{"id":4474,"date":"2026-06-02T14:50:31","date_gmt":"2026-06-02T12:50:31","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=4474"},"modified":"2026-06-02T14:50:31","modified_gmt":"2026-06-02T12:50:31","slug":"das-verschwindende-peripherie-der-troxler-effekt-und-die-okonomie-des-sehens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/das-verschwindende-peripherie-der-troxler-effekt-und-die-okonomie-des-sehens\/","title":{"rendered":"Das verschwindende Peripherie \u2013 Der Troxler-Effekt und die \u00d6konomie des Sehens"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fixieren Sie einen Punkt an der Wand. Halten Sie den Blick starr. Mit den Augen nicht wandern, nicht blinzeln. Nach etwa 10 bis 20 Sekunden geschieht etwas Seltsames: Am Rande Ihres Gesichtsfeldes l\u00f6sen sich farbige oder kontrastarme Strukturen auf, verblassen zu einem farblosen Einheitsbrei \u2013 als h\u00e4tte das Gehirn sie einfach gel\u00f6scht. Sobald Sie nur andeutungsweise die Blickrichtung \u00e4ndern, sind sie sofort wieder da.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Ph\u00e4nomen ist kein Defekt Ihres Auges, sondern ein bewusstes Sparprogramm des visuellen Systems. Der&nbsp;<strong>Troxler-Effekt<\/strong>&nbsp;(auch&nbsp;<em>Troxler-Fading<\/em>&nbsp;genannt) offenbart eine grundlegende Wahrheit \u00fcber Wahrnehmung: Sehen ist kein passives Abbilden der Umwelt, sondern ein aktiver, ressourcen\u00f6konomischer Konstruktionsprozess. Was nicht n\u00fctzlich ist, wird ausgeblendet \u2013 auch wenn es physikalisch weiterhin auf die Netzhaut f\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Artikel beleuchten wir den Effekt aus der Perspektive eines Elektrotechnikers und Technikhistorikers: Wie entdeckte man ihn? Welche neuronalen Schaltkreise stecken dahinter? Warum ist er f\u00fcr moderne Displays, Virtual Reality und sogar die Sicherheitstechnik relevant? Und welche Kontroversen ranken sich um seine genaue Ursache?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Historische Wurzeln: Ein Arzt aus dem Wien des 19. Jahrhunderts<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entdeckt wurde der Effekt 1804 von&nbsp;<strong>Ignaz Paul Vital Troxler<\/strong>&nbsp;(1780\u20131866), einem Schweizer Arzt, Philosophen und Politiker, der in Wien und Prag wirkte. In seiner Schrift&nbsp;<em>\u201e\u00dcber das Verschwinden gegebener Gegenst\u00e4nde innerhalb unseres Gesichtskreises\u201c<\/em>&nbsp;beschrieb er erstmals systematisch, dass station\u00e4re, schwach kontrastierte Reize in der Peripherie bei starrer Fixation aus der Wahrnehmung verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Troxler interpretierte dies als Folge mangelnder Aufmerksamkeit \u2013 ein intuitiver, aber nur halbrichtiger Schluss. Erst mehr als 150 Jahre sp\u00e4ter, mit der Entwicklung der Mikroelektrodenphysiologie und der hochaufl\u00f6senden Augenbewegungsmessung, entschl\u00fcsselte man die neurophysiologischen Mechanismen. Spannend ist, dass Troxlers Arbeit lange Zeit in Vergessenheit geriet. Wiederentdeckt wurde sie in den 1950er Jahren durch Forscher wie&nbsp;<strong>Lorrin Riggs<\/strong>, der den Zusammenhang mit&nbsp;<strong>Mikrosakkaden<\/strong>&nbsp;herstellte. Heute gilt der Troxler-Effekt als Paradebeispiel f\u00fcr periphere Adaptation und ein zentrales Modell in der Wahrnehmungspsychologie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Neurophysiologische Grundlagen: Warum das Gehirn sich selbst ausblendet<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Station\u00e4re Reize sind Rauschen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das visuelle System ist evolution\u00e4r auf Bewegung getrimmt. Ein unbewegtes, gleichf\u00f6rmiges Signal \u2013 etwa eine graue Wand \u2013 enth\u00e4lt f\u00fcr den Betrachter keine neue Information. Die entsprechenden Fotorezeptoren (St\u00e4bchen und Zapfen) und die nachgeschalteten Ganglienzellen der Netzhaut gew\u00f6hnen sich rasch an einen konstanten Input. Man spricht von&nbsp;<strong>neuronaler Adaptation<\/strong>: Die Feuerrate der Zellen sinkt ab, bis sie fast null erreicht. Die Information geht verloren \u2013 nicht weil das Auge blind wird, sondern weil die Nervenzellen \u201eaufgeben\u201c, dar\u00fcber zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Die entscheidende Rolle der Mikrosakkaden<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Normalerweise verhindern winzige, unbewusste Augenbewegungen \u2013&nbsp;<strong>Mikrosakkaden<\/strong>&nbsp;(Springe unter 0,5\u00b0),&nbsp;<strong>Drift<\/strong>&nbsp;(langsame Wanderungen) und&nbsp;<strong>Tremor<\/strong>&nbsp;(hochfrequentes Zittern) \u2013 die Adaptation. Sie verschieben dauernd das Netzhautbild und frischen so die Rezeptorantworten auf. Unterdr\u00fcckt man diese Mikrobewegungen bewusst \u2013 durch extreme Fixation \u2013, schreitet die Adaptation ungebremst voran. Der Troxler-Effekt ist in diesem Sinne der&nbsp;<em>Ausfall der Mikrosakkaden als nat\u00fcrliches Refresh-Signal<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Experimenten mit optischer Stabilisierung des Netzhautbildes (durch Kontaktlinsen mit Miniaturprojektoren, die sich mit dem Auge mitbewegen) verschwindet das gesamte Sehfeld nach wenigen Sekunden \u2013 ein extremes, aber lehrreiches Beispiel. Der Troxler-Effekt ist die Alltagsversion dieser Stabilisierung, beschr\u00e4nkt auf die Peripherie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Warum die Peripherie besonders betroffen ist<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Fovea (Stelle des sch\u00e4rfsten Sehens) liegen die rezeptiven Felder der Ganglienzellen sehr klein (nur wenige Photorezeptoren). Zudem ist die Fovea dicht mit Zapfen besetzt, die sich langsamer adaptieren. In der Peripherie dagegen sind die rezeptiven Felder gro\u00df und unspezifisch; viele Fotorezeptoren konvergieren auf eine Ganglienzelle. Schwache, gleichf\u00f6rmige Reize werden hier besonders schnell herausgemittelt \u2013 das Gehirn erh\u00e4lt nur noch ein Rauschen. Kontrastreiche, bewegte oder blinkende Reize (z.\u202fB. ein heller Gegenstand) \u00fcberwinden diese Adaptation, weil sie st\u00e4ndig neue Aktivierungsmuster erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Merkmal<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Troxler-Effekt<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Blinder Fleck (Papille)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Ursache<\/td><td>Neuronale Adaptation durch Fixation<\/td><td>Keine Fotorezeptoren (Sehnervenaustritt)<\/td><\/tr><tr><td>Ort<\/td><td>Funktionierende Netzhaut (v. a. Peripherie)<\/td><td>Absolute, anatomisch fixierte Zone (ca. 15\u00b0 temporal)<\/td><\/tr><tr><td>Zeitverlauf<\/td><td>Innerhalb von 5\u201320 s beginnend, reversibel<\/td><td>Sofort, dauerhaft<\/td><\/tr><tr><td>Kompensation<\/td><td>Durch Mikrosakkaden bzw. Blickbewegung<\/td><td>Durch \u201eVervollst\u00e4ndigung\u201c des Gehirns (F\u00fcllung)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Experiment, das jeder selbst machen kann<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nehmen Sie ein Blatt wei\u00dfen Karton; zeichnen Sie in die Mitte einen schwarzen Punkt (3\u202fmm Durchmesser). Bringen Sie etwa 5\u202fcm links oder rechts davon einen kleineren, farbigen Punkt (z.\u202fB. rot, 2\u202fmm) an. Fixieren Sie nun aus etwa 30\u202fcm Abstand den schwarzen Punkt, ohne die Augen zu bewegen. Nach 10\u201320 Sekunden verschwindet der farbige Punkt \u2013 er \u201el\u00f6chert\u201c sich oder geht im Wei\u00df unter. Kaum blinzeln Sie oder fixieren eine andere Stelle, taucht er wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Variationen: Je weiter der farbige Punkt au\u00dfen liegt, desto schneller das Fading. Bei starken Kontrasten (schwarz auf wei\u00df) bleibt er l\u00e4nger sichtbar. Bewegt sich das Muster (z.\u202fB. ein flackerndes LED-L\u00e4mpchen), tritt kein Troxler-Effekt auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Messbare Gr\u00f6\u00dfenordnung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Exzentrizit\u00e4t 2\u00b0 \u2013 Fading nach ca. 30\u202fs<\/li>\n\n\n\n<li>Exzentrizit\u00e4t 10\u00b0 \u2013 Fading nach ca. 8\u202fs<\/li>\n\n\n\n<li>Exzentrizit\u00e4t 20\u00b0 \u2013 Fading nach ca. 4\u202fs<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Abh\u00e4ngig von Kontrast, Leuchtdichte und individueller Fixationsstabilit\u00e4t)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kontroversen: Aufmerksamkeit oder pure Adaptation?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange wurde diskutiert, ob der Troxler-Effekt prim\u00e4r&nbsp;<strong>sensibel<\/strong>&nbsp;(durch Erm\u00fcdung der Netzhautzellen) oder&nbsp;<strong>kognitiv<\/strong>&nbsp;(durch Abzug der Aufmerksamkeit) verursacht wird. Aktuelle Forschung (z.\u202fB. Martinez-Conde, 2004) zeigt: Beides spielt zusammen, aber die treibende Kraft ist die&nbsp;<strong>neuronale Adaptation auf der Ebene der retinalen Ganglienzellen und des lateralen Knieh\u00f6ckers (LGN)<\/strong>. Aufmerksamkeit kann das Fading mildern, aber nicht vollst\u00e4ndig aufheben, solange die Fixation absolut starr ist. Umgekehrt kann man den Effekt auch bei aufmerksamer Beobachtung erleben \u2013 man kann das Verschwinden nicht willentlich verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere Kontroverse betrifft die&nbsp;<strong>Rolle kortikaler Prozesse<\/strong>. Einige Studien deuten darauf hin, dass h\u00f6here visuelle Areale (V1, V2) das \u201eF\u00fcllen\u201c der verschwundenen Fl\u00e4che mit der Hintergrundfarbe aktiv unterst\u00fctzen \u2013 \u00e4hnlich wie beim blinden Fleck. Das Gehirn \u201eerfindet\u201c eine homogene Oberfl\u00e4che, wo eigentlich keine Information mehr ankommt. Dies zeigt die enge Verzahnung von sensorischer Adaptation und aktiver Konstruktion.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Praktische Implikationen: Von der Kunst bis zur virtuellen Realit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Malerei und optische T\u00e4uschungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Impressionisten wie Claude Monet nutzten verwandte Effekte unbewusst. Wenn Sie aus der N\u00e4he auf einen sp\u00e4ten Monet blicken, zerflie\u00dfen die Farbtupfer zu einem unbestimmten Farbnebel \u2013 erst durch Mikrosakkaden und das st\u00e4ndige Neu-Verarbeiten entsteht der Eindruck leuchtender, schimmernder Fl\u00e4chen. Eine starre Fixation w\u00fcrde die Szenerie zum Verschwinden bringen \u2013 genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Virtual Reality und Augmented Reality<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moderne VR-Brillen (z.\u202fB. Meta Quest, Apple Vision Pro) projizieren fixe Bildinhalte auf die Netzhaut. Bei langer starren Fixation auf ein virtuelles Bedienelement am Rande des Displays k\u00f6nnte dieses einfach verschwinden. Entwickler begegnen dem Troxler-Effekt durch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Mikrobewegungen der virtuellen Objekte<\/strong>\u00a0(z.\u202fB. sanftes Pulsieren, langsames Schwenken)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kontrastverst\u00e4rkung<\/strong>\u00a0(hochfrequente r\u00e4umliche Texturen)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Zeitlich flimmernde Kacheln<\/strong>\u00a0(unterhalb der Flimmerverschmelzungsfrequenz)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch bei&nbsp;<strong>Head-up-Displays<\/strong>&nbsp;(HUD) im Auto wird der Effekt genutzt: Statische Warnsymbole im peripheren Sichtfeld w\u00fcrden ausgeblendet \u2013 daher blinken oder bewegen sich sicherheitskritische Anzeigen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Neuroprothetik und Retina-Implantate<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen mit Retinaprothesen (z.\u202fB. Argus II) haben oft eine stark reduzierte oder fehlende Mikrosakkaden-Bewegung. Dadurch verst\u00e4rkt sich der Troxler-Effekt k\u00fcnstlich: Die elektrisch evozierten Phosphene verschwinden nach wenigen Sekunden. Aktuelle Forschung arbeitet an&nbsp;<strong>elektrischen Stimulationsprotokollen<\/strong>, die die Adaption umgehen, z.\u202fB. durch zuf\u00e4lliges wechselnde Elektrodenaktivierungen \u2013 quasi ein \u201ek\u00fcnstliches Mikro-ruckeln\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Sicherheit und Arbeitspl\u00e4tze<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberwachen eines gleichf\u00f6rmigen Radar- oder Kontrollbildschirms? Der Troxler-Effekt kann zu gef\u00e4hrlichen Ausblendungen f\u00fchren. Deshalb setzt man bewegte Overlays, periodische Helligkeits\u00e4nderungen oder automatische Bildschirmschoner mit langsamen \u00dcberg\u00e4ngen ein. Auch in der&nbsp;<strong>Qualit\u00e4tskontrolle<\/strong>&nbsp;(Pr\u00fcfung von Bauteilen am Flie\u00dfband) m\u00fcssen Pr\u00fcfer regelm\u00e4\u00dfig ihren Fixationspunkt wechseln \u2013 sonst \u00fcbersehen sie charakterlose Defekte in der Peripherie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Technische Parallelen: Was wir von der Natur lernen k\u00f6nnen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus elektrotechnischer Sicht \u00e4hnelt der Troxler-Effekt einem&nbsp;<strong>differentiellen Signalpfad mit Gleichspannungsunterdr\u00fcckung<\/strong>&nbsp;(DC-Block). Das visuelle System \u00fcbertr\u00e4gt nur \u00c4nderungen, nicht den absoluten Helligkeitswert \u2013 genau wie ein AC-gekoppelter Verst\u00e4rker. Ein kontrastarmes, unbewegtes Muster entspricht einer zeitlichen Konstantkomponente (f \u2248 0 Hz) \u2013 diese wird ausgefiltert. Mikrosakkaden erzeugen dagegen ein breites Frequenzspektrum mit Signalen &gt; 0,5 Hz, die erhalten bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Bauweise spart Energie: Die Retina und die nachgeschalteten Areale k\u00f6nnen mit geringer mittlerer Feuerrate arbeiten. Bei einem Tagesenergieverbrauch des Gehirns von etwa 20\u202fW (ganzer K\u00f6rper) ist die visuelle Verarbeitung einer der teuersten Prozesse \u2013 jede Einsparung z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der&nbsp;<strong>Roboter-Sensorik<\/strong>&nbsp;wird dieser Mechanismus heute k\u00fcnstlich nachgebaut:&nbsp;<strong>Event-basierte Kameras<\/strong>&nbsp;(Dynamic Vision Sensors) senden nur dann Daten, wenn sich an einem Pixel die Helligkeit \u00e4ndert. Sie sind extrem sparsam, schnell und unempfindlich gegen\u00fcber statischen Hintergr\u00fcnden \u2013 eine technische Inkarnation des Troxler-Prinzips.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ausblick: Was wir noch nicht wissen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz 220 Jahren Forschung bleiben offene Fragen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Wie genau beeinflusst die Aufmerksamkeit die Adaptation?<\/strong>\u00a0Gibt es kortikale R\u00fcckkopplungen, die die retinale Adaptation hemmen? Erste Studien mit fMRT zeigen, dass dorsale Aufmerksamkeitsnetzwerke den Troxler-Effekt abschw\u00e4chen k\u00f6nnen, aber der Mechanismus ist unklar.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Individuelle Unterschiede:<\/strong>\u00a0Manche Menschen sehen das Fading nach 3 Sekunden, andere nach 30 oder gar nicht. Sind dies Unterschiede in der Mikrosakkaden-Dynamik oder in der kortikalen Plastizit\u00e4t?<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Pathologie:<\/strong>\u00a0Bei Patienten mit Nystagmus (unwillk\u00fcrliche Augenbewegungen) tritt der Troxler-Effekt stark vermindert auf \u2013 sie haben gleichsam ein &#8222;permanent refresh&#8220;. Bei Parkinson-Patienten mit verminderter Sakkaden-Frequenz ist der Effekt verst\u00e4rkt. Kann man daraus diagnostische Marker entwickeln?<\/li>\n\n\n\n<li><strong>K\u00fcnstliche Kontraste:<\/strong>\u00a0K\u00f6nnen wir durch nicht-sichtbare Reize (z.\u202fB. kurzzeitige Infrarot-Blitze, die die Netzhaut nicht aktivieren) dennoch die Adaptation zur\u00fccksetzen? Das w\u00e4re ein Blended-Fading \u2013 technisch machbar, aber ethisch heikel.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Troxler-Effekt ist weit mehr als eine Spielerei f\u00fcr optische Illusionen. Er ist ein Fenster in die \u00d6konomie des Sehens \u2013 ein Beweis daf\u00fcr, dass Wahrnehmung ein dynamischer, aktiver Prozess ist, der permanente Irrelevanz l\u00f6scht, um Ressourcen f\u00fcr das Wesentliche freizuhalten. Vom Kunstwerk \u00fcber die Verkehrssicherheit bis zur Neuroprothetik pr\u00e4gt er unsere Technik und unser Verst\u00e4ndnis vom Gehirn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet das f\u00fcr Sie als Leser? N\u00e4chstes Mal, wenn Sie nachts einen gleichm\u00e4\u00dfig leuchtenden Wecker aus dem Augenwinkel zu verlieren scheinen \u2013 seien Sie sich sicher: Ihr Gehirn tut genau das, wof\u00fcr es sich \u00fcber Millionen Jahre optimiert hat. Es spart Energie f\u00fcr die n\u00e4chste Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Troxler, I. P. V. (1804).\u00a0<em>\u00dcber das Verschwinden gegebener Gegenst\u00e4nde innerhalb unseres Gesichtskreises<\/em>. In K. Himly &amp; J. A. Schmidt (Hrsg.),\u00a0<em>Ophthalmologische Bibliothek<\/em>\u00a0(Bd. 2, S. 1\u201353). Frommann.<\/li>\n\n\n\n<li>Martinez-Conde, S., Macknik, S. L., &amp; Hubel, D. H. (2004). The role of fixational eye movements in visual perception.\u00a0<em>Nature Reviews Neuroscience<\/em>, 5(3), 229\u2013240.<\/li>\n\n\n\n<li>Riggs, L. A., Ratliff, F., Cornsweet, J. C., &amp; Cornsweet, T. N. (1953). The disappearance of steadily fixated visual test objects.\u00a0<em>Journal of the Optical Society of America<\/em>, 43(6), 495\u2013501.<\/li>\n\n\n\n<li>Pessoa, L., &amp; De Weerd, P. (2003).\u00a0<em>Filling-in: From perceptual completion to cortical reorganization<\/em>. Oxford University Press.<\/li>\n\n\n\n<li>Coppola, D., &amp; Purves, D. (1996). The extraretinal control of saccadic eye movements and the Troxler effect.\u00a0<em>Proceedings of the National Academy of Sciences<\/em>, 93(15), 8012\u20138016.<\/li>\n\n\n\n<li>Arnold, D. H., &amp; Wallis, T. S. A. (2019). Perceptual fading of a stimulus with a feature opposite to the adaptor.\u00a0<em>Journal of Vision<\/em>, 19(8), 11.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kategorisierung<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Kategorie 1:\u00a0<strong>-alltagsphaenomene<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li>Kategorie 2:\u00a0<strong>-wissenspeicher<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schlagworte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Troxler-Effekt, periphere Wahrnehmung, neuronale Adaptation, Mikrosakkaden, visuelle T\u00e4uschung, Aufmerksamkeit, Sehphysiologie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Fixieren Sie einen Punkt an der Wand. Halten Sie den Blick starr. Mit den Augen nicht wandern, nicht blinzeln. 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