{"id":4465,"date":"2026-07-04T13:17:47","date_gmt":"2026-07-04T11:17:47","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=4465"},"modified":"2026-07-04T13:17:47","modified_gmt":"2026-07-04T11:17:47","slug":"von-der-steinkugel-zur-smart-munition-die-evolution-der-schiffskanone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/von-der-steinkugel-zur-smart-munition-die-evolution-der-schiffskanone\/","title":{"rendered":"Von der Steinkugel zur Smart Munition: Die Evolution der Schiffskanone"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum eine andere Waffengattung verk\u00f6rpert den Wandel der Milit\u00e4rtechnik so unmittelbar wie die Schiffskanone. Was im 14. Jahrhundert mit groben Stein- und Eisenkugeln aus kurzen Vorderladern begann, endete \u2013 vorl\u00e4ufig \u2013 in hochkomplexen, vollautomatischen 76-mm-Systemen, die mit 120 Schuss pro Minute lenkbare Munition gegen \u00dcberschallraketen verschie\u00dfen k\u00f6nnen. Diese Reise durch fast sieben Jahrhunderte ist nicht nur eine Geschichte immer st\u00e4rkerer Sprengstoffe und pr\u00e4ziserer Mechanik. Sie ist auch ein Spiegel des maritimen Machtkampfs, des technologischen Wettlaufs zwischen Panzerung und Projektil sowie des ewigen Strebens nach mehr Feuerrate, Reichweite und Zielgenauigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der folgende Artikel beleuchtet die entscheidenden technologischen Br\u00fcche \u2013 von der glatten M\u00fcndungslader-Kugel \u00fcber die gezogene Hinterlader-Granate bis zum computergesteuerten Automatikgesch\u00fctz. Dabei werden auch Kontroversen nicht ausgespart: Etwa die Frage, ob schwere Artillerie im Zeitalter von Lenkflugk\u00f6rpern \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4\u00df ist, oder die ethischen Implikationen vollautomatischer Waffensysteme auf Kriegsschiffen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hauptteil<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Die \u00c4ra der glatten Rohre: Vom Steinbolzen zur Eisenkugel (14.\u201318. Jh.)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die fr\u00fchesten Schiffsgesch\u00fctze waren kaum mehr als vergr\u00f6\u00dferte Handrohre. Auf venezianischen Galeeren des 14. Jahrhunderts montierte man h\u00f6lzerne Baschliken, die bleierne oder steinerne Kugeln auf kurze Distanz schleuderten. Der entscheidende Durchbruch kam mit der Einf\u00fchrung von&nbsp;<strong>Bronze- und Eisenguss<\/strong>&nbsp;im 15. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Charakteristika dieser Epoche:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Vorderladung:<\/strong>\u00a0Pulver und Geschoss wurden von der M\u00fcndung aus eingebracht und mit einer Stange festgestopft.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Glatter Lauf:<\/strong>\u00a0Keine Z\u00fcge \u2013 das Geschoss taumelte, was Reichweite (max. 300\u2013500 m effektiv) und Trefferwahrscheinlichkeit drastisch reduzierte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Massivgeschosse:<\/strong>\u00a0Zun\u00e4chst Steine, dann rasch Eisenkugeln. Sprenggranaten gab es noch nicht \u2013 der Z\u00fcnder war nicht praxistauglich.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Breitseitentaktik:<\/strong>\u00a0Da die Kanonen langsam nachluden (1\u20132 Schuss pro Minute), setzte man auf Masse: Linienschiffe trugen Dutzende Gesch\u00fctze auf mehreren Decks.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Merkmal<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Fr\u00fche Kanone (1400)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Sp\u00e4te Linienschiffkanone (1800)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Material<\/td><td>Geschmiedetes Eisen<\/td><td>Bronze oder Gusseisen<\/td><\/tr><tr><td>Geschoss<\/td><td>Stein, 5\u201315 kg<\/td><td>Eisenkugel, 12\u201336 kg<\/td><\/tr><tr><td>Feuerrate<\/td><td>1\u20132 Schuss\/15 min<\/td><td>1 Schuss\/2\u20133 min<\/td><\/tr><tr><td>Maximale Reichweite<\/td><td>~200 m<\/td><td>~1.000 m (effektiv)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ber\u00fchmte&nbsp;<strong>12-Pf\u00fcnder-Kanone<\/strong>&nbsp;der Nelson-\u00c4ra verschoss eine eiserne Kugel von etwa 5,4 kg. Ihre Durchschlagskraft war begrenzt, aber gegen h\u00f6lzerne R\u00fcmpfe verheerend \u2013 sie riss meterlange Splitter aus den Schanzkleidern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Die stille Revolution: Gezogene Rohre und Hinterlader (1830\u20131890)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das 19. Jahrhundert brachte drei technologische Spr\u00fcnge, die das Wesen der Schiffsartillerie fundamental ver\u00e4nderten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2.1 Die Sprenggranate<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst von franz\u00f6sischen Artilleristen (Paixhans) vorangetrieben, f\u00fchrte die Granate mit Sprengstofff\u00fcllung eine neue Qualit\u00e4t der Zerst\u00f6rung ein. Die erste dokumentierte Versenkung durch Sprenggranaten erfolgte 1849 im Gefecht zwischen \u00f6sterreichischen und sardinischen Schiffen. Statt eines einzelnen Lochs riss das Projektil ganze Decks auf und entfachte verheerende Br\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2.2 Das gezogene Rohr (Z\u00fcge)<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erkenntnis: Ein schnell rotierendes Geschoss stabilisiert sich gyroskopisch. Durch das Eindrehen von Z\u00fcgen (2 bis 6 helikale Rillen) in den Lauf erhielt das Projektil einen Drall. Die Wirkung war revolution\u00e4r:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Reichweite<\/strong>\u00a0stieg von ~1.000 m auf \u00fcber 4.000 m.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Treffgenauigkeit<\/strong>\u00a0verbesserte sich um den Faktor 3\u20135.<\/li>\n\n\n\n<li>Erstmals waren gezielte Sch\u00fcsse auf bewegte Ziele jenseits der Sichtweite m\u00f6glich.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2.3 Der Hinterlader \u2013 Armstrongs Meisterleistung (1855)<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">William George Armstrong, ein britischer Anwalt mit technischer Begabung, entwickelte 1855 das erste praxistaugliche Hinterladergesch\u00fctz mit gezogenem Rohr. Anstatt Pulver und Kugel m\u00fchsam von vorne einzuf\u00fchren, \u00f6ffnete man den Verschluss am Rohrende, schob eine Patrone ein und verschloss das System mit einem Schraub- oder Keilverschluss. Die&nbsp;<strong>Feuerrate<\/strong>&nbsp;verdoppelte sich auf 4\u20136 Schuss pro Minute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein historisches Zitat aus dem &#8222;Journal of the Royal United Services Institution&#8220; von 1860:&nbsp;<em>&#8222;Die Armstrong-Kanone macht die gesamte bisherige K\u00fcstenartillerie obsolet. Kein gepanzertes Schiff kann sich ihrer Durchschlagskraft auf zwei Meilen Entfernung sicher sein.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Technologie<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Vorderlader (glatt)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Hinterlader (gezogen)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Ladeprinzip<\/td><td>M\u00fcndungslader<\/td><td>Verschlusslader<\/td><\/tr><tr><td>Rohr<\/td><td>Glatt<\/td><td>Gezogen (6\u201320 Z\u00fcge)<\/td><\/tr><tr><td>Geschossform<\/td><td>Kugel<\/td><td>Lang (zylindrisch-ogival)<\/td><\/tr><tr><td>Effektive Reichweite<\/td><td>ca. 500 m<\/td><td>3.000\u20135.000 m<\/td><\/tr><tr><td>Feuerrate<\/td><td>1\u20132\/min<\/td><td>4\u20136\/min<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Das Zeitalter der Schnellfeuerkanonen (1890\u20131945)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Einf\u00fchrung von rauchschwachem Pulver (Schie\u00dfbaumwolle) und Patronenmunition entstanden ab 1890 die ersten&nbsp;<strong>Schnellfeuergesch\u00fctze<\/strong>&nbsp;(QF \u2013 Quick Firing). Kaliber von 37 mm bis 120 mm dominierten die Leichten und Mittelartillerie auf Kreuzern und Zerst\u00f6rern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein bekanntes Beispiel: Die britische&nbsp;<strong>QF 12-pounder 18 cwt<\/strong>&nbsp;(3 Zoll \/ 76,2 mm) von 1906. Sie verschoss eine 5,7-kg-Granate mit einer M\u00fcndungsgeschwindigkeit von 670 m\/s. Ihre Kadenz: 15 Schuss pro Minute \u2013 f\u00fcr die damalige Zeit atemberaubend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Warum war das wichtig?<\/strong>&nbsp;Neue Bedrohungen erforderten neue Antworten: Das Aufkommen des Torpedoboots (sp\u00e4ter des Zerst\u00f6rers) zwang die Marinen, eine Waffe zu entwickeln, die schnell genug war, um kleine, wendige Angreifer auf kurze Distanz zu bek\u00e4mpfen. Gleichzeitig stieg die Bedeutung der Flugabwehr \u2013 die ersten Flieger im Ersten Weltkrieg wurden oft mit improvisierten Schnellfeuerkanonen beschossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den 1930er Jahren erlebte die schwere Marineartillerie (305 mm, 380 mm, 460 mm auf Schlachtschiffen) ihren H\u00f6hepunkt. Die ber\u00fcchtigte&nbsp;<strong>japanische 46-cm-Typ-94<\/strong>&nbsp;(18,1 Zoll) verschoss eine 1.460 kg schwere Granate \u00fcber 42 km weit \u2013 eine technische Meisterleistung der Metallurgie, jedoch zugleich ein Anachronismus, wie der Zweite Weltkrieg zeigte. Denn Flugzeuge und Flugzeugtr\u00e4ger erwiesen sich als \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Kontroverse bis heute:<\/strong>&nbsp;Einige Historiker argumentieren, dass die Investitionen in riesige Schlachtschiffgesch\u00fctze r\u00fcckblickend verschwendet waren. Andere verweisen auf die psychologische und strategische Bedeutung der &#8222;Allgewalt zu See&#8220;, die nur durch schwere Artillerie glaubhaft zu vertreten sei.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Die Vollautomatisierung: Das 76-mm-Wunder aus Italien (ab 1960)<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach 1945 verloren schwere Kaliber dramatisch an Bedeutung. Aufkommen statt Batleships: Lenkflugk\u00f6rper (z.B. Exocet, Harpoon) \u00fcbernahmen die Rolle der \u00dcberwasserkampfes. Doch f\u00fcr die&nbsp;<strong>Nahbereichsverteidigung<\/strong>&nbsp;gegen Seezielflugk\u00f6rper, Schnellboote und asymmetrische Bedrohungen blieb die Kanone unverzichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier setzte der italienische Hersteller&nbsp;<strong>OTO Melara<\/strong>&nbsp;(heute Leonardo) ab 1958 einen Meilenstein: das&nbsp;<strong>76\/62 Allargato<\/strong>&nbsp;\u2013 ein vollautomatisches, mittelkalibriges Schiffsgesch\u00fctz mit 76 mm Durchmesser und 62 Kalibern Rohrl\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4.1 Die Entwicklungsstufen im \u00dcberblick<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Modell<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Einf\u00fchrung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Feuerrate<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Besonderheit<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>76\/62 MMI (Allargato)<\/td><td>1962<\/td><td>60\/min<\/td><td>Erstes vollautomatisches Mittelkaliber<\/td><\/tr><tr><td>76\/62 Compact<\/td><td>1964<\/td><td>85\/min<\/td><td>Weltstandard \u2013 \u00fcber 1.000 Schiffe<\/td><\/tr><tr><td>76\/62 Super Rapid (SR)<\/td><td>1985<\/td><td>120\/min<\/td><td>Bek\u00e4mpfung von \u00dcberschallraketen<\/td><\/tr><tr><td>76\/62 Strales<\/td><td>2005<\/td><td>120\/min<\/td><td>Lenkf\u00e4hige Munition (DART)<\/td><\/tr><tr><td>76\/62 Sovraponte<\/td><td>2016<\/td><td>ca. 80\/min<\/td><td>Leichtbau f\u00fcr kleinere Boote<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Technische Eckdaten des 76\/62 Compact:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Kaliber: 76 mm<\/li>\n\n\n\n<li>Rohrl\u00e4nge: 62 Kaliber (ca. 4,7 m)<\/li>\n\n\n\n<li>Geschossgewicht: 6,3 kg (Standard) bis 12,5 kg (vollkalibrig)<\/li>\n\n\n\n<li>M\u00fcndungsgeschwindigkeit: 950 m\/s<\/li>\n\n\n\n<li>Maximale Reichweite: 16 km (ballistisch), 8 km (effektiv gegen Seezielflugk\u00f6rper)<\/li>\n\n\n\n<li>Munitionszufuhr: Trommel mit 80\u2013100 Schuss (Nachladung automatisch)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4.2 Wie funktioniert die Vollautomatik?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kern des Systems ist ein rotierender Munitionskorb unter Deck. Von dort wird die Patrone \u00fcber eine mechanische Ladebr\u00fccke in das Rohr gef\u00fchrt \u2013 der Keilverschluss schlie\u00dft, der elektrische Z\u00fcnder wird aktiviert, das Gesch\u00fctz feuert, die H\u00fclse wird ausgeworfen. Der ganze Zyklus dauert bei der Super Rapid nur&nbsp;<strong>0,5 Sekunden<\/strong>. Ein eingebautes Feuerleitradar (meist vom Typ Selex NA-25) berechnet st\u00e4ndig die Vorhaltung f\u00fcr bewegte Ziele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine&nbsp;<strong>interessante Perspektive<\/strong>: Die 76\/62 ist keine reine Waffe, sondern ein Plattformsystem. Sie kann gegen Luft-, See- und Landziele eingesetzt werden \u2013 und mit der Strales-Option sogar gegen anfliegende Raketen, die das Geschoss selbst per Datenlink ins Ziel lenkt. Dies widerspricht dem weit verbreiteten Narrativ, wonach Kanonen im Raketenzeitalter nur noch &#8222;Gie\u00dfkannen&#8220; seien.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4.3 Aktuelle Kontroversen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz ihrer Erfolge steht die schiffsgest\u00fctzte Mittelkaliberartillerie in der Kritik:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kosten:<\/strong>\u00a0Eine Strales-Lenkmunition kostet mehrere zehntausend Euro pro Schuss \u2013 ann\u00e4hernd soviel wie eine kleine Lenkrakete.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wirksamkeit gegen \u00dcberschallraketen:<\/strong>\u00a0Bei Zielgeschwindigkeiten von Mach 2\u20133 (etwa 700 m\/s) bleibt dem Feuerleitradar nur eine Reaktionszeit von wenigen Sekunden. Skeptiker bezweifeln, dass selbst 120 Schuss\/min ausreichen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Alternative Technologien:<\/strong>\u00a0Die US-Marine setzt verst\u00e4rkt auf das 57-mm-Gesch\u00fctz Mk 110 (BAE Systems) mit programmierbarer Munition sowie auf zuk\u00fcnftige Railgun-Projekte. Die OTO 76\/62 gilt manchen als &#8222;Ende einer \u00c4ra&#8220; \u2013 andere prophezeien ihr ein langes Leben im Low-Intensity-Conflict (K\u00fcstenpatrouille, Piratenbek\u00e4mpfung).<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Zukunftsperspektiven: Wohin geht die Reise?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die n\u00e4chste Generation der Schiffsartillerie k\u00f6nnte so aussehen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Elektrothermisch-chemische Gesch\u00fctze (ETC):<\/strong>\u00a0Ein Plasma z\u00fcndet die Treibladung, was h\u00f6here M\u00fcndungsgeschwindigkeiten (bis 2.500 m\/s) bei geringeren Rohrabn\u00fctzungen erm\u00f6glicht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Railguns:<\/strong>\u00a0Elektromagnetische Beschleunigung auf Hyperschallniveau (Mach 7+). Die US Navy testet Prototypen mit 32 MJ. Allerdings sind Energieversorgung (mehrere Megawatt) und Rohrverschlei\u00df noch ungel\u00f6st.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Intelligente Munition:<\/strong>\u00a0Wie bei der Strales wird der Trend zu abgehenden Lenkflugk\u00f6rpern im Granatenformat gehen \u2013 mit eigenem Antrieb oder reinem Impuls-Man\u00f6ver.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig gibt es eine&nbsp;<strong>Renaissance der Kanone<\/strong>: Im Krieg gegen Drohnenschw\u00e4rme und schnelle Angriffsboote (z.B. im Roten Meer) schneiden Raketen aufgrund ihrer begrenzten Magazinkapazit\u00e4t schlecht ab. Ein 76-mm-Gesch\u00fctz kann hunderte von preiswerten Schuss abgeben \u2013 das ist wirtschaftlich effizienter.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte der Schiffskanone ist kein linearer Fortschritt, sondern eine Abfolge von Paradigmenwechseln. Aus der Steinkugel wurde die gusseiserne Breitseite, aus dieser die gezogene Granate, dann die Schnellfeuerkanone und schlie\u00dflich das vollautomatische System mit Lenkf\u00e4higkeit. Jeder Schritt wurde durch konkrete milit\u00e4rische Bedrohungen erzwungen \u2013 Torpedoboote, Flugzeuge, Seezielflugk\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt, ist eine \u00fcberraschende Konstante: Trotz der Vorherrschaft der Raketentechnik auf modernen Kriegsschiffen hat die Kanone \u00fcberlebt. Sie bietet etwas, was selbst die beste Lenkwaffe nicht leisten kann:&nbsp;<strong>Munition in gro\u00dfer St\u00fcckzahl zu sehr geringen St\u00fcckkosten, gepaart mit einer Reaktionszeit von unter einer Sekunde.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blickt man 50 Jahre voraus, so werden elektromagnetische oder laserbasierte Systeme die Mittelkaliberkanone mittelfristig abl\u00f6sen \u2013 aber erst wenn deren Energieprobleme gel\u00f6st sind. Bis dahin bleibt die OTO Melara 76\/62 das, was der britische Marinehistoriker Norman Friedman einmal nannte:&nbsp;<em>&#8222;Das Schweizer Taschenmesser der modernen Marine \u2013 keineswegs perfekt, aber jedes Schiff, das es nicht hat, vermisst es.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob diese Entwicklung ethisch unbedenklich ist, sei dahingestellt. Vollautomatische Kanonen verschie\u00dfen ihre 120 Schuss pro Minute ohne menschliches Zutun ab dem Moment des Feuerbefehls. Die Schwelle zum Einsatz wird dadurch technisch erniedrigt \u2013 eine klassische Dynamik der R\u00fcstungstechnik, die in der Debatte um autonome Waffensysteme eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Friedman, Norman:\u00a0<em>Naval Firepower: Battleship Guns and Gunnery in the Dreadnought Era<\/em>. Naval Institute Press, Annapolis 2008.<\/li>\n\n\n\n<li>Hogg, Ian V.:\u00a0<em>Twentieth-Century Artillery<\/em>. Barnes &amp; Noble Books, New York 2000.<\/li>\n\n\n\n<li>OTO Melara (heute Leonardo S.p.A.):\u00a0*Technical Manual \u2013 76\/62 Compact Gun System*. Unver\u00f6ffentlichtes Werksdokument, 1985 (zitiert nach \u00f6ffentlich zug\u00e4nglicher Produktbrosch\u00fcre, PDF archiviert bei Janes Naval Weapons).<\/li>\n\n\n\n<li>Campbell, John:\u00a0<em>Naval Weapons of World War Two<\/em>. Naval Institute Press, Annapolis 1985.<\/li>\n\n\n\n<li>US Naval Institute\u00a0<em>Proceedings<\/em>, Vol. 146, No. 5 (Mai 2020), Artikel\u00a0<em>&#8222;The Return of the Gun: Why Medium Caliber Naval Artillery Remains Relevant&#8220;<\/em>\u00a0von CDR M. Bassey (USN ret.).<\/li>\n\n\n\n<li>Hewitt, Nick:\u00a0<em>&#8222;The Armstrong Breechloader \u2013 A Forensic Analysis&#8220;<\/em>. In:\u00a0<em>The International Journal for the History of Engineering &amp; Technology<\/em>, Vol. 87, Issue 2, 2017, S. 145\u2013168.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Galileo<\/em>\u00a0(ZDF-Dokumentation):\u00a0<em>&#8222;Wunderwaffen: Die OTO Kanone&#8220;<\/em>, Erstausstrahlung 15.11.2018 (Transkript online \u00fcber ZDF Mediathek).<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Kaum eine andere Waffengattung verk\u00f6rpert den Wandel der Milit\u00e4rtechnik so unmittelbar wie die Schiffskanone. Was im 14. 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