{"id":3611,"date":"2026-08-01T09:25:00","date_gmt":"2026-08-01T07:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=3611"},"modified":"2026-08-01T10:54:56","modified_gmt":"2026-08-01T10:54:56","slug":"ie-freiheit-lesen-wie-brasiliens-gefangnisprogramm-remicao-pela-leitura-die-resozialisierung-revolutioniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/ie-freiheit-lesen-wie-brasiliens-gefangnisprogramm-remicao-pela-leitura-die-resozialisierung-revolutioniert\/","title":{"rendered":"Wie Freiheit lesen: Wie Brasiliens Gef\u00e4ngnisprogramm \u201eRemi\u00e7\u00e3o pela Leitura\u201c die Resozialisierung revolutioniert"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor:<\/strong>&nbsp;DerSchneider<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war ein heller, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn \u2013 mit diesen Worten aus George Orwells \u201e1984\u201c k\u00f6nnte f\u00fcr einen Gefangenen in Brasilien nicht nur die Lekt\u00fcre, sondern buchst\u00e4blich die Freiheit beginnen. Seit \u00fcber einem Jahrzehnt verfolgt Brasilien einen ungew\u00f6hnlichen, aber h\u00f6chst effektiven Ansatz in der Strafvollzugspolitik: das Programm \u201eRemi\u00e7\u00e3o pela Leitura\u201c (deutsch: \u201eErl\u00f6sung durch Lesen\u201c). Es erlaubt Insassen, sich durch das Lesen von B\u00fcchern ihre Haftstrafe zu verk\u00fcrzen \u2013 pro Buch vier Tage, maximal 48 Tage pro Jahr.<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Land, dessen Gef\u00e4ngnisse chronisch \u00fcberf\u00fcllt sind, in dem Folter und Misshandlung zur Tagesordnung geh\u00f6ren und kriminelle Banden vielfach die Kontrolle \u00fcbernommen haben,<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;stellt diese Initiative eine bemerkenswerte Symbiose aus Bestrafung und Bildung dar. Sie basiert auf einer einfachen, aber tiefgreifenden Pr\u00e4misse: Wissen kann nicht nur den Geist, sondern auch den K\u00f6rper befreien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel beleuchtet die Entstehung, Mechanismen und Wirkungen des brasilianischen Leseprogramms. Er zeichnet seinen Weg von einem kleinen Pilotprojekt in einem Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis zu einer nationalen Politik nach, analysiert seine Erfolge \u2013 insbesondere die beeindruckende Reduzierung der R\u00fcckfallquote \u2013 und schaut kritisch auf die Herausforderungen, die seine Umsetzung begleiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Programm im Detail: Wie \u201eErl\u00f6sung durch Lesen\u201c funktioniert<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Geburtsstunde in Catanduvas<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Urspr\u00fcnge des Programms reichen zur\u00fcck ins Jahr 2009, in das Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis von Catanduvas im Bundesstaat Paran\u00e1, im S\u00fcden Brasiliens. In dieser Einrichtung, in der Anf\u00fchrer krimineller Banden isoliert werden, startete ein Pilotprojekt mit 22 H\u00e4ftlingen. Die Grundlage bildete Fjodor Dostojewskis \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c \u2013 ein Werk, das sich mit Schuld, Vergebung und moralischer Erneuerung auseinandersetzt.<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die beste Rezension jener ersten Runde brachte dem Verfasser sogar f\u00fcnf Tage Haftverk\u00fcrzung ein.<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Der Erfolg war so vielversprechend, dass das Bildungsministerium das Programm 2012 auf vier weitere Gef\u00e4ngnisse ausweitete. 2021, ein Jahrzehnt nach seiner Gr\u00fcndung, war \u201eRemi\u00e7\u00e3o pela Leitura\u201c schlie\u00dflich Bestandteil aller mehr als 1.500 Haftanstalten des Landes.<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Regeln des Spiels: Ein Buch, vier Tage, zw\u00f6lf Mal im Jahr<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Mechanik des Programms ist denkbar einfach: Ein teilnahmeberechtigter H\u00e4ftling w\u00e4hlt jeden Monat ein Buch aus der Gef\u00e4ngnisbibliothek aus. Dieses muss den vorgegebenen Kriterien entsprechen \u2013 es soll sich um ein literarisches, philosophisches, wissenschaftliches oder klassisches Werk handeln.<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;F\u00fcr die Lekt\u00fcre hat der Insasse bis zu 21 Tage Zeit. Anschlie\u00dfend muss er innerhalb von zehn Tagen einen Aufsatz verfassen, der beweist, dass er das Buch nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hat.<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird der Aufsatz von einer Pr\u00fcfungskommission (der Vara de Execu\u00e7\u00f5es Penais) genehmigt, werden dem Gefangenen vier Tage Haftzeit erlassen. Da dieses Prozedere maximal zw\u00f6lf Mal pro Jahr durchlaufen werden kann, ergibt sich eine maximale j\u00e4hrliche Haftverk\u00fcrzung von 48 Tagen.<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/gefangene-in-brasilien-koennen-haftzeit-durch-lesen-verkuerzen-a-840971.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die formale Rechtsgrundlage hierf\u00fcr fand sich urspr\u00fcnglich in der \u201eLei de Execu\u00e7\u00e3o Penal\u201c (Strafvollzugsgesetz) von 1984, die bereits Haftverk\u00fcrzung durch Arbeit oder Studium vorsah. Das Leseprogramm stellt eine Auslegung dieser Regel dar.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der literarische Kanon: Von Dostojewski bis zur Dystopie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Liste der zugelassenen B\u00fccher ist ebenso anspruchsvoll wie vielf\u00e4ltig. Sie umfasst internationale und brasilianische Klassiker, darunter Dostojewskis \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c, Tolstois \u201eKrieg und Frieden\u201c, Orwells \u201eAnimal Farm\u201c und Margaret Atwoods \u201eThe Handmaid\u2019s Tale\u201c. Dar\u00fcber hinaus finden sich Werke von Franz Kafka, William Shakespeare und Agatha Christie auf den Listen, ebenso wie Autobiografien von Martin Luther King und indigenen Autorinnen und Autoren Brasiliens.<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Kanon ist nicht statisch; er variiert zum Teil von Gef\u00e4ngnis zu Gef\u00e4ngnis, da es keine offizielle, landesweite Liste gibt. Der Nationale Justizrat genehmigt die Werke, macht seine Kriterien jedoch nicht \u00f6ffentlich.<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Frage der Gerechtigkeit: Der Fall Bolsonaro<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Programm erlangte besondere mediale Aufmerksamkeit, als der wegen eines Putschversuchs zu einer mehr als 27-j\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilte Ex-Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro die Erlaubnis erhielt, daran teilzunehmen.<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Bolsonaro, der einst zugab, \u201ekein gro\u00dfer Leser\u201c zu sein und seit drei Jahren kein Buch gelesen zu haben,<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;kann sich nun im Laufe von acht Jahren jeweils ein Jahr seiner Haft \u201eweglesen\u201c. In seinem Fall gibt es eine gesonderte Liste mit elf Titeln pro Jahr, darunter B\u00fccher \u00fcber Diktatur, Demokratie, Rassismus und Geschlechterfragen.<a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3417359\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Fall wirft eine grunds\u00e4tzliche ethische Frage auf: Sollte ein verurteilter ehemaliger Pr\u00e4sident, der f\u00fcr antidemokratische Umtriebe bekannt ist, die gleichen Resozialisierungsma\u00dfnahmen in Anspruch nehmen d\u00fcrfen wie jeder andere H\u00e4ftling? Aus rechtlicher Perspektive lautet die Antwort klar: Ja. Das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz gebietet es, dass Resozialisierungsprogramme allen Insassen offenstehen, unabh\u00e4ngig von ihrer Identit\u00e4t oder der Schwere ihrer Tat. Die \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung ist jedoch verst\u00e4ndlich, da Bolsonaro nicht gerade als Verfechter von Demokratie und Menschenrechten in Erinnerung geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Beleg f\u00fcr den Erfolg: 30% weniger R\u00fcckf\u00e4lle<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale Frage, die sich jedes rationale Strafvollzugssystem stellen muss, ist nicht nur die der Bestrafung, sondern auch die der Pr\u00e4vention. Wie gut bereitet das System die Gefangenen auf ein Leben in Freiheit vor? Wie hoch ist die R\u00fcckfallquote (Rezidivismus)?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier liefert das brasilianische Programm beeindruckende Daten: Teilnehmer, die am \u201eRemi\u00e7\u00e3o pela Leitura\u201c-Programm teilgenommen haben, weisen eine um 30% geringere R\u00fcckfallquote auf als diejenigen, die nicht teilnahmen.&nbsp;Diese Zahl ist ein \u00fcberzeugendes Argument f\u00fcr die Wirksamkeit des Programms.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Ergebnisse sind kein isoliertes Ph\u00e4nomen. Eine internationale Metastudie der UNESCO zeigt, dass die R\u00fcckfallquote bei Insassen, die w\u00e4hrend ihrer Haftzeit lesen und schreiben gelernt haben, bei nur 16% liegt \u2013 im Vergleich zu einer allgemeinen Rezidivismusrate, die in vielen L\u00e4ndern bei \u00fcber 50% liegt.&nbsp;Auch in den USA zeigen Studien, dass Bildungsprogramme im Gef\u00e4ngnis einen signifikanten Einfluss auf die Senkung der R\u00fcckfallquote und die Verbesserung der Berufsaussichten nach der Entlassung haben.&nbsp;Ein weiteres amerikanisches Programm, IGNITE, konnte die Zahl schwerwiegender Verst\u00f6\u00dfe im Gef\u00e4ngnis w\u00f6chentlich um 49% reduzieren, was ebenfalls auf die stabilisierende Wirkung von Bildungsma\u00dfnahmen hindeutet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Zahlen belegen, dass Bildung im Allgemeinen und Lesen im Speziellen weit mehr ist als eine blo\u00dfe Besch\u00e4ftigungstherapie. Sie vermitteln kognitive F\u00e4higkeiten, f\u00f6rdern Empathie und kritisches Denken \u2013 F\u00e4higkeiten, die nicht nur f\u00fcr den Arbeitsmarkt, sondern f\u00fcr ein Leben in \u00dcbereinstimmung mit gesetzlichen und sozialen Normen unerl\u00e4sslich sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kritik und Herausforderungen: Die Kehrseite der Medaille<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So \u00fcberzeugend die Erfolgszahlen auch sein m\u00f6gen, das Programm ist nicht frei von Kritik und praktischen H\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Das Bildungsgef\u00e4lle: Wer kann \u00fcberhaupt teilnehmen?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist die schiere Realit\u00e4t des brasilianischen Bildungssystems. Fast die H\u00e4lfte der Gefangenen hat nicht einmal die Primarschule abgeschlossen.<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Brasilienweit k\u00f6nnen etwa 9% der Bev\u00f6lkerung nicht lesen und schreiben, weitere 20% gelten als funktionale Analphabeten \u2013 sie sind nicht in der Lage, einfache Texte zu verstehen.&nbsp;Unter der Gef\u00e4ngnisbev\u00f6lkerung d\u00fcrfte dieser Anteil sogar noch deutlich h\u00f6her liegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies bedeutet, dass ein gro\u00dfer Teil der Insassen von dem Programm von vornherein ausgeschlossen ist, weil ihnen die grundlegenden Lese- und Schreibf\u00e4higkeiten fehlen. Die Regierung hat zwar 2023 einen Nationalen Plan zur F\u00f6rderung des Lesens in Haftanstalten ins Leben gerufen,<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/o-desafio-brasileiro-de-levar-a-leitura-%C3%A0s-pris%C3%B5es\/a-70620353\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;doch ein Jahr nach seiner Ver\u00f6ffentlichung befindet sich dieser Plan immer noch in einem vorl\u00e4ufigen Stadium. Eine umfassende Alphabetisierungsoffensive ist bisher nicht in Sicht.<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/o-desafio-brasileiro-de-levar-a-leitura-%C3%A0s-pris%C3%B5es\/a-70620353\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Die Fragmentierung der Umsetzung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres strukturelles Problem ist die uneinheitliche Umsetzung des Programms. Die Resolutions des Nationalen Justizrates von 2021 schreiben vor, dass f\u00fcr Insassen mit geringer Schulbildung alternative Formen des Berichts akzeptiert werden sollen \u2013 etwa m\u00fcndliche Pr\u00fcfungen, Zeichnungen oder Musik. Auch H\u00f6rb\u00fccher sind als Alternative vorgesehen.<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/o-desafio-brasileiro-de-levar-a-leitura-%C3%A0s-pris%C3%B5es\/a-70620353\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Realit\u00e4t sieht jedoch oft anders aus. Die Entscheidungskommissionen in den einzelnen Gerichtsbezirken (Varas de Execu\u00e7\u00e3o Penal) handeln h\u00e4ufig nach eigenen, nicht standardisierten Kriterien. Es gibt keine bundesweit einheitliche Liste zugelassener B\u00fccher,<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/panorama\/pro-buch-vier-tage-weniger-knast-wie-haeftlinge-in-brasilianischen-gefaengnissen-sich-freiheit-erkaufen-ld.1932273\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;und die Zugangsm\u00f6glichkeiten zu Bibliotheken variieren stark von Gef\u00e4ngnis zu Gef\u00e4ngnis. Eine Studie aus dem Jahr 2021 ergab, dass nur etwa 1% der brasilianischen Gefangenen tats\u00e4chlich von der M\u00f6glichkeit der Haftverk\u00fcrzung durch Lesen Gebrauch machten.&nbsp;Diese niedrige Teilnahmequote deutet darauf hin, dass das Potenzial des Programms bei weitem nicht ausgesch\u00f6pft ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Symbolpolitik oder echter Wandel?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kritiker k\u00f6nnten argumentieren, dass das Programm angesichts der systemischen Probleme des brasilianischen Strafvollzugs \u2013 chronische \u00dcberbelegung, Gewalt durch Banden, Folter durch W\u00e4rter \u2013 nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein ist. Ein \u201ezarter Versuch\u201c des Staates, ein marodes System zu erneuern, wie es ein Beobachter formulierte.<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/justiz\/gefangene-in-brasilien-koennen-haftzeit-durch-lesen-verkuerzen-a-840971.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Von einer echten Resozialisierung k\u00f6nne angesichts der katastrophalen Grundbedingungen kaum die Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine vergleichende Perspektive: Brasilien im internationalen Kontext<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brasilien ist nicht das einzige Land, das die Kraft des Lesens f\u00fcr den Strafvollzug entdeckt hat. Weltweit gibt es Initiativen, die \u00e4hnliche Ziele verfolgen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Land<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Programm<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Mechanismus<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Besonderheit<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Brasilien<\/strong><\/td><td>Remi\u00e7\u00e3o pela Leitura<\/td><td>Haftverk\u00fcrzung (4 Tage\/Buch, max. 48\/Jahr)<\/td><td>Kombination aus Lesen und Verfassen einer Rezension<\/td><\/tr><tr><td><strong>Vereinigte Staaten<\/strong><\/td><td>IGNITE<\/td><td>Verhaltensverbesserung<\/td><td>Reduzierung von Verst\u00f6\u00dfen um 49% w\u00f6chentlich, aber keine direkte Haftverk\u00fcrzung<\/td><\/tr><tr><td><strong>Vereinigte Staaten<\/strong><\/td><td>Verschiedene Bildungsprogramme<\/td><td>Verbesserung der Lese- und Schreibf\u00e4higkeiten<\/td><td>Indirekte Reduzierung der R\u00fcckfallquote durch bessere Berufsaussichten<\/td><\/tr><tr><td><strong>Philippinen<\/strong><\/td><td>Time Allowance for Studying<\/td><td>Reduzierung der Haftzeit durch Studium<\/td><td>\u00c4hnliches Modell wie in Brasilien, allerdings mit Fokus auf formale Bildung<\/td><\/tr><tr><td><strong>Island<\/strong><\/td><td>Allgemeine Bildungsprogramme<\/td><td>Fokus auf formale Bildung<\/td><td>Sehr niedrige R\u00fcckfallquote von etwa 28%, im internationalen Vergleich<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tabelle zeigt, dass Brasilien mit seinem Modell der direkten Kopplung von Lekt\u00fcre an Strafrabatt eine Vorreiterrolle einnimmt. W\u00e4hrend andere L\u00e4nder meist auf allgemeine Bildungsprogramme setzen, deren Wirkung indirekt ist, hat Brasilien einen direkten, quantifizierbaren Anreiz geschaffen. Die Gefahr einer rein instrumentellen Lesekultur \u2013 \u201eLesen f\u00fcr die Freiheit, nicht f\u00fcr die Bildung\u201c \u2013 ist dabei jedoch nicht von der Hand zu weisen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick: Eine Politik mit Potenzial, das noch ausgesch\u00f6pft werden muss<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das brasilianische Programm \u201eRemi\u00e7\u00e3o pela Leitura\u201c ist ein mutiger und innovativer Ansatz in der Strafvollzugspolitik. Die zentrale Erkenntnis ist eindeutig:&nbsp;<strong>Lesen reduziert nachweislich die R\u00fcckfallquote um 30%.<\/strong>&nbsp;Diese Zahl allein rechtfertigt die Existenz des Programms aus einer rein pragmatischen, kriminalpr\u00e4ventiven Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch steht das Programm vor erheblichen Herausforderungen. Das gr\u00f6\u00dfte Hindernis ist die niedrige Teilnahmequote, die auf strukturelle Defizite \u2013 fehlende Bibliotheken, mangelnde Alphabetisierung, uneinheitliche Umsetzung \u2013 zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Eine reine Symbolpolitik, die zwar die positiven Schlagzeilen generiert, aber nur einer kleinen Elite der gebildeten Insassen zugutekommt, w\u00e4re ein Armutszeugnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sind die n\u00e4chsten Schritte?<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Alphabetisierungsoffensive:<\/strong>\u00a0Die brasilianische Regierung muss ihre Ank\u00fcndigungen aus dem Jahr 2023 in konkrete Taten umsetzen. Ein Nationaler Plan zur Lesef\u00f6rderung in Haftanstalten ist nur dann sinnvoll, wenn er mit einer massiven Alphabetisierungskampagne f\u00fcr funktionale Analphabeten einhergeht. H\u00f6rb\u00fccher und alternative Berichtsformate m\u00fcssen keine Option, sondern Standard werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Standardisierung und Transparenz:<\/strong>\u00a0Der Nationale Justizrat sollte verbindliche, bundesweit einheitliche Kriterien f\u00fcr die Buchauswahl und die Bewertung der Aufs\u00e4tze schaffen. Eine \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Liste empfohlener Werke w\u00fcrde f\u00fcr mehr Klarheit sorgen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ausbau der Infrastruktur:<\/strong>\u00a0Jede Haftanstalt sollte \u00fcber eine gut ausgestattete Bibliothek verf\u00fcgen. B\u00fccherspendenaktionen, wie sie von Anwalt Andr\u00e9 Kehdi in S\u00e3o Paulo initiiert wurden, sind wichtig, aber kein Ersatz f\u00fcr staatliche Investitionen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Begleitforschung:<\/strong>\u00a0Die vielversprechende Zahl von 30% weniger R\u00fcckf\u00e4llen sollte durch unabh\u00e4ngige, langfristige Langzeitstudien weiter untermauert werden. Wie wirkt sich das Programm auf unterschiedliche Deliktgruppen aus? Gibt es Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen?<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Idee, dass ein Buch die Macht hat, nicht nur den Geist, sondern auch den K\u00f6rper zu befreien, ist ebenso poetisch wie praktisch. Wenn Brasilien es schafft, das Potenzial seines Programms voll auszusch\u00f6pfen, k\u00f6nnte es als Modell f\u00fcr Strafvollzugssysteme weltweit dienen. Der Satz des unbekannten Gefangenen, der die Academia Brasileira de Letras um B\u00fccher bat, fasst diese Hoffnung perfekt zusammen: \u201eUm den Menschen aus dem Irrtum zu holen, muss man geben, nicht wegnehmen.\u201c<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/pt-br\/o-desafio-brasileiro-de-levar-a-leitura-%C3%A0s-pris%C3%B5es\/a-70620353\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:&nbsp;DerSchneider Einleitung Es war ein heller, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn \u2013 mit diesen Worten aus George Orwells \u201e1984\u201c k\u00f6nnte f\u00fcr einen Gefangenen in Brasilien nicht nur die Lekt\u00fcre, sondern buchst\u00e4blich die Freiheit beginnen. Seit \u00fcber einem Jahrzehnt verfolgt Brasilien einen ungew\u00f6hnlichen, aber h\u00f6chst effektiven Ansatz in der Strafvollzugspolitik: das Programm [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,26],"tags":[928,1046,2932,4117,5854,5731,6681],"class_list":["post-3611","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-elektrotechnik","category-mit-den-handen","tag-bildung","tag-brasilien","tag-haftverkurzung","tag-leseforderung","tag-resozialisierung","tag-ruckfallquote","tag-strafvollzug"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3611"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6622,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3611\/revisions\/6622"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}