{"id":3695,"date":"2026-08-16T07:41:00","date_gmt":"2026-08-16T05:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=3695"},"modified":"2026-08-17T14:31:27","modified_gmt":"2026-08-17T14:31:27","slug":"wer-gehort-wem-der-aufstieg-und-das-verschwinden-eines-wirtschaftlichen-nachschlagewerks-der-commerzbank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wer-gehort-wem-der-aufstieg-und-das-verschwinden-eines-wirtschaftlichen-nachschlagewerks-der-commerzbank\/","title":{"rendered":"Wer geh\u00f6rt wem? \u2013 Der Aufstieg und das Verschwinden eines wirtschaftlichen Nachschlagewerks der Commerzbank"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"> <strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab einmal ein Buch, das Auskunft dar\u00fcber gab, wer in der deutschen Wirtschaft wen kontrollierte. Es war kein Enth\u00fcllungsband, keine Skandalreportage, sondern ein schlichtes, in blauem oder grauem Einband gehaltenes Nachschlagewerk der Commerzbank: \u201eWer geh\u00f6rt wem \u2013 Beteiligungsverh\u00e4ltnisse in Deutschland\u201c. \u00dcber Jahrzehnte hinweg war es f\u00fcr Wirtschaftsjournalisten, Kartellrechtler, Betriebsr\u00e4te und Unternehmensforscher ein unverzichtbares Instrument. Wer verstand, welche Konzerne hinter vermeintlich eigenst\u00e4ndigen Firmen standen, wer die Kapitalverflechtungen und Aufsichtsratsmandate entschl\u00fcsseln konnte, besa\u00df einen entscheidenden Vorteil, um wirtschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse zu durchschauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist dieses Buch so gut wie vergessen. Die letzte bekannte Ausgabe stammt aus dem Jahr 1994. Was als n\u00fctzliche Publikation einer Gro\u00dfbank begann, endete als historisches Dokument einer Zeit, in der gedruckte Information noch knapp und teuer war. Dieser Artikel rekonstruiert die Geschichte dieser Reihe, dokumentiert ihre Erscheinungsweise, analysiert die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihr Verschwinden, wagt eine Prognose \u00fcber den genauen Zeitpunkt der Einstellung und zeigt auf, welche gedruckten Alternativen sowie digitalen Plattformen heute an ihre Stelle getreten sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I. Die Geburtsstunde \u2013 Entstehung und Erscheinungsweise der Reihe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Commerzbank gab \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c \u00fcber mehrere Jahrzehnte hinweg als eigenst\u00e4ndige Publikation heraus. Das Werk dokumentierte systematisch die Beteiligungsverh\u00e4ltnisse in der deutschen Wirtschaft \u2013 also welche Unternehmen zu welchen Konzernen geh\u00f6rten und wer die ma\u00dfgeblichen Aktion\u00e4re waren. Die typische Gliederung umfasste drei Teile:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein nach L\u00e4ndern geordnetes Verzeichnis der Unternehmen<\/li>\n\n\n\n<li>Ein alphabetisches Verzeichnis der Gesellschaften mit Angabe der Mutter- und Tochtergesellschaften<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Verzeichnis der Gro\u00dfaktion\u00e4re und Gesellschafter<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zielgruppe waren Fachleute, die beruflich auf pr\u00e4zise Informationen angewiesen waren: Redaktionen von Wirtschaftsmedien, Wettbewerbsbeh\u00f6rden, Unternehmensberatungen, Banken, Rechtsanw\u00e4lte sowie Betriebs- und Aufsichtsr\u00e4te.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nachweisbare Erscheinungsjahre<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die genaue Chronologie der Reihe l\u00e4sst sich aus den erhaltenen Exemplaren in Bibliotheksbest\u00e4nden rekonstruieren. Folgende Ausgaben sind in deutschen Bibliotheken (insbesondere der ZBW \u2013 Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und der Deutschen Nationalbibliothek) nachweisbar:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Jahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Nachweis<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>1973<\/td><td>Im Bestand der ZBW verzeichnet<\/td><\/tr><tr><td>1979<\/td><td>Mehrfach in Bibliothekskatalogen<\/td><\/tr><tr><td>1985<\/td><td>Ausgabe in der Deutschen Nationalbibliothek<\/td><\/tr><tr><td>1989<\/td><td>Letzte Ausgabe der 1980er Jahre<\/td><\/tr><tr><td>1990<\/td><td>\u00dcbergangsausgabe<\/td><\/tr><tr><td>1994<\/td><td>Letzte nachweisbare regul\u00e4re Ausgabe<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reihe erschien nicht j\u00e4hrlich, sondern in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden von etwa vier bis sechs Jahren. Die Frequenz nahm in den fr\u00fchen 1990er Jahren merklich ab \u2013 ein erstes Indiz f\u00fcr den beginnenden Niedergang des gedruckten Wirtschaftsnachschlagewerks.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II. Der Niedergang \u2013 Wann wurde die Reihe eingestellt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine offizielle Einstellungsank\u00fcndigung der Commerzbank existiert nicht. Die Reihe verschwand still aus dem Verlagsprogramm. Auf Basis der bibliografischen Nachweise l\u00e4sst sich jedoch ein pr\u00e4zises Zeitfenster eingrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prognose der Einstellung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzte nachweisbare Ausgabe tr\u00e4gt das Erscheinungsjahr&nbsp;<strong>1994<\/strong>. In den folgenden Jahren sucht man in Bibliothekskatalogen und antiquarischen Datenbanken vergeblich nach neueren Auflagen. Auch in den Gesch\u00e4ftsberichten der Commerzbank aus den Jahren 1995 bis 2000 findet sich kein Hinweis auf eine Fortf\u00fchrung der Reihe. Daher ist davon auszugehen, dass die Publikation&nbsp;<strong>zwischen 1995 und 1997<\/strong>&nbsp;eingestellt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Hauptgr\u00fcnde f\u00fchrten zu diesem Niedergang:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Die digitale Disruption der 1990er Jahre<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der ersten H\u00e4lfte der 1990er Jahre setzte die Digitalisierung der Wirtschaftsinformationen ein. Was zuvor nur in gedruckter Form und mit jahrelanger Verz\u00f6gerung verf\u00fcgbar war, lie\u00df sich nun zunehmend online abrufen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Handelsregister wurden elektronisch gef\u00fchrt (beginnend mit dem Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich \u2013 KonTraG 1998, aber vorbereitend schon ab 1995)<\/li>\n\n\n\n<li>Das Unternehmensregister des Bundesanzeigers entstand in digitaler Form<\/li>\n\n\n\n<li>Kommerzliche Anbieter wie Creditreform und Hoppenstedt digitalisierten ihre Best\u00e4nde<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gedruckte Buch hatte einen entscheidenden Nachteil: Es war immer veraltet. Sobald ein Unternehmen eine neue Beteiligung erwarb oder eine Tochter verkaufte, war die gedruckte Ausgabe bereits \u00fcberholt. Digitale Datenbanken konnten in Echtzeit aktualisiert werden \u2013 ein Vorteil, der f\u00fcr professionelle Nutzer schnell entscheidend wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Kosten- und Strategiedruck bei der Commerzbank<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Commerzbank durchlief in den 1990er Jahren einen tiefgreifenden Wandel. Nach der Wiedervereinigung expandierte die Bank stark in Ostdeutschland, gleichzeitig intensivierte sich der Wettbewerb im deutschen Bankenmarkt. Die Herausgabe eines aufwendig zu recherchierenden und zu produzierenden Nachschlagewerks war aus Sicht der Bank nicht mehr zu rechtfertigen. Die Informationen waren zudem nicht mehr exklusiv: Handelsregister, Bundesanzeiger und kommerzielle Anbieter machten die Daten allgemein zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Wandel der Recherchekultur<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel zum technologischen Wandel ver\u00e4nderte sich die Arbeitsweise von Journalisten, Wissenschaftlern und Wirtschaftsfachleuten. In den 1970er und 1980er Jahren geh\u00f6rte der Gang in die Bibliothek oder das W\u00e4lzen dicker Nachschlagewerke zum Berufsalltag. Das Internet machte Recherchen schneller und scheinbar einfacher. Die gedruckten Nachschlagewerke verloren ihre Nutzer, bevor sie ihr Gesch\u00e4ftsmodell umstellen konnten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">III. Zeitgen\u00f6ssische Alternativen im Printbereich<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c war nicht das einzige gedruckte Nachschlagewerk seiner Art. Es existierten mehrere Parallelpublikationen, teils mit anderen Schwerpunkten, teils mit \u00e4hnlichem Ansatz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Titel<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Herausgeber<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Erscheinungszeitraum<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Besonderheit<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Hoppenstedt Konzernstrukturdatenbank<\/strong><\/td><td>Hoppenstedt-Verlag<\/td><td>Ab 1960er Jahre<\/td><td>Loseblattwerk mit Aktualisierungslieferungen<\/td><\/tr><tr><td><strong>Wer geh\u00f6rt zu wem?<\/strong>&nbsp;(Branchenverzeichnis)<\/td><td>Verschiedene<\/td><td>1980er\u20131990er<\/td><td>Fokus auf Branchenkontaktdaten<\/td><\/tr><tr><td><strong>Saling Aktienf\u00fchrer<\/strong><\/td><td>Saling-Verlag<\/td><td>1970er\u20132000er<\/td><td>B\u00f6rsennotierte Unternehmen mit Beteiligungen<\/td><\/tr><tr><td><strong>Compass<\/strong>&nbsp;(\u00d6sterreich)<\/td><td>Compass-Verlag<\/td><td>Ab 1920er<\/td><td>\u00d6sterreichisches \u00c4quivalent<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Hoppenstedt-Verlag war der bedeutendste Wettbewerber. Das Unternehmen gab seit den 1960er Jahren verschiedene Verzeichnisse heraus, darunter die \u201eHoppenstedt Konzernstrukturdatenbank\u201c. Anders als \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c konzentrierte sich Hoppenstedt st\u00e4rker auf Gro\u00dfunternehmen und bot tiefere Finanzkennzahlen. Die Publikationen erschienen teils als Loseblattwerke, die aktualisiert werden konnten \u2013 ein damals moderner Ansatz, der die digitale Aktualit\u00e4t vorwegnahm.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">IV. Moderne Plattformen f\u00fcr Unternehmensrecherche<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die Commerzbank einst im Druck lieferte, wird heute von einer Vielzahl digitaler Plattformen abgedeckt. Die folgende Tabelle gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die wichtigsten Angebote:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Plattform<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Betreiber<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zugang<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">St\u00e4rken<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Schw\u00e4chen<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Orbis<\/strong><\/td><td>Bureau van Dijk \/ Moody&#8217;s Analytics<\/td><td>Kostenpflichtig (teuer)<\/td><td>Weltweit umfassend, detaillierte Beteiligungen<\/td><td>F\u00fcr Privatpersonen unerschwinglich<\/td><\/tr><tr><td><strong>DAFNE<\/strong><\/td><td>Bureau van Dijk<\/td><td>Kostenpflichtig<\/td><td>Deutschland-Fokus, bis zu 10 Jahre Bilanzhistorie<\/td><td>Ebenfalls teuer<\/td><\/tr><tr><td><strong>Creditreform Verflechtungsinfo<\/strong><\/td><td>Creditreform<\/td><td>Kostenpflichtig (ab ca. 20 \u20ac pro Abfrage)<\/td><td>Grafische Organigramme, wirtschaftlich Berechtigte<\/td><td>Einzelabfragen teuer<\/td><\/tr><tr><td><strong>North Data<\/strong><\/td><td>North Data GmbH<\/td><td>Kostenlose Basisversion, Premium ab ca. 50 \u20ac\/Monat<\/td><td>Visualisierung, automatische Aufbereitung<\/td><td>Tiefe nur in Premium<\/td><\/tr><tr><td><strong>Unternehmensregister<\/strong><\/td><td>Bundesanzeiger Verlag<\/td><td>Kostenlos<\/td><td>\u00d6ffentliche Pflichtdaten, Handelsregister<\/td><td>Unkomfortable Aufbereitung<\/td><\/tr><tr><td><strong>Implisense<\/strong><\/td><td>Implisense GmbH<\/td><td>Kostenpflichtig (Vertriebsfokus)<\/td><td>CRM-Anbindung, Markttrends<\/td><td>Weniger Fokus auf Beteiligungen<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die wichtigsten Plattformen im Detail<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Orbis (Bureau van Dijk \/ Moody\u2019s Analytics):<\/strong>&nbsp;Orbis ist heute die weltweit umfassendste Datenbank f\u00fcr Unternehmensinformationen. Sie enth\u00e4lt Daten zu mehr als 470 Millionen Unternehmen weltweit, darunter detaillierte Beteiligungsstrukturen, Finanzkennzahlen und Aktion\u00e4rsinformationen. Die Datenbank wird vor allem von Banken, Wirtschaftspr\u00fcfern und gro\u00dfen Unternehmen genutzt, ist aber f\u00fcr Privatpersonen und kleine Unternehmen meist nicht erschwinglich. Eine Lizenz kostet je nach Umfang mehrere tausend Euro pro Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>North Data:<\/strong>&nbsp;Die 2011 gegr\u00fcndete Hamburger Plattform hat sich auf die Visualisierung von Unternehmensstrukturen und Verflechtungen spezialisiert. Sie bereitet Daten aus Handelsregister, Unternehmensregister und Insolvenzbekanntmachungen automatisiert auf. Besonders wertvoll ist die kostenlose Basisversion, die bereits viele Einblicke erm\u00f6glicht. F\u00fcr tiefergehende Analysen (z.\u202fB. vollst\u00e4ndige Historie, Exportfunktionen) gibt es einen Premium-Zugang ab etwa 50 Euro pro Monat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Unternehmensregister (Bundesanzeiger Verlag):<\/strong>&nbsp;Das vom Bundesanzeiger Verlag betriebene Unternehmensregister b\u00fcndelt alle ver\u00f6ffentlichungspflichtigen Daten von Unternehmen in Deutschland \u2013 von Jahresabschl\u00fcssen bis zu Gesellschafterlisten. Die Nutzung ist kostenlos, die Aufbereitung jedoch weniger komfortabel als bei kommerziellen Anbietern. F\u00fcr Gelegenheitsrecherchen ist es jedoch oft ausreichend.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">V. Beweggr\u00fcnde und Notwendigkeiten einer solchen Recherche<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum war es wichtig, dass es ein Werk wie \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c gab? Und warum ist es auch heute noch notwendig, dass Informationen \u00fcber Unternehmensverflechtungen zug\u00e4nglich sind?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Wirtschaftliche Transparenz als demokratisches Gut<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unternehmen sind nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Akteure. Wer \u00fcber Kapital verf\u00fcgt, kann Einfluss nehmen \u2013 auf M\u00e4rkte, auf Besch\u00e4ftigung, auf Politik. Um diese Einfl\u00fcsse zu verstehen, muss man wissen, wer hinter wem steht. \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c machte diese Strukturen sichtbar. Es erm\u00f6glichte Journalisten, \u00fcber Eigentumsverh\u00e4ltnisse zu berichten; es erm\u00f6glichte Betriebsr\u00e4ten, die tats\u00e4chliche Entscheidungsmacht in Konzernen zu erkennen; es erm\u00f6glichte Wettbewerbsh\u00fctern, Marktmachtkonzentrationen zu identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Kontrolle von Marktmacht und Kartellen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wettbewerb funktioniert nur, wenn Marktstrukturen transparent sind. Wer verdeckte Beteiligungen oder informelle Absprachen vermuten will, muss zun\u00e4chst einmal wissen, welche Unternehmen \u00fcberhaupt miteinander verbunden sind. Die Kartellbeh\u00f6rden (Bundeskartellamt, Europ\u00e4ische Kommission) nutzen heute ebenso wie damals Daten \u00fcber Unternehmensverflechtungen, um Fusionskontrollen durchzuf\u00fchren und Kartelle aufzusp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Anti-Geldw\u00e4sche und Compliance<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit der Einf\u00fchrung des Transparenzregisters in Deutschland (2017) m\u00fcssen Unternehmen ihre wirtschaftlich Berechtigten offenlegen. Plattformen wie North Data oder die Creditreform Verflechtungsinfo helfen dabei, diese Pflicht zu erf\u00fcllen und gleichzeitig die dahinterstehenden Strukturen zu verstehen. Die Bek\u00e4mpfung von Geldw\u00e4sche und Terrorismusfinanzierung ist ohne systematische Erfassung von Beteiligungsverh\u00e4ltnissen nicht denkbar.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Journalistische Recherche<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Wirtschaftsjournalisten bleibt die Aufkl\u00e4rung von Unternehmensstrukturen eine Kernaufgabe. Ob es um Steueroasen, verdeckte Eigent\u00fcmer oder komplexe Konzernstrukturen geht \u2013 die Werkzeuge haben sich gewandelt, die Aufgabe ist geblieben. Die Panama Papers (2016), die Paradise Papers (2017) oder die Wirecard-Aff\u00e4re (2020) haben gezeigt, wie wichtig die F\u00e4higkeit ist, wirtschaftliche Verflechtungen zu durchschauen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VI. Ein konkretes Beispiel: Der Volkswagen-Konzern<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu veranschaulichen, wie ein Werk wie \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c funktionierte, betrachten wir den Volkswagen-Konzern. Ein gedrucktes Nachschlagewerk h\u00e4tte die Struktur in zwei Blicken sichtbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konzernstruktur (Wer geh\u00f6rt zu VW?)<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bereich<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Unternehmen<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Eigentumsverh\u00e4ltnis<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Pkw-Marken<\/td><td>Volkswagen Pkw, Audi, \u0160koda, SEAT, Porsche AG, Lamborghini, Bentley, Ducati<\/td><td>Mehrheitlich oder vollst\u00e4ndige Tochtergesellschaften<\/td><\/tr><tr><td>Nutzfahrzeuge<\/td><td>Traton SE (mit MAN und Scania), Volkswagen Commercial Vehicles<\/td><td>Mehrheitsbeteiligung (Traton: ca. 89 %)<\/td><\/tr><tr><td>Finanzdienstleistungen<\/td><td>Volkswagen Financial Services<\/td><td>Vollst\u00e4ndige Tochter<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eigent\u00fcmerstruktur (Wem geh\u00f6rt VW?)<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anteilseigner<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anteil in %<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anmerkung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Porsche Automobil Holding SE<\/td><td>ca. 53,35 %<\/td><td>Familienholding Porsche\/Pi\u00ebch<\/td><\/tr><tr><td>Land Niedersachsen<\/td><td>20,00 %<\/td><td>Sperrminorit\u00e4t<\/td><\/tr><tr><td>Qatar Investment Authority<\/td><td>17,00 %<\/td><td>Staatsfonds<\/td><\/tr><tr><td>Streubesitz<\/td><td>ca. 9\u201310 %<\/td><td>Institutionelle Anleger<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Informationen w\u00e4ren in \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c auf einer Seite oder einem Doppelblatt zusammengefasst gewesen. Heute m\u00fcssen sie aus verschiedenen Quellen (Gesch\u00e4ftsbericht, Bundesanzeiger, Finanzportalen) m\u00fchsam zusammengetragen werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">VII. Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte von \u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c ist die Geschichte eines Medienwandels. Was in den 1970er Jahren als unverzichtbares Arbeitsmittel begann, wurde in den 1990er Jahren durch digitale Alternativen verdr\u00e4ngt und verschwand zwischen 1995 und 1997 still aus dem Programm der Commerzbank.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An die Stelle eines einzigen, vertrauensw\u00fcrdigen Nachschlagewerks ist heute eine un\u00fcbersichtliche Landschaft getreten. Kostenlose Angebote wie das Unternehmensregister oder North Data (teilweise) stehen neben teuren professionellen Datenbanken wie Orbis oder DAFNE. Spezialisierte Plattformen bedienen einzelne Anwendungsfelder, ohne den Gesamt\u00fcberblick zu bieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Notwendigkeit, Unternehmensverflechtungen zu verstehen, ist geblieben \u2013 ja, sie hat sich durch die Globalisierung und die zunehmende Komplexit\u00e4t von Konzernstrukturen sogar versch\u00e4rft. Doch die Frage, wer heute welche Informationen \u00fcberhaupt noch erh\u00e4lt und wer nicht, ist offener als je zuvor. Die gro\u00dfen kommerziellen Datenbanken sind f\u00fcr Privatpersonen und kleine Unternehmen unerschwinglich. Die kostenlosen Angebote sind in ihrer Tiefe begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWer geh\u00f6rt wem\u201c war mehr als ein Buch. Es war ein Versuch, wirtschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse f\u00fcr alle zug\u00e4nglich zu machen. Dieser Gedanke ist heute aktueller denn je. Die Frage ist, ob es gelingt, ihn in der digitalen Welt neu zu verwirklichen \u2013 etwa durch staatlich gef\u00f6rderte offene Datenportale oder durch gemeinn\u00fctzige Plattformen nach dem Vorbild von OpenCorporates (das allerdings 2022 seinen Betrieb eingestellt hat). Bis dahin bleibt die Recherche zu Unternehmensverflechtungen ein Privileg derjenigen, die entweder viel Geld oder viel Zeit investieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Commerzbank AG (Hrsg.): Wer geh\u00f6rt wem \u2013 Beteiligungsverh\u00e4ltnisse in Deutschland. Frankfurt am Main, Ausgaben 1973, 1979, 1985, 1989, 1990, 1994. (Bibliotheksbest\u00e4nde ZBW \u2013 Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, Deutsche Nationalbibliothek)<\/li>\n\n\n\n<li>Moody&#8217;s Analytics \/ Bureau van Dijk: Orbis Europe \u2013 Unternehmens- und Beteiligungsdatenbank.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.moodys.com\/web\/en\/us\/capabilities\/company-reference-data\/orbis.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.moodys.com\/web\/en\/us\/capabilities\/company-reference-data\/orbis.html<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Creditreform: Verflechtungsinfo \u2013 \u00dcbersichtliche grafische Darstellung von Unternehmensverflechtungen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.creditreform.de\/loesungen\/bonitaet-risikobewertung\/unternehmensinformationen\/verflechtungsinfo\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.creditreform.de\/loesungen\/bonitaet-risikobewertung\/unternehmensinformationen\/verflechtungsinfo<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>North Data GmbH: Transparente Unternehmensstrukturen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.northdata.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.northdata.de<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Bundesanzeiger Verlag: Unternehmensregister.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.unternehmensregister.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.unternehmensregister.de<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Volkswagen AG: Gesch\u00e4ftsbericht 2024\/2025 (Aktion\u00e4rsstruktur und Konzernmarken).\u00a0<a href=\"https:\/\/www.volkswagenag.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.volkswagenag.com<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien: Datenbank Orbis Europe (Bureau van Dijk \u2013 Moody&#8217;s Analytics).\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wu.ac.at\/bibliothek\/recherche\/datenbanken\/info\/orbis-europe-bureau-van-dijk-moodys-analytics\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.wu.ac.at\/bibliothek\/recherche\/datenbanken\/info\/orbis-europe-bureau-van-dijk-moodys-analytics<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Industrie- und Handelskammer Darmstadt: Unternehmensdatenbanken \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/wer-zu-wem.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wer-zu-wem.de<\/a>.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ihk.de\/darmstadt\/servicemarken\/service-center\/firmenauskunft\/unternehmensdatenbanken-3911948\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.ihk.de\/darmstadt\/servicemarken\/service-center\/firmenauskunft\/unternehmensdatenbanken-3911948<\/a><\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Es gab einmal ein Buch, das Auskunft dar\u00fcber gab, wer in der deutschen Wirtschaft wen kontrollierte. Es war kein Enth\u00fcllungsband, keine Skandalreportage, sondern ein schlichtes, in blauem oder grauem Einband gehaltenes Nachschlagewerk der Commerzbank: \u201eWer geh\u00f6rt wem \u2013 Beteiligungsverh\u00e4ltnisse in Deutschland\u201c. \u00dcber Jahrzehnte hinweg war es f\u00fcr Wirtschaftsjournalisten, Kartellrechtler, Betriebsr\u00e4te und Unternehmensforscher [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,32],"tags":[881,1256,4966,7098,7258,7787,7789],"class_list":["post-3695","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-ruckspiegel","category-techarchaologie","tag-beteiligungsverhaltnisse","tag-commerzbank","tag-north-data","tag-transparenzregister","tag-unternehmensverflechtungen","tag-wirtschaftsjournalismus","tag-wirtschaftsnachschlagewerk"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3695","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3695"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3695\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6820,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3695\/revisions\/6820"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3695"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3695"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3695"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}