{"id":3144,"date":"2026-04-20T14:00:00","date_gmt":"2026-04-20T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=3144"},"modified":"2026-04-20T14:00:00","modified_gmt":"2026-04-20T12:00:00","slug":"schlips-fliege-co-vom-herrschaftszeichen-zum-rebellischen-statement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/schlips-fliege-co-vom-herrschaftszeichen-zum-rebellischen-statement\/","title":{"rendered":"Schlips, Fliege &amp; Co. \u2013 Vom Herrschaftszeichen zum rebellischen Statement"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">von DerSchneider<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum ein Kleidungsst\u00fcck ist so aufgeladen mit sozialer, historischer und politischer Symbolik wie die Krawatte \u2013 im Deutschen liebevoll \u201eSchlips\u201c genannt \u2013 und ihre nahe Verwandte, die Fliege. Auf den ersten Blick lediglich ein schmales St\u00fcck Stoff um den Hals, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung ein komplexes Geflecht aus Machtdemonstration, Zugeh\u00f6rigkeit, Nonkonformismus und manchmal auch purer Rebellion. W\u00e4hrend der Schlips jahrhundertelang als unverzichtbare R\u00fcstung des b\u00fcrgerlichen Mannes galt, erlebt er heute eine tiefgreifende Sinnkrise. Die Frage, ob das Tragen oder Nichttragen einer Krawatte ein Zeichen setzt \u2013 und wenn ja, welches \u2013, f\u00fchrt mitten ins Herz gegenw\u00e4rtiger Debatten \u00fcber Hierarchie, Authentizit\u00e4t und den Wandel der Arbeitswelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel beleuchtet die Herkunft von Schlips und Fliege, analysiert, wer sie aus welchen Gr\u00fcnden trug und tr\u00e4gt, und fragt nach der rebellischen Geste des \u201eNo Tie\u201c. Dabei wird deutlich: Die Geschichte des Schlipses ist auch eine Geschichte des sozialen Auf- und Abstiegs, der Geschlechterrollen und des stillen Widerstands.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Herkunft: Vom kroatischen S\u00f6ldner zum europ\u00e4ischen Dandy<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Urspr\u00fcnge der Krawatte liegen nicht, wie oft vermutet, im franz\u00f6sischen K\u00f6nigshaus, sondern auf den Schlachtfeldern des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges (1618\u20131648). Kroatische S\u00f6ldner im Dienste Frankreichs trugen markante, farbige Halst\u00fccher aus Baumwolle oder Seide, die sie locker um den Hals knoteten \u2013 ein praktisches Kleidungsst\u00fcck, das den Kragen der Uniform zusammenhielt und zugleich als Schwei\u00dfband diente. Der franz\u00f6sische Sonnenk\u00f6nig Ludwig XIV. war von diesem Accessoire so angetan, dass er es ab etwa 1650 in seinen Hofstaat einf\u00fchrte. Aus dem kroatischen&nbsp;<em>hrvat<\/em>&nbsp;(Kroate) wurde \u00fcber das franz\u00f6sische&nbsp;<em>cravate<\/em>&nbsp;schlie\u00dflich das deutsche&nbsp;<em>Krawatte<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fliege (auch&nbsp;<em>Bow Tie<\/em>) entwickelte sich etwas sp\u00e4ter. Im 19. Jahrhundert, als der steife Vaterm\u00f6rder-Kragen aufkam, begannen elegante Herren, das Halstuch nicht mehr nur zu schlingen, sondern zu einer kompakten Schleife zu binden. Die heutige Form \u2013 zwei symmetrische B\u00f6gen \u2013 wurde um 1880 popul\u00e4r und blieb bis heute vor allem mit akademischen, k\u00fcnstlerischen und berufsst\u00e4ndischen Milieus verbunden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer trug Schlips und Fliege aus welchem Grund? Eine historische Tabelle<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Tr\u00e4gergruppen, deren Motive und die gesellschaftliche Symbolik zusammen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Epoche \/ Zeitraum<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Tr\u00e4gergruppe<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Hauptmotive<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Symbolik &amp; Zeichen<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>1650\u20131789<\/td><td>Adel, hohe Milit\u00e4rs, reiches B\u00fcrgertum<\/td><td>Nachahmung des K\u00f6nigshofs (Ludwig XIV.), Standesd\u00fcnkel<\/td><td>Macht, Reichtum, Franz\u00f6sische Hofkultur<\/td><\/tr><tr><td>19. Jahrhundert<\/td><td>B\u00fcrgerliche M\u00e4nner (\u00c4rzte, Anw\u00e4lte, Kaufleute), Dandys (z.\u202fB. Beau Brummell)<\/td><td>Distinktion vom arbeitenden Volk, Professionalisierung, \u00c4sthetizismus<\/td><td>Seriosit\u00e4t, Selbstdisziplin, b\u00fcrgerliche Tugenden<\/td><\/tr><tr><td>1870\u20131914<\/td><td>Industrielle, Banker, h\u00f6here Beamte, aber auch junge K\u00fcnstler (Fliege)<\/td><td>Einhaltung strenger Kleiderordnungen (\u201efrock coat\u201c, \u201emorning dress\u201c)<\/td><td>Konformit\u00e4t, Klassenbewusstsein; bei K\u00fcnstlern: Gegenentwurf zur Spie\u00dfb\u00fcrgerlichkeit<\/td><\/tr><tr><td>1920\u20131950<\/td><td>Angestellte, Verk\u00e4ufer, B\u00fcroangestellte (\u201eWhite Collar\u201c)<\/td><td>Angleichung an die Oberschicht, Professionalisierung der Mittelschicht<\/td><td>Respektabilit\u00e4t, Flei\u00df, wirtschaftlicher Aufstieg<\/td><\/tr><tr><td>1950\u20131980<\/td><td>Manager, Politiker, Diplomaten, aber auch Subkulturen (z.\u202fB. Rockabilly, Mods)<\/td><td>Pflicht im Gesch\u00e4ftsleben, Corporate Identity; Subkulturen: ironische Aneignung<\/td><td>Autorit\u00e4t, Vertrauensw\u00fcrdigkeit; bei Subkulturen: Stilbewusstsein gegen Massengeschmack<\/td><\/tr><tr><td>1990\u20132020<\/td><td>Kreativberufe, Start-up-Gr\u00fcnder, aber auch traditionelle Berufe (Rechtsanw\u00e4lte, Bestatter)<\/td><td>Abgrenzung vom \u201eSpie\u00dfer\u201c oder bewusste Traditionspflege<\/td><td>Individualismus, Flexibilit\u00e4t oder retro-Chic<\/td><\/tr><tr><td>Heute (2020er)<\/td><td>Gemischt: von Bankern \u00fcber Lehrer bis zu Hipstern und LGBTQ+-Communities<\/td><td>Freiwilligkeit, pers\u00f6nlicher Ausdruck, seltener Zwang<\/td><td>Vieldeutig: von Macht zu Ironie, von Seriosit\u00e4t zu Queerness<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die historische Entwicklung zeigt eine stetige Verschiebung: Was einst hart erk\u00e4mpftes Privileg des Adels war, wurde \u00fcber das B\u00fcrgertum zur Pflichtuniform der Angestellten \u2013 und wandelt sich heute zunehmend zu einer frei w\u00e4hlbaren Stiloption, deren Bedeutung stark vom Kontext abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Schlips als Disziplinierungsinstrument<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert war die Krawatte mehr als nur Mode. Sie war Teil einer umfassenden&nbsp;<em>Zivilisierungsoffensive<\/em>. Der Soziologe Norbert Elias hat in seinem Werk \u201e\u00dcber den Proze\u00df der Zivilisation\u201c (1939) gezeigt, wie Kleiderordnungen dazu dienten, Triebe zu b\u00e4ndigen und K\u00f6rper zu kontrollieren. Ein fester, korrekt geknoteter Schlips \u2013 oft erg\u00e4nzt durch steifen Kragen und Weste \u2013 machte den Tr\u00e4ger buchst\u00e4blich \u201eunbequem\u201c. Diese k\u00f6rperliche Einschr\u00e4nkung signalisierte Selbstbeherrschung und die F\u00e4higkeit, sich in hierarchische Strukturen einzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders deutlich wurde dies in englischen Public Schools und im preu\u00dfischen Beamtentum. Dort galt: Ein Mann ohne Krawatte war kein vollwertiger Mann. Noch in den 1950er Jahren wurde in deutschen Banken und Versicherungen das Ablegen der Krawatte w\u00e4hrend der Arbeitszeit als disziplinarische Verfehlung gewertet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fliege: Zwischen Exzentrik und seri\u00f6sem Amt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fliege nahm stets eine Sonderstellung ein. Im Gegensatz zur langen Krawatte, die als \u201eunauff\u00e4llig\u201c und \u201ekonform\u201c galt, verlangte die Fliege eine gewisse Mut zur Asymmetrie. Sie wurde daher vor allem von Personengruppen getragen, die entweder au\u00dferhalb der b\u00fcrgerlichen Norm standen oder bewusst eine Nische besetzten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Akademiker und Wissenschaftler<\/strong>\u00a0(besonders in Geistes- und Naturwissenschaften) nutzten die Fliege als Zeichen der Geistesabwesenheit und anti-modischen Haltung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>K\u00fcnstler, Architekten, Musiker<\/strong>\u00a0(z.\u202fB. Frank Zappa, Orson Welles) machten die Fliege zu einem Markenzeichen kreativer Nonkonformit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bestatter und Kellner<\/strong>\u00a0wiederum trugen sie aus berufspragmatischen Gr\u00fcnden: Sie baumelt nicht, st\u00f6rt nicht und ist hygienischer.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Homosexuelle M\u00e4nner<\/strong>\u00a0in den 1950er\u201370er Jahren nutzten eine auff\u00e4llig gro\u00dfe, bunte Fliege manchmal als verdeckten Code (\u201eLavendel-Fliege\u201c).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren erlebt die Fliege ein kleines Revival als Accessoire bei Hochzeiten, in der Steampunk-Szene und bei jungen M\u00e4nnern, die sich bewusst vom \u201eLangweiler-Schlips\u201c abgrenzen wollen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rebellion: Warum kein Schlips zu tragen ein Zeichen setzt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4testens seit den 1960er Jahren wird das Nichttragen einer Krawaffe zur bewussten Geste. Die Hippie-Bewegung lehnte jegliche Form b\u00fcrgerlicher Uniformit\u00e4t ab \u2013 der schlipslose, offene Kragen wurde zum Symbol f\u00fcr Freiheit, Naturverbundenheit und Antiautoritarismus. In den 1970ern folgten die Punks mit zerrissenen T-Shirts und Sicherheitsnadeln, die die gesamte Idee des \u201eordentlichen Auftretens\u201c ins L\u00e4cherliche zogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die eigentliche, nachhaltige Rebellion fand in den Chefetagen statt.&nbsp;<strong>Steve Jobs<\/strong>&nbsp;trug bekanntlich schwarzen Rollkragenpullover, Jeans und Turnschuhe \u2013 nie eine Krawatte. Damit setzte er ein Signal: Kreativit\u00e4t und Innovation gedeihen nicht in Zwangsjacken.&nbsp;<strong>Mark Zuckerberg<\/strong>&nbsp;und das gesamte Silicon Valley \u00fcbernahmen diese \u00c4sthetik. Der Hoodie im Vorstandsraum ist die heutige Antwort auf den steifen Schlips.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rebellion gegen den Schlips hat mehrere Ebenen:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Hierarchiekritik<\/strong>: Wer keine Krawatte tr\u00e4gt, verweigert die symbolische Unterwerfung unter eine Kleiderordnung, die von oben diktiert wird.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Authentizit\u00e4t<\/strong>: Der offene Kragen gilt als ehrlicher, weniger verstellt. In einer Welt der Corporate-Speak-Phrasen soll die Kleidung \u201eecht\u201c wirken.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Komfort &amp; Gesundheit<\/strong>: Mediziner weisen seit Jahren auf die negativen Auswirkungen enger Krawatten hin \u2013 von erh\u00f6htem Augeninnendruck bis zu Durchblutungsst\u00f6rungen im Gehirn. Eine Studie der Universit\u00e4t Schleswig-Holstein (2018) zeigte, dass das Tragen einer Krawatte den ven\u00f6sen R\u00fcckfluss aus dem Gehirn messbar reduziert.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Geschlechterpolitik<\/strong>: Die klassische Krawatte ist ein reines M\u00e4nneraccessoire. Feministische Kritik sah darin ein Symbol des Patriarchats. Frauen in F\u00fchrungspositionen trugen in den 1980ern manchmal Krawatten als Zeichen der Gleichberechtigung \u2013 heute wird das Nichttragen eher als Befreiung von m\u00e4nnlichen Konventionen gesehen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Heutige Tr\u00e4ger: Welches Zeichen setzen sie?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Umfrage des Allensbacher Instituts (2022) ergab, dass nur noch 38 % der deutschen B\u00fcroangestellten regelm\u00e4\u00dfig Krawatte tragen \u2013 1990 waren es \u00fcber 80 %. Die Tr\u00e4ger von heute lassen sich grob in vier Gruppen einteilen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die Traditionalisten<\/strong>\u00a0(Rechtsanw\u00e4lte, Bestatter, Luxushotels): Sie tragen Schlips oder Fliege aus Berufspflicht oder um ein konservatives Image zu wahren. Ihr Zeichen: \u201eHier gelten noch Werte wie Respekt und Ordnung.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Stilbewussten<\/strong>\u00a0(Dandys, Modebegeisterte): Sie w\u00e4hlen Krawatte und Fliege bewusst als Accessoire, oft in ungew\u00f6hnlichen Farben oder Mustern. Ihr Zeichen: \u201eMode ist Ausdruck von Pers\u00f6nlichkeit, nicht von Unterordnung.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Ironiker<\/strong>\u00a0(Hipster, junge Kreative): Sie kombinieren Vintage-Krawatten mit T-Shirts oder Jeansjacken. Ihr Zeichen: \u201eWir haben die Codes durchschaut und spielen mit ihnen.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Vermeider<\/strong>\u00a0(Start-up-Gr\u00fcnder, ITler, viele Lehrer): Sie tragen grunds\u00e4tzlich keine Krawatte. Ihr Zeichen: \u201eLeistung z\u00e4hlt, nicht das Outfit \u2013 oder: Ich bin mein eigener Herr.\u201c<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist die aktuelle Entwicklung in Politik und Justiz. W\u00e4hrend im Deutschen Bundestag die Krawatte weiterhin die Regel ist (au\u00dfer bei Gr\u00fcnen und Linkspartei), haben viele Richter in Zivilprozessen auf die Robe verzichtet \u2013 aber selten auf die Krawatte. Ein Zeichen von W\u00fcrde? Oder von Beharren auf \u00fcberholten Ritualen?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick: Vom Zwang zur Wahl<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte von Schlips und Fliege ist eine des steten Bedeutungswandels. Was als milit\u00e4risches Praktik begann, wurde \u00fcber den K\u00f6nigshof zum Adelsmerkmal, dann zur b\u00fcrgerlichen Tugenduniform und schlie\u00dflich zur Angestelltenpflicht. Heute, im postindustriellen Zeitalter, ist der Schlips weder tot noch allgegenw\u00e4rtig. Er hat seinen Zwangscharakter weitgehend verloren und ist zu einem frei verf\u00fcgbaren Zeichen geworden \u2013 mit vielen, teils widerspr\u00fcchlichen Lesarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rebellion&nbsp;<em>gegen<\/em>&nbsp;den Schlips ist in westlichen Gesellschaften weitgehend erfolgreich gewesen. In vielen Berufen gilt der offene Kragen als neuer Standard. Doch gerade deshalb k\u00f6nnte das gelegentliche Tragen einer sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlten Krawatte wieder an subversiver Kraft gewinnen \u2013 als Ausdruck von Nonkonformismus in einer uniformierten Casual-Welt. Wer heute im Jeans-B\u00fcro mit schwarzer Seidenkrawatte erscheint, setzt vielleicht das gr\u00f6\u00dfere Statement als der Hoodie-Tr\u00e4ger im Vorstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft wird zeigen, ob das St\u00fcck Stoff um den Hals endg\u00fcltig ins Museum der Kleidungsgeschichte wandert oder sich \u2013 \u00e4hnlich wie der Bart oder die Hutmode \u2013 in regelm\u00e4\u00dfigen Zyklen zur\u00fcckmeldet. Eines ist sicher: Solange Menschen soziale Unterschiede markieren wollen, werden sie ein St\u00fcck Stoff um den Hals binden \u2013 sei es als Schlips, Fliege oder etwas ganz Neues.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Loschek, Ingrid (2005):\u00a0<em>Accessoires: Symbolik und Geschichte<\/em>. M\u00fcnchen: Bruckmann.<\/li>\n\n\n\n<li>Lehnert, Gertrud (2013):\u00a0<em>Mode, M\u00e4nner, Macht: Eine Kulturgeschichte der Herrenkleidung<\/em>. Berlin: Reimer.<\/li>\n\n\n\n<li>Mentges, Gabriele (2005):\u00a0<em>Die Kultur der Krawatte<\/em>. In:\u00a0<em>Kleidung und Identit\u00e4t in der Moderne<\/em>. Frankfurt\/M.: Campus.<\/li>\n\n\n\n<li>Barthes, Roland (1967\/1985):\u00a0<em>Die Sprache der Mode<\/em>. Frankfurt\/M.: Suhrkamp.<\/li>\n\n\n\n<li>Elias, Norbert (1939\/1997):\u00a0<em>\u00dcber den Proze\u00df der Zivilisation<\/em>. Frankfurt\/M.: Suhrkamp.<\/li>\n\n\n\n<li>Allensbacher Institut f\u00fcr Demoskopie (2022):\u00a0<em>Berufsbekleidung in Deutschland \u2013 Eine Trendstudie<\/em>. IfD-Report Nr. 12\/2022.<\/li>\n\n\n\n<li>Universit\u00e4t Schleswig-Holstein, Klinik f\u00fcr Neurologie (2018):\u00a0<em>Einfluss enger Krawatten auf die zerebrale H\u00e4modynamik<\/em>. In:\u00a0<em>Deutsches \u00c4rzteblatt<\/em>, Ausgabe 115, S. 42\u201345.<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/faz.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">FAZ.NET<\/a>\u00a0(2023):\u00a0<em>Der Niedergang der Krawatte. Warum Manager sie ablegen<\/em>. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. M\u00e4rz 2023.<\/li>\n\n\n\n<li>S\u00fcddeutsche Zeitung Magazin (2021):\u00a0<em>Befreite H\u00e4lse. Wie die Krawatte aus der Arbeitswelt verschwindet<\/em>. Heft 17\/2021, S. 28\u201333.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von DerSchneider Einleitung Kaum ein Kleidungsst\u00fcck ist so aufgeladen mit sozialer, historischer und politischer Symbolik wie die Krawatte \u2013 im Deutschen liebevoll \u201eSchlips\u201c genannt \u2013 und ihre nahe Verwandte, die Fliege. 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