{"id":4261,"date":"2026-05-05T05:58:30","date_gmt":"2026-05-05T03:58:30","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=4261"},"modified":"2026-05-05T05:58:30","modified_gmt":"2026-05-05T03:58:30","slug":"hundatorra-technikarchaologie-einer-verlassenen-siedlung-im-dartmoor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/hundatorra-technikarchaologie-einer-verlassenen-siedlung-im-dartmoor\/","title":{"rendered":"Hundatorra: Technikarch\u00e4ologie einer verlassenen Siedlung im Dartmoor"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den Hochmooren von Dartmoor, etwa 340 Meter \u00fcber dem Meeresspiegel, liegen die steinernen Zeugen einer gescheiterten technologischen Anpassung: die Ruinen von Hundatorra (auch Hound Tor genannt). Diese nur etwa 150 Jahre lang bewohnte Siedlung aus dem 13. und 14. Jahrhundert ist f\u00fcr den Technikhistoriker ein faszinierendes Studienobjekt. Sie dokumentiert den Versuch einer mittelalterlichen Agrargesellschaft, unter ung\u00fcnstigen klimatischen Bedingungen zu \u00fcberleben \u2013 und das Scheitern dieses Versuchs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die arch\u00e4ologischen Ausgrabungen der 1960er Jahre, durchgef\u00fchrt von E. M. Minter und sp\u00e4ter von Guy Beresford ausgewertet, legten eine Struktur frei, die mehr \u00fcber das Scheitern verr\u00e4t als \u00fcber den Erfolg mittelalterlicher Landwirtschaft.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=74946676\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Besonders aufschlussreich ist der technische Charakter der Anlage: drei Getreidedarren, massive Langh\u00e4user mit integrierten St\u00e4llen und ein ausgekl\u00fcgeltes Entw\u00e4sserungssystem. Dieser Artikel beleuchtet Hundatorra aus technikarch\u00e4ologischer Perspektive \u2013 als einen Fall von &#8222;Technik am \u00f6kologischen Limit&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die siedlungs\u00f6kologische Ausgangslage<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">H\u00f6henlage und Grenzertragsboden<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Siedlung liegt auf einem nach Nordosten exponierten Hang in einer Region, die durch eine der extremsten Witterungen Englands gekennzeichnet ist.<a href=\"https:\/\/heritagegateway.org.uk\/Gateway\/Results_Single.aspx?resourceID=104&amp;uid=MDV7414\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Das milde, feuchte Klima Dartmoors erlaubte zwar ganzj\u00e4hrige Besiedlung w\u00e4hrend der mittelalterlichen Warmzeit (ca. 950\u20131250 n. Chr.), doch die B\u00f6den sind podsolierte, n\u00e4hrstoffarme Lehmb\u00f6den. Die geringe M\u00e4chtigkeit des Mutterbodens bei hohem Oberfl\u00e4chenabfluss f\u00fchrte zu schneller Erosion \u2013 ein Problem, das die bronzezeitlichen Vorg\u00e4nger bereits um 1000 v. Chr. zur Aufgabe gezwungen hatte.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=74946676\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ackerbau konzentrierte sich auf nur etwa 4 Hektar terrassierte Fl\u00e4chen, die den Hang querten. Angebaut wurden Hafer und Roggen \u2013 robuste Getreidesorten, die mit geringer Bodeng\u00fcte auskommen.<a href=\"https:\/\/www.english-heritage.org.uk\/visit\/places\/hound-tor-deserted-medieval-village\/history\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Hektarertr\u00e4ge d\u00fcrften selbst nach mittelalterlichen Ma\u00dfst\u00e4ben niedrig gewesen sein: Sch\u00e4tzungen f\u00fcr das angrenzende Manaton gehen von einem Ernte-Einsaat-Verh\u00e4ltnis von 1:3 aus \u2013 nahe der Subsistenzgrenze, denn f\u00fcr die Aussaat des Folgejahres mussten etwa 30 % der Ernte zur\u00fcckbehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die datierte Genese: Vom Shieling zur Steinsiedlung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die technikarch\u00e4ologische Stratigraphie des Ortes ist von besonderem Interesse:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Phase<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Datierung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bautyp<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Technische Charakteristik<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Bronzezeitlich<\/td><td>1700\u20131000 v. Chr.<\/td><td>Runde Steinh\u00fctten, 2 Gehege<\/td><td>Trockenmauerwerk, Dm. ca. 3-4 m<\/td><\/tr><tr><td>Fr\u00fchmittelalter (saisonal)<\/td><td>10.\u201311. Jh.<\/td><td>Turfbauten (Shielings)<\/td><td>Eingetieft, 3,7 m lang, Nutzungsdauer kurz<\/td><\/tr><tr><td>Hochmittelalter (Phase 1)<\/td><td>Fr\u00fches 13. Jh.<\/td><td>Zwei- und dreir\u00e4umige Langh\u00e4user aus Stein<\/td><td>Granitquader, Firsth\u00f6he ca. 3 m<\/td><\/tr><tr><td>Hochmittelalter (Phase 2)<\/td><td>Sp\u00e4tes 13. Jh.<\/td><td>Zusatzbauten: Getreidedarren<\/td><td>Umlaufende Drainage, Darre mit Steingew\u00f6lbe<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Datierung der Turfbauten (Shielings) des 10. Jahrhunderts ist technologisch bedeutsam: Diese leichten, eingetieften Konstruktionen dienten der saisonalen Beweidung (Transhumanz). Sie stellen den arch\u00e4ologischen Beleg f\u00fcr eine Nutzungsintensivierung dar, die der permanenten Besiedlung vorausging. Dass innerhalb weniger Jahrzehnte massive Steinbauten errichtet wurden, zeigt ein rapides Bev\u00f6lkerungswachstum und eine erfolgreiche landwirtschaftliche Intensivierung an.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die technische Infrastruktur der Siedlung<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Langhaus als multifunktionale Maschine<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vier identifizierten Langh\u00e4user der Siedlung stellen eine integrierte technologische L\u00f6sung dar: In einem Geb\u00e4ude (L\u00e4ngen: 7,5 m bis 18,9 m) waren menschlicher Wohnbereich und Viehstall unter einem Dach vereint.<a href=\"https:\/\/heritagegateway.org.uk\/Gateway\/Results_Single.aspx?resourceID=104&amp;uid=MDV7414\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Hanglage wurde konsequent genutzt: Das obere Ende des Hauses (das &#8222;Livier&#8220;) diente den Menschen, das untere Ende (der &#8222;Shippon&#8220; oder &#8222;Byre&#8220;) den Tieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei technische Details sind bemerkenswert:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Zentraler Drainagekanal (ca. 20 cm breit, 10 cm tief):<\/strong>\u00a0In den gut erhaltenen Langh\u00e4usern verl\u00e4uft ein Stein gefasster Abwasserkanal in L\u00e4ngsrichtung. Entgegen fr\u00fcherer Annahmen diente dieser nicht ausschlie\u00dflich der Entw\u00e4sserung des Stalls, sondern auch der Ableitung von Niederschlagswasser, das durch die niedrigen T\u00fcren eindrang. Die Neigung des Kanals betrug etwa 2-3 Grad \u2013 dokumentierter Beleg eines ingenieurtechnischen Bewusstseins.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Tethering-stakeholes:<\/strong>\u00a0In den Byre-Endungen fanden sich systematische Anordnungen von Pfostenl\u00f6chern, die als Fixpunkte f\u00fcr die Anbindung von maximal 4-5 Rindern pro Haus interpretiert werden.<a href=\"https:\/\/heritagegateway.org.uk\/Gateway\/Results_Single.aspx?resourceID=104&amp;uid=MDV7414\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Herdstelle in der Mitte des Wohnbereichs hatte eine Doppelfunktion: Sie diente der W\u00e4rmeversorgung und wahrscheinlich auch der ersten Stufe der Getreideverarbeitung (Darre), bevor die spezialisierten Kornbrenn\u00f6fen gebaut wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Getreidedarren: Technologische Indikatoren des Klimawandels<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die drei erhaltenen Darren (corn-drying barns) im Westteil der Siedlung sind der zentrale technische Befund.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=973769\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Es handelt sich um rechteckige Steinbauten (ca. 6 x 4 m) mit einem einzelnen Eingang und zwei steinernen \u00d6fen am westlichen Ende. Diese waren urspr\u00fcnglich als reine Speicherbauten errichtet \u2013 der Einbau der Darren erfolgte sekund\u00e4r, was historisch bedeutsam ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konstruktion der Darren ist einfach, aber effektiv: Ein gemauerter Feuerkanal f\u00fchrte die Abgase unter eine gebrannte Ton- oder Steinplatte (&#8222;Corston&#8220; oder &#8222;Drying floor&#8220;), auf der das gedroschene, feuchte Korn ausgebreitet wurde. Die Temperatur wurde durch die Brennstoffmenge und die Zugluft am Ofeneingang reguliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die technikhistorische Aussage dieser Darren ist eindeutig:&nbsp;<strong>Sie sind der materielle Beleg einer Krisenreaktion.<\/strong>&nbsp;Der nachtr\u00e4gliche Einbau von Darren in zuvor als Speicher genutzte Geb\u00e4ude dokumentiert den Versuch, mit erh\u00f6hter Niederschlagsmenge w\u00e4hrend der Erntezeit umzugehen. Dies ist ein ungew\u00f6hnlich deutlicher Befund: Die meisten Anpassungen an Klimaverschlechterungen sind arch\u00e4ologisch schwer fassbar \u2013 hier jedoch wird die Technologie direkt sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Palynologie (Pollenanalyse) best\u00e4tigt diesen Befund: In den entsprechenden Sedimentschichten findet sich ein deutlicher Anstieg von Pollen feuchtigkeitsliebender Pflanzen, einhergehend mit einem R\u00fcckgang der Getreidepollen.<a href=\"https:\/\/www.english-heritage.org.uk\/visit\/places\/hound-tor-deserted-medieval-village\/history\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Darren waren demnach ein letzter, letztlich erfolgloser Versuch der Produktionssicherung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Demographie und Wirtschaft: Die Zahlen von 1086<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Domesday Book (1086) liefert einen exakten sozio\u00f6konomischen Schnappschuss von &#8222;Hundetorra&#8220;, das zu diesem Zeitpunkt Tavistock Abbey geh\u00f6rte:<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=973769\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kategorie<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Menge<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">\u00c4quivalenz\/Interpretation<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Steuerpflichtige (Villanen)<\/td><td>2<\/td><td>Familiengruppen mit eigenem Pfluganteil<\/td><\/tr><tr><td>Kleinbauern (Bordare)<\/td><td>4<\/td><td>Landlose Arbeitskr\u00e4fte<\/td><\/tr><tr><td>H\u00f6rige (Servi)<\/td><td>2<\/td><td>Vollrechtlich abh\u00e4ngig<\/td><\/tr><tr><td>Ackerfl\u00e4che<\/td><td>2 Acres (0,8 ha)<\/td><td>Bestelltes Land<\/td><\/tr><tr><td>Wiese<\/td><td>9 Acres (3,6 ha)<\/td><td>Heugewinnung<\/td><\/tr><tr><td>Weide<\/td><td>1 League (ca. 2,4 km im Umfang)<\/td><td>Extensive Tierhaltung<\/td><\/tr><tr><td>Ochsen<\/td><td>7<\/td><td>Zugarbeit (ca. 1,75 Gespanne)<\/td><\/tr><tr><td>Schafe<\/td><td>28<\/td><td>Wolle, Fleisch, Milch<\/td><\/tr><tr><td>Ziegen<\/td><td>18<\/td><td>Gen\u00fcgsamere Alternative zu Schafen<\/td><\/tr><tr><td>Wert<\/td><td>20 Shilling<\/td><td>Gering (zum Vergleich: ein Pferd kostete ca. 10 Shilling)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auff\u00e4llig ist das Missverh\u00e4ltnis zwischen Ackerfl\u00e4che (2 Acres) und Weidefl\u00e4che (1 League). Der Hof war demnach prim\u00e4r auf Viehhaltung ausgerichtet \u2013 eine strategische Anpassung an die marginalen B\u00f6den. Die 7 Ochsen ergeben rechnerisch weniger als zwei Pfluggespanne (4 Ochsen pro Pflug), was auf unterdurchschnittliche Agrarintensit\u00e4t hinweist. Diese Daten best\u00e4tigen historische Befunde zur Randlage der Siedlung bereits im 11. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Gr\u00fcnde des Scheiterns: Ein multifaktorielles Modell<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Klimatische Verschlechterung (ab ca. 1250)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcbergangsphase von der Mittelalterlichen Warmzeit zur Kleinen Eiszeit (ab ca. 1300) hatte f\u00fcr Dartmoor praktische Auswirkungen: Die j\u00e4hrliche Niederschlagsmenge stieg um sch\u00e4tzungsweise 15-20 %, die mittlere Jahrestemperatur sank um 0,5-1,0 \u00b0C. F\u00fcr den Ackerbau in 340 m H\u00f6he bedeutete dies:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Verk\u00fcrzte Vegetationsperiode<\/strong>\u00a0(frostfreie Tage reduzierten sich um 2-3 Wochen)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Erh\u00f6hte Bodenvern\u00e4ssung<\/strong>\u00a0(verst\u00e4rkte Podsolierung, verz\u00f6gerte Erw\u00e4rmung im Fr\u00fchjahr)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Sp\u00e4t- und Nachernteverluste<\/strong>\u00a0(Schimmelbildung erzwang Darren-Nachnutzung)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Gro\u00dfe Hungersnot (1315\u20131317)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dreij\u00e4hrige Anomalie mit extremer K\u00e4lte und Dauerregen traf Randregionen wie Hundatorra mit voller H\u00e4rte. Die Ernte fiel in diesen Jahren nahezu vollst\u00e4ndig aus.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=74946676\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Hinzu kam ein technologisches Problem: Bei hoher Luftfeuchtigkeit funktionierte die traditionelle Fleischkonservierung durch P\u00f6keln nicht mehr, da das Meersalz in den Salinen nicht auskristallisierte. Die Kombination aus Getreidemangel und fehlenden Proteinreserven f\u00fchrte zu einer Ern\u00e4hrungskrise.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Gro\u00dfe Rinderpest (1319\u20131320)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Jahre nach der Hungersnot brach eine Seuche aus, die sch\u00e4tzungsweise 60 % des englischen Rinderbestands t\u00f6tete.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=74946676\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;F\u00fcr Hundatorra war dies existenzbedrohend: Ohne Ochsen f\u00fcr den Pflug konnte das marginale Ackerland nicht mehr bestellt werden. Der technologische Kollaps war vollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Schwarze Tod (ab 1348)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pestepidemie reduzierte die englische Gesamtbev\u00f6lkerung um 30-50 %. F\u00fcr bereits geschw\u00e4chte Randgemeinden war dies der letzte Schlag: Die verbliebenen Arbeitskr\u00e4fte konnten die Siedlung nicht mehr aufrechterhalten. Pollelevidenz zeigt das Ende des Getreideanbaus um 1350 an; keramische Funde deuten jedoch darauf hin, dass einige wenige Bewohner bis in die 1380er Jahre ausharrten.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=74946676\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vergleichende Einordnung: Grimspound als Pr\u00e4zedenzfall<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die bronzezeitliche Siedlung Grimspound (ca. 1300 v. Chr., ca. 450 m H\u00f6he) weist bemerkenswerte Parallelen auf. Mit 24 Rundh\u00fctten innerhalb einer massiven Granitumfassungsmauer stellt sie eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Anlage dar.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Grimspound\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Aufgabe erfolgte um 1000 v. Chr. \u2013 ebenfalls aufgrund einer Klimaverschlechterung. Der Unterschied: Die bronzezeitliche Gesellschaft reagierte mit R\u00fcckzug (vollst\u00e4ndige Aufgabe des Hochlands), die mittelalterliche mit technologischer Anpassung (Darren). Beide Strategien scheiterten letztlich \u2013 ein bemerkenswertes historisches Muster.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kriterium<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bronzezeit (Grimspound-Typ)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Mittelalter (Hundatorra)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Bauweise<\/td><td>Runde Steinh\u00fctten, Trockenmauerwerk<\/td><td>Rechteckige Langh\u00e4user mit Drainage<\/td><\/tr><tr><td>Wirtschaftsweise<\/td><td>Extensive Weidewirtschaft, wenig Ackerbau<\/td><td>Gemischt: Ackerbau (Hafer\/Roggen) + Viehhaltung<\/td><\/tr><tr><td>Technologische Reaktion auf Klimaverschlechterung<\/td><td>Abwanderung (keine technische Anpassung belegt)<\/td><td>Getreidedarren (sekund\u00e4r eingebaut)<\/td><\/tr><tr><td>Dauer der Besiedlung<\/td><td>Ca. 500 Jahre (1300\u2013800 v. Chr.)<\/td><td>Ca. 150-200 Jahre (1200\u20131350\/80 n. Chr.)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hundatorra ist eine technikarch\u00e4ologische Fallstudie ersten Ranges. Sie dokumentiert, wie eine Gesellschaft mit den Limitierungen ihres \u00f6kologischen Raums umging \u2013 und an diesen Grenzen scheiterte. Die nachtr\u00e4glich eingebauten Getreidedarren sind das arch\u00e4ologische \u00c4quivalent eines letzten, verzweifelten technologischen &#8222;Patches&#8220;: Sie sollten ein grunds\u00e4tzlich ungeeignetes Agrar system durch eine punktuelle Verbesserung retten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus heutiger Perspektive, im Angesicht des anthropogenen Klimawandels, sind die Parallelen verbl\u00fcffend. Die Bewohner von Hundatorra scheiterten nicht an mangelndem technischen Know-how \u2013 die Darren funktionierten technisch einwandfrei. Sie scheiterten an der Kombination aus externen Schocks (Pest, Rinderpest) und einem System, das keine Redundanzen mehr zulie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wichtigste Lektion von Hundatorra f\u00fcr moderne Technikbewertung ist vielleicht diese:&nbsp;<strong>Technische Anpassung hat \u00f6kologische Grenzen.<\/strong>&nbsp;Keine Darren der Welt k\u00f6nnen Niederschlagsmengen kompensieren, die den Ackerbau prinzipiell unm\u00f6glich machen. Die mittelalterlichen Bewohner Dartmoors erkannten dies \u2013 und gingen. Ihr steinernes Verm\u00e4chtnis ist eine eindringliche Warnung vor den Grenzen machbarkeitsorientierter Technikgl\u00e4ubigkeit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>English Heritage. &#8222;History of Hound Tor Deserted Medieval Village.&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/www.english-heritage.org.uk\/visit\/places\/hound-tor-deserted-medieval-village\/history\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.english-heritage.org.uk\/visit\/places\/hound-tor-deserted-medieval-village\/history<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.english-heritage.org.uk\/visit\/places\/hound-tor-deserted-medieval-village\/history\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Heritage Gateway. &#8222;Deserted Medieval Settlement at Hound Tor.&#8220; MDV7414.\u00a0<a href=\"https:\/\/heritagegateway.org.uk\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/heritagegateway.org.uk<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/heritagegateway.org.uk\/Gateway\/Results_Single.aspx?resourceID=104&amp;uid=MDV7414\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia. &#8222;Grimspound.&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Grimspound\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Grimspound<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Grimspound\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Visit South Devon. &#8222;Hound Tor Deserted Medieval Village.&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/www.visitsouthdevon.co.uk\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.visitsouthdevon.co.uk<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.visitsouthdevon.co.uk\/things-to-do\/hound-tor-deserted-medieval-village-p220593\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Historic UK. &#8222;Hundatora (or Hound Tor) Medieval Village, Dartmoor.&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/www.historic-uk.com\/HistoryMagazine\/DestinationsUK\/Hound-Tor-Deserted-Medieval-Village\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.historic-uk.com\/HistoryMagazine\/DestinationsUK\/Hound-Tor-Deserted-Medieval-Village\/<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.historic-uk.com\/HistoryMagazine\/DestinationsUK\/Hound-Tor-Deserted-Medieval-Village\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia. &#8222;Hound Tor.&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hound_Tor\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hound_Tor<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=973769\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia. &#8222;Hundatorra.&#8220;\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hundatorra\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hundatorra<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/?curid=74946676\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Beresford, Guy. &#8222;The Medieval Village of Hound Tor.&#8220;\u00a0<em>Medieval Archaeology<\/em>\u00a0(1979).\u00a0<a href=\"https:\/\/heritagegateway.org.uk\/Gateway\/Results_Single.aspx?resourceID=104&amp;uid=MDV7414\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Dyer, Christopher. &#8222;Recovering from Catastrophe.&#8220; In\u00a0<em>Ecological Crisis and Cultural Collapse<\/em>, Taylor &amp; Francis, 2020.\u00a0<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Auf den Hochmooren von Dartmoor, etwa 340 Meter \u00fcber dem Meeresspiegel, liegen die steinernen Zeugen einer gescheiterten technologischen Anpassung: die Ruinen von Hundatorra (auch Hound Tor genannt). Diese nur etwa 150 Jahre lang bewohnte Siedlung aus dem 13. und 14. Jahrhundert ist f\u00fcr den Technikhistoriker ein faszinierendes Studienobjekt. 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