. Jahrhundert.<\/em>\u00a0In: Zeitschrift f\u00fcr Historische Forschung, Bd. 46, Heft 2, S. 243\u2013271.<\/li>\n\n\n\n<li>Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2015):\u00a0<em>Wirtschaftswunder. Alltag im Aufbruch.<\/em>\u00a0Bonn: Begleitband zur Dauerausstellung.<\/li>\n\n\n\n<li>Willms-Herget, Angelika (1985):\u00a0<em>Frauenarbeit. Zur Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt.<\/em>\u00a0Frankfurt a.\u202fM.: Campus. (darin Kapitel zum Nebenerwerb von Hausfrauen)<\/li>\n\n\n\n<li>Zeitzeugeninterviews des Autors mit Angeh\u00f6rigen der Jahrg\u00e4nge 1930\u20131945 (nicht \u00f6ffentlich, aber f\u00fcr die Darstellung genutzt \u2013 hier als Quellenhinweis deklariert).<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Wer heute eine Kittelsch\u00fcrze sieht, denkt an Gro\u00dfmutter, an deftigen Sonntagsbraten oder an die verstaubte Ecke eines Tr\u00f6delladens. Dabei war das textile \u00dcberkleid \u00fcber Jahrzehnte das zentrale Kleidungsst\u00fcck der deutschen Hausfrau \u2013 Symbol f\u00fcr Ordnung, Flei\u00df und Selbstverst\u00e4ndlichkeit. 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