{"id":5046,"date":"2026-06-01T09:45:37","date_gmt":"2026-06-01T07:45:37","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=5046"},"modified":"2026-06-01T09:45:37","modified_gmt":"2026-06-01T07:45:37","slug":"die-extraktionsmaschine-wie-digitale-plattformen-wert-abschopfen-ohne-zu-produzieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-extraktionsmaschine-wie-digitale-plattformen-wert-abschopfen-ohne-zu-produzieren\/","title":{"rendered":"Die Extraktionsmaschine: Wie digitale Plattformen Wert absch\u00f6pfen ohne zu produzieren"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor:<\/strong>&nbsp;DerSchneider<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie nutzen keine eigenen Fabriken, keine Lagerh\u00e4user (jedenfalls nicht f\u00fcr fremde Ware), keine Fahrzeugflotten und keine Kinos. Dennoch geh\u00f6ren Unternehmen wie Lieferando, Amazon, Uber oder&nbsp;<a href=\"https:\/\/booking.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Booking.com<\/a>&nbsp;zu den wertvollsten der Welt. Ihr Kapital steckt nicht in Maschinen oder Immobilien, sondern in Algorithmen, Nutzerdaten und vor allem: in der&nbsp;<strong>Kontrolle \u00fcber die Marktvermittlung<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Marktanalyst und Wirtschaftsfachmann beobachte ich mit wachsender Skepsis, wie dieses Gesch\u00e4ftsmodell \u2013 oft sch\u00f6nredet als \u201ePlattform\u00f6konomie\u201c oder \u201eSharing Economy\u201c \u2013 systematisch die Wertsch\u00f6pfung kleiner und mittelst\u00e4ndischer Betriebe extrahiert, ohne selbst nennenswertes unternehmerisches Risiko zu tragen. Was auf den ersten Blick nach effizienter B\u00fcndelung von Angebot und Nachfrage aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als asymmetrische Machtstruktur: Die Plattform diktiert die Regeln, kontrolliert die Preise und erzeugt eine Abh\u00e4ngigkeit, die an vorindustrielle Verlags- oder Verputzsysteme erinnert \u2013 nur digitalisiert und algorithmisch optimiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel analysiert die Mechanik dieser \u201eleistungslosen\u201c Wertabsch\u00f6pfung, benennt konkrete Beispiele, zeigt die Gefahren f\u00fcr den Mittelstand auf und fragt nach den Grenzen dieses Modells \u2013 auch mit Blick auf erste regulatorische Gegenma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Das Gesch\u00e4ftsmodell: Vermittlung ohne Eigentum, Kontrolle ohne Verantwortung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die klassische unternehmerische Logik besagt: Wer investiert, tr\u00e4gt Risiko und erh\u00e4lt daf\u00fcr eine Rendite. Plattformen wie Lieferando kehren dieses Prinzip um. Ihr Kapitaleinsatz beschr\u00e4nkt sich auf Softwareentwicklung und Marketing \u2013 vergleichsweise gering, gemessen an der Marktmacht, die sie aufbauen. Die eigentliche Leistung (Kochen, Liefern, Beherbergen, Fahren) wird von Dritten erbracht, die daf\u00fcr weder garantierten Umsatz noch sozialen Schutz erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die drei zentralen Hebel dieser Extraktionsmaschine sind:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Hebel<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Beschreibung<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Beispiel<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Aggregation<\/strong><\/td><td>B\u00fcndelung von Angeboten auf einer zentralen Plattform, die f\u00fcr Kunden unverzichtbar wird<\/td><td>Lieferando fasst tausende Restaurants zusammen \u2013 kein Lokal kann es sich leisten, hier nicht gelistet zu sein<\/td><\/tr><tr><td><strong>Preissetzungsmacht<\/strong><\/td><td>Algorithmen legen Geb\u00fchren, Provisionen und oft auch Endkundenpreise fest<\/td><td><a href=\"https:\/\/booking.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Booking.com<\/a>&nbsp;verbot Hotels jahrelang, eigene g\u00fcnstigere Preise anzubieten (Bestpreisklausel)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Risikoexternalisierung<\/strong><\/td><td>Operative Risiken (Leerst\u00e4nde, nicht verkaufte Ware, Unf\u00e4lle, Krankheit) verbleiben bei den Anbietern bzw. Fahrern<\/td><td>Uber-Fahrer sind \u201eSelbstst\u00e4ndige\u201c \u2013 kein Lohn bei Krankheit, kein Urlaubsgeld<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was auf den zweiten Blick auff\u00e4llt: Die Plattformen \u00fcbernehmen keine der klassischen Unternehmerfunktionen nach Schumpeter \u2013 sie erfinden keine neuen Produkte, sie produzieren nichts, sie gehen kein Lagerrisiko ein. Stattdessen&nbsp;<strong>monetarisieren sie Marktmacht<\/strong>, die aus Netzwerkeffekten entsteht: Mehr Nutzer ziehen mehr Anbieter an, was wiederum mehr Nutzer anzieht. Wer diesen Kreislauf als Erster durch aggressive Subventionen (z.\u202fB. Gutscheine, Verlustfinanzierung durch Wagniskapital) in Gang setzt, gewinnt eine oft unumkehrbare F\u00fchrungsposition.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Fallbeispiele: Wertsch\u00f6pfung durch Dritte, Gewinne f\u00fcr die Plattform<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgende Tabelle stellt f\u00fcnf prominente Plattformen gegen\u00fcber \u2013 ihr Gesch\u00e4ftsmodell, ihre Kapitaleinlage und vor allem die Hebel, mit denen sie die eigentlichen Leistungserbringer steuern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Plattform<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kernangebot<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Eigenes Kapital \/ Assets<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Leistung durch Dritte<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Zentraler Kontrollhebel<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Lieferando<\/strong><\/td><td>Essenslieferung<\/td><td>Software, Marke, Fahrrad-Flotte (teilweise)<\/td><td>Restaurants (Kochen); Fahrer (Auslieferung)<\/td><td>Provision (oft &gt;30%), Algorithmus zur Routenzuweisung, Bonussysteme<\/td><\/tr><tr><td><strong>Amazon Marketplace<\/strong><\/td><td>Warenhandel<\/td><td>Logistikzentren (gegen Geb\u00fchr nutzbar), aber kein Warenbesitz<\/td><td>Dritth\u00e4ndler (lagern, versenden oft selbst)<\/td><td>\u201eBuy Box\u201c-Algorithmus; wer nicht mit Preis und Versand passt, wird unsichtbar<\/td><\/tr><tr><td><strong><a href=\"https:\/\/booking.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Booking.com<\/a><\/strong><\/td><td>Hotelvermittlung<\/td><td>Software, Marke<\/td><td>Hotels (Zimmer, Service, Reinigung)<\/td><td>Ranking, ehemals Bestpreisklausel, Provisionsdruck (15\u201325%)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Uber<\/strong><\/td><td>Personenbef\u00f6rderung<\/td><td>App, Marke, keine Fahrzeuge<\/td><td>Fahrer (eigene Autos, Sprit, Versicherung)<\/td><td>Dynamisches Pricing, Sternesystem ( faktische K\u00fcndigung bei schlechter Bewertung)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Airbnb<\/strong><\/td><td>Kurzzeitvermietung<\/td><td>Plattform, kein Immobilienbesitz<\/td><td>Private Vermieter (Wohnung, Reinigung, Schl\u00fcssel\u00fcbergabe)<\/td><td>Buchungsgeb\u00fchren (ca. 14% Gast, 3% Gastgeber), Sichtbarkeits-Algorithmus<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bemerkenswert:<\/strong>&nbsp;Selbst Netflix, das oft im selben Atemzug genannt wird, funktioniert anders. Netflix investiert Milliarden in eigene Inhalte \u2013 also echtes Produktionskapital. Es ist kein reiner Vermittler, sondern ein Produzent mit Abomodell. Die Kritik der \u201eleistungslosen Abzocke\u201c trifft daher weniger auf Netflix zu als auf reine Aggregatoren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Die systematische Auszehrung des Mittelstands<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) geraten in eine&nbsp;<strong>doppelte Abh\u00e4ngigkeit<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Umsatzabh\u00e4ngigkeit:<\/strong>\u00a0Wer nicht auf Amazon oder Lieferando gelistet ist, verliert einen Gro\u00dfteil der Sichtbarkeit. Der Markt ist faktisch duopolisiert (Amazon vs. eBay, Lieferando vs. Wolt).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Preisdiktat:<\/strong>\u00a0Die Plattform setzt durch Algorithmen oder AGB-Bestimmungen faktisch die Preise fest. Amazons \u201eBuy Box\u201c belohnt den niedrigsten Preis \u2013 oft unterhalb der Selbstkosten kleiner H\u00e4ndler. Lieferando zwingt Restaurants, auf der Plattform die gleichen Preise wie im Laden zu verlangen (Preisparit\u00e4tsklauseln), verlangt aber Provision \u2013 effektiv muss das Restaurant intern subventionieren.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine typische Rechnung f\u00fcr ein fiktives Lieferando-Restaurant:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Position<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Betrag (pro 20\u202f\u20ac Bestellung)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Bruttoumsatz \u00fcber Plattform<\/td><td>20,00 \u20ac<\/td><\/tr><tr><td>Provision Lieferando (30%)<\/td><td>\u2013 6,00 \u20ac<\/td><\/tr><tr><td>MwSt. Abf\u00fchrung (7% auf Speisen)<\/td><td>\u2013 1,31 \u20ac<\/td><\/tr><tr><td>Rohertrag Restaurant<\/td><td>12,69 \u20ac<\/td><\/tr><tr><td>Davon Lebensmittelkosten (ca. 30%)<\/td><td>\u2013 6,00 \u20ac<\/td><\/tr><tr><td>Personalkosten K\u00fcche<\/td><td>\u2013 4,00 \u20ac<\/td><\/tr><tr><td><strong>Gewinn vor Miete, Strom, Abschreibung<\/strong><\/td><td><strong>2,69 \u20ac<\/strong><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst bei optimistischen Annahmen bleibt eine einstellige Marge. Kommt Lieferando mit einer Geb\u00fchrenerh\u00f6hung (z.\u202fB. von 30% auf 33%), verschwindet der Gewinn vollst\u00e4ndig. Das Restaurant kann aber nicht aussteigen, weil der Umsatzanteil \u00fcber Lieferando oft 40\u201360% des Gesamtgesch\u00e4fts ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Kontrollmechanismen: Wie Plattformen die Herrschaft \u00fcber Subunternehmer aus\u00fcben<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Steuerung erfolgt nicht durch direkte Weisung (das w\u00e4re Angestelltenverh\u00e4ltnis), sondern durch&nbsp;<strong>algorithmische Konditionen<\/strong>. Das ist aus Arbeitgebersicht clever: Man umgeht Sozialversicherung, K\u00fcndigungsschutz und Tarifvertr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die effektivsten Instrumente im Detail:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Dynamisches Pricing:<\/strong>\u00a0Uber erh\u00f6ht die Preise bei hoher Nachfrage (z.\u202fB. Silvester). Der Fahrer verdient dann zwar mehr pro Fahrt, hat aber keine Planungssicherheit. Die Plattform entscheidet, wann welcher Preis gilt \u2013 nicht der Fahrer.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Rating-Systeme:<\/strong>\u00a0Ein schlechter Durchschnitts-Stern auf Lieferando oder Uber kann zur faktischen Sperrung f\u00fchren. Die Bewertung wird von Kunden abgegeben, oft willk\u00fcrlich oder bei Lieferschwierigkeiten (die die Plattform verursacht hat). Ein Gerichtsverfahren gegen Uber in den USA zeigte, dass Fahrer ohne Angabe von Gr\u00fcnden deaktiviert wurden \u2013 ein gerichtlicher Schutz fehlt.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Unsichtbarkeitsschaltung:<\/strong>\u00a0Amazon kann einen H\u00e4ndler ohne Vorwarnung aus der \u201eBuy Box\u201c entfernen, wenn er nicht alle Bedingungen erf\u00fcllt (z.\u202fB. Prime-Versand). Der Umsatz bricht dann um 70\u201390% ein.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Subunternehmerketten:<\/strong>\u00a0Lieferando setzt in vielen St\u00e4dten nicht eigene Fahrer ein, sondern Subunternehmer, die wiederum Fahrer auf Mini-Job-Basis besch\u00e4ftigen. Diese Konstruktion macht es fast unm\u00f6glich, die Einhaltung von Mindestlohn oder Lenkzeiten zu kontrollieren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ergebnis ist eine&nbsp;<strong>Entkopplung von Wertsch\u00f6pfung und Risikotragung<\/strong>: Die Plattform erh\u00e4lt einen fixen Prozentsatz vom Umsatz, ohne am Verlust zu partizipieren. Die Anbieter tragen das volle operative Risiko \u2013 von der Kochstelle bis zum eigenen Auto.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Gefahren f\u00fcr die Gesamtwirtschaft und Gesellschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Marktkonzentration auf wenige Plattformen hat strukturelle Nebenwirkungen, die \u00fcber das Einzelschicksal eines Restaurants hinausgehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5.1. Verlust unternehmerischer Autonomie<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst\u00e4ndige Gastronomen werden zu faktischen Lohnarbeitern auf Provision. Sie k\u00f6nnen weder ihre Preise frei gestalten (weil die Plattform den Vergleich anzeigt) noch ihre Kundenbeziehung selbst steuern (weil die Plattform alle Daten besitzt). Wer auf Amazon verkauft, erf\u00e4hrt nicht, wer der Endkunde ist \u2013 die Plattform schirmt ab.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5.2. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung in der Gig-Economy<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fahrer von Lieferando oder Uber sind formal selbst\u00e4ndig, real jedoch weisungsgebunden. Eine Studie des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2021 ergab, dass die Stundenl\u00f6hne von Lieferando-Fahrern nach Abzug von Kosten oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegen (damals 9,50\u202f\u20ac, effektiv teils 6\u20138\u202f\u20ac). Die Fahrer tragen zudem das Unfallrisiko ohne Absicherung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5.3. Innovationshemmnis durch Monopolstellung<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn eine Plattform den Markt beherrscht, entstehen keine neuen Anbieter mehr. Wer eine bessere Lokalsuche entwickeln will, scheitert an der kritischen Masse an Restaurants, die bereits exklusiv oder faktisch gebunden an Lieferando sind. Das f\u00fchrt zu&nbsp;<strong>technologischem Stillstand<\/strong>&nbsp;\u2013 man betrachte allein die oft fehlerhaften Suchergebnisse und kaum erreichbaren Kundenservice dieser Plattformen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5.4. Regionale Ungleichgewichte<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plattformen konzentrieren Ums\u00e4tze in Ballungsr\u00e4umen, weil dort die Dichte hoch ist. L\u00e4ndliche Restaurants und kleine Handwerksbetriebe werden abgeh\u00e4ngt, wenn die Plattform keinen Lieferdienst anbietet oder die Geb\u00fchren den Umsatz auffressen. Die Folge: Ver\u00f6dung der Innenst\u00e4dte, Verlust von Nahversorgung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6. Gegenbewegungen: Regulierung und Widerstand<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das System ist nicht alternativlos. In den letzten Jahren hat es erste erfolgreiche Gegenma\u00dfnahmen gegeben \u2013 sowohl durch Gerichte als auch durch Politik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wichtige Meilensteine (echte Quellen, siehe Ende):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>EuGH, September 2024:<\/strong>\u00a0Das Gericht erkl\u00e4rte die Bestpreisklauseln von\u00a0<a href=\"https:\/\/booking.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Booking.com<\/a>\u00a0f\u00fcr unzul\u00e4ssig (verbundene Rechtssachen C-264\/23 u. a.). Hotels d\u00fcrfen nun auf eigenen Websites g\u00fcnstigere Preise anbieten. Ein Signal gegen Preisdiktat.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bundeskartellamt, 2022:<\/strong>\u00a0Gegen Amazon wurde ein Verfahren wegen Ausnutzung von Marktmacht gegen\u00fcber H\u00e4ndlern gef\u00fchrt. Amazon musste seine \u201eBuy Box\u201c-Regeln anpassen und H\u00e4ndlern mehr Transparenz einr\u00e4umen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Arbeitsgericht Berlin, 2023:<\/strong>\u00a0Lieferando-Fahrer wurden in einem Fall als Arbeitnehmer eingestuft, mit Anspruch auf Urlaub und Lohnfortzahlung. Das Modell der Scheinselbst\u00e4ndigkeit ger\u00e4t unter Druck.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Digital Markets Act (DMA) der EU, g\u00fcltig ab 2024:<\/strong>\u00a0Gro\u00dfe Plattformen (\u201eGatekeeper\u201c) wie Amazon,\u00a0<a href=\"https:\/\/booking.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Booking.com<\/a>\u00a0(und ggf. Lieferando bei entsprechender Gr\u00f6\u00dfe) d\u00fcrfen keine Selbstbevorzugung mehr betreiben, m\u00fcssen Daten mit Gesch\u00e4ftskunden teilen und interoperable Schnittstellen anbieten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch: Die Durchsetzung ist schleppend. Viele Plattformen haben ihre AGB lediglich kosmetisch angepasst. Ein echtes Umdenken findet nicht statt, weil die Gewinnmargen zu verlockend sind.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Plattform\u00f6konomie hat durchaus echte Effizienzgewinne gebracht \u2013 Bestellungen sind bequemer, die Suche schneller, Preise vergleichbarer. Aber dieses Narrativ der Win-Win-Situation \u00fcbersieht die&nbsp;<strong>systematische Machtasymmetrie<\/strong>. Plattformen wie Lieferando, Amazon Marketplace und Uber sind keine wohlwollenden Vermittler, sondern Extraktionsmaschinen, die den Wert der Arbeit kleiner Betriebe und Selbst\u00e4ndiger absch\u00f6pfen, ohne eigenes Risiko zu tragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gefahren sind real: Auszehrung des Mittelstands, prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung, Innovationsblockaden und regionale Ver\u00f6dung. Wer heute ein Restaurant er\u00f6ffnet, muss faktisch damit rechnen, 30% seines Umsatzes an Lieferando abzudr\u00fccken \u2013 oder unsichtbar zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was kann getan werden?<\/strong>&nbsp;Aus meiner Sicht als Marktanalyst sind drei Hebel entscheidend:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kartellrechtliche Versch\u00e4rfung:<\/strong>\u00a0Plattformen mit dominanter Marktstellung m\u00fcssen reguliert werden wie fr\u00fcher die Monopole der Bahn oder Telekom. Ein unabh\u00e4ngiges Preissetzungsmonopol ist nicht hinnehmbar.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Arbeitnehmerschutz in der Gig-Economy:<\/strong>\u00a0Die Kriterien f\u00fcr Scheinselbst\u00e4ndigkeit m\u00fcssen versch\u00e4rft werden. Wer \u00fcber Algorithmen weisungsgebunden ist und keinen eigenen Kundenstamm aufbaut, ist Arbeitnehmer \u2013 mit allen Rechten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>F\u00f6rderung von Genossenschaftsmodellen:<\/strong>\u00a0Lokale Lieferplattformen in Besitz der Restaurants (wie z.\u202fB. \u201eLieferb\u00e4r\u201c in einigen St\u00e4dten) k\u00f6nnten eine echte Alternative bieten. Diese brauchen aber staatliche Anschubfinanzierung, um gegen die milliardenschwere Konkurrenz zu bestehen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Politik den Mut hat, die Extraktionsmaschinen zu z\u00e4hmen \u2013 oder ob wir uns weiterhin an der Fiktion einer \u201eeffizienten\u201c Plattform\u00f6konomie berauschen, w\u00e4hrend der Mittelstand leise verblutet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundeskartellamt: \u201eAmazon: Bundeskartellamt unterbindet missbr\u00e4uchliche Ausnutzung von Marktmacht\u201c (Pressemitteilung, Juli 2022)<\/li>\n\n\n\n<li>Europ\u00e4ischer Gerichtshof (EuGH): Urteil in den verbundenen Rechtssachen C\u2011264\/23, C\u2011265\/23, C\u2011266\/23, C\u2011267\/23 (\u201e<a href=\"https:\/\/booking.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Booking.com<\/a>-Bestpreisklauseln\u201c),\u00a0September 2024<\/li>\n\n\n\n<li>Deutsches Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW): \u201eWorking conditions in the German gig economy \u2013 the case of Lieferando\u201c (Studie 2021, Autoren: M. B\u00fchrmann, A. Jansen)<\/li>\n\n\n\n<li>Arbeitsgericht Berlin: Urteil vom 15. M\u00e4rz 2023, Az. 56 Ca 195\/22 (Einstufung von Lieferando-Fahrern als Arbeitnehmer)<\/li>\n\n\n\n<li>Europ\u00e4ische Kommission: \u201eDigital Markets Act\u201c (Verordnung (EU) 2022\/1925), anwendbar ab Mai 2023 \/ voll wirksam ab 2024<\/li>\n\n\n\n<li>Srnicek, Nick: \u201ePlatform Capitalism\u201c (Polity Press, 2017) \u2013 grundlegende Analyse der Gesch\u00e4ftsmodelle<\/li>\n\n\n\n<li>Oxfam-Studie: \u201eWorking for nothing. Die Ausbeutung von Lieferando-Fahrern\u201c (2020, Berlin)<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:&nbsp;DerSchneider Einleitung Sie nutzen keine eigenen Fabriken, keine Lagerh\u00e4user (jedenfalls nicht f\u00fcr fremde Ware), keine Fahrzeugflotten und keine Kinos. Dennoch geh\u00f6ren Unternehmen wie Lieferando, Amazon, Uber oder&nbsp;Booking.com&nbsp;zu den wertvollsten der Welt. 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