{"id":6297,"date":"2026-07-12T00:31:00","date_gmt":"2026-07-12T00:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=6297"},"modified":"2026-07-12T17:03:06","modified_gmt":"2026-07-12T17:03:06","slug":"der-gezaehmte-mythos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-gezaehmte-mythos\/","title":{"rendered":"Der gez\u00e4hmte Mythos"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie der Kalte Krieg den Wilden Westen als ideologische Waffe neu erfand<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine der perfidesten Ironien der Geschichtsschreibung: Ausgerechnet in dem Moment, als der Mythos vom \u201eWilden Westen\u201c von der Geschichtswissenschaft l\u00e4ngst als Legende enttarnt worden war, erlebte er seine glorreichste Wiederauferstehung. Nicht als naive Volkserz\u00e4hlung, sondern als&nbsp;<strong>politische Waffe von ungeahnter Sch\u00e4rfe<\/strong>. Der Kalte Krieg nahm den l\u00e4ngst domestizierten Mythos, schliff ihn neu und setzte ihn als ideologisches Schwert ein \u2013 auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Heroisierung des Wilden Westens im 20. Jahrhundert ist kein nostalgischer R\u00fcckgriff auf eine vermeintlich einfachere Zeit. Sie ist das Ergebnis eines&nbsp;<strong>bewussten, strategischen und zutiefst d\u00fcsteren Projekts<\/strong>: der Neuerschaffung einer nationalen Gr\u00fcndungserz\u00e4hlung, die den globalen Machtanspruch der USA im Kampf gegen den Kommunismus legitimieren sollte. Und sie ist das Zeugnis eines ideologischen Wettstreits, in dem selbst die Opfer dieser Geschichte \u2013 die indigenen V\u00f6lker Nordamerikas \u2013 zu Spielfiguren eines propagandistischen Schachspiels wurden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">I. Die Geburt einer Waffe<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vom Pionier zum Kreuzzugshelden<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die urspr\u00fcngliche Fronterz\u00e4hlung der USA war bereits im 19. Jahrhundert eine Ideologie der Expansion gewesen \u2013 das \u201eManifest Destiny\u201c, der g\u00f6ttliche Auftrag zur Eroberung des Kontinents. Doch der Kalte Krieg verwandelte diesen Pioniergeist in etwas Fundamentales anderes: in eine&nbsp;<strong>globale Kampfansage<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Westen wurde nicht mehr nur als geografische Region verstanden, sondern als&nbsp;<strong>metaphysische Kategorie<\/strong>. \u201eDer &#8218;Westen&#8216; war, im Kalten Krieg, der Teil der Welt, der dem Feind im Osten demonstrierte, wo die Freiheit wirklich wohne\u201c<a href=\"https:\/\/www.frankenpost.de\/inhalt.kunst-und-kultur-mythos-westen.b1fbb55f-499f-484d-ac0a-489a318ab717.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die historische Bewegung der Siedler von Ost nach West \u2013 eine Bewegung der Landnahme, Vertreibung und Vernichtung \u2013 wurde umgedeutet zur zeitgen\u00f6ssischen Mission der Freiheitsverteidigung gegen den Kommunismus. Der Cowboy, der einst die Pr\u00e4rie durchquerte, wurde zum&nbsp;<strong>Kreuzritter des Kalten Krieges<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Inszenierung der Unschuld<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders perfide an dieser Umdeutung war ihre&nbsp;<strong>Verschleierung<\/strong>: Die Gewalt des Westens wurde nicht geleugnet, sondern \u00e4sthetisiert. Der Mythos lieferte \u201eprogrammatisch das Gegenmodell\u201c zur in Westeuropa verbreiteten \u00dcberzeugung, dass Gewalt keine L\u00f6sung sei<a href=\"https:\/\/www.politische-bildung-brandenburg.de\/veranstaltungen\/der-wilde-westen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Stattdessen etablierte er \u201eeine Kultur der Gewalt, in der die Aus\u00fcbung von Zwang, die Macht des St\u00e4rkeren, ja sogar die Lust am T\u00f6ten nicht nur eine, sondern oft die L\u00f6sung zu sein scheint\u201c<a href=\"https:\/\/www.politische-bildung-brandenburg.de\/veranstaltungen\/der-wilde-westen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Gewaltverherrlichung war kein Selbstzweck. Sie diente der&nbsp;<strong>Moralisierung<\/strong>&nbsp;des eigenen Handelns. Der Cowboy t\u00f6tete nicht aus Habgier \u2013 er t\u00f6tete, um die Zivilisation zu verteidigen. Die Eroberung des Westens wurde zur&nbsp;<strong>heiligen Pflicht<\/strong>, der Kampf gegen die Ureinwohner zum&nbsp;<strong>gerechten Krieg<\/strong>. Und genau dieses Narrativ lie\u00df sich nahtlos auf den Kampf gegen den \u201eroten Feind\u201c \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II. Die gro\u00dfe Leinwand des Kalten Krieges<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hollywood als Waffenschmiede<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Medium war f\u00fcr die Verbreitung dieses umgedeuteten Mythos so entscheidend wie der Western-Film. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte das Genre seine Bl\u00fctezeit \u2013 und das war kein Zufall. Die Western waren \u201eein politischer Mythos\u201c, der \u201egrundlegende gesellschaftliche Credos manifestiert \u2013 \u00fcber die politisch, gesellschaftliche Ordnung in den USA, \u00fcber das Recht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Macht dieser Filme lag in ihrer scheinbaren Unschuld. Sie erz\u00e4hlten keine politischen Parolen, sondern Abenteuer. Doch hinter jeder scheinbar unpolitischen Cowboy-Geschichte verbarg sich eine&nbsp;<strong>politische Botschaft<\/strong>&nbsp;\u2013 die Botschaft vom heroischen Einzelk\u00e4mpfer, der das B\u00f6se besiegt, vom Gesetz der St\u00e4rke, das die Ordnung wiederherstellt, von der \u00dcberlegenheit der wei\u00dfen, westlichen Zivilisation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regierung in Washington verstand diese Wirkmacht. John F. Kennedy, der 1960 mit der Vision einer \u201eNew Frontier\u201c ins Wei\u00dfe Haus einzog, nutzte die Bildsprache des Westerns bewusst, um seine Au\u00dfenpolitik zu inszenieren. \u201eDie Verbreitung des Westerns in der US-amerikanischen Popul\u00e4rkultur\u201c f\u00fchrte dazu, \u201edass Kennedy und seine Berater eine bedeutungsvolle Diskurs des Kalten Krieges konstruierten, der versuchte, die Au\u00dfenpolitik der Administration in eine heroische Erz\u00e4hlung der Westexpansion einzuordnen\u201c<a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/figure\/10.1080\/07075332.2020.1857291?scroll=top&amp;needAccess=true\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Cowboy als Ikone der Freiheit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Cowboy wurde zur&nbsp;<strong>zentralen Metapher der amerikanischen Identit\u00e4t im Kalten Krieg<\/strong>. Er verk\u00f6rperte gef\u00e4hrliche Definitionen von Freiheit und Isolation \u2013 ein Ideal des Einzelg\u00e4ngers, der sich keiner Gemeinschaft unterwirft und allein gegen die Feinde der Zivilisation k\u00e4mpft. Dieses Bild war perfekt zugeschnitten auf die Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges: Der einsame Held gegen die kollektivistische Masse, die freie Welt gegen den totalit\u00e4ren Block.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst die amerikanischen Pr\u00e4sidenten inszenierten sich in diesem Bild. \u201eCowboy Presidents\u201c wurden zur eigenen politischen Kategorie \u2013 von Theodore Roosevelt \u00fcber Ronald Reagan bis hin zu George W. Bush reicht die Linie der Politiker, die den Mythos des frontier-amerikanischen Individualismus f\u00fcr ihre Zwecke nutzten. In ihrer Rhetorik verschmolz der Kampf gegen die Indianer mit dem Kampf gegen den Kommunismus zu einer einzigen, ununterbrochenen Erz\u00e4hlung von Freiheit und Eroberung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">III. Der Krieg der Bilder<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Western als ideologischer Kampfplatz<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Propagandawirkung des Western-Mythos blieb auch dem Ostblock nicht verborgen. Die Sowjetunion und ihre Verb\u00fcndeten entwickelten ein&nbsp;<strong>eigenes Genre<\/strong>, das die Erz\u00e4hlung von der heroischen Westexpansion konterkarieren sollte: den \u201eEastern\u201c (\u0418\u0301\u0441\u0442\u0435\u0440\u043d)<a href=\"https:\/\/www.politische-bildung-brandenburg.de\/veranstaltungen\/der-wilde-westen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Osten Deutschlands produzierte die DEFA ab Mitte der 1960er Jahre die sogenannten&nbsp;<strong>Indianerfilme<\/strong>&nbsp;\u2013 Western mit umgekehrten Vorzeichen. War im Hollywood-Western der wei\u00dfe Siedler der Held, so war es hier der indigene Widerstandsk\u00e4mpfer. Diese Filme waren \u201eeine Synthese aus Karl Marx und Karl May\u201c, eine bewusste ideologische Gegenproduktion, die den Kapitalismus und Rassismus der USA anprangerte<a href=\"https:\/\/daily.jstor.org\/why-east-germany-loved-the-wild-west\/#main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die DEFA-Indianerfilme stellten den V\u00f6lkermord an den Ureinwohnern in den Mittelpunkt und zeigten den Widerstand der Indianer als Vorbild f\u00fcr den Kampf gegen den Imperialismus. Sie waren \u201eein ideologischer Prototyp des DDR-Regimes\u201c, der den Zuschauern suggerierte: Der Feind sitzt im Westen, und die Geschichte der USA ist eine Geschichte von Unterdr\u00fcckung und Vernichtung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Ironie der Indianer<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die groteskeste Pointe dieses ideologischen Schlagabtauschs:&nbsp;<strong>Beide Seiten instrumentalisierten die indigene Bev\u00f6lkerung f\u00fcr ihre Propaganda<\/strong>, ohne die tats\u00e4chlichen Nachfahren dieser V\u00f6lker zu fragen. Im Westen wurden die Indianer zu Feindbildern degradiert, deren Vertreibung als zivilisatorische Notwendigkeit erschien. Im Osten wurden sie zu sozialistischen Br\u00fcdern stilisiert, deren Kampf gegen den Kapitalismus als Blaupause f\u00fcr eine bessere Gesellschaft diente<a href=\"https:\/\/daily.jstor.org\/why-east-germany-loved-the-wild-west\/#main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In beiden F\u00e4llen blieben die Ureinwohner&nbsp;<strong>Objekte einer Erz\u00e4hlung, nicht Subjekte ihrer eigenen Geschichte<\/strong>. Der V\u00f6lkermord an den Indianern wurde auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs instrumentalisiert \u2013 im Westen verschwiegen oder gerechtfertigt, im Osten angeprangert, aber ebenfalls f\u00fcr eigene Zwecke vereinnahmt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">IV. Der Preis des Mythos<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Verdr\u00e4ngung der Wahrheit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Heroisierung des Wilden Westens im Kalten Krieg hatte einen hohen Preis: Sie&nbsp;<strong>verdr\u00e4ngte die historische Wahrheit<\/strong>&nbsp;endg\u00fcltig aus dem kollektiven Bewusstsein. W\u00e4hrend die Geschichtswissenschaft l\u00e4ngst belegt hatte, dass der \u201eWilde Westen\u201c in Wahrheit ein \u201eMilder Westen\u201c war \u2013 mit erstaunlich geringen Kriminalit\u00e4tsraten und funktionierenden sozialen Strukturen \u2013, setzte sich das Bild des gewaltt\u00e4tigen, gesetzlosen Pionierlandes unaufhaltsam durch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die mediale Verzerrung war kein Versehen, sondern&nbsp;<strong>System<\/strong>. Der Mythos war zu n\u00fctzlich, um ihn der Realit\u00e4t zu opfern. Er lieferte ein&nbsp;<strong>Erm\u00e4chtigungsnarrativ<\/strong>&nbsp;f\u00fcr eine Nation, die sich im globalen Machtkampf behaupten musste. Er gab den B\u00fcrgern das Gef\u00fchl, Teil einer heroischen Geschichte zu sein \u2013 und nicht Teil einer Geschichte von Vertreibung, Sklaverei und Ausbeutung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die moralische \u00d6konomie der Gewalt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die d\u00fcsterste Konsequenz dieser Heroisierung war die&nbsp;<strong>Etablierung einer moralischen \u00d6konomie der Gewalt<\/strong>. Der Mythos vom Wilden Westen lehrte, dass Gewalt nicht nur notwendig, sondern&nbsp;<strong>gut<\/strong>&nbsp;sein kann \u2013 wenn sie im Dienste der richtigen Sache steht. Diese Botschaft erwies sich im Kalten Krieg als au\u00dferordentlich n\u00fctzlich: Sie rechtfertigte milit\u00e4rische Interventionen, Stellvertreterkriege und die Aufr\u00fcstung als moralische Pflicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verbindung zwischen Western-Mythos und Au\u00dfenpolitik war keine blo\u00dfe Rhetorik. Als John Wayne 1968 den Vietnamkriegs-Film \u201eThe Green Berets\u201c drehte \u2013 mit Unterst\u00fctzung der US-Regierung \u2013, inszenierte er den Krieg in S\u00fcdostasien als&nbsp;<strong>Western auf fremdem Boden<\/strong>. Die Nordvietnamesen wurden zu den \u201eIndianern\u201c, die es zu besiegen galt, die amerikanischen Soldaten zu den \u201eCowboys\u201c, die die Zivilisation verteidigten. Wayne selbst sagte \u00fcber die Dreharbeiten, dass die Amerikaner in \u201egef\u00e4hrlichen Zeiten\u201c lebten und dass \u201edie Augen der Welt auf uns gerichtet\u201c seien \u2013 und dass Freiheit manchmal teuer sei.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">V. Die unbequeme Wahrheit<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Mythos als politisches Konstrukt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Heroisierung des Wilden Westens im Kalten Krieg enth\u00fcllt eine grundlegende Wahrheit \u00fcber politische Mythen: Sie sind keine organisch gewachsenen Volkserz\u00e4hlungen, sondern&nbsp;<strong>bewusst konstruierte Instrumente der Macht<\/strong>. Der Western-Mythos wurde nicht von der Bev\u00f6lkerung erfunden \u2013 er wurde ihr von der Kulturindustrie, von Politikern und von Ideologen&nbsp;<strong>verordnet<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Mythos-Western ist kein autochthoner, religi\u00f6ser Mythos, er ist ein politischer Mythos\u201c. Er wurde geschaffen, um eine bestimmte Ordnung zu legitimieren \u2013 und diese Ordnung war die der US-amerikanischen Hegemonie im Kalten Krieg. Die scheinbare Zeitlosigkeit des Mythos ist das Produkt einer&nbsp;<strong>gezielten, jahrzehntelangen Bem\u00fchung<\/strong>, ihn als vermeintlich \u201enat\u00fcrliche\u201c Erz\u00e4hlung zu verankern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die beiden Gesichter des Mythos<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tragik dieses Unterfangens zeigt sich darin, dass der Mythos&nbsp;<strong>niemals vollst\u00e4ndig kontrollierbar<\/strong>&nbsp;war. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs entfalteten die Western-Erz\u00e4hlungen eine Eigendynamik, die ihre Sch\u00f6pfer \u00fcberraschte. Die DEFA-Indianerfilme wurden zu den erfolgreichsten Produktionen der DDR und machten den jugoslawischen Schauspieler Gojko Miti\u0107 zu einem Star, der sp\u00e4ter sowohl im Osten als auch im Westen gefeiert wurde<a href=\"https:\/\/daily.jstor.org\/why-east-germany-loved-the-wild-west\/#main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Karl-May-Filme der Bundesrepublik wiederum wurden in der DDR verboten \u2013 weil sie zu erfolgreich und damit zu gef\u00e4hrlich waren<a href=\"https:\/\/daily.jstor.org\/why-east-germany-loved-the-wild-west\/#main\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die&nbsp;<strong>Faszination des Westens<\/strong>&nbsp;erwies sich als st\u00e4rker als die ideologischen Schranken. Selbst diejenigen, die den Mythos bek\u00e4mpfen wollten, konnten sich seiner Anziehungskraft nicht entziehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Der entzauberte Mythos<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Heroisierung des Wilden Westens im Kalten Krieg ist ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Macht der Erz\u00e4hlungen \u2013 und \u00fcber ihre&nbsp;<strong>Gef\u00e4hrlichkeit<\/strong>. Ein historisch l\u00e4ngst widerlegter Mythos wurde zur ideologischen Waffe umgeschmiedet und diente dazu, eine der gef\u00e4hrlichsten Phasen der Weltgeschichte moralisch zu untermauern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die d\u00fcsteren Ziele, die hinter dieser Instrumentalisierung standen, sind heute un\u00fcbersehbar: die Rechtfertigung von Imperialismus, die Legitimierung von Gewalt, die Verdr\u00e4ngung historischer Verbrechen und die Manipulation der \u00f6ffentlichen Meinung im Dienste geopolitischer Machtinteressen. Die Geschichte des Wilden Westen wurde nicht einfach nur umgeschrieben \u2013 sie wurde&nbsp;<strong>gekidnappt<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erkenntnis, dass Geschichte manipulierbar ist, ist kein Freibrief f\u00fcr Zynismus. Sie ist eine&nbsp;<strong>Aufforderung zur Wachsamkeit<\/strong>. Denn die Instrumentalisierung von Mythen f\u00fcr politische Zwecke ist kein Ph\u00e4nomen des 20. Jahrhunderts \u2013 sie findet heute, in Echtzeit, statt. Die Frage ist nicht,&nbsp;<em>ob<\/em>&nbsp;Narrative f\u00fcr politische Ziele vereinnahmt werden, sondern&nbsp;<em>welche<\/em>&nbsp;Narrative und&nbsp;<em>zu welchen<\/em>&nbsp;Zwecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wilde Westen wurde im Kalten Krieg zum Symbol einer vermeintlich unschuldigen Vergangenheit, um eine h\u00f6chst schuldhafte Gegenwart zu verschleiern. Dass dieser Mythos bis heute \u00fcberlebt hat, ist kein Zeichen seiner Wahrheit \u2013 sondern ein Zeichen seiner&nbsp;<strong>N\u00fctzlichkeit<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Politische Bildung Brandenburg:\u00a0<em>Der \u201eWilde Westen\u201c \u2013 Unterhaltung oder Gesellschaftsmodell?<\/em>, Vortragsank\u00fcndigung<\/li>\n\n\n\n<li>Frankenpost:\u00a0<em>Kunst und Kultur: Mythos Westen<\/em>, 2011<\/li>\n\n\n\n<li>Collings-Wells, Sam:\u00a0<em>\u201eCan You Imagine Such a Marshal?\u201c: Hollywood Westerns and John F. Kennedy\u2019s Cold War<\/em>, in: The International History Review, 2020<\/li>\n\n\n\n<li>Goral, Pawel:\u00a0<em>Cold War Rivalry and the Perception of the American West<\/em>, 2015<\/li>\n\n\n\n<li>Gem\u00fcnden, Gerd:\u00a0<em>Why East Germany Loved the Wild West<\/em>, JSTOR Daily<\/li>\n\n\n\n<li>MDR:\u00a0<em>Die DEFA-Indianerfilme: \u201eSynthese aus Karl Marx und Karl May\u201c<\/em>, 2021<\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia:\u00a0<em>DEFA-Indianerfilm<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>Goethe-Institut:\u00a0<em>Westernfilme aus der DDR<\/em>, 2026<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie der Kalte Krieg den Wilden Westen als ideologische Waffe neu erfand Von DerSchneider Es ist eine der perfidesten Ironien der Geschichtsschreibung: Ausgerechnet in dem Moment, als der Mythos vom \u201eWilden Westen\u201c von der Geschichtswissenschaft l\u00e4ngst als Legende enttarnt worden war, erlebte er seine glorreichste Wiederauferstehung. Nicht als naive Volkserz\u00e4hlung, sondern als&nbsp;politische Waffe von ungeahnter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[44,17],"tags":[9063,9061,3593,9064,5570,9062,9060],"class_list":["post-6297","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ethik-gewissen","category-im-herz","tag-defa-indianerfilm","tag-heroisierung","tag-kalter-krieg","tag-politischer-mythos","tag-propaganda","tag-western-film","tag-wilder-westen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6297"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6298,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6297\/revisions\/6298"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/technodidact.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}