{"id":343,"date":"2026-03-04T10:09:52","date_gmt":"2026-03-04T09:09:52","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=343"},"modified":"2026-03-04T10:09:52","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:52","slug":"graetz-das-vergessene-alchemistenlabor-der-elektronik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/graetz-das-vergessene-alchemistenlabor-der-elektronik\/","title":{"rendered":"Graetz: Das vergessene Alchemistenlabor der Elektronik"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vom Petroleumleuchter zur Petromax, vom R\u00f6hrenradio zum ersten Fernseher der DDR \u2013 und dann in den Sog der Weltgeschichte geraten. Die Geschichte von Graetz ist keine gradlinige Erfolgserz\u00e4hlung, sondern eine deutsche Industrieeurop\u00e4die in drei Akten: Kaiserreich, Weltkriege, Teilung. Dieser Artikel betreibt Industriearch\u00e4ologie entlang der Spuren eines Unternehmens, das wie kein zweites f\u00fcr den Br\u00fcckenschlag zwischen analoger Beleuchtungstechnik und moderner Leistungselektronik steht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I. Der Namensgeber: Leo Graetz und die unsichtbare Br\u00fccke<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor das Unternehmen zur Legende wurde, musste erst der Name Bedeutung erlangen. Prof. Dr. Leo Graetz (1856\u20131941) war nicht der Gr\u00fcnder der Firma, aber er lieferte ihr das technische Fundament&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leo_Graetz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/stadtgeschichte-muenchen.de\/personenverzeichnis\/d_person.php?id=863\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Sohn des ber\u00fchmten j\u00fcdischen Historikers Heinrich Graetz studierte in Breslau und Berlin, wurde Assistent von August Kundt und habilitierte sich 1881 in M\u00fcnchen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leo_Graetz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Seine akademische Karriere litt unter den \u00dcberfliegern R\u00f6ntgen und Sommerfeld, doch als Kompensation erhielt er 1908 ein pers\u00f6nliches Ordinariat&nbsp;<a href=\"https:\/\/stadtgeschichte-muenchen.de\/personenverzeichnis\/d_person.php?id=863\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Seine wahre Bedeutung liegt jedoch nicht in der Universit\u00e4t, sondern im Labor: Graetz erfand den elektrolytischen Gleichrichter \u2013 die sogenannte&nbsp;<strong>Graetz\u2019sche Zelle<\/strong>. Ein Aluminiumbecher, gef\u00fcllt mit Natronlauge, darin eine Eisen-Kohle-Elektrode. Eine primitive, aber bahnbrechende Apparatur, die Wechselstrom in Gleichstrom verwandelte&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leo_Graetz\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/brockhaus.de\/ecs\/julex\/adult\/graetz-leo\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel bedeutender jedoch war seine&nbsp;<strong>Graetz-Schaltung<\/strong>: Vier Dioden in Br\u00fcckenanordnung, die bis heute in jedem Netzteil eines jeden Elektroger\u00e4ts arbeitet. Es ist die unsichtbare Grundformel der Elektronik. Wer einen Graetz-Gleichrichter baut, baut das Herz der modernen Stromversorgung&nbsp;<a href=\"https:\/\/stadtgeschichte-muenchen.de\/personenverzeichnis\/d_person.php?id=863\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/brockhaus.de\/ecs\/julex\/adult\/graetz-leo\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Leo Graetz starb 1941 in M\u00fcnchen \u2013 just in dem Moment, als das nach ihm benannte Unternehmen in Berlin l\u00e4ngst seine eigene, d\u00fcstere Kriegswirtschaft betrieb&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II. Die Wiege des Imperiums: Von der Petroleumlampe zur Petromax<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Gr\u00fcndung.<\/strong>&nbsp;Am 2. Januar 1866 taten sich der Klempnermeister Albert Graetz (1831\u20131901) und der Kaufmann Emil Ehrich (\u20201887) zusammen und gr\u00fcndeten die&nbsp;<strong>Ehrich &amp; Graetz OHG<\/strong>&nbsp;in Berlin&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.archivspiegel.de\/archivgut\/ehrich-graetz-bestand-erschlossen\/#respond\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsarchiv.berlin\/bestaende\/archivierung\/690-u-3-17-ehrich-graetz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Es war die Hochzeit der Petroleumleuchte, und Graetz lieferte die beste Adresse daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Aufstieg.<\/strong>&nbsp;Unter den S\u00f6hnen Max und Adolf Graetz expandierte das Unternehmen rasant. Max Graetz, 1897 an der Spitze, erwies sich als genialer T\u00fcftler und Industrieller. 1899 bezog man das neue Fabrikgeb\u00e4ude an der Elsenstra\u00dfe in Treptow, 1907 wurde die Liststra\u00dfe zu Ehren der Firma in&nbsp;<strong>Graetzstra\u00dfe<\/strong>&nbsp;umbenannt (heute Karl-Kunger-Stra\u00dfe)&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Petromax.<\/strong>&nbsp;1910 gelang Max Graetz der Wurf: die&nbsp;<strong>Starklichtlampe Petromax<\/strong>. Ein Druckluft-Gl\u00fchlicht, das selbst entlegenste Winkel der Erde mit glei\u00dfendem Licht versorgte. Bis in die 1960er Jahre wurde sie bei Graetz gebaut und avancierte zum Synonym f\u00fcr mobile Beleuchtung \u2013 vom Safari-Camp bis zur Baustelle&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel weitete das Unternehmen sein Portfolio aus: Elektrische Gl\u00fchlampen ab 1908, Haushaltsger\u00e4te wie Wasserkocher und B\u00fcgeleisen unter der Marke&nbsp;<strong>Graetzor<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Eine deutsche Elektro-Schmiede war entstanden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">III. Zwischen R\u00fcstung und Radio: Die erste Krise<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Erste Weltkrieg riss das Unternehmen in den Sog der Gewalt. Graetz stellte auf R\u00fcstungsproduktion um: Patronen, Z\u00fcnder, Maschinengewehre. Die Belegschaft explodierte von 3.000 auf 7.000 Arbeiter&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Doch der Krieg raubte dem Unternehmen seine internationale Basis: Die Niederlassungen in Frankreich und Gro\u00dfbritannien wurden enteignet. 1919 mussten 4.500 der 5.500 Arbeiter entlassen werden&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Wende zur Unterhaltungselektronik.<\/strong>&nbsp;1922 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1925 wagte Graetz den entscheidenden Schritt:&nbsp;<strong>Der Einstieg in die Radioproduktion<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/JM653YXNTDA6MPOTTOYGEAFLATD7VRZN\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/rlp.museum-digital.de\/object\/63003?versioning=2021-11-26+17:35:57\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/MMRUHIZ3G3DYVKE4WHIQHBMACWX4BCWI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Unter der F\u00fchrung von Fritz Graetz, Max\u2018 Sohn, begann die \u00c4ra der R\u00f6hrenradios. 1933 firmierte das Unternehmen als&nbsp;<strong>Graetz-Radio AG<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Aus dem Lampenhersteller war ein Elektronikkonzern geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der dunkelste Schatten.<\/strong>&nbsp;Die Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten traf ein Unternehmen mit j\u00fcdischen Gr\u00fcndern und Inhabern. Die Familie Graetz wurde enteignet und vertrieben. Das Unternehmen selbst wurde zum R\u00fcstungsbetrieb. Seit September 1940 arbeiteten hunderte j\u00fcdische Zwangsarbeiter bei Graetz in Treptow, sp\u00e4ter kamen russische, franz\u00f6sische und niederl\u00e4ndische Gefangene hinzu. Insgesamt waren es etwa 1.100 Menschen. Die SS transportierte die letzten j\u00fcdischen Arbeiter am 27. Februar 1943 ab&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Eine Ausstellung des J\u00fcdischen Museums Berlin dokumentierte dieses Kapitel 2004 eindringlich&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">IV. Industriearch\u00e4ologie der Teilung: Ein Betrieb, zwei Welten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1945 wurde Berlin geteilt \u2013 und mit ihm Graetz. Hier beginnt der eigent\u00fcmliche Pfad, der das Unternehmen f\u00fcr die Technikgeschichte so wertvoll macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Osten: VEB Graetz und der erste Fernseher.<\/strong><br>Die Berliner Stammwerke in Treptow lagen im Sowjetsektor. Sie wurden enteignet und am 8. Februar 1948 als&nbsp;<strong>VEB Graetz-Werk<\/strong>&nbsp;in Volkseigentum \u00fcberf\u00fchrt. Am 4. Februar 1950 erfolgte die Umbenennung in&nbsp;<strong>VEB Fernmeldewerk Treptow (RFT)<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.archivspiegel.de\/archivgut\/ehrich-graetz-bestand-erschlossen\/#respond\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsarchiv.berlin\/bestaende\/archivierung\/690-u-3-17-ehrich-graetz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Der Name Graetz verschwand vom Firmenschild \u2013 doch nicht aus der Technik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier, in Treptow, entstand unter der Regie des VEB Fernmeldewerk der&nbsp;<strong>erste in Serie gefertigte Fernseher der DDR<\/strong>. Es waren die gleichen M\u00e4nner, die vor dem Krieg bei Graetz Radio gebaut hatten, die nun unter RFT-Flagge die Bildr\u00f6hren zum Leuchten brachten. Die Quellenlage zu den genauen Modellen und Schaltkreisen des Treptower Werks ist jedoch fragmentiert. W\u00e4hrend der Westen mit dem Namen Graetz wuchern konnte, wurde die Ost-Produktion technisch anonymisiert&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/JM653YXNTDA6MPOTTOYGEAFLATD7VRZN\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Westen: Neuanfang in Altena.<\/strong><br>Erich und Fritz Graetz hatten Teile des Maschinenparks noch w\u00e4hrend des Krieges nach Bregenz auslagern k\u00f6nnen&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Von dort aus wagten sie 1948 den Neustart. Sie gr\u00fcndeten die&nbsp;<strong>Graetz KG in Altena (Westfalen)<\/strong>. Das Werk begann sofort mit der Radioproduktion, bald folgten Musiktruhen und vor allem Fernseher&nbsp;<a href=\"https:\/\/rlp.museum-digital.de\/object\/63003?versioning=2021-11-26+17:35:57\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/MMRUHIZ3G3DYVKE4WHIQHBMACWX4BCWI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die&nbsp;<strong>Burggraf-Serie<\/strong>&nbsp;wurde zur Ikone des Wirtschaftswunders. Der&nbsp;<strong>Graetz Burggraf F 41<\/strong>&nbsp;(1957\/58) \u2013 39 kg schwer, 1.098 DM teuer \u2013 war ein M\u00f6belst\u00fcck. Mit seiner 53-cm-Bildr\u00f6hre von Telefunken, dem Schallkompressor f\u00fcr besseren Ton und der Front aus goldfarbenen Metallstreifen stand er in den guten Stuben der jungen Bundesrepublik&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/JM653YXNTDA6MPOTTOYGEAFLATD7VRZN\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/rlp.museum-digital.de\/object\/63003?versioning=2021-11-26+17:35:57\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Ein Zeitzeuge berichtet, wie 150 G\u00e4ste in einer saarl\u00e4ndischen Wirtschaft den \u201eBurggraf\u201c umlagerten, um das \u201eWunder von Bern\u201c 1954 zu sehen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.saarbruecker-zeitung.de\/saarland\/die-zeit-in-der-er-flimmerte-ist-vorbei_aid-1044995\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Nachfolgemodell&nbsp;<strong>Burggraf F 343<\/strong>&nbsp;(1960) zeigte den Wandel der Zeit: elfenbeinfarbener Plastikrahmen, Fernbedienung, Beine zum Anschrauben. Die Technik wurde unsichtbarer, der Komfort stieg&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/MMRUHIZ3G3DYVKE4WHIQHBMACWX4BCWI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">V. Das Ende der Marke: Von SEL \u00fcber Nokia zur Vergessenheit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der unternehmerische Alleingang w\u00e4hrte nicht lange. Am 25. M\u00e4rz 1961 vollzog Erich Graetz den historischen Schnitt: Er verkaufte die Graetz KG mit allen Markenrechten und 13 Produktionsstandorten (darunter Bochum) zu 74,5 Prozent an die&nbsp;<strong>Standard Elektrik Lorenz AG (SEL)<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.archivspiegel.de\/archivgut\/ehrich-graetz-bestand-erschlossen\/#respond\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsarchiv.berlin\/bestaende\/archivierung\/690-u-3-17-ehrich-graetz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war die \u00dcbergabe eines Familienunternehmens an den internationalen Elektrokonzern. Graetz wurde in den SEL-Bereich Audio Video integriert. Die Marke selbst verschwand nicht sofort \u2013 sie wurde weitergef\u00fchrt, verlor aber zunehmend an Kontur. 1987\/88 gab SEL den Bereich an den finnischen Mobilfunkpionier&nbsp;<strong>Nokia<\/strong>&nbsp;weiter&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsarchiv.berlin\/bestaende\/archivierung\/690-u-3-17-ehrich-graetz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit schlie\u00dft sich ein seltsamer Kreis: Ein Unternehmen, das mit Petroleumlampen begann, dann R\u00f6hrenradios baute, den ersten DDR-Fernseher entwickelte und schlie\u00dflich im Handy-Konzern Nokia aufging.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VI. Quellenlage und Forschungsperspektiven<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung zu Graetz steht vor einem paradoxen Problem: Die Dokumente sind reichhaltig, aber verstreut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Archivalische \u00dcberlieferung:<\/strong><br>Das&nbsp;<strong>Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv<\/strong>&nbsp;verwahrt unter der Signatur&nbsp;<strong>U 3\/17<\/strong>&nbsp;den erschlossenen Bestand von Ehrich &amp; Graetz. 1159 Verzeichnungseinheiten auf \u00fcber 9 Regalmetern, darunter zahlreiche internationale Patenturkunden mit technischen Blaupausen. Die Laufzeit umfasst 1888 bis 1956 \u2013 der \u00f6stliche Zweig ist hier noch dokumentiert&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.archivspiegel.de\/archivgut\/ehrich-graetz-bestand-erschlossen\/#respond\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.wirtschaftsarchiv.berlin\/bestaende\/archivierung\/690-u-3-17-ehrich-graetz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sachzeugen:<\/strong><br>Das&nbsp;<strong>Freilichtmuseum Roscheider Hof<\/strong>&nbsp;in Konz bewahrt mit den Modellen Burggraf F 41 und F 343 authentische Zeugnisse der westdeutschen Produktion&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/JM653YXNTDA6MPOTTOYGEAFLATD7VRZN\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/MMRUHIZ3G3DYVKE4WHIQHBMACWX4BCWI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Forschungsl\u00fccke:<\/strong><br>Die eigentliche Leerstelle betrifft den technischen Kern Ihrer Fragestellung:&nbsp;<strong>Gleichrichtertechnik und Leistungselektronik im Osten<\/strong>. Es ist technisch gesichert, dass die Graetz-Schaltung von Leo Graetz die Basis der gesamten RFT-Fernsehproduktion bildete. Aber die Quellen schweigen dar\u00fcber, wie der VEB Fernmeldewerk Treptow diese Schaltungen konkret implementierte, weiterentwickelte oder ob es eigenst\u00e4ndige Innovationen in der Halbleitertechnik gab. Hier setzt das Desiderat an: Es fehlt eine industriearch\u00e4ologische Tiefenbohrung in die Schaltpl\u00e4ne und Entwicklungsabteilungen des Treptower Werks.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Peter S\u00fc\u00df:<\/strong>\u00a0<em>Ist Hitler nicht ein famoser Kerl? Graetz. Eine Familie und ihr Unternehmen vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik.<\/em>\u00a0Paderborn 2003. ISBN 3-506-78561-3.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Aubrey Pomerance (Hrsg.):<\/strong>\u00a0<em>J\u00fcdische Zwangsarbeiter bei Ehrich &amp; Graetz, Berlin-Treptow. Zeitzeugnisse aus dem J\u00fcdischen Museum Berlin.<\/em>\u00a0K\u00f6ln 2003. ISBN 3-8321-7839-2.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ernst Quadt:<\/strong>\u00a0<em>Deutsche Industriepioniere.<\/em>\u00a0Berlin 1940.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graetz_(Unternehmen)?oldid=152596167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Archiv:<\/strong><br>Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv, Bestand U 3\/17 Ehrich &amp; Graetz AG.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fazit:<\/strong><br>Graetz ist nicht einfach eine ausgel\u00f6schte Marke. Graetz ist der Beweis daf\u00fcr, dass deutsche Technikgeschichte nicht in den Kategorien Ost\/West oder Sieger\/Verlierer geschrieben werden kann. Die Petromax leuchtete auf beiden Seiten der Mauer, die Graetz-Schaltung arbeitete in RFT- und SEL-Ger\u00e4ten. Das \u201evergessene Alchemistenlabor\u201c wartet noch auf seine Wiederentdeckung \u2013 nicht in den Vorstandsetagen von Samsung, sondern in den unerschlossenen Archiven der Leistungselektronik.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Petroleumleuchter zur Petromax, vom R\u00f6hrenradio zum ersten Fernseher der DDR \u2013 und dann in den Sog der Weltgeschichte geraten. Die Geschichte von Graetz ist keine gradlinige Erfolgserz\u00e4hlung, sondern eine deutsche Industrieeurop\u00e4die in drei Akten: Kaiserreich, Weltkriege, Teilung. 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