{"id":4330,"date":"2026-05-02T07:01:24","date_gmt":"2026-05-02T05:01:24","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=4330"},"modified":"2026-05-02T07:01:24","modified_gmt":"2026-05-02T05:01:24","slug":"der-staatskonzern-bundesrepublik-eine-spurensuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-staatskonzern-bundesrepublik-eine-spurensuche\/","title":{"rendered":"Der Staatskonzern Bundesrepublik: Eine Spurensuche"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">von DerSchneider<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutsche Wirtschaft gilt als das Herzst\u00fcck der sozialen Marktwirtschaft \u2013 ein Erfolgsmodell aus Wettbewerb und staatlicher Zur\u00fcckhaltung. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt ein paralleles Universum: Ein Imperium aus Tausenden Unternehmen, das in den falschen Momenten sichtbar wird und sonst im Verborgenen bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einleitung: 535 Milliarden Euro schwer<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rede ist vom Staat als Unternehmer. Wenn die Bundesregierung ein Unternehmen wie Uniper rettet oder der Bund sich an der RWE beteiligt, dann ist das grosste Wirtschaftsgeschehen. Doch dabei handelt es sich nicht um Ausnahmen, sondern um die Spitze eines Eisbergs. Rund 15.000 Unternehmen befinden sich ganz oder teilweise im Besitz von Bund, L\u00e4ndern und Kommunen. Sie erwirtschaften ann\u00e4hernd 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und besch\u00e4ftigen, inklusive der Wohlfahrtsverb\u00e4nde, mehr als neun Millionen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vorliegende Untersuchung versucht, diesen verborgenen Riesen zu vermessen \u2013 seine Geschichte, seine Gegenwart und die brisanten Fragen, die sich f\u00fcr die Zukunft stellen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Historische Wurzeln: Vom Post- und Bahnbetrieb zum Notfallmanager<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wurzeln der \u00f6ffentlichen Hand als Unternehmer sind tief in der deutschen Geschichte verankert. Im 19. Jahrhundert begannen St\u00e4dte und Gemeinden, sich in der sogenannten &#8222;Daseinsvorsorge&#8220; zu engagieren: Gas- und Wasserwerke, Schlachth\u00f6fe und Verkehrsbetriebe wurden in kommunaler Hand betrieben, um die Versorgung der Bev\u00f6lkerung sicherzustellen. Diese Tradition der Kommunalwirtschaft pr\u00e4gt bis heute das Bild: Rund 90 Prozent der \u00f6ffentlichen Unternehmen sind auf kommunaler Ebene angesiedelt, darunter Stadtwerke, Wohnungsbaugesellschaften oder Kliniken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf Bundesebene war der Staat lange vor allem im Bereich der Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur aktiv. Die Deutsche Bundesbahn, die Deutsche Bundespost \u2013 diese Beh\u00f6rden waren keine Unternehmen, aber sie waren der Staat. Erst mit der Postreform in den 1990er Jahren und der anschlie\u00dfenden Teilprivatisierung von Post und Telekom (1995\/1996) begann ein Umdenken. Der Schritt hin zur &#8222;schlanken&#8220; Verwaltung und zur Privatisierung von Bundesbeteiligungen schien eingeleitet. Die schwarz-gelbe Koalition unter Helmut Kohl hatte B\u00e4nde wie &#8222;Mehr Markt und weniger Staat&#8220; im Programm.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Lehre aus der Finanzkrise 2008<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam die Finanzkrise: 2008 stand die Commerzbank vor dem Kollaps. Der Bund griff ein, verstaatlichte das Institut faktisch \u2013 ein unerh\u00f6rtes Ereignis, das die R\u00fcckkehr des Staates als &#8222;Retter der letzten Instanz&#8220; markierte. Das Staatsunternehmen SoFFin (Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung) verwaltete danach Milliarden an Anteilen an Banken. Und nach und nach zog sich der Staat wieder aus den Banken zur\u00fcck \u2013 bis zur n\u00e4chsten Krise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese historische Z\u00e4sur lehrte die Politik eine Lektion: Der Staat kann und wird in systemrelevanten Krisen eingreifen. Dieses Instrumentarium wurde 2022 in einem bis dahin ungekannten Ausma\u00df genutzt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Krise als Treiber: Notverstaatlichungen der letzten Jahre<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcngste und folgenreichste Welle von Verstaatlichungen geht auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus resultierende Energiepreisexplosion zur\u00fcck. Die Bundesregierung handelte unter hohem Zeitdruck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Uniper: Der milliardenschwere Rettungsanker<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der D\u00fcsseldorfer Energiekonzern Uniper war der gr\u00f6\u00dfte deutsche Gasimporteur und bis dahin mehrheitlich im Besitz des finnischen Fortum-Konzerns. Die Einstellung der Gaslieferungen aus Russland brachte Uniper an den Rand der Zahlungsunf\u00e4higkeit. Ende 2022 beschloss die Bundesregierung ein Rettungspaket, das letztlich auf eine faktische Verstaatlichung hinauslief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Operation hatte einen stolzen Preis: Bis Ende 2022 waren rund 14 Milliarden Euro f\u00fcr die Uniper-\u00dcbernahme geflossen, insgesamt sollte das Engagement den Bund bis zu 27 Milliarden Euro kosten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Der-Staat-uebernimmt-Bund-will-Kontrolle-ueber-Gazprom-Tochter-Sefe-7274536.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Gr\u00fcne) verteidigte den Schritt als unvermeidbar, um die Gasversorgung in Deutschland zu sichern. &#8222;Der Erhalt der Energieversorgung ist eine hoheitliche Aufgabe, der wir uns stellen&#8220;, sagte er im Bundestag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kritik lie\u00df nicht auf sich warten. Die FDP-Fraktion sprach von einer &#8222;bitteren Pille&#8220; und forderte eine schnelle R\u00fcckf\u00fchrung in Privateigentum. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Lukas K\u00f6hler betonte im September 2022: &#8222;Die Verstaatlichung von Uniper darf kein Dauerzustand werden. Wie bei allen anderen krisenbedingten Beteiligungen muss sich der Staat so schnell wie m\u00f6glich wieder aus dem Unternehmen zur\u00fcckziehen.&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/09\/21\/bundestag-koehler-verstaatlichung-von-uniper-darf-kein-dauerzustand-sein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Auch CDU-Politiker Christoph de Vries nannte das Vorgehen &#8222;energiepolitischen Irrsinn&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/wirtschaft\/gasumlage-verstaatlichung-wie-sehr-will-uns-habeck-schroepfen-81409760.bild.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sefe: Die Enteignung einer Gazprom-Tochter<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel \u00fcbernahm der Bund auch die ehemalige Gazprom-Tochter Sefe (Securing Energy for Europe). Auch hier war der Ausl\u00f6ser der Lieferstopp. Im April 2022 hatte Habeck die Bundesnetzagentur als Treuh\u00e4nderin eingesetzt \u2013 mit der Begr\u00fcndung unklarer Rechtsverh\u00e4ltnisse&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/nach-schritt-bei-uniper-bund-will-offenbar-gazprom-tochter-sefe-verstaatlichen-8673274.html?icid=in-text-link_11178682\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter folgte die vollst\u00e4ndige Verstaatlichung. Auch diese Rettung kostete Milliarden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verstaatlichungen dieser beiden Energieriesen f\u00fchrten dazu, dass der deutsche Staat mit einem Schlag Eigent\u00fcmer ausl\u00e4ndischer Kernkraftwerke wurde \u2013 eine Ironie der Geschichte angesichts des zeitgleich vollzogenen deutschen Atomausstiegs. Die FDP nutzte diesen Umstand prompt f\u00fcr eine erneute Debatte \u00fcber eine Laufzeitverl\u00e4ngerung der deutschen Kernkraftwerke&nbsp;<a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/09\/21\/bundestag-koehler-verstaatlichung-von-uniper-darf-kein-dauerzustand-sein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weitere Verstaatlichungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rettungswelle erfasste auch andere Branchen. 2023 \u00fcbernahm der Bund die insolvente&nbsp;<strong>Greifswalder Werft<\/strong>&nbsp;\u2013 ein strategischer Schritt zur Sicherung der Schiffsbaukompetenz f\u00fcr die Marine. Ebenfalls 2023 stockte der Bund seine Anteile an der&nbsp;<strong>Salthaus GmbH<\/strong>&nbsp;auf, einer Firma f\u00fcr Energiewendeprojekte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgende Tabelle gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die wichtigsten Notverstaatlichungen der letzten Jahre:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Unternehmensname<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Verstaatlichungsjahr<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bundesanteil (heute)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kosten (in Mrd. Euro)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Uniper SE<\/strong><\/td><td>2022-2023<\/td><td>99,98 %<\/td><td>ca. 14-27<\/td><\/tr><tr><td><strong>SEFE<\/strong><\/td><td>2022<\/td><td>100 %<\/td><td>ca. 6,3<\/td><\/tr><tr><td><strong>Greifswalder Werft<\/strong><\/td><td>2023<\/td><td>100 %<\/td><td>n.b.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Gesamtbild: Struktur und Zahlen des \u00f6ffentlichen Sektors<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werfen wir einen Blick auf das Gesamtportfolio. Es ist ein Gebilde aus drei Ebenen \u2013 Bund, L\u00e4ndern und Kommunen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die drei Ebenen im Vergleich<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ebene<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anzahl Unternehmen<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anteil<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Wirtschaftliche Schwerpunkte<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Gemeinden\/Kommunen<\/strong><\/td><td>ca. 12.500 &#8211; 13.500<\/td><td>ca. 90 %<\/td><td>Stadtwerke, Wohnungsbau, Nahverkehr, Kliniken<\/td><\/tr><tr><td><strong>Bundesl\u00e4nder<\/strong><\/td><td>ca. 1.000 &#8211; 1.300<\/td><td>ca. 9 %<\/td><td>Landesbanken, Forstbetriebe, F\u00f6rderinstitute<\/td><\/tr><tr><td><strong>Bund<\/strong>&nbsp;(direkt)<\/td><td>122 (genau)<\/td><td>ca. 1 %<\/td><td>Bahn, Post, Telekom, Energieversorger, KfW<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die quantitativen Daten vermitteln ein klares Bild: Die kommunale Ebene ist das Herz des \u00f6ffentlichen Unternehmertums. Die St\u00e4dte und Gemeinden sind nah an den B\u00fcrgern, betreiben die Schwimmb\u00e4der, die Busse und die Wohnungen \u2013 und das oft in defizit\u00e4ren Bereichen. Der Bund hingegen ist eine Holding f\u00fcr Systeminfrastruktur.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Besch\u00e4ftigungseffekt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch deutlicher wird die Bedeutung des \u00f6ffentlichen Sektors bei der Betrachtung der Besch\u00e4ftigtenzahlen. Werden die freien Wohlfahrtsverb\u00e4nde (Caritas, Diakonie, DRK) hinzugez\u00e4hlt, h\u00e4ngt ein F\u00fcnftel der Arbeitnehmer in Deutschland an staatlichen Finanzierungsstr\u00f6men.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Besch\u00e4ftigungsbereich<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anzahl Besch\u00e4ftigte (in Mio.)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Anteil an Erwerbst\u00e4tigen (ca.)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Kernverwaltung (Bund, L\u00e4nder, Kommunen)<\/td><td>5,1<\/td><td>11,2 %<\/td><\/tr><tr><td>\u00d6ffentliche Unternehmen<\/td><td>2,1<\/td><td>4,6 %<\/td><\/tr><tr><td>Wohlfahrtsverb\u00e4nde (DRK, Diakonie, Caritas etc.)<\/td><td>1,8<\/td><td>3,9 %<\/td><\/tr><tr><td>Sozialversicherungstr\u00e4ger<\/td><td>0,6<\/td><td>1,3 %<\/td><\/tr><tr><td><strong>Gesamt<\/strong><\/td><td><strong>9,6<\/strong><\/td><td><strong>21,0 %<\/strong><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kontroversen und Zukunftsfragen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gr\u00f6\u00dfe des \u00f6ffentlichen Sektors wirft grundlegende Fragen auf: Ist er ein Garant f\u00fcr Stabilit\u00e4t oder ein Klotz am Bein der Wirtschaft?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lobbyismus f\u00fcr den Staat<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein oft \u00fcbersehener Aspekt ist die Lobbyarbeit des Staates selbst. Unternehmen wie die Bahn, die Telekom oder die KfW unterhalten eigene Verbindungsb\u00fcros in Berlin und Br\u00fcssel. Sie werben f\u00fcr Gesetze, F\u00f6rdermittel und regulatorische Rahmenbedingungen \u2013 und konkurrieren dabei mit privaten Anbietern. Das f\u00fchrt zu paradoxen Situationen, in denen der Staat gegen sich selbst lobbyiert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die EU-Zwangstrennung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Sektor kommt nicht aus dem Inland, sondern aus Br\u00fcssel. Die EU-Kommission hat die milliardenschweren Hilfen f\u00fcr Uniper und Sefe nur unter strengen Auflagen genehmigt. Der Staat muss sich bis Ende 2028 auf maximal 25 Prozent plus eine Aktie an Uniper zur\u00fcckziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frist setzt die Bundesregierung unter Druck. &#8222;Mit jedem Tag, den der Bund wartet, um mit dem Verkauf zu beginnen, sinkt der m\u00f6gliche Kaufpreis&#8220;, zitierte der FOCUS k\u00fcrzlich einen Brancheninsider. Die Reprivatisierung d\u00fcrfte sich als mindestens so schwierig erweisen wie die Verstaatlichung selbst. Ein m\u00f6glicher B\u00f6rsengang von Uniper wird ebenso diskutiert wie ein strategischer Verkauf der Sefe an internationale Investoren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das kirchliche Arbeitsrecht: Eine Mauer im Sozialstaat<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine besondere rechtliche Grauzone existiert bei den Wohlfahrtsverb\u00e4nden. Caritas, Diakonie und Co. sind formal privat, finanzieren sich aber zu 70 Prozent aus \u00f6ffentlichen Kassen. Gleichzeitig gilt f\u00fcr ihre etwa 1,8 Millionen Angestellten nicht das allgemeine Arbeitsrecht, sondern das kirchliche Arbeitsrecht. Das bedeutet: eingeschr\u00e4nkte oder keine Tarifbindung, faktisches Streikverbot, Loyalit\u00e4tspflichten, kein betriebliches Mitspracherecht f\u00fcr Arbeitnehmervertreter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gewerkschaft Ver.di kritisiert diese Sonderrolle scharf als &#8222;dritte Spur&#8220; im Arbeitsrecht, die den Arbeitnehmerschutz unterlaufe. Das Bundesarbeitsgericht hat diese Sonderrolle bisher best\u00e4tigt \u2013 allerdings mit der Einschr\u00e4nkung, dass kirchliche Arbeitgeber ihre Mitarbeiter nicht willk\u00fcrlich schlechterstellen d\u00fcrfen als vergleichbare weltliche Betriebe.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ostdeutschland: Ein geteilter Staatsmarkt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die geografische Verteilung der Bundesunternehmen offenbart ein deutliches West-Ost-Gef\u00e4lle. Von den rund 120 bundeseigenen Firmen haben nur acht ihren Sitz in den neuen Bundesl\u00e4ndern \u2013 darunter die Wismut GmbH in Chemnitz, die die Hinterlassenschaften des sowjetischen Uranbergbaus saniert. Die Wertsch\u00f6pfung und die Steuereinnahmen flie\u00dfen gen Westen. Ostdeutsche L\u00e4nder sind zugleich bei Investitionen und KfW-Krediten auf die Unterst\u00fctzung aus dem Bundeshaushalt angewiesen. Ein Strukturproblem, das die Debatte um die &#8222;Einheit&#8220; neu aufladen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit &amp; Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00f6ffentliche Sektor in Deutschland ist ein faszinierendes Paradox. Z\u00e4hlt man ihn nach Anzahl der Unternehmen, ist er winzig (unter ein Prozent). Betrachtet man seine wirtschaftliche Bedeutung oder seine Besch\u00e4ftigtenzahl, ist er ein Gigant (bis zu einem F\u00fcnftel aller Arbeitspl\u00e4tze). Er ist systemrelevant, schwerf\u00e4llig und in permanenter Legitimationsnot \u2013 und dennoch funktioniert ohne ihn nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcngste Verstaatlichungswelle war eine Reaktion auf eine existenzielle Bedrohung. Sie hat gezeigt: Der Staat kann handeln, wenn es darauf ankommt. Aber sie hat auch gezeigt, wie teuer das ist \u2013 und wie schwer es sich wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen l\u00e4sst. Die EU erzwingt nun die R\u00fcckabwicklung der gr\u00f6\u00dften Interventionen. Wirtschaftsvertreter hoffen, dass die Privatisierung zu mehr Dynamik f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch gleichzeitig w\u00e4chst der \u00f6ffentliche Sektor leise weiter \u2013 im Bereich der erneuerbaren Energien, bei der Pflege und bei den Sicherheitsbeh\u00f6rden. Die Berliner Verwaltung, der Digitalpakt f\u00fcr die Schulen, die Energiepreisbremsen: All das schafft neue Abh\u00e4ngigkeiten vom Staat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine R\u00fcckkehr des Staates \u2013 nicht als Unternehmer aus \u00dcberzeugung, sondern als Nothelfer, der nicht mehr gehen kann. Die Frage ist nicht, ob das gut oder schlecht ist. Die Frage ist: Wie geht es weiter? Die Antwort auf die Frage ist noch nicht gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DerAutor, Ihr&nbsp;<strong>DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\ud83d\udcda Quellenverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundesministerium der Finanzen (BMF): Beteiligungsberichte des Bundes (2023, 2024).\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Web\/DE\/Themen\/Bundesvermoegen\/Privatisierungs_und_Beteiligungspolitik\/Beteiligungspolitik\/Beteiligungsberichte\/beteiligungsberichte.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>energate messenger: &#8222;Erwerb von Uniper und Sefe g\u00fcnstiger als erwartet&#8220;. 24.04.2023.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.energate-messenger.de\/news\/232242\/erwerb-von-uniper-und-sefe-guenstiger-als-erwartet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>BILD: &#8222;Gasumlage, Verstaatlichung: Wie sehr will uns Habeck schr\u00f6pfen?&#8220;. 22.09.2022.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/wirtschaft\/gasumlage-verstaatlichung-wie-sehr-will-uns-habeck-schroepfen-81409760.bild.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Telepolis: &#8222;Der Staat \u00fcbernimmt&#8220;. 23.09.2022.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/article\/Der-Staat-uebernimmt-Bund-will-Kontrolle-ueber-Gazprom-Tochter-Sefe-7274536.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Der Tagesspiegel: &#8222;Bund will offenbar Gazprom-Tochter Sefe verstaatlichen&#8220;. 22.09.2022.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/nach-schritt-bei-uniper-bund-will-offenbar-gazprom-tochter-sefe-verstaatlichen-8673274.html?icid=in-text-link_11178682\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>S\u00fcddeutsche Zeitung\/dpa: &#8222;Nach Uniper: Bund erw\u00e4gt Verstaatlichung von Gazprom-Tochter&#8220;. 22.09.2022.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/energie-nach-uniper-bund-erwaegt-verstaatlichung-von-gazprom-tochter-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220922-99-859250\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>FDP-Bundestagsfraktion (Lukas K\u00f6hler): &#8222;Verstaatlichung von Uniper darf kein Dauerzustand sein&#8220;. 21.09.2022.\u00a0<a href=\"https:\/\/fdp-aktiv.de\/blog\/2022\/09\/21\/bundestag-koehler-verstaatlichung-von-uniper-darf-kein-dauerzustand-sein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Statistisches Bundesamt (Destatis): Unternehmensregister, Fachserie 14 Reihe 2, 2023.<\/li>\n\n\n\n<li>Deutsches Institut f\u00fcr Urbanistik (Difu): &#8222;Kommunale Unternehmen in Deutschland 2022\/2023&#8220;.<\/li>\n\n\n\n<li>Spitzenverb\u00e4nde der Freien Wohlfahrtspflege (Gesamtstatistik 2023).<\/li>\n\n\n\n<li>Focus Online: &#8222;Uniper-Reprivatisierung: Bund unter Druck&#8220;, Artikel vom 15.02.2024.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von DerSchneider Die deutsche Wirtschaft gilt als das Herzst\u00fcck der sozialen Marktwirtschaft \u2013 ein Erfolgsmodell aus Wettbewerb und staatlicher Zur\u00fcckhaltung. 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