{"id":6232,"date":"2026-07-05T13:18:46","date_gmt":"2026-07-05T13:18:46","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=6232"},"modified":"2026-07-05T13:18:46","modified_gmt":"2026-07-05T13:18:46","slug":"die-unsterblichkeit-des-vermoegens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-unsterblichkeit-des-vermoegens\/","title":{"rendered":"Die Unsterblichkeit des Verm\u00f6gens"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor: DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine jener Zahlen, die einen innehalten lassen:&nbsp;<strong>0,04<\/strong>. Die Einkommenselastizit\u00e4t zwischen den Florentiner Steuerzahlern von 1427 und ihren mutma\u00dflichen Nachfahren im Jahr 2011. Zum Vergleich: In den meisten modernen Industrienationen liegt die intergenerationale Einkommenselastizit\u00e4t zwischen Eltern und Kindern bei etwa 0,3 bis 0,5 \u2013 ein Wert, der bereits als Ausdruck erheblicher sozialer Unbeweglichkeit gilt<a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Doch was Barone und Mocetti von der Bank von Italien 2016 ver\u00f6ffentlichten, sprengte selbst diese Ma\u00dfst\u00e4be: \u00dcber sechs Jahrhunderte hinweg, durch Kriege, Seuchen, politische Umst\u00fcrze und wirtschaftliche Transformationen hindurch, hat sich die sozio\u00f6konomische Rangfolge der Florentiner Familien kaum ver\u00e4ndert<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Danke-fuer-das-Geld-Urururururgrossvater-article18491161.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausgangsbasis dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Studie ist das&nbsp;<em>Catasto<\/em>&nbsp;von 1427 \u2013 eine der detailliertesten und zuverl\u00e4ssigsten quantitativen Quellen des europ\u00e4ischen Mittelalters. Es umfasst 61.123 Haushalte in der Toskana und dokumentiert f\u00fcr die Stadt Florenz rund 10.000 Familien mit ihren Verm\u00f6genswerten, Eink\u00fcnften und Berufen. Dieses Steuerregister, das urspr\u00fcnglich der gerechteren Erhebung von Abgaben dienen sollte, wurde sechs Jahrhunderte sp\u00e4ter zur epidemiologischen Karte der sozialen Ungleichheit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der historische Befund: Das Catasto von 1427<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Florentiner Republik f\u00fchrte 1427 eine steuerliche Revolution durch: Erstmals wurde nicht mehr der gesch\u00e4tzte Wert von Besitz besteuert, sondern eine umfassende Selbsterkl\u00e4rung aller Verm\u00f6genswerte erhoben \u2013 Grundbesitz, Handelsguthaben, Forderungen, sogar Hausrat. Die B\u00fcrger mussten ihre wirtschaftliche Existenz bis ins Detail offenlegen. Wer falsche Angaben machte, riskierte drakonische Strafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ergebnis war ein beispielloses Abbild der mittelalterlichen Gesellschaft: Die Verm\u00f6genskonzentration war bereits damals extrem. Die obersten zehn Prozent der Familien verf\u00fcgten \u00fcber den Gro\u00dfteil des gesamten Reichtums. An der Spitze standen Advokaten und Mitglieder der gro\u00dfen Kaufmannsgilden \u2013 Tuchh\u00e4ndler, Seidenh\u00e4ndler, Bankiers<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Danke-fuer-das-Geld-Urururururgrossvater-article18491161.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Am unteren Ende der Skala fanden sich Tagel\u00f6hner, Kleinhandwerker und die wachsende Schicht der st\u00e4dtischen Armen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was dieses Verzeichnis so wertvoll f\u00fcr die Forschung macht, ist seine Vollst\u00e4ndigkeit: Es erfasst nicht nur die Eliten, sondern die gesamte Bev\u00f6lkerung \u2013 eine Seltenheit f\u00fcr die Vormoderne<a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Methode: Nachnamen als genetische Fingerabdr\u00fccke<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale Herausforderung der Studie lag in der Verkn\u00fcpfung zweier Datens\u00e4tze, die sechs Jahrhunderte trennen. Barone und Mocetti nutzten die Nachnamen als Br\u00fccke<a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Annahme: In Italien werden Familiennamen \u00fcber Generationen hinweg patrilinear weitergegeben und sind zudem stark regional konzentriert<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Danke-fuer-das-Geld-Urururururgrossvater-article18491161.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Wer heute in Florenz denselben Nachnamen tr\u00e4gt wie ein Steuerzahler von 1427, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dessen Nachfahre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um dieser Annahme statistische Pr\u00e4zision zu verleihen, wendeten die \u00d6konomen eine Zwei-Stichproben-Zwei-Stufen-Kleinstquadrate-Methode (TS2SLS) an<a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Erster Schritt:<\/strong>\u00a0Die Einkommen der Florentiner von 1427 wurden auf eine vollst\u00e4ndige Menge von Nachnamen-Dummy-Variablen regressiert (kontrolliert f\u00fcr Alter und Geschlecht). Das Ergebnis: ein &#8222;Nachnamen-Effekt&#8220; \u2013 der typische sozio\u00f6konomische Status, der mit einem bestimmten Namen verbunden war.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Zweiter Schritt:<\/strong>\u00a0Die heutigen Steuerzahler (Daten aus dem Jahr 2011) wurden mit den gesch\u00e4tzten Werten ihrer &#8222;Ahnen-Nachnamen&#8220; in Verbindung gebracht. Die Regression der heutigen Einkommen auf diese prognostizierten Ahnen-Einkommen lieferte die Elastizit\u00e4t.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Methode umgeht das Problem, dass wir keine direkten Stammb\u00e4ume \u00fcber 20 Generationen besitzen. Sie setzt jedoch voraus, dass Nachnamen tats\u00e4chlich vererbt werden und dass die Tr\u00e4ger eines Namens in Florenz geblieben sind \u2013 was die Forscher durch verschiedene Robustheitstests untermauerten<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Ergebnisse: Eine ersch\u00fctternde Kontinuit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale Zahl der Studie ist die&nbsp;<strong>Einkommenselastizit\u00e4t von 0,04<\/strong><a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Was bedeutet das? In der traditionellen intergenerationalen Mobilit\u00e4tsforschung gilt die Faustregel: Eine Elastizit\u00e4t von 0,4 bedeutet, dass ein Elternteil, der 10 Prozent \u00fcber dem Durchschnitt verdient, ein Kind hervorbringt, das im Durchschnitt 4 Prozent \u00fcber dem Durchschnitt liegt. Die H\u00e4lfte des Vorteils verpufft also bereits in der n\u00e4chsten Generation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einem Wert von 0,04 \u00fcber 20 Generationen hinweg ist die Aussage noch viel dramatischer:&nbsp;<strong>Die relative Position der Familien hat sich \u00fcber sechs Jahrhunderte kaum ver\u00e4ndert<\/strong><a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Nachfahren der reichsten Florentiner von 1427 geh\u00f6ren auch heute noch zu den Spitzenverdienern. Die Nachfahren der Armen sind es bis heute geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch ausgepr\u00e4gter ist der Effekt beim&nbsp;<strong>Verm\u00f6gen<\/strong>: Hier fanden die Forscher eine noch st\u00e4rkere Vererbung als beim Einkommen<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Auch die Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten Elitenberufen \u2013 etwa der Anwaltschaft \u2013 erwies sich als bemerkenswert persistent<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Kennzahl<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Ergebnis<\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">Bedeutung<\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td>Einkommenselastizit\u00e4t (1427\u20132011)<\/td><td>0,04<\/td><td>Extrem hohe Persistenz \u00fcber 20 Generationen<\/td><\/tr><tr><td>Verm\u00f6gensvererbung<\/td><td>Noch st\u00e4rker als beim Einkommen<\/td><td>Geld vererbt sich besser als Einkommensposition<\/td><\/tr><tr><td>Berufseliten-Persistenz<\/td><td>Nachweisbar<\/td><td>Bestimmte Familiennamen dominieren \u00fcber Jahrhunderte bestimmte Berufe<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Mechanismen: Warum Verm\u00f6gen \u00fcber Jahrhunderte \u00fcberdauert<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die blo\u00dfe Feststellung der Persistenz ist ein Befund. Die Erkl\u00e4rung ist eine andere Frage. Barone und Mocetti selbst bieten zwei Hauptargumente an<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Die quasi-Immobilit\u00e4t der vorindustriellen Gesellschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Florenz des 15. Jahrhunderts war soziale Mobilit\u00e4t strukturell begrenzt. Die Gesellschaft war in St\u00e4nde gegliedert, der Zugang zu den einflussreichen Z\u00fcnften war reguliert, und Kapitalakkumulation war weitgehend eine Frage des Erbes. Wer in eine reiche Kaufmannsfamilie hineingeboren wurde, hatte nicht nur Geld, sondern auch Netzwerke, Ausbildung, Kreditw\u00fcrdigkeit und soziales Ansehen \u2013 ein B\u00fcndel von Vorteilen, das sich selbst verst\u00e4rkte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Positionale Vorteile beim Zugang zu bestimmten Berufen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Mechanismus ist subtiler und reicht bis in die Gegenwart: Bestimmte Berufe \u2013 insbesondere solche mit hohem Prestige und Einkommen \u2013 sind nicht nur eine Frage der individuellen Leistung, sondern auch des Zugangs. Wer aus einer Familie kommt, die seit Generationen Anw\u00e4lte oder Bankiers stellt, hat nicht nur das n\u00f6tige Startkapital f\u00fcr die Ausbildung, sondern auch die Kontakte, die Empfehlungen, das kulturelle Kapital. Diese &#8222;positionalen Vorteile&#8220; wirken \u00fcber die reine Geldvererbung hinaus.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die historische Perspektive: Was blieb, was sich \u00e4nderte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie wirft ein Schlaglicht auf eine erstaunliche Tatsache: Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umw\u00e4lzungen der letzten sechs Jahrhunderte \u2013 die Medici-Herrschaft, der Niedergang der Republik, die napoleonische Eroberung, die Einigung Italiens, zwei Weltkriege, die faschistische Diktatur, der wirtschaftliche Wandel vom Handelszentrum zur Touristenmetropole \u2013 haben die relative Rangfolge der Familien offenbar nicht ersch\u00fcttert<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Danke-fuer-das-Geld-Urururururgrossvater-article18491161.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet nicht, dass sich nichts ver\u00e4ndert h\u00e4tte. Die absolute H\u00f6he des Verm\u00f6gens, die Zusammensetzung des Reichtums, die wirtschaftliche Basis \u2013 all das hat sich radikal gewandelt. Aber die&nbsp;<em>relative<\/em>&nbsp;Position der Familien zueinander blieb stabil. Die oberen zehn Prozent von 1427 sind \u2013 gemessen an ihren Nachfahren \u2013 auch heute noch die oberen zehn Prozent.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kontroversen und Einw\u00e4nde<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie ist nicht unumstritten. Drei Kritikpunkte verdienen besondere Beachtung:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Die Nachnamen-Methode<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentrale Annahme \u2013 dass gleiche Nachnamen auf gleiche Abstammung schlie\u00dfen lassen \u2013 ist nicht unproblematisch. In Italien gibt es zwar eine starke regionale Konzentration von Nachnamen, aber auch F\u00e4lle von Namens\u00e4nderungen, Adoptionen, unehelichen Geburten und Migration. Die Forscher haben diese Probleme durch verschiedene Robustheitstests adressiert<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>, doch ein Restrisiko bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Der Selektionsbias<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer \u00fcber sechs Jahrhunderte in derselben Stadt lebt, ist bereits eine selektive Gruppe. Die Familien, die aus Florenz wegzogen, verschwinden aus der Stichprobe. Wenn es einen systematischen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Verbleib in der Stadt gibt \u2013 und das ist plausibel \u2013, dann k\u00f6nnte die Studie die wahre Mobilit\u00e4t untersch\u00e4tzen. Auch diesem Problem gingen die Autoren nach<a href=\"https:\/\/www.eui.eu\/Documents\/DepartmentsCentres\/Economics\/Seminarsevents\/Mocetti.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Die Definition von &#8222;reich&#8220; und &#8222;arm&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Steuerlisten von 1427 erfassen nur das deklarierte Verm\u00f6gen. Es ist bekannt, dass Steuerhinterziehung auch damals ein Ph\u00e4nomen war. Zudem sind die Kategorien von Einkommen und Verm\u00f6gen \u00fcber sechs Jahrhunderte hinweg nur bedingt vergleichbar.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Studie nicht sagt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So beeindruckend die Ergebnisse sind \u2013 sie erlauben keine direkten R\u00fcckschl\u00fcsse auf die heutige soziale Mobilit\u00e4t in Deutschland oder anderen L\u00e4ndern. Florenz war eine spezifische Stadt mit einer spezifischen Geschichte. Die Studie zeigt, dass unter bestimmten Bedingungen soziale Ungleichheit \u00fcber extrem lange Zeitr\u00e4ume persistieren kann. Sie zeigt nicht, dass dies zwangsl\u00e4ufig so sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem ist die Studie eine Aggregatbetrachtung auf Nachnamen-Ebene. Sie sagt nichts \u00fcber die Mobilit\u00e4t einzelner Individuen aus \u2013 nur dar\u00fcber, dass&nbsp;<em>im Durchschnitt<\/em>&nbsp;die Familien mit reichen Ahnen auch heute noch reicher sind. Es gab zweifellos Aufsteiger und Absteiger. Aber sie waren offenbar nicht zahlreich genug, um das Gesamtbild zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ausblick: Was bleibt, was sich \u00e4ndern muss<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Florentiner Studie von Barone und Mocetti ist mehr als eine historische Kuriosit\u00e4t. Sie ist ein Weckruf f\u00fcr alle, die an die Durchl\u00e4ssigkeit von Gesellschaften glauben. Wenn soziale Ungleichheit \u00fcber sechs Jahrhunderte hinweg so persistent sein kann, dann sind die Kr\u00e4fte, die sie aufrechterhalten, m\u00e4chtiger als oft angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wirft grundlegende Fragen auf:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Bildung:<\/strong>\u00a0Wenn der Zugang zu prestigetr\u00e4chtigen Berufen \u00fcber Jahrhunderte vererbt wird, wie durchl\u00e4ssig sind dann unsere Bildungssysteme wirklich?<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Verm\u00f6genssteuer:<\/strong>\u00a0Die Studie zeigt, dass Verm\u00f6gen sich noch hartn\u00e4ckiger vererbt als Einkommen. Welche steuerpolitischen Instrumente k\u00f6nnten dieser Dynamik entgegenwirken?<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Soziale Mobilit\u00e4t:<\/strong>\u00a0Sind die Mechanismen der Persistenz \u2013 Netzwerke, kulturelles Kapital, positionale Vorteile \u2013 in modernen Gesellschaften weniger wirksam oder nur anders wirksam?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antworten auf diese Fragen sind nicht in einer historischen Studie zu finden. Aber sie zeigt, wie tief die Wurzeln sozialer Ungleichheit reichen k\u00f6nnen \u2013 und wie naiv es w\u00e4re anzunehmen, dass sie sich von selbst aufl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Barone, Guglielmo &amp; Mocetti, Sauro (2016): &#8222;Intergenerational mobility in the very long run: Florence 1427-2011&#8220;. Temi di discussione (Working papers), Banca d&#8217;Italia, No. 1060.<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Barone, Guglielmo &amp; Mocetti, Sauro (2021): &#8222;Intergenerational Mobility in the Very Long Run: Florence 1427\u20132011&#8220;. Review of Economic Studies, v. 88, 4, pp. 1863\u20131891.<a href=\"https:\/\/www.bancaditalia.it\/pubblicazioni\/temi-discussione\/2016\/2016-1060\/index.html?com.dotmarketing.htmlpage.language=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Herlihy, David &amp; Klapisch-Zuber, Christiane (1978): &#8222;Tuscans and their Families: A Study of the Florentine Catasto of 1427&#8220;. Yale University Press.<\/li>\n\n\n\n<li>n-tv (2016): &#8222;Danke f\u00fcr das Geld, Urururururgro\u00dfvater&#8220;. 25. August 2016.<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Danke-fuer-das-Geld-Urururururgrossvater-article18491161.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a><\/li>\n\n\n\n<li>The Online Catasto of 1427 \u2013 Brown University Library.<\/li>\n\n\n\n<li>Alfani, Guido (2017): &#8222;Long\u2010term trends in economic inequality: the case of &#8230;&#8220; PMC.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: DerSchneider Einleitung Es ist eine jener Zahlen, die einen innehalten lassen:&nbsp;0,04. Die Einkommenselastizit\u00e4t zwischen den Florentiner Steuerzahlern von 1427 und ihren mutma\u00dflichen Nachfahren im Jahr 2011. 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