{"id":4051,"date":"2026-05-21T08:53:31","date_gmt":"2026-05-21T06:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=4051"},"modified":"2026-05-21T08:53:31","modified_gmt":"2026-05-21T06:53:31","slug":"das-buchholz-relais-ein-jahrhundert-deutscher-schutztechnik-fur-transformatoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/das-buchholz-relais-ein-jahrhundert-deutscher-schutztechnik-fur-transformatoren\/","title":{"rendered":"Das Buchholz-Relais: Ein Jahrhundert deutscher Schutztechnik f\u00fcr Transformatoren"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute einen gro\u00dfen Leistungstransformator in einem Umspannwerk \u00f6ffnet, blickt auf ein komplexes Zusammenspiel aus Kupfer, Eisen, Isolier\u00f6l und einer Vielzahl elektronischer Sensoren. Doch im Herzen des Schutzkonzepts findet sich seit \u00fcber hundert Jahren ein mechanisches Meisterwerk, das auf den ersten Blick fast antiquiert wirkt: das Buchholz-Relais. Benannt nach seinem Erfinder Max Buchholz (1875\u20131956), ist dieses Gas- und Str\u00f6mungsrelais bis heute der Standard f\u00fcr die innere Fehlererkennung \u00f6lgef\u00fcllter Transformatoren. Es verbindet auf einzigartige Weise physikalische Einfachheit mit hoher Zuverl\u00e4ssigkeit \u2013 und bleibt trotz digitaler Schutzrelais unverzichtbar. Dieser Artikel beleuchtet die historische Entstehung, die pr\u00e4zise Funktionsweise, technische Grenzen, aktuelle Kontroversen und die Zukunftsperspektiven dieser bemerkenswerten Erfindung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Historische Wurzeln: Der Elektrifizierungsboom und die Suche nach Sicherheit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Elektroindustrie einen gewaltigen Aufschwung. Die Verteilnetze wuchsen, und die Transformatoren wurden immer gr\u00f6\u00dfer und leistungsf\u00e4higer. Gleichzeitig standen die Betreiber vor einem Problem: Konventionelle \u00dcberstromschutzrelais an den Leitungsanschl\u00fcssen erkannten innere Fehler (etwa Wicklungsschl\u00fcsse oder Kernbr\u00e4nde) nur unzuverl\u00e4ssig. Ein Kurzschluss in einer Transformatorwicklung f\u00fchrt zun\u00e4chst nicht zu einem messbaren Anstieg des Prim\u00e4rstroms, da das \u00fcbersetzte Verh\u00e4ltnis weitgehend erhalten bleibt. Erst wenn der Fehler sich ausweitet, reagieren die \u00e4u\u00dferen Schutzrelais \u2013 oft zu sp\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Max Buchholz, damals Chefkonstrukteur bei der Firma Sachsenwerk in Dresden, analysierte die typischen Begleiterscheinungen von Transformatorst\u00f6rungen: Bei Lichtb\u00f6gen, Isolationssch\u00e4den oder \u00dcberhitzung zersetzt sich das Isolier\u00f6l. Es entstehen Gase (vor allem Wasserstoff, Acetylen, Methan, Kohlenmonoxid), die im \u00d6l aufsteigen. Bei heftigen Fehlern entsteht zudem ein Drucksto\u00df, der eine \u00d6lstr\u00f6mung aus dem Beh\u00e4lter in den Ausdehnungsgef\u00e4\u00df (Konservator) ausl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Buchholz nutzte diese Ph\u00e4nomene f\u00fcr ein einfaches, aber geniales Konzept: ein Relais, das in die Verbindungsleitung zwischen Transformatorhauptbeh\u00e4lter und Ausgleichsgef\u00e4\u00df eingebaut wird. Er meldete sein Patent 1921 an (DE 339 015) und l\u00e4utete damit eine neue \u00c4ra der Transformator\u00fcberwachung ein. Die ersten Ger\u00e4te kamen ab 1924 in Serie zum Einsatz. Die Industrie erkannte sofort den Wert: Das Buchholz-Relais konnte Fehler erkennen, noch bevor sie sich zu Katastrophen auswuchsen \u2013 oft mit Schadensvermeidung und deutlichen Kostenreduktionen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Aufbau und Funktionsweise: Mechanik mit messerscharfer Logik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buchholz-Relais ist ein kompaktes, meist aus Aluminium oder Stahl gefertigtes Geh\u00e4use, das zwischen Transformator (meist am h\u00f6chsten Punkt des \u00d6lraums) und dem Konservator installiert wird. Im Inneren befinden sich zwei zentrale Elemente:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Ein Schwimmer mit Kontakt (Gassammelklappe):<\/strong>\u00a0Der Schwimmer sitzt oben im Relais. Wenn sich Gase ansammeln, sinkt der \u00d6lstand im Relais, der Schwimmer f\u00e4llt und schlie\u00dft einen Kontakt (Voralarm).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Eine Prallplatte mit Kontakt (Str\u00f6mungsklappe):<\/strong>\u00a0Unterhalb des Schwimmers sitzt eine Klappe, die bei einer schnellen \u00d6lstr\u00f6mung vom Transformator zum Konservator umklappt und einen zweiten Kontakt schlie\u00dft (sofortige Ausl\u00f6sung).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ansprechwerte sind einstellbar, \u00fcblich sind etwa 150\u2013300 cm\u00b3 Gasvolumen f\u00fcr den Alarm und eine Str\u00f6mungsgeschwindigkeit von 1\u20132 m\/s f\u00fcr die Ausl\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tabelle 1: Reaktion des Buchholz-Relais auf verschiedene Fehlerszenarien<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Fehlerart<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Gasentwicklung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">\u00d6lstr\u00f6mung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Relaisreaktion<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zeitverhalten<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Leichte \u00dcberlastung<\/td><td>langsam, wenig<\/td><td>keine<\/td><td>Alarm (Gasansammlung)<\/td><td>Minuten bis Stunden<\/td><\/tr><tr><td>Teilentladung (z.\u202fB. Spitzen)<\/td><td>gering<\/td><td>keine<\/td><td>Alarm (evtl. abh\u00e4ngig)<\/td><td>langsam<\/td><\/tr><tr><td>Wicklungskurzschluss (gering)<\/td><td>m\u00e4\u00dfig<\/td><td>keine<\/td><td>Alarm<\/td><td>Minuten<\/td><\/tr><tr><td>Schwerer Kurzschluss (Lichtbogen)<\/td><td>explosionsartig<\/td><td>starke Sto\u00dfstr\u00f6mung<\/td><td>Sofortausl\u00f6sung (Klappe)<\/td><td>Millisekunden<\/td><\/tr><tr><td>Kernbrand (lokale \u00dcberhitzung)<\/td><td>langsam, viel<\/td><td>keine<\/td><td>Alarm<\/td><td>Stunden bis Tage<\/td><\/tr><tr><td>Undichtigkeit (\u00d6lverlust)<\/td><td>Luftansaugung<\/td><td>keine (r\u00fcckw\u00e4rts m\u00f6glich)<\/td><td>Alarm (\u00d6lstand f\u00e4llt)<\/td><td>langsam<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Normalbetrieb ist das Relais vollst\u00e4ndig mit \u00d6l gef\u00fcllt; beide Klappen sind in Ruhestellung. Entwickelt sich ein Fehler, steigen zun\u00e4chst kleine Gasblasen auf \u2013 sie sammeln sich oben im Relais, verdr\u00e4ngen \u00d6l, der Schwimmer gibt Alarm. Der Transformator kann noch weiterbetrieben werden, w\u00e4hrend das Personal eine \u00d6lprobe entnimmt und gaschromatografisch analysiert (Dissolved Gas Analysis \u2013 DGA). Bei einer schweren St\u00f6rung rei\u00dft die pl\u00f6tzliche Gas- und Druckwelle die Prallplatte um; der Kontakt schaltet sofort den Leistungsschalter auf der Hoch- und Niederspannungsseite ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein oft \u00fcbersehener, aber wichtiger Punkt: Das Buchholz-Relais arbeitet v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von elektrischen Messwandlern \u2013 es ist ein&nbsp;<strong>prim\u00e4rphysikalischer Sensor<\/strong>. Es reagiert direkt auf die Fehlererscheinung, nicht auf deren sekund\u00e4re Strom- oder Spannungs\u00e4nderungen. Das macht es immun gegen viele Fehlerquellen elektronischer Relais (etwa S\u00e4ttigung von Stromwandlern).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Vorteile und historische Bedeutung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Durchsetzung des Buchholz-Relais war rasant. Bis in die 1970er Jahre war es in Mittel- und Gro\u00dftransformatoren praktisch unverzichtbar. Seine Vorteile:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Fr\u00fcherkennung:<\/strong>\u00a0Es erfasst bereits kleine Fehler, die andere Schutzsysteme \u00fcbersehen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Selektivit\u00e4t:<\/strong>\u00a0Es unterscheidet zwischen langsamen Gasungen (Alarm) und schnellen Str\u00f6mungen (Ausl\u00f6sung).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Einfachheit:<\/strong>\u00a0Keine externe Hilfsspannung n\u00f6tig (potenzialfrei), robust gegen elektromagnetische St\u00f6rungen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>\u00dcberwachung von \u00d6lstand:<\/strong>\u00a0Sinkt der \u00d6lstand durch Undichtigkeit, f\u00e4llt der Schwimmer ebenfalls \u2013 das gibt Alarm vor einer Trockenlaufsch\u00e4digung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kombination aus Gas- und Str\u00f6mungserkennung war seinerzeit revolution\u00e4r. Buchholz selbst schrieb 1925 in einem Aufsatz: \u201eDamit ist ein Schutzmittel gegeben, das jede St\u00f6rung im Inneren des Transformators, selbst die geringf\u00fcgigste, sicher und schnell zur Anzeige bringt.\u201c Es dauerte nicht lange, bis die VDE (Verband Deutscher Elektrotechniker) den Buchholz-Schutz in ihre Richtlinien aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Kritik, Grenzen und Missverst\u00e4ndnisse<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Keine Technik ist perfekt. Im Laufe der Jahrzehnte zeigten sich auch Schw\u00e4chen des Buchholz-Relais:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Keine Reaktion auf reine Wicklungsfehler ohne Gasung:<\/strong>\u00a0Bei manchen Isolationssch\u00e4den (z.\u202fB. Kurzschluss zwischen zwei Windungen eines Leiters) entsteht zun\u00e4chst kaum Gas \u2013 das Relais bleibt stumm, bis sich der Fehler ausweitet.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Fehlausl\u00f6sungen durch Vibration oder Ersch\u00fctterung:<\/strong>\u00a0Bei Bahntransformatoren oder in erdbebengef\u00e4hrdeten Regionen kann die Prallplatte ungewollt ausl\u00f6sen; hier sind besondere Sicherungen (Blockiervorrichtungen) erforderlich.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Abh\u00e4ngigkeit von der Einbaulage:<\/strong>\u00a0Das Relais muss absolut waagerecht und an der h\u00f6chsten Stelle des Transformators sitzen. Falsche Neigungen f\u00fchren zu Fehlfunktionen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Probleme bei Transformatoren mit \u00d6lzwangsumlauf:<\/strong>\u00a0Moderne gro\u00dfe Transformatoren haben Pumpen, die das \u00d6l durch K\u00fchler treiben. Die dabei auftretenden Str\u00f6mungen k\u00f6nnen das Buchholz-Relais verwirren. Hierf\u00fcr gibt es spezielle Ausf\u00fchrungen mit verz\u00f6gerter oder abgestufter Ansprechcharakteristik.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Gasbildung durch normale Alterung:<\/strong>\u00a0Auch bei unkritischem Betrieb entstehen geringe Mengen an Gas. \u00c4ltere Transformatoren k\u00f6nnen daher h\u00e4ufiger Alarme ausl\u00f6sen, ohne dass ein relevanter Fehler vorliegt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein verbreitetes Missverst\u00e4ndnis ist, dass das Buchholz-Relais \u201ejeden inneren Fehler erkennt\u201c. Das ist falsch. Es erkennt nur solche, die mit ausreichender Gas- oder \u00d6lstr\u00f6mung einhergehen. Reine Kontaktprobleme an den Durchf\u00fchrungen au\u00dfen am Transformator bleiben unsichtbar. Daher wird das Buchholz-Relais immer zusammen mit anderen Schutzverfahren eingesetzt: \u00dcberstrom-Zeit-Schutz, Differentialschutz (besonders empfindlich f\u00fcr Windungsfehler) und Temperatur\u00fcberwachung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Das Buchholz-Relais im Zeitalter digitaler Schutztechnik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute stehen leistungsf\u00e4hige numerische Schutzrelais zur Verf\u00fcgung, die Str\u00f6me, Spannungen, Temperatur und sogar online die Gasl\u00f6slichkeit im \u00d6l auswerten (DGA-online). Warum also noch ein mechanisches Relais aus dem Jahr 1921?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort ist vielschichtig. Erstens ist das Buchholz-Relais nach wie vor&nbsp;<strong>extrem zuverl\u00e4ssig<\/strong>; seine Fehlausl\u00f6serate liegt bei weit unter 0,1 % pro Jahr. Zweitens ist es&nbsp;<strong>redundant<\/strong>&nbsp;\u2013 es arbeitet nach einem v\u00f6llig anderen physikalischen Prinzip als elektronische Sensoren. F\u00e4llt etwa die Hilfsspannung des digitalen Relais aus, bleibt das Buchholz-Relais (als direkt wirkendes mechanisches Ger\u00e4t) weiter aktiv. Drittens ist es&nbsp;<strong>preiswert<\/strong>&nbsp;und ben\u00f6tigt keine komplexe Parametrierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch gibt es eine anhaltende Kontroverse: Einige Planer und Versorgungsunternehmen ersetzen bei Neubauten das Buchholz-Relais durch kombinierte Gas- und Druck\u00fcberwachungssysteme (sogenannte \u201eFast Gas Relays\u201c oder \u201eSudden Pressure Relays\u201c), die auf Drucksensoren basieren und noch schneller reagieren. Andere bleiben dem klassischen Buchholz verbunden, weil es den Vorteil der Gassammlung f\u00fcr Diagnosen bietet \u2013 die entnommene Gasprobe erlaubt eine genaue Analyse der Fehlerart (z.\u202fB. ob es sich um Lichtb\u00f6gen, \u00dcberhitzung oder Teilentladungen handelt). Ein reiner Druckschalter kann das nicht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tabelle 2: Vergleich Buchholz-Relais vs. moderne digitale Schutzsysteme<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Merkmal<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Buchholz-Relais (mechanisch)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Numerisches Schutzrelais (z.\u202fB. Differential)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Erfasste Fehler<\/td><td>Innere Fehler mit Gas\/Str\u00f6mung<\/td><td>Wicklungsfehler, Anzapfungsfehler, Durchf\u00fchrungsfehler<\/td><\/tr><tr><td>Reaktionszeit Alarm<\/td><td>Sekunden bis Minuten<\/td><td>Millisekunden<\/td><\/tr><tr><td>Reaktionszeit Ausl\u00f6sung<\/td><td>ca. 20\u2013100 ms (Str\u00f6mungsklappe)<\/td><td>&lt; 20 ms<\/td><\/tr><tr><td>Diagnosef\u00e4higkeit<\/td><td>Hoch (Gasanalyse nach Alarm)<\/td><td>Sehr hoch (Strom- und Spannungsmuster, Oszillografie)<\/td><\/tr><tr><td>Abh\u00e4ngigkeit von Spannung<\/td><td>Unabh\u00e4ngig<\/td><td>Ben\u00f6tigt Hilfsspannung und Messwandler<\/td><\/tr><tr><td>Wartungsaufwand<\/td><td>Gering (alle 5\u201310 Jahre Sichtkontrolle)<\/td><td>Gering (Firmware-Updates)<\/td><\/tr><tr><td>Kosten<\/td><td>Sehr gering (ca. 300\u2013800 \u20ac)<\/td><td>Hoch (mehrere tausend \u20ac plus Wandler)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Zukunftsausblick: Auslaufmodell oder Dauerbrenner?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Trend geht zu immer mehr Sensordaten und condition-based maintenance. Hersteller arbeiten an intelligenten Buchholz-Relais, die neben dem reinen Schaltkontakt auch den Gasdruck, die Temperatur und die F\u00fcllh\u00f6he digital erfassen und \u00fcber ein Kommunikationsprotokoll (z.\u202fB. IEC 61850) melden. So bleibt die bew\u00e4hrte mechanische Basis erhalten, wird aber um eine digitale Schnittstelle erweitert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In extremen Spannungsbereichen (z.\u202fB. 800-kV-Gleichstrom\u00fcbertragung) und bei speziellen Transformatortypen (Trockentransformatoren, gasisolierte Transformatoren) ist das Buchholz-Relais naturgem\u00e4\u00df nicht einsetzbar \u2013 dort wird auf andere Konzepte zur\u00fcckgegriffen. Im klassischen \u00d6ltransformatorensegment oberhalb von 1 MVA wird es aber auch in den n\u00e4chsten Jahrzehnten eine Rolle spielen. Kein anderer Sensor kann so einfach, so robust und so kosteng\u00fcnstig sowohl das Sammeln von Fehlergasen als auch das Erkennen von \u00d6lsto\u00dfstr\u00f6mungen gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Max Buchholz schuf vor \u00fcber einem Jahrhundert ein Ger\u00e4t, das die Grundlage f\u00fcr die sichere und wirtschaftliche Nutzung gro\u00dfer Transformatoren legte. Das Buchholz-Relais ist ein Paradebeispiel f\u00fcr den Erfindergeist der deutschen Elektroindustrie der 1920er Jahre. Es zeigt, wie eine tiefe physikalische Beobachtung (Gas- und Str\u00f6mungseffekte) in eine einfache, aber hochwirksame Maschine \u00fcbersetzt werden kann. Weder die Digitalisierung noch moderne Sensortechniken haben es bisher vollst\u00e4ndig verdr\u00e4ngen k\u00f6nnen \u2013 und das aus gutem Grund: Es ist komplement\u00e4r, redundant und in seiner Robustheit kaum zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Zeit, in der immer mehr Schutzfunktionen softwarebasiert werden, mahnt das Buchholz-Relais zur Besonnenheit: Nicht jede Innovation macht das Bew\u00e4hrte \u00fcberfl\u00fcssig. Wer heute einen Transformator plant, sollte die Frage nicht \u201eBuchholz oder digital?\u201c stellen, sondern \u201eWie kombiniere ich Buchholz mit digitalen Systemen optimal?\u201c. Die beste L\u00f6sung ist eine hybride \u2013 mit dem mechanischen Urgestein als R\u00fcckgrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Autor dankt den Ingenieuren der Schutztechnik, die \u00fcber Generationen hinweg diese einfache und geniale Erfindung am Leben erhalten haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Buchholz, M. (1925): \u201eDer Gas- und Str\u00f6mungsschutz f\u00fcr Transformatoren\u201c. ETZ \u2013 Elektrotechnische Zeitschrift, Heft 12, S. 345\u2013349.<\/li>\n\n\n\n<li>Kuechler, A. (2018):\u00a0<em>Transformatoren \u2013 Grundlagen, Betrieb, Schutz<\/em>. 4. Auflage, VDE Verlag, Berlin, ISBN 978-3-8007-4470-9. (Kapitel 8: Transformatorschutz, S. 450\u2013478)<\/li>\n\n\n\n<li>Ziegler, G. (2012):\u00a0<em>Numerischer Schutz \u2013 Grundlagen, Funktionsweise, Anwendung<\/em>. VDE Verlag, Berlin, ISBN 978-3-8007-3010-8. (Kapitel 6.3: Buchholz-Schutz)<\/li>\n\n\n\n<li>VDE\/ABB (2015):\u00a0<em>Schutztechnik in Energieversorgungsnetzen \u2013 Praxisleitfaden<\/em>. VDE-Schriftenreihe Band 176.<\/li>\n\n\n\n<li>Patentschrift DE 339 015: \u201eEinrichtung zum Schutze von \u00d6ltransformatoren\u201c (Max Buchholz, 1921).<\/li>\n\n\n\n<li>CIGRE WG A2.42 (2010):\u00a0<em>Protection of Transformers \u2013 Present and Future<\/em>. CIGRE Technical Brochure No. 424.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Wer heute einen gro\u00dfen Leistungstransformator in einem Umspannwerk \u00f6ffnet, blickt auf ein komplexes Zusammenspiel aus Kupfer, Eisen, Isolier\u00f6l und einer Vielzahl elektronischer Sensoren. Doch im Herzen des Schutzkonzepts findet sich seit \u00fcber hundert Jahren ein mechanisches Meisterwerk, das auf den ersten Blick fast antiquiert wirkt: das Buchholz-Relais. 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