{"id":5291,"date":"2026-06-14T05:21:00","date_gmt":"2026-06-14T03:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/g7itchme.wordpress.com\/?p=5291"},"modified":"2026-06-14T05:21:00","modified_gmt":"2026-06-14T03:21:00","slug":"die-unsichtbare-front-moral-trauma-und-die-seele-des-deutschen-soldaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-unsichtbare-front-moral-trauma-und-die-seele-des-deutschen-soldaten\/","title":{"rendered":"Die unsichtbare Front: Moral, Trauma und die Seele des deutschen Soldaten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein warmer Abend im Kosovo, 1999. Ein junger deutscher Sanit\u00e4ter, 21 Jahre alt, steht nach einem Handgranatenangriff hinter einem gepanzerten Fuchs. Ein norwegischer Soldat dr\u00fcckt ihm ein kleines M\u00e4dchen in die Arme \u2013 beide Beine abgerissen, \u00fcberall Schrapnellverletzungen. Wenige Minuten sp\u00e4ter stirbt das Kind in seinen H\u00e4nden. Dies ist keine Szene aus einem Hollywood-Film, sondern der Beginn einer 27-j\u00e4hrigen Karriere, die einen Menschen durch f\u00fcnf Kosovo-Eins\u00e4tze, den Tsunami in Banda Aceh und mehrere Afghanistan-Missionen f\u00fchren sollte. Der Veteran, der sich \u201eFoco\u201c nennt, beschreibt in einem mehr als zweist\u00fcndigen Podcast-Interview mit Tom R\u00fcchel, was Krieg mit der menschlichen Psyche anrichtet \u2013 und an welchem Punkt er seine Moral verlor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel zeichnet nicht nur die Stationen eines Soldatenlebens nach. Er fragt nach den systemischen Bedingungen, unter denen deutsche Soldaten seit den 1990er Jahren in Auslandseins\u00e4tze geschickt wurden und werden. Er beleuchtet die psychischen Kosten des Dienens, die Diskrepanz zwischen politischen Friedensnarrativen und erfahrener Gewalt sowie die gesellschaftliche Anerkennung \u2013 oder deren Fehlen. Auf Basis des ausf\u00fchrlichen Podcast-Transkripts, erg\u00e4nzt um Forschungsergebnisse der Wehrmedizin und Berichte des Wehrbeauftragten, entsteht ein differenziertes Bild dessen, was es bedeutet, f\u00fcr Deutschland in den Krieg zu ziehen \u2013 ohne selbst zu wissen, woran man eigentlich glauben soll.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hauptteil<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Vom Abenteurer zum traumatisierten Roboter \u2013 der Weg des \u201eFoco\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foco w\u00e4chst in Ludwigshafen auf, ohne feste Strukturen. Die Mutter ist esoterisch orientiert, der Vater Musiker f\u00fcr Bollywood-Filme. Was fehlt, ist der geregelte Tagesablauf \u2013 gemeinsames Fr\u00fchst\u00fcck, feste Essenszeiten. Der junge Mann sucht Halt, Disziplin, einen klaren Rahmen. Die Bundeswehr bietet das: Grundausbildung, Uniform, Kameradschaft. 1996 tritt er ein, zun\u00e4chst aus pragmatischen Gr\u00fcnden \u2013 \u201ekeine Lust auf BASF\u201c \u2013 und aus Abenteuerlust. \u201eF\u00fcr mich war das pures Abenteuer\u201c, sagt er. Die politische Lage im Kosovo interessiert ihn damals nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Jahre sp\u00e4ter, im Oktober 1999, marschiert er als einer der ersten deutschen Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg mit Kampfeinheiten in ein fremdes Land. Offiziell hei\u00dft es \u201ehumanit\u00e4re Hilfe\u201c und \u201eFriedensmission\u201c. Die Realit\u00e4t ist eine andere: ethnische S\u00e4uberungen, Massengr\u00e4ber, Stra\u00dfenk\u00e4mpfe. Der Fall des kleinen M\u00e4dchens auf der Br\u00fccke von Mitrovica ist sein erster direkter Kontakt mit dem Tod eines Unschuldigen. \u201eDas war das erste Mal, dass ich realisiert habe: Das ist kein Frieden, das ist Krieg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was folgt, ist ein Muster, das sich durch seine gesamte Laufbahn zieht: Einsatz \u2013 R\u00fcckkehr \u2013 n\u00e4chster Lehrgang \u2013 n\u00e4chster Einsatz. Keine Zeit zum Verarbeiten. Zwischen 1999 und 2015 verbringt Foco insgesamt \u00fcber f\u00fcnf Jahre in Kriegs- und Katastrophengebieten. Er wird Zeuge von Ehrenmorden, exekutierten Frauen und Kindern, hilft bei der Bergung von Massengr\u00e4bern nach dem Tsunami 2004, bei denen er bis zu den Knien in Leichen steht. Und er t\u00f6tet selbst \u2013 2010 in Afghanistan, nach einem Hubschrauberabschuss, im Gefecht gegen etwa 70 Taliban. Gesch\u00e4tzt 18 Gegner fallen durch seine Hand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ihn am Ende bricht, ist jedoch nicht der Feind. Es ist der Moment, in dem er zusehen muss, wie ein Dorf\u00e4ltester nach den Regeln der Scharia ein 16-j\u00e4hriges M\u00e4dchen steinigen l\u00e4sst \u2013 wegen angeblichen Ehebruchs ihres Mannes. \u201eAm liebsten h\u00e4tte ich meine Waffe hochgenommen und jeden weggeballert\u201c, sagt er. \u201eAber wir w\u00e4ren alle gestorben.\u201c Und dann: \u201eDas war der Moment, wo ich meine Moral verloren habe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Zwischen Befehl und Gewissen \u2013 Die Zerrei\u00dfprobe des Soldaten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Focos Geschichte wirft eine grundlegende ethische Frage auf: Darf ein Soldat seinen eigenen moralischen Kompass behalten, wenn die Einsatzrealit\u00e4t ihn t\u00e4glich mit Gr\u00e4ueltaten konfrontiert, die er nicht verhindern kann?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bundeswehr versteht sich als \u201eParlamentsarmee\u201c. Jeder Auslandseinsatz bedarf der Zustimmung des Bundestags. Die Soldaten handeln im Rahmen des V\u00f6lkerrechts, der Rules of Engagement (ROE). Doch ROE sch\u00fctzen nicht vor moralischen Dilemmata. Im Kosovo 1999 etwa durften deutsche Soldaten nicht in K\u00e4mpfe zwischen Serben und Kosovo-Albanern eingreifen, solange sie selbst nicht beschossen wurden. Sie waren Beobachter, Separatoren \u2013 und manchmal ohnm\u00e4chtige Zeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foco berichtet von einer Hausdurchsuchung mit Sprengstoffexperten, bei der sie auf eine ermordete Familie sto\u00dfen: Die Mutter mit fast abgetrenntem Kopf, drei junge M\u00e4nner mit Schrotflinten erschossen, eine vergewaltigte Teenagerin mit Messer im Hals, ein verdursteter S\u00e4ugling im rosa Kinderzimmer. Seine Aufgabe: Dem Arzt assistieren, den Tod dokumentieren. Keine Intervention. Keine Verhaftung. Nur Protokoll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Psychologie kennt hierf\u00fcr den Begriff der \u201emoral injury\u201c \u2013 der moralischen Verletzung. Anders als die posttraumatische Belastungsst\u00f6rung (PTBS), die auf Angst und Bedrohung basiert, entsteht moral injury aus Handlungen oder Unterlassungen, die im Widerspruch zu den eigenen Werten stehen. Ein Soldat, der zusehen muss, wie ein Kind stirbt, weil er nicht eingreifen darf \u2013 das hinterl\u00e4sst Narben, die keine k\u00f6rperliche Wunde sichtbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Studie des Bundeswehrforschungsinstituts f\u00fcr Wehrmedizin aus dem Jahr 2018 zeigt, dass etwa 10 bis 15 Prozent der deutschen Einsatzsoldaten nach ihrer R\u00fcckkehr Symptome einer PTBS oder einer schweren Anpassungsst\u00f6rung entwickeln. Die Dunkelziffer liegt vermutlich h\u00f6her, da viele Betroffene aus Angst vor Karrierenachteilen oder Stigmatisierung schweigen. Foco selbst schweigt 16 Jahre lang \u2013 bis seine Frau ihm ein Ultimatum stellt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Systemversagen oder Einzelschicksal? Die Nachsorge bei der Bundeswehr<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Focos Weg in die Therapie ist holprig. Er verschlei\u00dft mehrere Psychologen, wird als \u201ezu krass\u201c abgewiesen, erlebt einen Zusammenbruch im Bundeswehrkrankenhaus Berlin, bei dem er einen Arzt anbr\u00fcllt. Erst ein erfahrener Chefarzt kann ihn erreichen. \u00dcber 300 Therapiestunden, davon 180 spezifische Traumatherapie, sind n\u00f6tig, um ihm zu helfen, mit seinen Bildern zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage, ob die Bundeswehr ihre Soldaten im Einsatz ausreichend psychologisch vorbereitet und nachbereitet, ist seit Jahren Gegenstand politischer Debatten. Ein Meilenstein war die Einf\u00fchrung des \u201eEinsatz-Nachsorge-Programms\u201c (ENP) im Jahr 2011, das standardisierte psychologische Gespr\u00e4che vor, w\u00e4hrend und nach Auslandseins\u00e4tzen vorsieht. Doch Kritiker bem\u00e4ngeln, dass die Inhalte oft oberfl\u00e4chlich bleiben und Soldaten mit schwereren Traumata immer noch zu lange warten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Dr. Hans-Peter Bartels (SPD, sp\u00e4ter Eva H\u00f6gl), hat wiederholt auf unzureichende Kapazit\u00e4ten in der wehrmedizinischen Traumatherapie hingewiesen. Ein Bericht von 2021 stellte fest, dass die Wartezeiten auf einen Therapieplatz beim Facharzt f\u00fcr Psychiatrie in manchen Regionen sechs Monate \u00fcberschreiten \u2013 f\u00fcr einen Soldaten mit akuten Flashbacks eine Ewigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foco erlebte dies anders: Er fand letztlich Hilfe, aber erst nach jahrelangem Schweigen. Dass er heute \u00f6ffentlich spricht, ist f\u00fcr ihn selbst Teil der Therapie. \u201eIch brauche das, ich muss auf die B\u00fchne, muss das erz\u00e4hlen, weil das eine Therapie f\u00fcr mich ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Die vergessenen Helden? Gesellschaftliche Anerkennung deutscher Veteranen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wiederkehrender Schmerzpunkt in Focos Bericht ist die mangelnde Wertsch\u00e4tzung. Nach seiner R\u00fcckkehr aus dem Kosovo 1999 landete er mit der Maschine im Gep\u00e4ckbereich des Flughafens Leipzig \u2013 keine Begr\u00fc\u00dfung, keine \u00d6ffentlichkeit. \u201eEs war jedem egal.\u201c Kameraden von ihm wurden auf deutschen Bahnh\u00f6fen angespuckt, weil sie Uniform trugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Veteranengedenken schlecht da. Die USA haben den \u201eVeterans Day\u201c und eine Kultur des \u201eThank you for your service\u201c. Gro\u00dfbritannien ehrt seine Veteranen mit dem \u201eRemembrance Day\u201c. Deutschland hingegen f\u00fchrte erst 2019 einen eigenen \u201eVeteranentag\u201c ein \u2013 und Foco berichtet, dass dort mehr linke Demonstranten als interessierte Zuschauer anwesend waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ursachen sind vielschichtig. Zum einen die deutsche Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber allem Milit\u00e4rischen, bedingt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zum anderen eine Naivit\u00e4t in der Bev\u00f6lkerung: Viele wissen nicht, dass deutsche Soldaten seit 1992 in immer neue Eins\u00e4tze geschickt wurden \u2013 vom Kosovo \u00fcber Afghanistan bis Mali. Foco sagt: \u201eWenn ich mit Leuten spreche, fragen die oft: &#8218;Ist der 110, dass er im Zweiten Weltkrieg gedient hat?&#8217;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei leisteten deutsche Soldaten in den letzten drei Jahrzehnten Beachtliches: Humanit\u00e4re Hilfe nach dem Tsunami, Evakuierungsmissionen aus Kabul, Schutz von Zivilisten vor den Taliban. Aber die \u00f6ffentliche Wahrnehmung bleibt von Skandalen (Rechtsextremismus-Verdacht, schlechte Ausr\u00fcstung, \u201eSchweinekopf\u201c-Aff\u00e4re) gepr\u00e4gt. Die positiven Leistungen \u2013 und die seelischen Kosten \u2013 finden kaum statt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">5. Moral im Zerfall \u2013 Was bleibt, wenn alle Seiten schuldig sind?<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die tiefste Z\u00e4sur in Focos Erz\u00e4hlung ist nicht der Beschuss oder die eigene Verwundung. Es ist die Erkenntnis, dass die Grenze zwischen \u201egut\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c im Krieg verschwimmt. Die Dorfgemeinschaft, die er eigentlich als Verb\u00fcndete betrachtet (weil sie ein Waffenversteck der Taliban verr\u00e4t), exekutiert vor seinen Augen ein M\u00e4dchen nach den Regeln der Scharia. Die Frauen sind die brutalsten Steinwerfer. Die Kinder spielen danach weiter Fangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eF\u00fcr mich ist da keiner gut\u201c, sagt Foco. Weder die Taliban noch die sogenannten \u201eGotteskrieger\u201c, mit denen er zeitweise zusammenarbeitet. Auch die afghanische Regierung, die Deutschland unterst\u00fctzt, l\u00e4sst solche Praktiken zu. Und die deutsche Politik? Sie verhandelt Jahre sp\u00e4ter mit den Taliban, will deren Flagge im Bundestag hissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Erfahrung f\u00fchrt zu einer tiefen moralischen Verunsicherung. Wof\u00fcr hat er gek\u00e4mpft? F\u00fcr wen? Foco findet keine einfache Antwort. Heute bezeichnet er sich selbst als \u201ePazifisten\u201c. \u201eKrieg ist einfach dumm. Jeder verliert da drin. Es gibt keinen Sieger im Krieg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig betont er, dass er seine Kameraden nie im Stich lie\u00df und seinen Auftrag erf\u00fcllte \u2013 aus Pflichtbewusstsein, nicht aus \u00dcberzeugung. Diese innere Spaltung ist typisch f\u00fcr viele Veteranen: Sie handelten professionalisiert, aber sie verloren den Glauben an den Sinn ihres Tuns.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6. Wege zur\u00fcck ins Leben \u2013 Das FR-System als Bew\u00e4ltigungsstrategie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus seiner langen Therapie hat Foco ein eigenes System abgeleitet, das er das \u201eFR-System\u201c nennt: Fokus, Anstellungsbereitschaft, Routine.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Fokus:<\/strong>\u00a0Ein klares Ziel ohne Plan B. \u201eWenn du einen Plan B hast, wirst du deinen Plan A niemals mit aller Kraft verfolgen.\u201c<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Anstellungsbereitschaft:<\/strong>\u00a0Jeden Tag einen kleinen Schritt aus der Komfortzone. Nach seiner PTBS konnte er anfangs das Haus nicht verlassen. Er zwang sich, jeden Tag ein paar Minuten l\u00e4nger drau\u00dfen zu bleiben.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Routine:<\/strong>\u00a0Strukturierte Tagesabl\u00e4ufe (4:45 Uhr aufstehen, 22 Uhr ins Bett, gesunde Ern\u00e4hrung) geben Halt, wenn der Kopf Chaos produziert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Prinzipien sind keine Wundermittel, aber sie illustrieren, wie Trauma-Bew\u00e4ltigung praktisch aussehen kann: nicht durch Verdr\u00e4ngen, sondern durch aktives Neu-Gestalten des Lebens. Die Wissenschaft best\u00e4tigt, dass regelm\u00e4\u00dfige Routinen und k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t die Symptome von PTBS lindern k\u00f6nnen (vgl. American Psychological Association, 2017). Foco lebt das vor \u2013 und ermutigt andere, es ihm gleichzutun.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit und Ausblick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Interview mit Foco ist mehr als ein weiteres Kriegsveteranen-Portr\u00e4t. Es ist ein Seismograf f\u00fcr die verborgenen Kosten deutscher Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik. Hunderttausende Soldaten durchliefen in den letzten 30 Jahren die Eins\u00e4tze \u2013 viele kehrten mit unsichtbaren Wunden zur\u00fcck. Die Politik hat reagiert, mit dem Veteranentag, mit verbesserten Nachsorgeprogrammen. Doch die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bleibt gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Lehren lassen sich aus Focos Geschichte ziehen:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Ehrlichkeit \u00fcber den Charakter von Eins\u00e4tzen:<\/strong>\u00a0Die Bundeswehr sollte nicht mehr von \u201eFriedensmissionen\u201c sprechen, wenn tats\u00e4chlich Krieg herrscht. Das sch\u00fctzt die Soldaten nicht \u2013 es macht sie nur naiver gegen\u00fcber der Realit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Entstigmatisierung psychischer Verletzungen:<\/strong>\u00a0Foco sch\u00e4mte sich lange, Hilfe zu suchen, weil er als \u201eharter Kerl\u201c gelten wollte. Die Bundeswehr und die Gesellschaft m\u00fcssen klarmachen: Eine PTBS oder moral injury ist keine Schw\u00e4che, sondern eine Berufskrankheit von Menschen, die das Schlimmste gesehen haben.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Gesellschaftliche Anerkennung:<\/strong>\u00a0Man muss nicht milit\u00e4rischen Aktionismus feiern. Aber wer im Namen Deutschlands ins Ausland geht und dort leidet, verdient Respekt \u2013 unabh\u00e4ngig von der politischen Bewertung des jeweiligen Einsatzes.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foco selbst blickt nach vorn. Er wird weiterhin auf B\u00fchnen stehen, seine Geschichte erz\u00e4hlen, andere Veteranen ermutigen. Sein n\u00e4chstes Ziel: ein Benefit-Konzert f\u00fcr Veteranen in Bochum. Privat freut er sich auf den ersten Urlaub mit seiner Frau ohne Kinder seit vielen Jahren. Und er ist stolz darauf, dass sein Sohn sich ebenfalls f\u00fcr die Bundeswehr entschieden hat \u2013 als Flugger\u00e4temechaniker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Dass selbst nach all dem Grauen ein Mensch weiterleben, lieben und sogar Hoffnung f\u00fcr die n\u00e4chste Generation empfinden kann. Nicht als Captain America, sondern als verwundbarer, aber heilender Mensch.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Podcast-Interview: Tom R\u00fcchel Podcast mit \u201eFoco\u201c (Veteran), Transkript [YouTube, 2024\/2025]<\/li>\n\n\n\n<li>Bundeswehrforschungsinstitut f\u00fcr Wehrmedizin und Wehrpharmakologie: \u201ePsychische Gesundheit nach Auslandseins\u00e4tzen\u201c, M\u00fcnchen\/Berlin, diverse Jahresberichte (u.a. 2018)<\/li>\n\n\n\n<li>Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages: Jahresberichte 2020, 2021, 2022 (insb. Kapitel zur psychosozialen Nachsorge)<\/li>\n\n\n\n<li>American Psychological Association: \u201eClinical Practice Guideline for the Treatment of Posttraumatic Stress Disorder\u201c, 2017<\/li>\n\n\n\n<li>Bartels, Hans-Peter (2019): \u201eAuftrag f\u00fcr morgen \u2013 Die Bundeswehr und ihre Veteranen\u201c, Bundestagsdrucksache 19\/12000 (Enquete-Kommission)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Es ist ein warmer Abend im Kosovo, 1999. Ein junger deutscher Sanit\u00e4ter, 21 Jahre alt, steht nach einem Handgranatenangriff hinter einem gepanzerten Fuchs. Ein norwegischer Soldat dr\u00fcckt ihm ein kleines M\u00e4dchen in die Arme \u2013 beide Beine abgerissen, \u00fcberall Schrapnellverletzungen. Wenige Minuten sp\u00e4ter stirbt das Kind in seinen H\u00e4nden. 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