{"id":3382,"date":"2026-04-13T04:21:00","date_gmt":"2026-04-13T02:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=3382"},"modified":"2026-04-13T04:21:00","modified_gmt":"2026-04-13T02:21:00","slug":"der-poelzig-bau-in-frankfurt-monument-der-macht-ort-der-verbrechen-und-ort-des-lernens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-poelzig-bau-in-frankfurt-monument-der-macht-ort-der-verbrechen-und-ort-des-lernens\/","title":{"rendered":"Der Poelzig-Bau in Frankfurt: Monument der Macht, Ort der Verbrechen und Ort des Lernens"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum ein Geb\u00e4ude in Deutschland vereint so gegens\u00e4tzliche Kapitel deutscher Geschichte unter einem Dach wie das I.G. Farben-Haus in Frankfurt am Main. Was 1931 als modernste Konzernzentrale Europas er\u00f6ffnet wurde, war zun\u00e4chst Ausdruck wirtschaftlicher Dominanz, sp\u00e4ter Schaltzentrale von Kriegsverbrechen, dann Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht und schlie\u00dflich Sitz der Geisteswissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t. Die Mauern dieses 250 Meter langen Kolosses aus Cannstatter Travertin erz\u00e4hlen eine Geschichte von Aufstieg, Schuld, Wandel und dem bis heute schwierigen Umgang mit der eigenen Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine Architektur der Macht: Der Bau des I.G. Farben-Hauses<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die I.G. Farbenindustrie AG, die sich 1925 aus den gro\u00dfen deutschen Chemiefirmen Bayer, BASF, Hoechst und Agfa zusammengeschlossen hatte, war zum Zeitpunkt der Bauplanung das viertgr\u00f6\u00dfte Unternehmen der Welt und der gr\u00f6\u00dfte Chemiekonzern seiner Zeit<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/frankfurt\/uni-frankfurt-25-jahre-im-ig-farben-haus-accg-200689516.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. F\u00fcr ihre neue Zentralverwaltung erwarb sie 1927 ein 14 Hektar gro\u00dfes Gel\u00e4nde im Frankfurter Westend, auf dem zuvor eine st\u00e4dtische Irrenanstalt gestanden hatte<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?oldid=4053569\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Stadt Frankfurt, die unter Oberb\u00fcrgermeister Ludwig Landmann eine expansive Baupolitik verfolgte, hatte gro\u00dfes Interesse an diesem Gewerbesteuerzahler und trug durch einen Grundst\u00fcckstausch zur Erweiterung des Areals bei<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/frankfurt\/uni-frankfurt-25-jahre-im-ig-farben-haus-accg-200689516.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im August 1928 wurde ein beschr\u00e4nkter Wettbewerb unter f\u00fcnf ausgew\u00e4hlten Architekten ausgeschrieben, an dem neben Hans Poelzig auch der Frankfurter Stadtbaudezernent Ernst May teilnahm<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?oldid=4053569\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Poelzig gewann den Wettbewerb und lieferte dem Bauherrn, was dieser sich gew\u00fcnscht hatte: ein &#8222;eisernes und steinernes Sinnbild deutscher kaufm\u00e4nnlicher und wissenschaftlicher Arbeitskraft&#8220;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/I.G._Farben-Geb%C3%A4ude\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Merkmal<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Angabe<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Bauzeit<\/td><td>1928\u20131931<\/td><\/tr><tr><td>Architekt<\/td><td>Hans Poelzig (1869\u20131936)<\/td><\/tr><tr><td>L\u00e4nge<\/td><td>250 Meter<\/td><\/tr><tr><td>H\u00f6he<\/td><td>35 Meter (sieben Geschosse)<\/td><\/tr><tr><td>Stockwerke<\/td><td>7 (mit von unten nach oben abnehmender Geschossh\u00f6he von 4,60 m auf 4,20 m)<\/td><\/tr><tr><td>Querfl\u00fcgel<\/td><td>6 (symbolisieren die Gr\u00fcndungsfirmen der IG Farben)<\/td><\/tr><tr><td>Verkleidung<\/td><td>33.000 m\u00b2 Cannstatter Travertin<\/td><\/tr><tr><td>Bauweise<\/td><td>Stahlskelett mit Ziegelausfachung<\/td><\/tr><tr><td>Fenster<\/td><td>ca. 2.000<\/td><\/tr><tr><td>Korridorl\u00e4nge<\/td><td>ca. 2,5 Kilometer<\/td><\/tr><tr><td>Bauvolumen<\/td><td>280.000 m\u00b3 (inkl. Casino und Laborgeb\u00e4ude)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Architektur des Geb\u00e4udes ist eine meisterhafte Synthese von Tradition und Moderne. Hinter den monumentalen Travertinfassaden verbirgt sich eine moderne Stahlskelettkonstruktion, die eine Bauzeit von lediglich zwei Jahren erm\u00f6glichte<a href=\"https:\/\/bauhauskooperation.de\/reisen\/orte\/ortsdetailseite\/ort-165\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der leicht geschwungene Grundriss und die sechs Querfl\u00fcgel kaschieren die wahre Gr\u00f6\u00dfe des Baus, w\u00e4hrend die durchlaufenden Fensterb\u00e4nder f\u00fcr eine nat\u00fcrliche Belichtung aller R\u00e4ume sorgen<a href=\"https:\/\/bauhauskooperation.de\/reisen\/orte\/ortsdetailseite\/ort-165\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der Innenausbau wurde von Poelzigs zweiter Ehefrau, der Bildhauerin und Innenarchitektin Marlene Moeschke-Poelzig, gestaltet. Die terrassierten Au\u00dfenanlagen mit Wasserbassin entstanden in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Gartenbaudirektor Max Bromme, dem G\u00e4rtner Karl Foerster und K\u00fcnstlern des Bornimer Kreises<a href=\"https:\/\/bauhauskooperation.de\/reisen\/orte\/ortsdetailseite\/ort-165\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Geb\u00e4ude galt damals als das modernste B\u00fcrogeb\u00e4ude Europas: Es verf\u00fcgte \u00fcber sechs Personenaufz\u00fcge, acht Umlaufaufz\u00fcge (Paternoster), eine zentrale Telefonanlage, Aktenaufz\u00fcge und ein modernes Entl\u00fcftungssystem<a href=\"https:\/\/www.mz.de\/kultur\/ig-farben-haus-ein-geschichtstrachtiges-gebaude-wird-75-jahre-alt-2810927\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.entwicklungsstadt.de\/i-g-farben-haus-eine-frankfurter-architekturikone-am-grueneburgpark\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Rund 2.000 Angestellte bezogen das Haus, in dem Farbenverkauf, Zentralbuchhaltung, Fremdmusterf\u00e4rberei und die Konzernpropaganda untergebracht waren<a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/das_ig_farbenhaus_in_frankfurt_am_main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Raumverteilungskarte las sich wie eine Weltkarte: Abteilungen f\u00fcr &#8222;Orient&#8220;, China, Japan, S\u00fcdamerika, &#8222;Donaul\u00e4nder&#8220; und &#8222;Nordische L\u00e4nder&#8220; dokumentierten die globale Reichweite des Konzerns<a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/das_ig_farbenhaus_in_frankfurt_am_main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die dunkle Seite: Die IG Farben im Nationalsozialismus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits in den 1930er Jahren passte sich die IG Farben dem NS-Regime an. Nach der &#8222;innerbetrieblichen Arisierung&#8220; \u2013 dem Ausschluss j\u00fcdischer Vorstandsmitglieder \u2013 wurde der Konzern zu einem der wichtigsten R\u00fcstungslieferanten des Dritten Reiches<a href=\"https:\/\/www.mz.de\/kultur\/ig-farben-haus-ein-geschichtstrachtiges-gebaude-wird-75-jahre-alt-2810927\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Im Dezember 1933 schloss die Reichsregierung mit der IG Farben den sogenannten Benzinvertrag, der die Produktion von synthetischem Treibstoff durch staatliche B\u00fcrgschaften f\u00f6rderte<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/versklavung-der-zivilbevoelkerung-in-besetzten-laendern-1131123.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die entscheidende Z\u00e4sur kam mit dem Zweiten Weltkrieg. Im I.G. Farben-Haus selbst, in den Sitzungen des Verwaltungsrats, fielen die wesentlichen Entscheidungen \u00fcber den Bau der Fabrik I.G. Auschwitz und den Einsatz von KZ-H\u00e4ftlingen<a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/das_ig_farbenhaus_in_frankfurt_am_main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Von hier aus war der Konzern zwischen 1940 und 1944 planerisch und wirtschaftlich an der Judenvernichtung beteiligt<a href=\"https:\/\/www.erih.net\/about-erih\/erih-membership\/erih-members\/poelzig-building-former-ig-farbenhaus\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verstrickungen der IG Farben in die Verbrechen des NS-Regimes sind vielf\u00e4ltig und tiefgreifend:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zwangsarbeit und KZ Monowitz:<\/strong>&nbsp;F\u00fcr die IG Farben wurde 1942 ein eigenes Konzentrationslager errichtet: Monowitz (Auschwitz III). Dort waren mindestens 35.000 H\u00e4ftlinge mit dem Aufbau von Anlagen zur Kohleverfl\u00fcssigung besch\u00e4ftigt; mindestens 23.000 von ihnen kamen ums Leben<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article272556\/Analyse-Unglueckliche-Konstruktion.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Seri\u00f6se Hochrechnungen gehen insgesamt von bis zu 400.000 Zwangsarbeitern im Dienste des Konzerns aus und mindestens 80.000 Toten<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article272556\/Analyse-Unglueckliche-Konstruktion.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zyklon B:<\/strong>&nbsp;Die IG Farben war \u00fcber eine 42,5-Prozent-Beteiligung an der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfung (Degesch) Mithersteller des Giftes Zyklon B, mit dem in den Vernichtungslagern massenhaft Menschen ermordet wurden<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/versklavung-der-zivilbevoelkerung-in-besetzten-laendern-1131123.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Menschenversuche:<\/strong>&nbsp;Der Konzern f\u00fchrte Experimente an KZ-H\u00e4ftlingen durch<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/pift2025\/kalender-2022\/511149\/staging-ig-farben-building\/#skip-nav-target\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entscheidungen f\u00fcr all diese Verbrechen wurden \u2013 das ist eine kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzende historische Tatsache \u2013 in den repr\u00e4sentativen R\u00e4umen des Poelzig-Baus getroffen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der N\u00fcrnberger IG-Farben-Prozess<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Kriegsende wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Der IG-Farben-Prozess (Fall VI der N\u00fcrnberger Nachfolgeprozesse) begann am 27. August 1947 und endete am 30. Juli 1948. Angeklagt waren 23 leitende Angestellte des Konzerns, darunter Vorstandsmitglieder und Aufsichtsr\u00e4te<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/I.G.-Farben-Prozess\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hauptanklagepunkte umfassten die Planung und Vorbereitung von Angriffskriegen, die wirtschaftliche Auspl\u00fcnderung besetzter L\u00e4nder, die Versklavung und den planm\u00e4\u00dfigen Einsatz von Zwangsarbeitern aus dem KZ Auschwitz III Monowitz sowie die Lieferung von Zyklon B an die SS<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/I.G.-Farben-Prozess\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Urteil fiel zwiesp\u00e4ltig aus: 13 der Angeklagten wurden zu Haftstrafen zwischen eineinhalb und acht Jahren verurteilt, zehn wurden freigesprochen<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-prozesse-gegen-industrielle-ig-farben-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Strafen waren milde \u2013 ein Umstand, der bis heute kritisch betrachtet wird. Die Angeklagten hatten sich mit Erfolg auf einen Notstand berufen: Sie h\u00e4tten Vergeltungsma\u00dfnahmen bef\u00fcrchten m\u00fcssen, wenn sie sich nicht am Zwangsarbeiterprogramm beteiligt h\u00e4tten<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-prozesse-gegen-industrielle-ig-farben-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Bereits 1951 wurden die Verurteilten amnestiert; die meisten stiegen rasch wieder in f\u00fchrende Positionen der Nachfolgeunternehmen auf<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article272556\/Analyse-Unglueckliche-Konstruktion.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vom Siegerhauptquartier zur Universit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das I.G. Farben-Haus \u00fcberstand die schweren Luftangriffe auf Frankfurt fast unversehrt<a href=\"https:\/\/www.mz.de\/kultur\/ig-farben-haus-ein-geschichtstrachtiges-gebaude-wird-75-jahre-alt-2810927\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Am 27. M\u00e4rz 1945 \u00fcbernahm die U.S. Army das Geb\u00e4ude und richtete dort das &#8222;Supreme Headquarter, Allied Expeditionary Forces&#8220; ein<a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/das_ig_farbenhaus_in_frankfurt_am_main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den folgenden f\u00fcnfzig Jahren war das &#8222;Farben Building&#8220; \u2013 sp\u00e4ter offiziell &#8222;General Creighton W. Abrams Building&#8220; \u2013 die europ\u00e4ische Zentrale der US-Streitkr\u00e4fte. Von hier gingen zentrale Impulse der westdeutschen Nachkriegsgeschichte aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ereignis<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Datum<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bedeutung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Proklamation Nr. 2<\/td><td>19. September 1945<\/td><td>&#8222;Gr\u00fcndungsurkunde&#8220; der L\u00e4nder Hessen, W\u00fcrttemberg-Baden und Bayern<\/td><\/tr><tr><td>Frankfurter Dokumente<\/td><td>1948<\/td><td>Skizzierten die politische Zukunft Westdeutschlands; Auftrag an die Ministerpr\u00e4sidenten zur Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung<\/td><\/tr><tr><td>W\u00e4hrungsreform<\/td><td>1948<\/td><td>Ausarbeitung im Geb\u00e4ude<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dwight D. Eisenhower richtete sein Dienstzimmer im ersten Stock des Geb\u00e4udes ein<a href=\"https:\/\/www.mz.de\/kultur\/ig-farben-haus-ein-geschichtstrachtiges-gebaude-wird-75-jahre-alt-2810927\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. 50 Jahre lang war das Gel\u00e4nde milit\u00e4rische Sonderzone, mit Truppenunterk\u00fcnften, Sportfl\u00e4chen, einer High School und dem bei Frankfurtern beliebten Jazzclub &#8222;Terrace Club&#8220;<a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/das_ig_farbenhaus_in_frankfurt_am_main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Nach zwei von der RAF ver\u00fcbten Attentaten 1972 und 1976 mit mehreren Toten und Verletzten wurde das Gel\u00e4nde eingez\u00e4unt und der Zugang strikt reglementiert<a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/das_ig_farbenhaus_in_frankfurt_am_main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1995, nach dem Abzug der amerikanischen Truppen, \u00fcbernahm das Land Hessen das Gel\u00e4nde. Nach einem Umbau von 1998 bis 2001 bezog die Johann Wolfgang Goethe-Universit\u00e4t den nun nach seinem Architekten benannten Poelzig-Bau. Die geisteswissenschaftlichen Institute mit etwa 8.000 Studierenden und 500 Bediensteten zogen auf den neuen Campus Westend<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/frankfurt\/uni-frankfurt-25-jahre-im-ig-farben-haus-accg-200689516.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch mit dem Einzug der Universit\u00e4t begann auch ein schwieriger Prozess der Auseinandersetzung mit der belasteten Geschichte des Ortes. Bis heute wird ein Namensstreit ausgetragen: Die meisten nennen das Geb\u00e4ude schlicht &#8222;IG-Farben-Haus&#8220; oder &#8222;IG-Farben-Campus&#8220;, andere bevorzugen den neutraleren &#8222;Poelzig-Bau&#8220; \u2013 womit der Architekt in den Fokus r\u00fcckt und der Bauherr ungenannt bleibt<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/frankfurt\/uni-frankfurt-25-jahre-im-ig-farben-haus-accg-200689516.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Studierende und Lehrende der Goethe-Universit\u00e4t begannen zu hinterfragen, wie mit der Geschichte des Geb\u00e4udes und der eigenen NS-Vergangenheit der Universit\u00e4t umgegangen worden ist<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/pift2025\/kalender-2022\/511149\/staging-ig-farben-building\/#skip-nav-target\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das interdisziplin\u00e4re Projekt &#8222;Staging IG Farben Building&#8220; des Instituts f\u00fcr Theater-, Film- und Medienwissenschaft stellte grundlegende Fragen: Was passiert, wenn ein Ort der Wissensproduktion in einem Geb\u00e4ude angesiedelt wird, in dem Entscheidungen \u00fcber Massenmorde getroffen wurden? Welche Konsequenzen hat das neu erwachte Interesse der Universit\u00e4t an Erinnerungspolitik nach Jahren der Ignoranz?<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/pift2025\/kalender-2022\/511149\/staging-ig-farben-building\/#skip-nav-target\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Norbert-Wollheim-Memorial, eine Dauerausstellung im Foyer des Geb\u00e4udes, erinnert an die Zwangsarbeiter des IG Farben-Konzerns und an Norbert Wollheim selbst, der als ehemaliger Zwangsarbeiter gegen den Konzern geklagt hatte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausblick: Eine Architektur der Verantwortung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Poelzig-Bau bleibt ein Ort der Ambivalenz. Er ist ein architektonisches Meisterwerk der Klassischen Moderne, ein Denkmal deutscher Industriegeschichte \u2013 und zugleich ein Tatort der NS-Verbrechen. Die Goethe-Universit\u00e4t hat sich der Aufgabe gestellt, diesen Ort nicht zu verdr\u00e4ngen, sondern ihn zum Gegenstand von Lehre und Forschung zu machen. Die Geisteswissenschaften, die heute hier beheimatet sind, haben die besondere Verantwortung, die Geschichte des Hauses zu reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob man das Geb\u00e4ude &#8222;IG-Farben-Haus&#8220; oder &#8222;Poelzig-Bau&#8220; nennt, ist keine nebens\u00e4chliche Frage. Sie entscheidet dar\u00fcber, ob die Erinnerung an die Verbrechen des Konzerns wachgehalten wird oder ob die Architektur \u00fcber die Geschichte triumphiert. Vielleicht ist der schwierigste, aber auch der einzig angemessene Weg, beides zu benennen: das IG-Farben-Haus, gebaut von Hans Poelzig \u2013 ein Geb\u00e4ude, das uns lehrt, dass gro\u00dfartige Formen und moralische Katastrophen einander nicht ausschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wikipedia: I.G. Farben-Geb\u00e4ude (Version vom 14. Januar 2005)<\/li>\n\n\n\n<li>Bauhauskooperation: I.G.-Farben-Haus<\/li>\n\n\n\n<li>Wollheim Memorial: Das I.G. Farben-Haus in Frankfurt am Main<\/li>\n\n\n\n<li>ERIH: Poelzig Building, former IG-Farbenhaus<\/li>\n\n\n\n<li>Mitteldeutsche Zeitung: IG-Farben-Haus: Ein geschichtstr\u00e4chtiges Geb\u00e4ude wird 75 Jahre alt (29. September 2005)<\/li>\n\n\n\n<li>Die Welt: Analyse: Ungl\u00fcckliche Konstruktion (11. November 2003)<\/li>\n\n\n\n<li>Frankfurter Allgemeine Zeitung: &#8222;Versklavung der Zivilbev\u00f6lkerung in besetzten L\u00e4ndern&#8220; (10. November 2003)<\/li>\n\n\n\n<li>Frankfurter Allgemeine Zeitung: Uni Frankfurt 25 Jahre im IG-Farben-Haus (3. April 2026)<\/li>\n\n\n\n<li>Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung: Staging IG Farben Building (2022)<\/li>\n\n\n\n<li>Deutschlandfunk Kultur: Die Prozesse gegen Industrielle \/ IG Farben (17. November 2005)<\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia: I.G.-Farben-Prozess<\/li>\n\n\n\n<li>Perlentaucher: Der Poelzig-Bau. Vom IG Farbenhaus zur Goethe-Universit\u00e4t (Hg. Werner Meissner \/ Dieter Rebentisch \/ Wilfried Wang, S. Fischer Verlag 1999)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/entwicklungsstadt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">entwicklungsstadt.de<\/a>:\u00a0I.G.-Farben-Haus: Frankfurter Architekturikone am Gr\u00fcneburgpark (22. September 2025)<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Geb\u00e4ude in Deutschland vereint so gegens\u00e4tzliche Kapitel deutscher Geschichte unter einem Dach wie das I.G. Farben-Haus in Frankfurt am Main. Was 1931 als modernste Konzernzentrale Europas er\u00f6ffnet wurde, war zun\u00e4chst Ausdruck wirtschaftlicher Dominanz, sp\u00e4ter Schaltzentrale von Kriegsverbrechen, dann Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht und schlie\u00dflich Sitz der Geisteswissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t. 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