{"id":6175,"date":"2026-07-03T16:49:31","date_gmt":"2026-07-03T16:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=6175"},"modified":"2026-07-03T16:49:31","modified_gmt":"2026-07-03T16:49:31","slug":"deutschland-am-rand-einer-veralteten-falschberechnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/deutschland-am-rand-einer-veralteten-falschberechnung\/","title":{"rendered":"Deutschland am Rand einer veralteten Falschberechnung"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Ein unsichtbares Problem unter unseren F\u00fc\u00dfen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Auto, das f\u00fcr eine maximale Geschwindigkeit von 80 km\/h ausgelegt ist. Jahre sp\u00e4ter fahren Sie damit auf die Autobahn, wo 130 km\/h erlaubt sind \u2013 und wundern sich, warum der Motor \u00fcberhitzt und die Reifen platzen. Genau so \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem deutschen Stromnetz. Es wurde in den 1960er und 1970er Jahren gebaut \u2013 f\u00fcr einen Stromverbrauch, der mit dem heutigen nichts mehr gemein hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals gab es in einem Haushalt einen K\u00fchlschrank, eine Waschmaschine und vielleicht einen Fernseher. Heute haben wir W\u00e4rmepumpen, Elektroautos, Durchlauferhitzer und eine Unmenge an elektronischen Ger\u00e4ten. Die Netzplaner von damals haben gerechnet \u2013 aber sie haben f\u00fcr eine Welt gerechnet, die es heute nicht mehr gibt. Und diese Fehlkalkulation holt uns jetzt ein. Es ist eine stille, aber gewaltige Krise, die sich unter unseren F\u00fc\u00dfen abspielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel erkl\u00e4rt, was damals schiefgelaufen ist, warum es uns heute betrifft und was das f\u00fcr die Zukunft bedeutet \u2013 ganz ohne Fachchinesisch, daf\u00fcr mit vielen anschaulichen Beispielen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Die 63-Ampere-Formel: Was bedeutet das \u00fcberhaupt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor wir in die Tiefe gehen, m\u00fcssen wir eine grundlegende Frage kl\u00e4ren:&nbsp;<strong>Was ist ein Ampere und was hat das mit meinem Hausanschluss zu tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen Sie sich Strom wie Wasser vor. Die&nbsp;<strong>Spannung<\/strong>&nbsp;(gemessen in Volt) ist der&nbsp;<em>Wasserdruck<\/em>&nbsp;in der Leitung. Die&nbsp;<strong>Stromst\u00e4rke<\/strong>&nbsp;(gemessen in Ampere) ist die&nbsp;<em>Menge an Wasser<\/em>, die pro Sekunde durch das Rohr flie\u00dft. Die&nbsp;<strong>Leistung<\/strong>&nbsp;(gemessen in Watt oder Kilowatt) ist dann die&nbsp;<em>gesamte Wassermenge<\/em>, die Sie pro Sekunde zur Verf\u00fcgung haben \u2013 also Druck mal Menge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein typischer Haushalt in Deutschland hat heute einen&nbsp;<strong>dreiphasigen Hausanschluss mit 63 Ampere<\/strong>. Das klingt kompliziert, bedeutet aber einfach: Es kommen drei Dr\u00e4hte (die &#8222;Phasen&#8220;) ins Haus, und jeder kann maximal 63 Ampere liefern. Zusammen ergibt das eine Leistung von etwa&nbsp;<strong>43,5 Kilowatt<\/strong>&nbsp;\u2013 genug, um einen gro\u00dfen Elektroherd, eine W\u00e4rmepumpe und gleichzeitig ein Elektroauto zu laden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hier liegt das Problem:<\/strong>&nbsp;In den 1960er Jahren war ein 63-Ampere-Anschluss ein Luxus. Die meisten Haushalte hatten damals nur 25 oder 35 Ampere. Wer 63 Ampere hatte, galt als gut versorgt. Die Planer dachten: &#8222;Mehr braucht kein Mensch.&#8220; Sie konnten nicht ahnen, dass ein einziger Haushalt heute problemlos 20 oder 30 Kilowatt gleichzeitig abrufen kann \u2013 wenn die W\u00e4rmepumpe l\u00e4uft, das Auto l\u00e4dt und der Herd eingeschaltet ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Der Gleichzeitigkeitsfaktor: Die heimliche Falle<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt wird es etwas kniffliger, aber bleiben Sie dran \u2013 es lohnt sich. Die Netzplaner der 1960er Jahre wussten nat\u00fcrlich, dass nicht alle Haushalte einer Stra\u00dfe gleichzeitig ihre volle Leistung abrufen. Also erfanden sie den&nbsp;<strong>Gleichzeitigkeitsfaktor<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das funktioniert so: Wenn in einer Stra\u00dfe 100 H\u00e4user stehen und jedes theoretisch 43,5 Kilowatt abrufen k\u00f6nnte, dann w\u00e4ren das insgesamt 4.350 Kilowatt. Aber die Planer sagten: &#8222;So viel wird nie gleichzeitig gebraucht. Vielleicht nutzen immer nur 30 Prozent der H\u00e4user gleichzeitig ihre volle Leistung.&#8220; Also setzten sie den Gleichzeitigkeitsfaktor auf&nbsp;<strong>0,3<\/strong>&nbsp;\u2013 und planten die Kabel und Trafos nur f\u00fcr 30 Prozent der theoretischen Maximalleistung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>In den 1960ern war das eine vern\u00fcnftige Annahme.<\/strong>&nbsp;Denn damals hatten die meisten Haushalte keine elektrische Warmwasserbereitung, keine W\u00e4rmepumpe und kein Elektroauto. Die gr\u00f6\u00dften Verbraucher waren der Herd, die Waschmaschine und der Staubsauger \u2013 und die liefen tats\u00e4chlich nicht alle gleichzeitig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Heute ist diese Annahme v\u00f6llig \u00fcberholt.<\/strong>&nbsp;Wenn in einem Neubaugebiet viele H\u00e4user mit W\u00e4rmepumpen und Wallboxen ausgestattet sind, kann es durchaus passieren, dass an einem kalten Winterabend 50 oder 60 Prozent der Haushalte gleichzeitig viel Strom brauchen. Die alte Rechnung geht nicht mehr auf. Die Kabel in der Stra\u00dfe sind f\u00fcr diese Last nicht ausgelegt \u2013 sie \u00fcberhitzen, die Isolierung wird spr\u00f6de, und irgendwann gibt es einen Kurzschluss.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Die Kabel unter der Erde: Was steckt wirklich im Boden?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun schauen wir uns an, was tats\u00e4chlich unter unseren Stra\u00dfen liegt. Das deutsche Mittelspannungsnetz \u2013 das ist das Netz, das den Strom von den gro\u00dfen Umspannwerken zu den einzelnen Stra\u00dfenz\u00fcgen bringt \u2013 hat eine Gesamtl\u00e4nge von etwa&nbsp;<strong>460.000 Kilometern<\/strong>. Das ist mehr als die Entfernung von der Erde zum Mond!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Davon sind \u00fcber 60 Prozent als&nbsp;<strong>Erdkabel<\/strong>&nbsp;verlegt, also direkt im Boden. Der Rest sind&nbsp;<strong>Freileitungen<\/strong>&nbsp;an Masten. Die Erdkabel allein haben eine L\u00e4nge von \u00fcber&nbsp;<strong>300.000 Kilometern<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die zwei Kabelgenerationen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt im Wesentlichen zwei Arten von Kabeln, die unter der Erde liegen:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Papiermassekabel<\/strong>\u00a0(gebaut vor 1970): Diese Kabel bestehen aus Papierschichten, die mit \u00d6l getr\u00e4nkt sind, und einem Bleimantel als Schutz. Sie waren damals der Standard. Das Problem: Papier und \u00d6l altern. Nach 40, 50, 60 Jahren werden sie br\u00fcchig, das \u00d6l trocknet aus, und die Isolierung versagt. Heute sind viele dieser Kabel weit \u00fcber ihre geplante Lebensdauer von 35 bis 40 Jahren hinaus in Betrieb.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>VPE-Kabel<\/strong>\u00a0(vernetztes Polyethylen, ab etwa 1970): Das sind Kabel mit einer Kunststoffisolierung. Sie sind moderner und halten l\u00e4nger. Aber auch sie haben ein Problem: Bei den ersten VPE-Kabeln kam es zur sogenannten\u00a0<strong>&#8222;Wasserb\u00e4umchen&#8220;-Alterung<\/strong>\u00a0\u2013 winzige Risse im Kunststoff, die wie B\u00e4umchen aussehen und die Isolierung zerst\u00f6ren. Etwa\u00a0<strong>8 Prozent<\/strong>\u00a0dieser Kabel sind davon betroffen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die nackten Zahlen:<\/strong>&nbsp;Mehr als&nbsp;<strong>30 Prozent<\/strong>&nbsp;aller Mittelspannungskabel sind \u00e4lter als 30 Jahre. Und ein merklicher Teil ist sogar \u00e4lter als 40 Jahre. Insgesamt sind etwa&nbsp;<strong>38 Prozent<\/strong>&nbsp;der verlegten Kabel in einem kritischen Zustand \u2013 das entspricht einer L\u00e4nge von rund&nbsp;<strong>110.000 Kilometern<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Muffen: Die ach so schwachen Verbindungsst\u00fccke<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Sie schon einmal einen Gartenschlauch geflickt haben, kennen Sie das Problem: Die Verbindungsstelle ist immer die schw\u00e4chste Stelle. Genau so ist es bei Stromkabeln. Die Verbindungsst\u00fccke zwischen zwei Kabelabschnitten hei\u00dfen&nbsp;<strong>Muffen<\/strong>. Und sie sind die gr\u00f6\u00dften Schwachstellen im gesamten Netz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Muffen altern schneller als das eigentliche Kabel. Sie werden spr\u00f6de, die Dichtungen versagen, Feuchtigkeit dringt ein. Bei einer einzigen gro\u00dfen Stromtrasse mit 700 Kilometern L\u00e4nge gibt es beispielsweise \u00fcber&nbsp;<strong>2.000 solcher Muffen<\/strong>. Jede einzelne davon kann zum Problem werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie gef\u00e4hrlich das ist: Im Sommer 2026, w\u00e4hrend eines Fu\u00dfballspiels der deutschen Nationalmannschaft, brach in mehreren hessischen Kreisen der Strom zusammen. In R\u00fcsselsheim waren rund&nbsp;<strong>2.000 Haushalte<\/strong>&nbsp;betroffen. Die Ursache:&nbsp;<strong>defekte Kabelmuffen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stadtwerke sprachen von einer&nbsp;<strong>&#8222;au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kettenreaktion&#8220;<\/strong>. Die au\u00dfergew\u00f6hnlich hohen Temperaturen der vergangenen Tage sorgten f\u00fcr eine sehr hohe Stromnachfrage \u2013 Klimaanlagen, Ventilatoren, K\u00fchlschr\u00e4nke liefen auf Hochtouren. Das Fu\u00dfballspiel belastete das Netz zus\u00e4tzlich. In der Folge fielen acht Kabelmuffen aus. Der Strom suchte sich seinen Weg in die Erde statt ins n\u00e4chste Kabel \u2013 ein sogenannter Erdschluss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Vorfall ist kein Einzelfall. Er ist die logische Konsequenz einer Infrastruktur, die am Limit arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Stromausf\u00e4lle: Wie sicher ist unser Netz eigentlich?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz aller Probleme hat Deutschland&nbsp;<strong>eines der sichersten Stromnetze der Welt<\/strong>. Die durchschnittliche Nichtverf\u00fcgbarkeit pro Haushalt lag 2023 bei&nbsp;<strong>knapp 13 Minuten<\/strong>&nbsp;im Jahr. Das bedeutet: Im Durchschnitt ist der Strom in Deutschland nur 13 Minuten pro Jahr weg \u2013 ein Spitzenwert im internationalen Vergleich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Vergleich: In manchen L\u00e4ndern sind es mehrere Stunden oder sogar Tage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber:<\/strong>&nbsp;Dieser gute Wert ist kein Selbstl\u00e4ufer. Er ist das Ergebnis eines enormen Kraftakts der Netzbetreiber, die t\u00e4glich daran arbeiten, ein System am Laufen zu halten, das eigentlich l\u00e4ngst \u00fcberholt ist. Die Alterung der Kabel und Muffen macht die Arbeit immer schwieriger. Und die steigende Nachfrage durch E-Autos und W\u00e4rmepumpen versch\u00e4rft das Problem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hauptursachen f\u00fcr Stromausf\u00e4lle sind \u00fcbrigens nicht etwa die gro\u00dfen Umspannwerke, sondern:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Defekte Kabel und Kabelmuffen<\/strong>\u00a0(wie im Beispiel aus Hessen)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>\u00dcberlastung<\/strong>\u00a0\u2013 wenn zu viele Ger\u00e4te gleichzeitig laufen<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bauarbeiten<\/strong>\u00a0\u2013 Bagger, die versehentlich ein Erdkabel durchtrennen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Die Kosten der Korrektur: Wer bezahlt die Rechnung?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Korrektur dieser jahrzehntealten Fehlkalkulation wird teuer. Richtig teuer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut Studien sind bis zum Jahr 2045 Gesamtkosten von&nbsp;<strong>650 Milliarden Euro<\/strong>&nbsp;f\u00fcr den Netzausbau zu erwarten. Andere Sch\u00e4tzungen gehen sogar von&nbsp;<strong>700 Milliarden Euro<\/strong>&nbsp;aus. Zum Vergleich: Das ist etwa das Dreifache der j\u00e4hrlichen Steuereinnahmen des Bundes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Kosten verteilen sich auf:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bereich<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Gesch\u00e4tzte Kosten bis 2045<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>\u00dcbertragungsnetz (die gro\u00dfen Stromautobahnen)<\/td><td>ca. 320 Mrd. Euro<\/td><\/tr><tr><td>Verteilnetze (die Netze in den St\u00e4dten und Gemeinden)<\/td><td>ca. 323 Mrd. Euro<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese Summe zu stemmen, m\u00fcssten die Investitionen massiv steigen. 2023 wurden lediglich&nbsp;<strong>15 Milliarden Euro<\/strong>&nbsp;investiert. In den kommenden Jahren sind j\u00e4hrlich Investitionen von rund&nbsp;<strong>34 Milliarden Euro<\/strong>&nbsp;n\u00f6tig \u2013 das entspricht einer Steigerung um&nbsp;<strong>127 Prozent<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wer bezahlt das?<\/strong>&nbsp;Letztlich alle Stromverbraucher \u00fcber die Netzentgelte \u2013 also \u00fcber den Strompreis. Die Netzbetreiber geben die Kosten an die Verbraucher weiter. Das bedeutet: Die Modernisierung des Stromnetzes wird auch in Zukunft auf unserer Stromrechnung sichtbar sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Ost und West: Ein geteiltes Erbe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die historische Diskrepanz zwischen Ost und West zeigt sich auch in der Netzinfrastruktur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Im Westen<\/strong>&nbsp;wurden die Netze in den Boomjahren der 1960er und 1970er f\u00fcr den wachsenden Wohlstand ausgebaut \u2013 aber eben nach den damaligen Ma\u00dfst\u00e4ben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Im Osten<\/strong>&nbsp;galten \u00e4hnliche, wenn nicht sogar strengere Planungsgrunds\u00e4tze. Die noch aus DDR-Zeiten stammenden Hausanschlussk\u00e4sten werden heute von Netzbetreibern wie E.DIS Netz verst\u00e4rkt gepr\u00fcft und ausgetauscht, da sie den heutigen Anforderungen nicht mehr gen\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein direkter, fl\u00e4chendeckender Vergleich der Kabelalter zwischen Ost- und Westdeutschland l\u00e4sst sich aus den verf\u00fcgbaren Daten nicht ableiten. Doch eines ist klar: Die Infrastruktur in beiden Teilen Deutschlands ist gleicherma\u00dfen von der veralteten Berechnung der 1960er und 1970er Jahre betroffen. Die Herausforderung ist&nbsp;<strong>gesamtdeutsch<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist auch, dass die gro\u00dfen neuen Stromtrassen \u2013 wie der&nbsp;<strong>SuedLink<\/strong>&nbsp;oder der&nbsp;<strong>OstWestLink<\/strong>&nbsp;\u2013 oft in Ost-West-Richtung verlaufen. Sie sollen den gr\u00fcnen Strom aus dem Norden in den S\u00fcden und Osten transportieren. Doch bis sie fertig sind, wird es noch Jahre dauern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">8. Was bedeutet das f\u00fcr mich als Verbraucher?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie fragen sich vielleicht: &#8222;Und was habe ich jetzt konkret davon?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort ist zweigeteilt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die gute Nachricht:<\/strong>&nbsp;In den meisten F\u00e4llen merken Sie nichts von den Problemen. Ihr Strom kommt zuverl\u00e4ssig aus der Steckdose. Die 13 Minuten Ausfall pro Jahr sind im internationalen Vergleich hervorragend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die weniger gute Nachricht:<\/strong>&nbsp;Die Modernisierung des Netzes wird Geld kosten \u2013 und das wird sich auf Ihrem Strompreis bemerkbar machen. Die Netzbetreiber m\u00fcssen investieren, und diese Investitionen werden \u00fcber die Netzentgelte an die Verbraucher weitergegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferdem kann es sein, dass Sie beim Einbau einer W\u00e4rmepumpe oder einer Wallbox f\u00fcr Ihr Elektroauto auf Probleme sto\u00dfen. Wenn das Netz in Ihrer Stra\u00dfe zu schwach ist, kann der Netzbetreiber den Anschluss verweigern oder verlangen, dass Sie die Verst\u00e4rkung des Stra\u00dfennetzes mitbezahlen. In einigen Regionen ist das bereits heute ein Thema.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">9. Ausblick: Wie geht es weiter?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft des deutschen Stromnetzes wird von drei gro\u00dfen Herausforderungen gepr\u00e4gt:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die Alterung der Infrastruktur:<\/strong>\u00a0Die Kabel aus den 1960ern und 1970ern m\u00fcssen nach und nach ersetzt werden. Das wird Jahrzehnte dauern.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die steigende Nachfrage:<\/strong>\u00a0Immer mehr W\u00e4rmepumpen und Elektroautos belasten das Netz. Die Netzbetreiber m\u00fcssen gegensteuern \u2013 mit st\u00e4rkeren Kabeln, mehr Trafos und intelligenten Steuerungssystemen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Energiewende:<\/strong>\u00a0Der Strom kommt immer mehr aus erneuerbaren Quellen \u2013 aber die sind nicht immer verf\u00fcgbar, wenn man sie braucht. Das Netz muss flexibler werden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt bereits Ideen, wie man die Probleme l\u00f6sen kann:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Intelligente Stromz\u00e4hler<\/strong>\u00a0(sogenannte Smart Meter), die den Verbrauch steuern k\u00f6nnen. Ihr Elektroauto k\u00f6nnte dann nachts laden, wenn der Strom g\u00fcnstig ist und das Netz weniger belastet wird.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Dezentrale Speicher<\/strong>\u00a0\u2013 also Batterien in den Kellern der Haushalte, die \u00fcbersch\u00fcssigen Strom zwischenspeichern.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Schnellere Genehmigungsverfahren<\/strong>\u00a0f\u00fcr den Netzausbau, damit neue Trassen nicht jahrelang in der Planung stecken bleiben.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Die Rechnung ist l\u00e4ngst f\u00e4llig<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland steht am Rand einer veralteten Falschberechnung. Die Stromnetze, die in den 1960er und 1970er Jahren geplant und gebaut wurden, sind f\u00fcr die Anforderungen von heute nicht mehr ausgelegt. Die 63-Ampere-Hausanschl\u00fcsse, die niedrigen Gleichzeitigkeitsfaktoren, die alternden Papiermassekabel und die spr\u00f6den Muffen \u2013 sie alle sind Relikte einer vergangenen Epoche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Korrektur wird Jahrzehnte dauern und Hunderte Milliarden Euro kosten. Sie wird massive Eingriffe in die Infrastruktur erfordern, von der Verst\u00e4rkung der Stra\u00dfenkabel bis zum Austausch ganzer Trafostationen. Sie wird intelligente Steuerungssysteme brauchen, um die Lasten besser zu verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gute Nachricht: Deutschlands Stromnetz ist immer noch eines der sichersten der Welt. Die durchschnittliche Nichtverf\u00fcgbarkeit pro Haushalt lag 2023 bei knapp 13 Minuten. Aber dieser Wert ist kein Selbstl\u00e4ufer. Er ist das Ergebnis eines enormen Kraftakts der Netzbetreiber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rechnung aus den 1960ern ist l\u00e4ngst f\u00e4llig. Es wird Zeit, sie neu zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>FGH Forschungsgesellschaft Energie:\u00a0<em>Zustandsorientierte Instandhaltung von Mittelspannungsnetzen<\/em>\u00a0(AiF 12099)<\/li>\n\n\n\n<li>FGH Forschungsgesellschaft Energie:\u00a0<em>Zustandsdiagnose von Papiermasse-Kabelanlagen<\/em>\u00a0(AiF 13604)<\/li>\n\n\n\n<li>Berliner Zeitung:\u00a0<em>Drei Meter Stromkabel, sieben Jahre Warten<\/em>\u00a0(2025)<\/li>\n\n\n\n<li>Hessenschau:\u00a0<em>Stromausf\u00e4lle in Hessen w\u00e4hrend Deutschland-Spiel<\/em>\u00a0(2026)<\/li>\n\n\n\n<li>taz:\u00a0<em>\u00dcberlastete Stromnetze: W\u00e4rmepumpen ausgebremst<\/em>\u00a0(2023)<\/li>\n\n\n\n<li>Diverse Studien zum Netzausbau (650 Mrd. Euro bis 2045)<\/li>\n\n\n\n<li>VDEW-St\u00f6rungsstatistik (zitiert in FGH-Berichten)<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung: Ein unsichtbares Problem unter unseren F\u00fc\u00dfen Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Auto, das f\u00fcr eine maximale Geschwindigkeit von 80 km\/h ausgelegt ist. Jahre sp\u00e4ter fahren Sie damit auf die Autobahn, wo 130 km\/h erlaubt sind \u2013 und wundern sich, warum der Motor \u00fcberhitzt und die Reifen platzen. 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