{"id":3049,"date":"2026-04-07T08:39:00","date_gmt":"2026-04-07T06:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=3049"},"modified":"2026-04-07T08:39:00","modified_gmt":"2026-04-07T06:39:00","slug":"die-deutsche-gasabhangigkeit-eine-chronologie-der-selbsttauschung-1990-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-deutsche-gasabhangigkeit-eine-chronologie-der-selbsttauschung-1990-2022\/","title":{"rendered":"Die deutsche Gasabh\u00e4ngigkeit \u2013 Eine Chronologie der Selbstt\u00e4uschung (1990\u20132022)"},"content":{"rendered":"<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Vom Kalten Krieg zur hei\u00dfen Abh\u00e4ngigkeit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion sich 1991 aufl\u00f6ste, schien eine neue \u00c4ra der europ\u00e4ischen Einheit anzubrechen. Deutschland, wiedervereint und im Herzen des Kontinents gelegen, sah in Russland keinen Gegner mehr, sondern einen Partner \u2013 einen Rohstofflieferanten ohnegleichen, einen Markt f\u00fcr Maschinenbau und Chemie, ein politisches Gewicht in einer multipolaren Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Jahrzehnte sp\u00e4ter, am 26. September 2022, liegen die \u00dcberreste der Nord-Stream-Pipelines auf dem Grund der Ostsee. Die deutsche Wirtschaft k\u00e4mpft mit den h\u00f6chsten Energiepreisen seit der \u00d6lkrise 1973. Und die politische Klasse des Landes fragt sich: Wie konnte es so weit kommen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel zeichnet die Chronologie einer Selbstt\u00e4uschung nach \u2013 die Entscheidungen, Weichenstellungen und Fehleinsch\u00e4tzungen deutscher Politik und Wirtschaft \u00fcber drei Jahrzehnte. Er zeigt, wie aus einer scheinbar rationalen Energiepartnerschaft eine fatale Abh\u00e4ngigkeit wuchs, vor der Osteuropa, die USA und selbst manche deutsche Stimme eindringlich warnten. Und er fragt nach den Lehren f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hauptteil<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. Die Ausgangslage (1990\u20132000): Erbe der Ostpolitik<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutsch-russische Gasbeziehung ist \u00e4lter als die Bundesrepublik selbst. Bereits 1970, auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges, schlossen Willy Brandts sozialliberale Regierung und die Sowjetunion den \u201ePipeline-Vertrag\u201c \u2013 R\u00f6hren gegen Gas. Die Ostpolitik der SPD, die auf Wandel durch Handel setzte, etablierte ein Muster, das bis 2022 Bestand haben sollte:&nbsp;<strong>Deutschland liefert Technologie und Maschinen, Russland liefert Rohstoffe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ereignis<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bedeutung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>1970<\/td><td>Erdgas-R\u00f6hren-Vertrag (\u201ePipeline gegen Gas\u201c)<\/td><td>Erste gro\u00dfe Energiekooperation<\/td><\/tr><tr><td>1980<\/td><td>Erste Transgas-Pipeline (\u00fcber die Ukraine)<\/td><td>Sowjetisches Gas erreicht Westeuropa<\/td><\/tr><tr><td>1989<\/td><td>Fall der Mauer, deutsche Wiedervereinigung<\/td><td>Deutschland wird zentraler Abnehmer<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ende der UdSSR 1991 erbt Russland das Pipeline-Netz. Die 1990er Jahre sind eine Zeit des Chaos in Moskau \u2013 doch die Gaslieferungen laufen weiter. Deutsche Energieversorger wie Ruhrgas (sp\u00e4ter E.ON) bauen ihre langfristigen Vertr\u00e4ge mit Gazprom aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die erste verpasste Weiche:<\/strong>&nbsp;Die Warnungen aus Polen und den baltischen Staaten, die in den 1990er Jahren in die NATO und sp\u00e4ter in die EU aufgenommen werden, verhallen. Sie f\u00fcrchten eine Umgehung ihrer Territorien durch direkte Ostsee-Pipelines. In Bonn (sp\u00e4ter Berlin) h\u00f6rt man sie, aber man handelt nicht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. Die \u00c4ra Schr\u00f6der (1998\u20132005): Der Masterplan Nord Stream<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerhard Schr\u00f6der wird 1998 Bundeskanzler \u2013 und er wird zum Architekten der gr\u00f6\u00dften deutschen Energieabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die zentralen Entscheidungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Datum<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Entscheidung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Folgen<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>2000<\/td><td>Schr\u00f6der trifft Putin zum ersten Mal \u2013 Sympathiebekundungen<\/td><td>Pers\u00f6nliche Achse entsteht<\/td><\/tr><tr><td>2001<\/td><td>Schr\u00f6der unterst\u00fctzt die Ostsee-Pipeline-Pl\u00e4ne \u00f6ffentlich<\/td><td>Politische R\u00fcckendeckung f\u00fcr Gazprom<\/td><\/tr><tr><td>2005<\/td><td>Schr\u00f6ders Regierung garantiert Nord Stream 1 Kredite (kurz vor der Wahl)<\/td><td>Letzte gro\u00dfe Amtshandlung<\/td><\/tr><tr><td>Ende 2005<\/td><td>Schr\u00f6der wechselt in den Aufsichtsrat von Nord Stream AG (sp\u00e4ter Vorsitz)<\/td><td>Dreht\u00fcr-Effekt wird zum Skandal<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Argumente der Bef\u00fcrworter (2000\u20132005):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Ukraine ist ein unsicherer Transitstaat (Gasstreitigkeiten 2006, 2009 sollten Recht behalten).<\/li>\n\n\n\n<li>Direktpipelines sind effizienter und vermeiden politische Erpressung durch Drittl\u00e4nder.<\/li>\n\n\n\n<li>Russland ist ein verl\u00e4sslicher Partner \u2013 hat in der Sowjetzeit nie geliefert.<\/li>\n\n\n\n<li>Die deutsche Industrie braucht sicheres und bezahlbares Gas.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Gegenargumente (damals schon geh\u00f6rt, aber ignoriert):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Polen und die baltischen Staaten f\u00fchlen sich \u00fcbergangen \u2013 ein Signal an die neuen EU-Mitglieder.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Abh\u00e4ngigkeit wird einseitig: Russland gewinnt strategische Hebelwirkung.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine Energiepartnerschaft mit einem autorit\u00e4ren Regime ist riskant.<\/li>\n\n\n\n<li>Die USA warnen bereits 2005: \u201eNord Stream ist ein geopolitischer Fehler\u201c (Condoleezza Rice).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Kritik von au\u00dfen \u2013 und das Wegschauen in Berlin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kritiker<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Aussage<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Deutsche Reaktion<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Polen<\/td><td>2005<\/td><td>\u201eNord Stream ist das neue Molotow-Ribbentrop\u201c<\/td><td>Zur\u00fcckweisung als \u201epanikartig\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Baltische Staaten<\/td><td>2006<\/td><td>\u201eEuropa macht sich abh\u00e4ngig von einem revisionistischen Russland\u201c<\/td><td>H\u00f6flichkeit, aber kein Handeln<\/td><\/tr><tr><td>USA<\/td><td>2008<\/td><td>\u201eNord Stream ist ein strategischer Fehler\u201c (Cheney)<\/td><td>\u201eDie USA verstehen die deutsche Energiepolitik nicht\u201c<\/td><\/tr><tr><td>EU-Osteuropa-Kommissar<\/td><td>2009<\/td><td>\u201eNord Stream untergr\u00e4bt die europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t\u201c<\/td><td>Unverbindliche Zusagen<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Dreht\u00fcr-Effekt als System:<\/strong>&nbsp;Schr\u00f6der wird nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream AG (2010\u20132017) und sp\u00e4ter Vorsitzender des Aktion\u00e4rsausschusses von Nord Stream 2. Er bezieht j\u00e4hrliche Verg\u00fctungen in Millionenh\u00f6he von Gazprom. Kein anderer westlicher Spitzenpolitiker hat sich derart eng an Russland gebunden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. Die \u00c4ra Merkel (2005\u20132021): Vertiefung der Abh\u00e4ngigkeit trotz wachsender Warnungen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angela Merkel \u00fcbernimmt 2005 das Kanzleramt \u2013 und sie wird zur Fortsetzerin von Schr\u00f6ders Energiepolitik, allerdings mit einem anderen Stil. Sie ist vorsichtiger, skeptischer gegen\u00fcber Putin, aber am Ende genauso abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Chronologie der verpassten Chancen unter Merkel:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ereignis<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Deutsche Reaktion<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>2006<\/td><td>Erster Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine<\/td><td>Merkel: \u201eWir brauchen Nord Stream, um solche Konflikte zu umgehen\u201c<\/td><\/tr><tr><td>2008<\/td><td>Georgien-Krieg (russische Invasion)<\/td><td>Merkel verurteilt, aber Nord Stream 1 wird kurz darauf fertiggestellt<\/td><\/tr><tr><td>2010<\/td><td>Gasabkommen zwischen Russland und der Ukraine (Charkiwer Abkommen)<\/td><td>Merkel begr\u00fc\u00dft Entspannung \u2013 keine Kurskorrektur<\/td><\/tr><tr><td>2011<\/td><td>Einweihung von Nord Stream 1 (mit Bundeskanzlerin Merkel und Pr\u00e4sident Medwedew)<\/td><td>Symbol der deutsch-russischen Partnerschaft<\/td><\/tr><tr><td>2013<\/td><td>Beginn der Planungen f\u00fcr Nord Stream 2 (unter Umgehung der Ukraine)<\/td><td>Merkel verteidigt es als \u201ekommerzielles Projekt\u201c<\/td><\/tr><tr><td>2014<\/td><td>Annexion der Krim<\/td><td>Merkel f\u00fchrt Sanktionen mit an, aber Nord Stream 2 wird nicht gestoppt \u2013 entscheidender Fehler<\/td><\/tr><tr><td>2015<\/td><td>Nord Stream 2 wird offiziell beschlossen<\/td><td>Merkel: \u201eDas ist privatwirtschaftlich, nicht politisch\u201c<\/td><\/tr><tr><td>2016<\/td><td>USA verh\u00e4ngen erste Sanktionen gegen Nord Stream 2 (CAATSA)<\/td><td>Deutschland protestiert gegen \u201eextraterritoriale Sanktionen\u201c<\/td><\/tr><tr><td>2018<\/td><td>Bau von Nord Stream 2 beginnt (trotz EU-Widerstand)<\/td><td>Merkel h\u00e4lt an Projekt fest<\/td><\/tr><tr><td>2021<\/td><td>Biden-Merkel-Deal: Nord Stream 2 darf fertiggebaut, aber nicht politisch sanktioniert werden<\/td><td>Deutschland verpflichtet sich zu Investitionen in ukrainische Energieinfrastruktur (10 Mrd. USD)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die zwei gro\u00dfen Fehler der \u00c4ra Merkel:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kein Stopp nach der Krim 2014:<\/strong>\u00a0Die Logik h\u00e4tte sein m\u00fcssen: Russland annektiert Gebiet eines europ\u00e4ischen Nachbarn \u2013 Deutschland friert alle strategischen Energieprojekte ein. Stattdessen wurde Nord Stream 2 geplant und gebaut. Das Signal an Putin: Wirtschaftliche Konsequenzen hat deine Aggression nicht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Fiktion des \u201ekommerziellen Projekts\u201c:<\/strong>\u00a0Nord Stream 2 war niemals rein kommerziell. Gazprom, ein staatlich kontrollierter Monopolist, war alleiniger Eigent\u00fcmer. Die europ\u00e4ischen Partner (Uniper, Wintershall Dea, Shell, OMV, Engie) waren Finanziers, keine Miteigent\u00fcmer. Merkel wusste das \u2013 aber sie redete es sich sch\u00f6n.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die wachsende innenpolitische Kritik (2014\u20132021):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kritiker<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Position<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kernargument<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Norbert R\u00f6ttgen (CDU)<\/td><td>Au\u00dfenpolitiker<\/td><td>\u201eNord Stream 2 ist ein geopolitisches Eigentor\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Annalena Baerbock (Gr\u00fcne)<\/td><td>Fraktionsvorsitzende<\/td><td>\u201eWir machen uns erpressbar\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Roderich Kiesewetter (CDU)<\/td><td>Au\u00dfenexperte<\/td><td>\u201ePutin wird diese Pipeline nutzen, um uns zu spalten\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Osteuropa-Experten<\/td><td>diverse<\/td><td>\u201eDie Ukraine wird als Transitland ausgehebelt \u2013 das schw\u00e4cht sie\u201c<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die SPD, allen voran der sp\u00e4tere Kanzler Olaf Scholz, h\u00e4lt dagegen: Nord Stream 2 m\u00fcsse fertiggestellt werden, es sei ein \u201ewirtschaftliches Projekt\u201c. Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft lobbyiert massiv f\u00fcr die Pipeline.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4. Die \u00c4ra Scholz (seit 2021): Die Kehrtwende zu sp\u00e4t<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Olaf Scholz wird im Dezember 2021 Bundeskanzler. Er hat Nord Stream 2 als Vizekanzler und Finanzminister unter Merkel (2018\u20132021) mit verantwortet. Nun ist er derjenige, der die Bombe entsch\u00e4rfen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Chronologie des Zusammenbruchs:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Datum<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ereignis<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>22. Februar 2022<\/td><td>Russland erkennt die \u201eVolksrepubliken\u201c Donezk und Luhansk an \u2013 Scholz stoppt das Zertifizierungsverfahren f\u00fcr Nord Stream 2<\/td><\/tr><tr><td>24. Februar 2022<\/td><td>Russland \u00fcberf\u00e4llt die Ukraine \u2013 die Diskussion um Nord Stream 2 ist faktisch beendet<\/td><\/tr><tr><td>Sommer 2022<\/td><td>Scholz bem\u00fcht sich um eine technische L\u00f6sung im Turbinenstreit (siehe Artikel 4) \u2013 letztes Aufb\u00e4umen der alten Logik<\/td><\/tr><tr><td>26. September 2022<\/td><td>Sabotage der Pipelines \u2013 endg\u00fcltiges Ende<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Scholz\u2018 widerspr\u00fcchliche Rolle:<\/strong>&nbsp;Einerseits stoppt er Nord Stream 2 \u2013 das ist historisch. Andererseits bem\u00fcht er sich im Sommer 2022 noch um die Wiederaufnahme von Gaslieferungen \u00fcber Nord Stream 1, selbst nach dem \u00dcberfall auf die Ukraine. Er besucht die in M\u00fclheim lagernde Turbine, er sagt: \u201eEs muss nur jemand sagen, ich m\u00f6chte die Turbine haben.\u201c Der Bruch mit der alten Denke ist noch nicht vollzogen. Erst die Sabotage im September zwingt zur endg\u00fcltigen Abkehr.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5. Die Kosten der Abh\u00e4ngigkeit: Eine Bilanz<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutsche Gasabh\u00e4ngigkeit von Russland hatte immense wirtschaftliche, politische und strategische Kosten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wirtschaftlich:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Aspekt<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zahlen<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>H\u00f6chster Anteil russischen Gases am deutschen Verbrauch<\/td><td>ca. 55 % (2015\u20132021)<\/td><\/tr><tr><td>J\u00e4hrliche Zahlungen an Gazprom (Durchschnitt 2015\u20132021)<\/td><td>ca. 20\u201325 Mrd. Euro<\/td><\/tr><tr><td>BIP-Verlust durch Energiekrise 2022\/2023<\/td><td>ca. 100 Mrd. Euro (Sch\u00e4tzung)<\/td><\/tr><tr><td>Zus\u00e4tzliche Kosten f\u00fcr LNG-Importe (2022\u20132024)<\/td><td>ca. 50 Mrd. Euro<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Politisch:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Verlust an Glaubw\u00fcrdigkeit in Osteuropa:<\/strong>\u00a0Polen, die baltischen Staaten und die Ukraine f\u00fchlen sich von Deutschland im Stich gelassen. Der Satz \u201eNie wieder allein gelassen werden\u201c (nach 2014) wird zur leeren Floskel.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ermutigung f\u00fcr Putin:<\/strong>\u00a0Die Weigerung, Nord Stream 2 nach der Krim 2014 zu stoppen, sendete das Signal: Aggression gegen Nachbarn hat keine wirtschaftlichen Konsequenzen f\u00fcr Russland.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Spaltung der EU:<\/strong>\u00a0Deutschland handelte bilateral mit Russland, ohne R\u00fccksicht auf die Empfindlichkeiten der \u00f6stlichen Mitgliedstaaten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Strategisch:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Erpressbarkeit:<\/strong>\u00a0Russland nutzte die Gasabh\u00e4ngigkeit 2022 systematisch als Druckmittel (Turbinenstreit, Lieferstopps).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Verz\u00f6gerung der Energiewende:<\/strong>\u00a0Die Verf\u00fcgbarkeit von billigem russischem Gas entlastete den Druck, erneuerbare Energien und Energieeffizienz schnell voranzutreiben.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die unbestreitbare Wahrheit:<\/strong>&nbsp;Die deutsche Gasabh\u00e4ngigkeit war nicht alternativlos. Deutschland h\u00e4tte fr\u00fchzeitiger auf LNG-Terminals setzen k\u00f6nnen (wie andere EU-L\u00e4nder). Es h\u00e4tte die heimische Gasf\u00f6rderung ausbauen k\u00f6nnen (wenn auch begrenzt). Es h\u00e4tte massiver in Energieeffizienz investieren k\u00f6nnen. Es tat all das nicht \u2013 weil russisches Gas zu billig, zu bequem und zu \u201epolitisch neutral\u201c erschien.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">6. Die verpassten Warnungen \u2013 Ein intellektuelles Versagen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Liste derer, die gewarnt haben, ist lang. Die Liste derer, die zugeh\u00f6rt haben, ist kurz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Person\/Institution<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Warnung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Zbigniew Brzezi\u0144ski<\/td><td>1997<\/td><td>\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr Europa ist eine deutsch-russische Energiesonderbeziehung\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Rados\u0142aw Sikorski (Polen)<\/td><td>2011<\/td><td>\u201eNord Stream ist das neue Molotow-Ribbentrop\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Anders Fogh Rasmussen (NATO)<\/td><td>2014<\/td><td>\u201eEuropa darf sich nicht von russischem Gas erpressen lassen\u201c<\/td><\/tr><tr><td>US-Kongress (\u00fcberparteilich)<\/td><td>2015\u20132021<\/td><td>\u201eNord Stream 2 ist ein geopolitisches Instrument Russlands\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Osteurop\u00e4ische Kommissare<\/td><td>2016<\/td><td>\u201eNord Stream 2 spaltet die EU\u201c<\/td><\/tr><tr><td>Annalena Baerbock<\/td><td>2018<\/td><td>\u201eDiese Pipeline ist ein Fehler\u201c<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutsche Politik \u2013 unter Schr\u00f6der, Merkel und zun\u00e4chst auch Scholz \u2013 tat diese Warnungen ab als \u201epanikartig\u201c, \u201eosteurop\u00e4ische \u00c4ngste\u201c oder \u201eamerikanische Eigeninteressen\u201c. Es war eine Mischung aus Arroganz, Naivit\u00e4t und wirtschaftlichem Egoismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die drei Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr das deutsche Versagen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Das \u00f6konomistische Denken:<\/strong>\u00a0\u201eWirtschaftliche Verflechtung f\u00fchrt zu Frieden\u201c (Kants Idee des Welthandels). Diese These funktioniert nur, wenn beide Seiten die Regeln teilen. Russland tat das nicht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die historische Schuld:<\/strong>\u00a0Deutschland f\u00fchlte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung verpflichtet, eine Br\u00fccke zwischen Ost und West zu sein \u2013 auch um den Preis, \u00fcber osteurop\u00e4ische Empfindlichkeiten hinwegzugehen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die kurzfristige Interessenpolitik:<\/strong>\u00a0Die deutsche Industrie (Chemie, Stahl, Maschinenbau) profitierte von billigem Gas. Die Ostaussch\u00fcsse der Wirtschaft lobbyierten erfolgreich. Die politischen Kosten waren abstrakt, die wirtschaftlichen Vorteile konkret.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Lehren aus der Selbstt\u00e4uschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte der deutschen Gasabh\u00e4ngigkeit ist eine Geschichte des Wegschauens. Sie lehrt:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Energiepolitik ist immer auch Sicherheitspolitik.<\/strong>\u00a0Die Fiktion des \u201erein kommerziellen Projekts\u201c ist gef\u00e4hrlicher Unsinn.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Abh\u00e4ngigkeiten von autorit\u00e4ren Regimen sind riskant.<\/strong>\u00a0Putin nutzte die Gaswaffe nicht erst 2022 \u2013 er tat es schon 2006, 2009, 2014. Deutschland lernte nicht daraus.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Warnungen aus Osteuropa sind ernst zu nehmen.<\/strong>\u00a0Die L\u00e4nder, die jahrhundertelang unter russischer Dominanz litten, haben einen anderen Blick auf Moskau als Berlin.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Politik muss widerstandsf\u00e4higer gegen Lobbys sein.<\/strong>\u00a0Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft, die SPD-N\u00e4he zu Gazprom und die Verflechtungen von Altkanzlern sind Kapitel eines Systems, das sich selbst korrumpierte.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland hat aus dieser Katastrophe gelernt \u2013 aber ob die Lehren von Dauer sind, wird sich zeigen. Die n\u00e4chste Krise kommt bestimmt. Dann hei\u00dft es: Nicht wieder wegschauen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung: Vom Kalten Krieg zur hei\u00dfen Abh\u00e4ngigkeit Als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion sich 1991 aufl\u00f6ste, schien eine neue \u00c4ra der europ\u00e4ischen Einheit anzubrechen. 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