{"id":5733,"date":"2026-06-24T16:07:24","date_gmt":"2026-06-24T16:07:24","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=5733"},"modified":"2026-06-24T16:07:25","modified_gmt":"2026-06-24T16:07:25","slug":"die-erde-wiegen-henry-cavendishs-meisterstueck-mit-der-torsionswaage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-erde-wiegen-henry-cavendishs-meisterstueck-mit-der-torsionswaage\/","title":{"rendered":"Die Erde wiegen: Henry Cavendishs Meisterst\u00fcck mit der Torsionswaage"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage nach der Masse der Erde, ja, nach dem tats\u00e4chlichen &#8222;Gewicht&#8220; unseres Planeten, besch\u00e4ftigte die Menschheit schon lange, bevor sie \u00fcberhaupt eine klare Vorstellung von einer globalen Gravitationskonstante hatte. Sir Isaac Newton hatte zwar im 17. Jahrhundert die Gesetze der Anziehung formuliert und postuliert, dass die Anziehungskraft zwischen zwei K\u00f6rpern proportional zu ihren Massen und umgekehrt proportional zum Quadrat ihres Abstandes sei, jedoch fehlte ihm der entscheidende Proportionalit\u00e4tsfaktor. Ihm gelang es nicht, diesen empirisch zu bestimmen, denn die Gravitationskraft zwischen zwei \u00fcberschaubaren Massen auf der Erde ist so verschwindend gering, dass sie sich jeder direkten Messung zu entziehen schien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies sollte sich erst ein Jahrhundert sp\u00e4ter \u00e4ndern: einem sch\u00fcchternen, exzentrischen britischen Naturwissenschaftler namens Henry Cavendish. Mit einer genialen, von einem anderen Gelehrten erdachten Apparatur gelang ihm 1798 das, was als das &#8222;Wiegen der Erde&#8220; in die Annalen der Physik eingehen sollte. Sein Experiment mit der&nbsp;<strong>Torsionswaage<\/strong>&nbsp;stellt nicht nur einen Meilenstein der experimentellen Physik dar, sondern legte auch den Grundstein f\u00fcr unser modernes Verst\u00e4ndnis der fundamentalen Gravitationskonstante.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Who is Who der Entdeckung: Hintergr\u00fcnde und K\u00f6pfe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Weg zu Cavendishs Triumph begann jedoch woanders. Die Idee und das grundlegende Design der Apparatur stammten urspr\u00fcnglich von John Michell, einem Geistlichen, Geologen und Astronomen. Michell erdachte bereits eine Methode zur Messung der Gravitationskraft, verstarb jedoch 1793, bevor er sein Vorhaben umsetzen konnte. Seine Apparatur gelangte nach seinem Tod in die H\u00e4nde von Henry Cavendish, der diese nicht nur \u00fcbernahm, sondern durch seine akribische Genauigkeit und sein bemerkenswertes Gesp\u00fcr f\u00fcr experimentelle Fehlerquellen perfektionierte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Henry Cavendish: Der exzentrische Forscher<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henry Cavendish (1731\u20131810) war eine der schillerndsten und zugleich r\u00e4tselhaftesten Figuren der Wissenschaftsgeschichte. Geboren in eine hochadelige Familie, galt er zeitlebens als \u00e4u\u00dferst scheu, eigenbr\u00f6tlerisch und sozial unbeholfen \u2013 eine Pers\u00f6nlichkeitsstruktur, die aus heutiger Sicht auf ein m\u00f6gliches autistisches Spektrum hindeuten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Weiblichkeit war so \u00fcbertrieben, dass er jeglichen Kontakt mit Frauen vermied. Seine weiblichen Bediensteten erhielten die strikte Anweisung, sich niemals in seiner Gegenwart blicken zu lassen, und f\u00fcr die Kommunikation mit ihnen nutzte er ausschlie\u00dflich schriftliche Notizen. Hinter seinem Haus lie\u00df er sogar eine separate Hintertreppe errichten, um seiner Haush\u00e4lterin nicht zuf\u00e4llig zu begegnen. Auf gesellschaftlichen Veranstaltungen zeigte er sich nur ungern und kommunizierte auf das N\u00f6tigste beschr\u00e4nkt.&nbsp;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese soziale Isolation war jedoch nicht etwa Ausdruck von Desinteresse an der Wissenschaft, sondern f\u00f6rderte im Gegenteil seine unvergleichliche Fokussierung auf die Naturforschung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein wissenschaftliches \u0152uvre ist beeindruckend vielf\u00e4ltig:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Chemie<\/strong>: Cavendish gelang die Isolierung des Wasserstoffs (&#8222;brennbare Luft&#8220;) sowie der Nachweis, dass Wasser eine Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff darstellt. Zudem erkannte er, dass Luft ein konstantes Gemisch aus Sauerstoff und Stickstoff im Verh\u00e4ltnis von etwa 1:4 ist.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/?title=Henry_Cavendish&amp;veaction=edit&amp;section=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Experimentelle Methodik<\/strong>: Er entwickelte nicht nur das Endiometer zur Messung der Luftg\u00fcte, sondern konstruierte auch ein \u00e4u\u00dferst pr\u00e4zises Thermometer.\u00a0<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Elektrizit\u00e4tslehre<\/strong>: Bereits vor Coulomb und Ohm besch\u00e4ftigte er sich mit den grundlegenden Gesetzen der Elektrostatik und formulierte Konzepte des elektrischen Potenzials, die seiner Zeit weit voraus waren.\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine extreme Scheu vor der \u00d6ffentlichkeit zeigt sich auch darin, dass viele seiner bahnbrechenden Erkenntnisse jahrzehntelang in unver\u00f6ffentlichten Notizen schlummerten \u2013 unter anderem das sp\u00e4ter nach Georg Ohm benannte ohmsche Gesetz oder das nach John Dalton benannte Partialdruckgesetz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">John Michell: Der vergessene Geist hinter der Apparatur<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Cavendishs Name f\u00fcr immer mit dem Experiment verbunden bleibt, sollte der Beitrag von John Michell nicht \u00fcbersehen werden. Michell, der als Geistlicher von Beruf war, betrieb ebenso leidenschaftlich Astronomie und Geologie. Ihm verdanken wir die grundlegende Konzeption der Torsionswaage, mit der Michell eigentlich die Dichte der Erde bestimmen wollte.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>&nbsp;Die Apparatur, die Cavendish schlie\u00dflich verwendete, basierte auf Michells Entw\u00fcrfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hinweis<\/em>: Ein solcher Querverweis auf Michells urspr\u00fcngliche Idee ist nicht nur aus technikhistorischer Perspektive wichtig, sondern unterstreicht auch die Bedeutung des oft \u00fcbersehenen Beitrags anderer Gelehrter \u2013 ein wiederkehrendes Muster in der Wissenschaftsgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Experiment im Detail: Die Torsionswaage<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gesamte Experiment l\u00e4sst sich in drei zentrale Phasen unterteilen: die Vorbereitung und Abschirmung, die eigentliche Messung der Verdrehung sowie die abschlie\u00dfende Berechnung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Phase 1: Die Vorbereitung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cavendish reagierte auf die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung des Experiments: die au\u00dferordentlich&nbsp;<strong>geringe Gravitationskraft<\/strong>, die durch jede noch so kleine St\u00f6rung, etwa durch Luftstr\u00f6mungen oder Temperaturunterschiede, \u00fcberlagert wurde. Um dies zu verhindern, installierte er die gesamte Apparatur in einem&nbsp;<strong>hermetisch abgeschlossenen Raum<\/strong>. Von au\u00dfen, durch \u00d6ffnungen in der Wand, konnte er die schweren Kugeln bedienen und die Messungen mit einem Teleskop beobachten.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/print\/article\/100681\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Phase 2: Die Apparatur und Messung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Herzst\u00fcck des Experiments bildet die&nbsp;<strong>Torsionswaage<\/strong>. An einem d\u00fcnnen Metalldraht wird horizontal eine Stange aufgeh\u00e4ngt. An den Enden dieser Stange befinden sich zwei kleine, wenige hundert Gramm schwere Bleikugeln (je 0,73 kg). Seitlich werden zwei gro\u00dfe, jeweils ca. 158 kg schwere Bleikugeln so positioniert, dass sie die kleinen Kugeln durch ihre Gravitationskraft anziehen. Die resultierende, \u00e4u\u00dferst schwache Kraft verdreht die Aufh\u00e4ngung, woraufhin sich die Stange geringf\u00fcgig aus der Ruhelage bewegt. Der&nbsp;<strong>Auslenkungswinkel<\/strong>&nbsp;ist ein direktes Ma\u00df f\u00fcr das auf den Draht wirkende Drehmoment.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Abbildung 1: Schematische Darstellung des Cavendish-Experiments<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Element<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Funktion<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Wert\/Merkmal<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Torsionsdraht<\/strong><\/td><td>Verdrehungswiderstand<\/td><td>D\u00fcnn, U-f\u00f6rmig (manchmal bis zu 1 m lang)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Horizontaler Stab<\/strong><\/td><td>Aufh\u00e4ngung der kleinen Massen<\/td><td>Leicht und stabil, um Tr\u00e4gheit zu minimieren<\/td><\/tr><tr><td><strong>Kleine Kugeln (m)<\/strong><\/td><td>Testmassen<\/td><td>ca. 0,73 kg aus Blei<\/td><\/tr><tr><td><strong>Gro\u00dfe Kugeln (M)<\/strong><\/td><td>Anziehende Massen<\/td><td>ca. 158 kg aus Blei<\/td><\/tr><tr><td><strong>Geh\u00e4use\/Zimmer<\/strong><\/td><td>Abschirmung<\/td><td>Luftdicht, temperaturstabil<\/td><\/tr><tr><td><strong>Messinstrument<\/strong><\/td><td>Winkelmessung<\/td><td>Fernrohr mit Skala im Freien (Lichtzeiger nach heutiger Art)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die auftretende Kraft ist unvorstellbar gering: Sie betr\u00e4gt etwa&nbsp;<strong>1,74 \u00d7 10\u207b\u2077 N<\/strong>&nbsp;\u2013 das entspricht ungef\u00e4hr&nbsp;<strong>einem F\u00fcnfzigmillionstel des Gewichts der kleinen Kugeln<\/strong>&nbsp;oder grob dem Gewicht eines Sandkorns.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Phase 3: Die Berechnung und das Ergebnis<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Ermittlung der Gravitationskraft (F) zwischen den Kugeln, ihrer Massen (M f\u00fcr die gro\u00dfen, m f\u00fcr die kleinen Kugeln) sowie ihres Abstands (r) konnte Cavendish mithilfe des newtonschen Gravitationsgesetzes (F = G\u00b7M\u00b7m \/ r\u00b2) die&nbsp;<strong>Gravitationskonstante G<\/strong>&nbsp;berechnen. Allerdings war dies urspr\u00fcnglich nicht sein vordergr\u00fcndiges Ziel \u2013 Cavendish selbst interessierte sich weniger f\u00fcr G als vielmehr direkt f\u00fcr die Dichte der Erde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indem er die berechnete Kraft zwischen den Kugeln mit dem bekannten Gewicht der kleinen Kugeln im Schwerefeld der Erde verglich, konnte Cavendish \u00fcber einen simplen Dreisatz die&nbsp;<strong>mittlere Dichte der Erde<\/strong>&nbsp;ermitteln. Das Ergebnis: Die Erde ist&nbsp;<strong>5,48-mal dichter als Wasser<\/strong>, was in modernen Einheiten einer mittleren Dichte von&nbsp;<strong>5,48 g\/cm\u00b3<\/strong>&nbsp;entspricht. Zum Vergleich: Der aktuell akzeptierte CODATA-Wert liegt bei etwa&nbsp;<strong>5,51 g\/cm\u00b3<\/strong>.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die daraus abgeleitete Gravitationskonstante G ergibt sich indirekt zu ca. 6,754 \u00b7 10\u207b\u00b9\u00b9 m\u00b3\/(kg\u00b7s\u00b2) \u2013 bemerkenswert nah am heutigen Wert von&nbsp;<strong>6,67430\u00b710\u207b\u00b9\u00b9 m\u00b3\/(kg\u00b7s\u00b2)<\/strong>.&nbsp;&nbsp;Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass Cavendishs Messung f\u00fcr nahezu ein Jahrhundert das genaueste Ma\u00df blieb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die unbequeme Wahrheit: Messunsicherheiten verstehen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um Cavendishs Leistung richtig w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen, ist es wichtig, die Limitierungen der damaligen Messtechnik zu verstehen. Die folgende Tabelle gibt einen groben \u00dcberblick \u00fcber die damaligen Messunsicherheiten im Vergleich zu heute:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Gr\u00f6\u00dfe<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Damalige Messunsicherheit (ca. 1800)<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Moderne Messunsicherheit (CODATA 2022)<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Gravitationskonstante G<\/strong><\/td><td>&gt; 1 %<\/td><td>ca. 0,0022 %&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Newtonsche_Gravitationskonstante\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/td><\/tr><tr><td><strong>Massen M (gro\u00dfe Kugeln)<\/strong><\/td><td>Gering, da direkt w\u00e4gbar<\/td><td>Vernachl\u00e4ssigbar<\/td><\/tr><tr><td><strong>Abstand r der Massen<\/strong><\/td><td>Wenige Millimeter (L\u00e4ngenmessfehler)<\/td><td>Sub-Mikrometer (via Laser)<\/td><\/tr><tr><td><strong>Kraft F<\/strong><\/td><td>Hohe Unsicherheit durch winzige Auslenkungen<\/td><td>Pikonewton-Pr\u00e4zision<\/td><\/tr><tr><td><strong>Torsionskonstante<\/strong><\/td><td>Gesch\u00e4tzt \u00fcber Schwingungsdauer<\/td><td>Pr\u00e4zise kalibriert<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung \u2013 das &#8222;Zittern&#8220; der winzigen Massen aufgrund von thermischem Rauschen und Ersch\u00fctterungen \u2013 konnte Cavendish zwar durch seine kluge Abschirmung minimieren, jedoch nie vollst\u00e4ndig eliminieren. Das erkl\u00e4rt, weshalb moderne Wiederholungen des Experiments mit wesentlich feineren Sensoren, Lasern und teilweise sogar in Vakuumkammern arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hinweis<\/em>: Dieser Unsicherheitsvergleich verdeutlicht, dass Cavendishs Ergebnis trotz seiner Brillanz dennoch mit systematischen und statistischen Fehlern behaftet war, deren pr\u00e4zise Quantifizierung erst die moderne Messtechnik erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auswirkungen und Konsequenzen des Experiments<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tragweite von Cavendishs Experiment kann kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>1. Best\u00e4tigung der newtonschen Gravitation im Laborma\u00dfstab<\/strong>: Erstmals wurde die Gravitationskraft nicht nur an Himmelsk\u00f6rpern (wie Planeten und Monden), sondern direkt zwischen zwei Massen im Labor experimentell best\u00e4tigt. Dies war ein fundamentaler Nachweis f\u00fcr die Universalit\u00e4t der Gravitation.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li><strong>2. Berechnung der Erdmasse<\/strong>: Die mittlere Dichte der Erde erm\u00f6glichte in Kombination mit dem bekannten Erdradius die erste zuverl\u00e4ssige Berechnung der Erdmasse. Dieses Wissen war nicht nur f\u00fcr die Geophysik, sondern auch f\u00fcr die Astronomie und die Entwicklung der Himmelsmechanik von immenser Bedeutung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>3. Fundament f\u00fcr die moderne Kosmologie<\/strong>: Die Kenntnis von G ist eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr die Berechnung der Massen von Sternen, Galaxien und sogar des gesamten Universums.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>4. Blaupause f\u00fcr Pr\u00e4zisionsmessungen<\/strong>: Cavendishs Methode, die Torsionswaage zu nutzen, um extrem schwache Kr\u00e4fte nachzuweisen, inspirierte zahllose weitere Experimente \u2013 von der Entdeckung des Elektrons bis zur Pr\u00fcfung neuer Theorien der Physik jenseits des Standardmodells.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen: Die Jagd nach der Gravitationskonstanten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl heute Satelliten das Schwerefeld der Erde mit unvorstellbarer Pr\u00e4zision vermessen, bleibt die experimentelle Bestimmung von G eine der gro\u00dfen Herausforderungen der Physik. Die Gravitationskonstante ist die am wenigsten pr\u00e4zise bestimmte fundamentale Naturkonstante. Selbst mit modernsten Methoden \u2013 etwa dem Einsatz von&nbsp;<strong>lasergek\u00fchlten Atomen<\/strong>&nbsp;in Quanteninterferometern \u2013 unterscheiden sich die gemessenen Werte verschiedener Arbeitsgruppen bisweilen um ein Vielfaches ihrer angegebenen Unsicherheit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese&nbsp;<strong>&#8222;G-Kontroverse&#8220;<\/strong>&nbsp;verdeutlicht eine grundlegende Erkenntnis: Die Gravitationskraft ist nicht nur die schw\u00e4chste aller bekannten fundamentalen Wechselwirkungen, sondern auch diejenige, die sich am schwersten pr\u00e4zise vermessen l\u00e4sst. Sie bleibt \u2013 im \u00fcbertragenen Sinne \u2013 schwer zu greifen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Das Wiegen der Erde \u2013 eine bleibende Gr\u00f6\u00dfe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henry Cavendishs Torsionswaage war weit mehr als ein blo\u00dfes physikalisches Instrument; sie war ein Werkzeug, das die Grenzen des Vorstellbaren verschob. Unter extrem widrigen Umst\u00e4nden, mit einer minimalistischen Apparatur und einer Genialit\u00e4t, die ihresgleichen sucht, gelang es einem einsamen Gelehrten, die gesamte Erde \u2013 im \u00fcbertragenen Sinne \u2013 zu wiegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Experiment gilt heute als eines der sch\u00f6nsten und bedeutendsten der gesamten Physikgeschichte. Es erinnert uns daran, dass gro\u00dfe wissenschaftliche Fortschritte oft aus scheinbar unm\u00f6glichen Fragestellungen erwachsen und dass die gr\u00f6\u00dften Entdeckungen manchmal von den stillsten Gem\u00fctern gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cavendishs Experiment ist der lebendige Beweis daf\u00fcr, dass selbst die schw\u00e4chste aller Naturkr\u00e4fte, die Gravitation, durch akribische Pr\u00e4zision und klugen Versuchsaufbau gemessen und verstanden werden kann \u2013 ein Prinzip, das auch 200 Jahre sp\u00e4ter nichts von seiner Faszination verloren hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellenverzeichnis<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Britannica, The Editors of Encyclopaedia. &#8222;Cavendish experiment&#8220;. Encyclopedia Britannica, 17. Jan. 2019.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.britannica.com\/science\/Cavendish-experiment<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Britannica, The Editors of Encyclopaedia. &#8222;Cavendish experiment \u2013 measurement of force of gravitational attraction&#8220;. Encyclopedia Britannica.<\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia, &#8222;Gravitationswaage&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gravitations-Waage\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gravitations-Waage<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia, &#8222;Henry Cavendish&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henry_Cavendish\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henry_Cavendish<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia, &#8222;Gravitationskonstante&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Newtonsche_Gravitationskonstante\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Newtonsche_Gravitationskonstante<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>CODATA Recommended Values of the Fundamental Physical Constants (2022)<\/li>\n\n\n\n<li>University of Alaska Fairbanks, &#8222;Weighing the Earth&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.gi.alaska.edu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.gi.alaska.edu\/<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Technische Universit\u00e4t Darmstadt, &#8222;Gravitationsdrehwaage nach Henry Cavendish&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/linus.iap.physik.tu-darmstadt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/linus.iap.physik.tu-darmstadt.de\/<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>ETH Z\u00fcrich, &#8222;Cavendish Experiment \u2013 Modern Measurement of G&#8220;.\u00a0<a href=\"https:\/\/wiki.phys.ethz.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/wiki.phys.ethz.ch\/<\/a><\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Die Frage nach der Masse der Erde, ja, nach dem tats\u00e4chlichen &#8222;Gewicht&#8220; unseres Planeten, besch\u00e4ftigte die Menschheit schon lange, bevor sie \u00fcberhaupt eine klare Vorstellung von einer globalen Gravitationskonstante hatte. 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