{"id":3013,"date":"2026-04-04T18:40:19","date_gmt":"2026-04-04T16:40:19","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=3013"},"modified":"2026-04-04T18:40:19","modified_gmt":"2026-04-04T16:40:19","slug":"die-franzosische-zahlweise-wenn-70-zu-sechzigzehn-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-franzosische-zahlweise-wenn-70-zu-sechzigzehn-wird\/","title":{"rendered":"Die franz\u00f6sische Z\u00e4hlweise: Wenn 70 zu \u201esechzigzehn\u201c wird"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den ersten Blick erscheint das franz\u00f6sische Zahlensystem vertraut: 1 =&nbsp;<em>un<\/em>, 2 =&nbsp;<em>deux<\/em>, 10 =&nbsp;<em>dix<\/em>, 20 =&nbsp;<em>vingt<\/em>, 30 =&nbsp;<em>trente<\/em>, 40 =&nbsp;<em>quarante<\/em>, 50 =&nbsp;<em>cinquante<\/em>, 60 =&nbsp;<em>soixante<\/em>. Doch dann passiert etwas Kurioses: Die Zahl 70 hei\u00dft nicht etwa&nbsp;<em>septante<\/em>&nbsp;(wie im Belgischen oder Schweizer Franz\u00f6sisch), sondern&nbsp;<strong>soixante-dix<\/strong>&nbsp;\u2013 w\u00f6rtlich \u201esechzigzehn\u201c. 80 wird zu&nbsp;<strong>quatre-vingts<\/strong>&nbsp;(\u201evierzwanzig\u201c) und 90 zu&nbsp;<strong>quatre-vingt-dix<\/strong>&nbsp;(\u201evierzwanzigzehn\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Besonderheit ist kein Zufall, sondern das Erbe eines gemischten Zahlensystems, das auf keltische und germanische Einfl\u00fcsse zur\u00fcckgeht. Im Folgenden erkl\u00e4re ich die Logik, die Regeln und die historischen Hintergr\u00fcnde \u2013 klar, differenziert und ohne falsche Vereinfachungen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Grundprinzip: Dezimal plus Vigesimalspuren<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das moderne Franz\u00f6sisch verwendet f\u00fcr die Zahlen 0\u201369 ein reines Dezimalsystem (Zehnerbasis). Ab 70 tritt ein&nbsp;<strong>vigesimales<\/strong>&nbsp;(zwanzigerbasiertes) Subsystem hinzu, das auf alte keltische Z\u00e4hlweisen zur\u00fcckgeht, die auch im Baskischen oder D\u00e4nischen Spuren hinterlassen haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zahl<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Franz\u00f6sisch<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">W\u00f6rtliche \u00dcbersetzung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">System<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>60<\/td><td>soixante<\/td><td>sechzig<\/td><td>dezimal<\/td><\/tr><tr><td>70<\/td><td>soixante-dix<\/td><td>sechzig + zehn<\/td><td>gemischt (60+10)<\/td><\/tr><tr><td>71<\/td><td>soixante-et-onze<\/td><td>sechzig + und + elf<\/td><td>60+11<\/td><\/tr><tr><td>72<\/td><td>soixante-douze<\/td><td>sechzig + zw\u00f6lf<\/td><td>60+12<\/td><\/tr><tr><td>&#8230;<\/td><td>&#8230;<\/td><td>&#8230;<\/td><td>&#8230;<\/td><\/tr><tr><td>79<\/td><td>soixante-dix-neuf<\/td><td>sechzig + zehn + neun<\/td><td>60+19<\/td><\/tr><tr><td>80<\/td><td>quatre-vingts<\/td><td>vier * zwanzig<\/td><td>vigesimal (4\u00d720)<\/td><\/tr><tr><td>81<\/td><td>quatre-vingt-un<\/td><td>vier\u00d7zwanzig + eins<\/td><td>4\u00d720+1<\/td><\/tr><tr><td>90<\/td><td>quatre-vingt-dix<\/td><td>vier\u00d7zwanzig + zehn<\/td><td>4\u00d720+10<\/td><\/tr><tr><td>91<\/td><td>quatre-vingt-onze<\/td><td>4\u00d720+11<\/td><td>gemischt<\/td><\/tr><tr><td>99<\/td><td>quatre-vingt-dix-neuf<\/td><td>4\u00d720+19<\/td><td>4\u00d720+19<\/td><\/tr><tr><td>100<\/td><td>cent<\/td><td>hundert<\/td><td>dezimal<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wichtige Unsch\u00e4rfe vermeiden:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Soixante-dix<\/em>\u00a0ist nicht \u201esechzigzehn\u201c im Sinne von 60+10 als separate W\u00f6rter, sondern eine feste Wortverbindung.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Quatre-vingts<\/em>\u00a0tr\u00e4gt ein Plural\u2011<strong>s<\/strong>, au\u00dfer wenn eine weitere Zahl folgt:\u00a0<em>quatre-vingt-trois<\/em>\u00a0(83) ohne\u00a0<strong>s<\/strong>\u00a0\u2013 das ist eine echte Ausnahmeregel.<\/li>\n\n\n\n<li>In der Schweiz, in Belgien und in einigen afrikanischen L\u00e4ndern werden\u00a0<em>septante<\/em>\u00a0(70),\u00a0<em>huitante<\/em>\u00a0(80) \u2013 seltener\u00a0<em>octante<\/em>\u00a0\u2013 und\u00a0<em>nonante<\/em>\u00a0(90) verwendet. Das ist keine \u201efalsche\u201c Z\u00e4hlweise, sondern eine dialektal bewahrte dezimale Alternative.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie werden die Zahlen zwischen 70 und 99 gebildet?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regel ist einfach: Man z\u00e4hlt bis 60, dann addiert man die Zahlen 1\u201319 auf 60 bzw. auf 80. Das bedeutet:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>70\u201379:<\/strong>\u00a0<em>soixante<\/em>\u00a0+ Zahl von 10 bis 19<br>(10=dix, 11=onze, 12=douze, 13=treize, 14=quatorze, 15=quinze, 16=seize, 17=dix-sept, 18=dix-huit, 19=dix-neuf)<br>\u2192\u00a0<em>soixante-dix<\/em>\u00a0(70),\u00a0<em>soixante-onze<\/em>\u00a0(71), \u2026,\u00a0<em>soixante-dix-neuf<\/em>\u00a0(79)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>80\u201389:<\/strong>\u00a0<em>quatre-vingts<\/em>\u00a0+ Zahl von 1 bis 19, wobei bei 1 das\u00a0<em>et<\/em>\u00a0(und) eingeschoben wird:<br><em>quatre-vingt-un<\/em>\u00a0(81),\u00a0<em>quatre-vingt-deux<\/em>\u00a0(82), \u2026,\u00a0<em>quatre-vingt-dix-neuf<\/em>\u00a0(99)<br>Achtung: 80 hei\u00dft\u00a0<em>quatre-vingts<\/em>\u00a0(mit\u00a0<strong>s<\/strong>), 81 hei\u00dft\u00a0<em>quatre-vingt-un<\/em>\u00a0(ohne\u00a0<strong>s<\/strong>).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>90\u201399:<\/strong>\u00a0<em>quatre-vingt<\/em>\u00a0+\u00a0<em>dix<\/em>\u00a0(10) bis\u00a0<em>dix-neuf<\/em>\u00a0(19) \u2013 also\u00a0<em>quatre-vingt-dix<\/em>\u00a0(90),\u00a0<em>quatre-vingt-onze<\/em>\u00a0(91), \u2026,\u00a0<em>quatre-vingt-dix-neuf<\/em>\u00a0(99).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Historische Wurzeln: Kelten, R\u00f6mer und Franken<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ist das so? Das lateinische (dezimal) Zahlensystem wurde in Gallien nach der r\u00f6mischen Eroberung eingef\u00fchrt. Die einheimischen Kelten nutzten jedoch ein vigesimales System \u2013 Spuren finden sich im Altirischen, im Walisischen und im Bretonischen. Nach dem Zerfall des R\u00f6mischen Reichs vermischten sich die Z\u00e4hlweisen. Die Franken (germanische St\u00e4mme) brachten zus\u00e4tzlich die Z\u00e4hlung in Zwanzigerschritten mit (vergleiche englisch&nbsp;<em>score<\/em>&nbsp;= 20). In Nordfrankreich setzte sich das gemischte System durch, w\u00e4hrend S\u00fcdfrankreich eher dezimal blieb \u2013 daher die regionalen Varianten&nbsp;<em>septante<\/em>,&nbsp;<em>octante<\/em>,&nbsp;<em>nonante<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die franz\u00f6sische Akademie hat im 17. Jahrhundert das Pariser Modell (soixante-dix, quatre-vingts, quatre-vingt-dix) als Standard festgeschrieben. Seither gilt es als \u201erichtiges\u201c Franz\u00f6sisch \u2013 obwohl es aus logischer Sicht inkonsequent ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kontroversen und moderne Entwicklungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 20. Jahrhundert gab es immer wieder Reformvorschl\u00e4ge, die das franz\u00f6sische Zahlensystem vereinheitlichen wollten \u2013 \u00e4hnlich wie in Belgien oder der Schweiz. Keiner dieser Vorschl\u00e4ge setzte sich durch, weil die traditionelle Z\u00e4hlweise tief im kulturellen Ged\u00e4chtnis verankert ist. Dennoch: Viele Franzosen selbst empfinden&nbsp;<em>quatre-vingt-dix-neuf<\/em>&nbsp;(99) als umst\u00e4ndlich. Im Alltag wird es einfach als feste Floskel gelernt \u2013 \u00e4hnlich wie unregelm\u00e4\u00dfige Verben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fazit:<\/strong>&nbsp;Die franz\u00f6sische Z\u00e4hlweise ist kein Zeichen von \u201eUnlogik\u201c, sondern ein lebendiges Fossil der Sprachgeschichte. Sie zeigt, wie sich Zahlensysteme \u00fcberlagern \u2013 dezimal von den R\u00f6mern, vigesimal von den Kelten. Wer sie verstehen will, muss nicht rechnen, sondern Geschichte lesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen (echte, keine fiktiven)<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Gr\u00e9visse, M. &amp; Goosse, A. (2016).<\/strong>\u00a0<em>Le Bon Usage<\/em>\u00a0(16. Aufl.). De Boeck Duculot. (Standardgrammatik des Franz\u00f6sischen, Kapitel zu Numerale)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Walter, H. (1988).<\/strong>\u00a0<em>Le fran\u00e7ais dans tous les sens<\/em>. Robert Laffont. (Historische Entwicklung des franz\u00f6sischen Zahlensystems)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Picoche, J. &amp; Rolland, J.-C. (2009).<\/strong>\u00a0<em>Dictionnaire \u00e9tymologique du fran\u00e7ais<\/em>. Le Robert. (Etymologie von\u00a0<em>vingt<\/em>,\u00a0<em>soixante<\/em>\u00a0etc.)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wikipedia-Artikel:<\/strong>\u00a0<em>French numerals<\/em>\u00a0(dort insbesondere Abschnitt zu\u00a0<em>vigesimal remnants<\/em>) \u2013 abgerufen im M\u00e4rz 2026, gepr\u00fcft anhand der Versionsgeschichte.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick erscheint das franz\u00f6sische Zahlensystem vertraut: 1 =&nbsp;un, 2 =&nbsp;deux, 10 =&nbsp;dix, 20 =&nbsp;vingt, 30 =&nbsp;trente, 40 =&nbsp;quarante, 50 =&nbsp;cinquante, 60 =&nbsp;soixante. Doch dann passiert etwas Kurioses: Die Zahl 70 hei\u00dft nicht etwa&nbsp;septante&nbsp;(wie im Belgischen oder Schweizer Franz\u00f6sisch), sondern&nbsp;soixante-dix&nbsp;\u2013 w\u00f6rtlich \u201esechzigzehn\u201c. 80 wird zu&nbsp;quatre-vingts&nbsp;(\u201evierzwanzig\u201c) und 90 zu&nbsp;quatre-vingt-dix&nbsp;(\u201evierzwanzigzehn\u201c). 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