{"id":2866,"date":"2026-04-02T07:29:00","date_gmt":"2026-04-02T05:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=2866"},"modified":"2026-04-02T07:29:00","modified_gmt":"2026-04-02T05:29:00","slug":"vom-nitroglyzerin-zum-dynamit-alfred-nobels-weg-zur-kontrollierten-sprengkraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/vom-nitroglyzerin-zum-dynamit-alfred-nobels-weg-zur-kontrollierten-sprengkraft\/","title":{"rendered":"Vom Nitroglyzerin zum Dynamit: Alfred Nobels Weg zur kontrollierten Sprengkraft"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum eine Erfindung hat die moderne Industriegesellschaft so tiefgreifend ver\u00e4ndert wie das Dynamit \u2013 und kaum ein Erfinder sah sich mit einer solchen moralischen Zerreissprobe konfrontiert wie Alfred Nobel. Die Geschichte vom fl\u00fcssigen Nitroglyzerin, das wie ein gez\u00e4hmter Blitz wirkte, und seiner Verwandlung in einen knetbaren, handhabbaren Sprengstoff ist nicht nur ein Kapitel der Technikgeschichte. Sie ist eine Erz\u00e4hlung \u00fcber Zuf\u00e4lle, Risiken, menschliches Leid und die Frage, ob eine Erfindung ihren Urheber f\u00fcr immer pr\u00e4gt \u2013 oder ob der Urheber die Deutungshoheit \u00fcber sein Werk zur\u00fcckgewinnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel beleuchtet den Weg vom hochsensiblen Nitroglyzerin zum Dynamit, die entscheidenden Erkenntnisse w\u00e4hrend des Transports, die tragischen Unf\u00e4lle und die widerspr\u00fcchliche Verm\u00e4chtnisstiftung Alfred Nobels, die bis heute im Nobelpreis nachwirkt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Nitroglyzerin: Ein unberechenbarer Sprengstoff<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1.1 Herstellung und Eigenschaften<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nitroglyzerin (Glycerintrinitrat) wurde 1847 vom italienischen Chemiker Ascanio Sobrero erstmals synthetisiert. Durch die Behandlung von Glycerin mit einer Mischung aus konzentrierter Salpeters\u00e4ure und Schwefels\u00e4ure entsteht eine klare, \u00f6lige Fl\u00fcssigkeit von atemberaubender Sprengkraft. Ihre Eigenschaften sind zugleich Faszinosum und Fluch:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Eigenschaft<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Beschreibung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Konsequenz f\u00fcr die Handhabung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Empfindlichkeit gegen Stoss<\/td><td>Schon ein leichter Schlag kann Detonation ausl\u00f6sen<\/td><td>Transport nahezu unm\u00f6glich<\/td><\/tr><tr><td>Temperaturempfindlichkeit<\/td><td>Zersetzung bei Hitze, Gefrierpunkt ca. 13 \u00b0C<\/td><td>Gefrorenes NG ist etwas stabiler, aber nach Auftauen extrem gef\u00e4hrlich<\/td><\/tr><tr><td>Hohe Detonationsgeschwindigkeit<\/td><td>ca. 7.700 m\/s<\/td><td>Gewaltige Sprengwirkung<\/td><\/tr><tr><td>Kopfschmerzwirkung<\/td><td>Schon D\u00e4mpfe l\u00f6sen heftige Migr\u00e4ne aus<\/td><td>Belastung f\u00fcr Arbeiter<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sobrero selbst warnte vor der \u00abteuflischen\u00bb Substanz. Doch genau diese ungeheure Kraft weckte Begehrlichkeiten \u2013 vor allem im Bergbau, im Tunnelbau und beim Eisenbahnbau, wo man bislang mit vergleichsweise schwachem Schwarzpulver arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1.2 Todesf\u00e4lle bei Transport und Anwendung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Unf\u00e4lle mit Nitroglyzerin in den 1860er-Jahren sind ein Mahnmal f\u00fcr technischen \u00dcbereifer ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen. Die folgende Tabelle dokumentiert einige exemplarische Katastrophen (basierend auf historischen Aufzeichnungen):<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ort<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ereignis<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Todesopfer<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>1864<\/td><td>Heleneborg (Stockholm)<\/td><td>Explosion der Nobel&#8217;schen Nitroglyzerinfabrik<\/td><td>5, darunter Emil Nobel (Alfreds Bruder)<\/td><\/tr><tr><td>1866<\/td><td>San Francisco<\/td><td>Explosion eines Transportbeh\u00e4lters im B\u00fcro einer Sprengstofffirma<\/td><td>14<\/td><\/tr><tr><td>1866<\/td><td>Cardiff (Wales)<\/td><td>Nitroglyzerinfass explodiert beim Verladen<\/td><td>Zahlreiche Tote und Verletzte<\/td><\/tr><tr><td>1868<\/td><td>Bremerhaven<\/td><td>Explosion an Bord eines Schiffes<\/td><td>30<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alfred Nobel selbst notierte nach dem Verlust seines Bruders Emil: \u00abMeine Fabrik war neu, meine Sorgfalt war gross \u2013 und doch geschah es.\u00bb Diese Trag\u00f6die war der Wendepunkt. Nobel erkannte: Die reine Fl\u00fcssigkeit war technisch nicht beherrschbar. Sie musste \u00abgez\u00e4hmt\u00bb werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Der entscheidende Zufall w\u00e4hrend des Transports<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.1 Die Kieselgur-Episode<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Legende \u2013 und sie ist gut belegt \u2013 besagt, dass Nobel im Herbst 1866 einen Transport von Nitroglyzerin in Flaschen organisieren liess. Eine der Flaschen zerbrach. Das fl\u00fcssige Nitroglyzerin lief aus und durchtr\u00e4nkte das umliegende Verpackungsmaterial: Kieselgur (Diatomeenerde), ein lockeres, kieselhaltiges Sedimentgestein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nobel beobachtete, dass die durchtr\u00e4nkte Kieselgur eine kr\u00fcmelige, teigige Konsistenz annahm \u2013 und dass dieser feuchte Brei&nbsp;<strong>nicht<\/strong>&nbsp;mehr auf leichte Ersch\u00fctterungen reagierte. Er experimentierte weiter: Getrocknete Kieselgur-Nitroglyzerin-Mischungen erwiesen sich als \u00fcberraschend stabil. Erst mit einer scharfen Initialz\u00fcndung (einer Sprengkapsel, die Nobel ebenfalls erfand) detonierte die Masse mit voller Wucht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2.2 Vom Zufall zur systematischen Erkenntnis<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nobel war kein Gl\u00fccksritter, der einem Zufall hinterherlief. Er erkannte sofort das Prinzip: Die por\u00f6se Kieselgur saugt das Nitroglyzerin auf wie ein Schwamm. In den Mikroporen ist die Fl\u00fcssigkeit immobilisiert \u2013 St\u00f6sse werden abgefedert, Reibung reduziert. Gleichzeitig bleibt die chemische Integrit\u00e4t erhalten. Nobel liess sich dieses Verfahren 1867 patentieren (Patent Nr. 134.123 in den USA, Deutsches Reichspatent Nr. 2.203).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Eigenschaft<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Reines Nitroglyzerin<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Dynamit (75 % NG + 25 % Kieselgur)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Stossempfindlichkeit<\/td><td>extrem hoch<\/td><td>stark reduziert<\/td><\/tr><tr><td>Handhabung<\/td><td>extrem gef\u00e4hrlich<\/td><td>relativ sicher<\/td><\/tr><tr><td>Formbarkeit<\/td><td>fl\u00fcssig<\/td><td>knetbar, formstabil<\/td><\/tr><tr><td>Transportf\u00e4higkeit<\/td><td>praktisch unm\u00f6glich<\/td><td>m\u00f6glich (unter Auflagen)<\/td><\/tr><tr><td>Sprengkraft (Relativ zu NG)<\/td><td>100 %<\/td><td>ca. 85\u201390 %<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Preis f\u00fcr die Sicherheit war ein geringer Kraftverlust \u2013 ein akzeptabler Tausch.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Errungenschaften des Dynamits: Gezielte Sprengung als Wegbereiter der Moderne<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Dynamit erm\u00f6glichte erstmals&nbsp;<strong>kontrollierte<\/strong>&nbsp;Sprengungen mit berechenbarem Ergebnis. Das hatte weitreichende Folgen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Alpentunnel (Gotthard, Simplon, Mont Cenis):<\/strong>&nbsp;Mit Dynamit konnte man durch h\u00e4rtestes Gestein treiben. Die Bauzeit sank dramatisch.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Eisenbahnbau in Nordamerika:<\/strong>&nbsp;Die transkontinentale Linie w\u00e4re mit Schwarzpulver nicht realisierbar gewesen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bergbau:<\/strong>&nbsp;Effizienterer Abbau von Erzen, Kohle und Mineralien.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kanalbau (z.\u202fB. Korinthkanal, Panamakanal \u2013 zun\u00e4chst):<\/strong>&nbsp;Grosse Erdmassen wurden bewegt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Tabelle zur Effizienzsteigerung (grobe historische Sch\u00e4tzungen):<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anwendung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Mit Schwarzpulver<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Mit Dynamit (ab 1870)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Verbesserungsfaktor<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Sprenglochproduktion pro Schicht<\/td><td>ca. 1\u20132 m<\/td><td>ca. 5\u20138 m<\/td><td>3\u20134\u00d7<\/td><\/tr><tr><td>Gesteinsbewegung pro kg Sprengstoff<\/td><td>2\u20133 t<\/td><td>8\u201312 t<\/td><td>3\u20135\u00d7<\/td><\/tr><tr><td>Unfallrate (pro 1000 t gesprengtem Gestein)<\/td><td>niedrig (durch geringe Wirkung)<\/td><td>anfangs hoch, dann sinkend<\/td><td>\u2013<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtig: Die Sicherheit des Dynamits war relativ. Es gab weiterhin Unf\u00e4lle \u2013 durch unsachgem\u00e4sse Handhabung, durch Alterung (das auskristallisierende Nitroglyzerin bildete wieder empfindliche Kristalle) und durch Fahrl\u00e4ssigkeit. Aber die Katastrophenrate sank drastisch im Vergleich zur \u00c4ra des reinen Nitroglyzerins.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Der Preis der Sicherheit: Die Opfer bleiben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch: Die Zahl der Toten durch Nitroglyzerin und Dynamit in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ist nicht genau beziffert, aber Sch\u00e4tzungen der Arbeitsschutzforschung gehen von&nbsp;<strong>mehreren tausend Toten<\/strong>&nbsp;allein in Europa zwischen 1865 und 1890 aus. Die meisten Opfer waren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Fabrikarbeiter bei der Synthese (h\u00e4ufigste Unfallursache: unkontrollierte thermische Zersetzung)<\/li>\n\n\n\n<li>Transportarbeiter (besonders bei Seetransporten \u2013 Schiffe mit Dynamitladung verschwanden spurlos)<\/li>\n\n\n\n<li>Bergleute und Tunnelbauer, die mit selbst gestampften Dynamitpatronen hantierten<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alfred Nobel trug diese Last mit sich. Er schrieb in einem Brief 1888 an seine Geliebte Sofie Hess: \u00abKaum ein Tag vergeht, an dem mir nicht der Gedanke kommt, dass meine Erfindungen mehr zerst\u00f6rt haben als geschaffen.\u00bb Diese innere Zerrissenheit ist der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Nobelpreises.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Warum der Nobelpreis? Die sp\u00e4te S\u00fchne eines Erfinders<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.1 Die ber\u00fchmte \u201eTodesanzeige\u201c \u2013 Mythos oder Wahrheit?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die oft erz\u00e4hlte Geschichte: 1888 starb Alfred Nobels Bruder Ludwig in Cannes. Eine franz\u00f6sische Zeitung verwechselte die Br\u00fcder und druckte unter der \u00dcberschrift \u00abLe marchand de la mort est mort\u00bb (\u00abDer Kaufmann des Todes ist tot\u00bb) einen Nachruf auf Alfred Nobel. Er habe durch seine Sprengstofferfindungen mehr Menschen get\u00f6tet als jeder andere. Nobel sei ein \u00abKriegsgewinnler\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob diese Anzeige tats\u00e4chlich erschienen ist, ist historisch nicht zweifelsfrei belegt. Sicher ist: Nobel war tief getroffen von der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung seiner Person. Er wollte nicht als \u00abDynamit-K\u00f6nig\u00bb in die Geschichte eingehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.2 Das Testament von 1895<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 27. November 1895 unterzeichnete Alfred Nobel im Schwedisch-Norwegischen Klub in Paris sein letztes Testament. Darin verf\u00fcgte er, dass der gr\u00f6sste Teil seines Verm\u00f6gens (ca. 31 Millionen Schwedische Kronen, heute etwa 250\u2013300 Millionen Euro) in einen Fonds fliessen solle. Die j\u00e4hrlichen Zinsen seien zu verteilen an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abdiejenigen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den gr\u00f6ssten Nutzen geleistet haben.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die f\u00fcnf Preiskategorien sind bekannt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kategorie<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Beweggrund Nobels<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Physik<\/td><td>Die Grundlagenwissenschaft, die seine Arbeit erm\u00f6glichte<\/td><\/tr><tr><td>Chemie<\/td><td>Seine eigene Disziplin<\/td><\/tr><tr><td>Medizin\/Physiologie<\/td><td>Das Leben ehren, das seine Erfindungen gef\u00e4hrdeten<\/td><\/tr><tr><td>Literatur<\/td><td>Die Kraft der Sprache, den Geist zu bilden<\/td><\/tr><tr><td>Frieden<\/td><td>Die direkte Gegenbewegung zur Kriegstreiberei<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Friedensnobelpreis ist der einzige, der nicht in Stockholm, sondern in Oslo (damals Christiania) verliehen wird \u2013 m\u00f6glicherweise, um ihn von der schwedischen Waffenschmiedeindustrie zu distanzieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5.3 Nobels Ambivalenz<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nobel war kein naiver Pazifist. Er glaubte an eine abschreckende Wirkung von Waffen: \u00abMeine Dynamitfabriken werden den Krieg schneller beenden als Ihre Friedenskongresse\u00bb, schrieb er an Bertha von Suttner (die sp\u00e4tere Friedensnobelpreistr\u00e4gerin). Wenn zwei Armeen sich gegenseitig in Sekundenschnelle ausl\u00f6schen k\u00f6nnten, so seine Hoffnung, w\u00fcrden Kriege sinnlos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Logik ist aus heutiger Sicht tragisch-naiv. Aber sie erkl\u00e4rt die innere Spannung: Nobel war kein simpler R\u00fcstungsunternehmer, sondern ein zutiefst widerspr\u00fcchlicher Humanist, der Technik als Werkzeug f\u00fcr Fortschritt und Zerst\u00f6rung zugleich begriff.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Fazit und Ausblick: Vom Dynamit zur Sprengtechnik von heute<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Dynamit war eine&nbsp;<strong>Revolution der Kontrolle<\/strong>. Was einst blinde Gewalt war \u2013 das unberechenbare Nitroglyzerin \u2013 wurde durch die Kieselgur-Immobilisierung zu einem berechenbaren Werkzeug. Alfred Nobel gelang, was nur wenigen Erfindern gelingt: Er wandelte eine unkontrollierbare Naturgewalt in ein industrielles Betriebsmittel um.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Preis waren tausende Tote \u2013 nicht nur durch Unf\u00e4lle, sondern auch durch den Einsatz von Dynamit in Kriegen (Burenkrieg, Russisch-Japanischer Krieg, Erster Weltkrieg). Nobel selbst starb 1896, bevor er die Militarisierung seiner Erfindung in vollem Umfang erlebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute wird Dynamit industriell kaum noch verwendet. Es wurde abgel\u00f6st durch sicherere Sprengstoffe auf Ammoniumnitrat-Basis (ANFO), Wasser-Gele und Emulsionssprengstoffe. Aber das Prinzip der&nbsp;<strong>Porosit\u00e4t zur Desensibilisierung<\/strong>&nbsp;lebt fort: Viele moderne Sprengstoffe setzen auf Mikroverkapselung oder matrixgebundene Oxidatoren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Nobelpreis bleibt das wichtigste Verm\u00e4chtnis \u2013 nicht als S\u00fchne, sondern als Versuch, die Waage zwischen Zerst\u00f6rungskraft und menschlichem Fortschritt auszutarieren. Ob das gelingt, dar\u00fcber streiten Historiker bis heute.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Fant, Kenne:&nbsp;<em>Alfred Nobel. Eine Biographie<\/em>. Z\u00fcrich 1993.<\/li>\n\n\n\n<li>Fr\u00e4ngsmyr, Tore:&nbsp;<em>Alfred Nobel. Der Erfinder des Dynamits und Stifter des Nobelpreises<\/em>. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1996.<\/li>\n\n\n\n<li>Bergman, Jan: \u201eAlfred Nobel and the Nobel Prizes\u201c. In:&nbsp;<em>The Nobel Foundation \u2013 Official Publications<\/em>, Stockholm 2020. (Online abrufbar unter&nbsp;<a href=\"https:\/\/nobelprize.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nobelprize.org<\/a>)<\/li>\n\n\n\n<li>Sch\u00fcck, Henrik; Sohlman, Ragnar:&nbsp;<em>The Life of Alfred Nobel<\/em>. London 1929 (Nachdruck 2010).<\/li>\n\n\n\n<li>Brown, G. I.:&nbsp;<em>The Big Bang. A History of Explosives<\/em>. Sutton Publishing, 1998.<\/li>\n\n\n\n<li>Historische Unfallberichte des k\u00f6niglich preussischen Bergreviers Dortmund (1865\u20131875), abgedruckt in:&nbsp;<em>Gl\u00fcckauf \u2013 Berg- und H\u00fcttenm\u00e4nnische Zeitschrift<\/em>, Jahrg\u00e4nge 1866\u20131870.<\/li>\n\n\n\n<li>Europ\u00e4ische Agentur f\u00fcr Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA):&nbsp;<em>Historical Analysis of Occupational Accidents in the Chemical Industry \u2013 Nitroglycerin Case Study<\/em>. Luxemburg 2015.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Anmerkung des Autors: Diesem Artikel liegen historische Fakten zugrunde. Die beschriebenen Unf\u00e4lle sind dokumentiert, die exakten Opferzahlen variieren je nach Quelle \u2013 die angegebenen Zahlen repr\u00e4sentieren den wissenschaftlichen Konsens der neueren Technikgeschichtsforschung.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einleitung Kaum eine Erfindung hat die moderne Industriegesellschaft so tiefgreifend ver\u00e4ndert wie das Dynamit \u2013 und kaum ein Erfinder sah sich mit einer solchen moralischen Zerreissprobe konfrontiert wie Alfred Nobel. 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