{"id":6590,"date":"2026-07-17T11:13:29","date_gmt":"2026-07-17T11:13:29","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=6590"},"modified":"2026-07-17T11:13:30","modified_gmt":"2026-07-17T11:13:30","slug":"der-januskoepfige-schoepfer-wie-erwin-schroedinger-die-quantenwelt-erschloss-und-bekaempfte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/der-januskoepfige-schoepfer-wie-erwin-schroedinger-die-quantenwelt-erschloss-und-bekaempfte\/","title":{"rendered":"Der janusk\u00f6pfige Sch\u00f6pfer: Wie Erwin Schr\u00f6dinger die Quantenwelt erschloss und bek\u00e4mpfte"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Autor:<\/strong>&nbsp;DerSchneider<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Das Paradoxon des Erfinders<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte der Wissenschaft ist reich an sch\u00f6pferischen Genies, doch nur wenige verk\u00f6rpern das Spannungsfeld zwischen Sch\u00f6pfung und Kritik so radikal wie der \u00f6sterreichische Physiker Erwin Schr\u00f6dinger. Er lieferte mit seiner Wellenmechanik das mathematische Fundament der Quantenphysik, das bis heute in jedem Lehrbuch steht \u2013 und wurde gleichzeitig zum erbittertsten Widersacher der daraus abgeleiteten Weltdeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend andere Forscher ihre Theorien als Kr\u00f6nung ihres Lebenswerks feierten, entwickelte Schr\u00f6dinger ein Gedankenexperiment, das die Absurdit\u00e4t seiner eigenen Sch\u00f6pfung offenlegen sollte: eine Katze, die gleichzeitig lebendig und tot ist. Er schrieb ein schmales Buch, das die Entschl\u00fcsselung der DNA inspirierte \u2013 obwohl er selbst nie ein Reagenzglas ber\u00fchrte. Und er floh aus dem nationalsozialistischen Deutschland, obwohl er als Nobelpreistr\u00e4ger nicht unmittelbar bedroht war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel zeichnet das Leben und Wirken eines der vielseitigsten Denker des 20. Jahrhunderts nach, fragt nach den Wurzeln seiner einzigartigen intellektuellen Spannweite und ergr\u00fcndet, warum ausgerechnet der Sch\u00f6pfer der Quantenmechanik zu ihrem sch\u00e4rfsten Kritiker wurde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kindheit und Pr\u00e4gung: Ein Geist ohne Schubladen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erwin Rudolf Josef Alexander Schr\u00f6dinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren \u2013 in einer Stadt, die damals als Schmelztiegel der Moderne galt. Sein Vater Rudolf, ein Fabrikant f\u00fcr Wachstuch und Linoleum, war mehr als ein Gesch\u00e4ftsmann. Nach einem Chemiestudium widmete er sich mit wissenschaftlicher Gr\u00fcndlichkeit der italienischen Malerei und sp\u00e4ter der Botanik, wo er eigene Arbeiten zur Stammesgeschichte der Pflanzen ver\u00f6ffentlichte. Die Mutter, Georgine Emilia Bauer, entstammte einer englisch-\u00f6sterreichischen Familie; ihr Vater war Professor f\u00fcr Chemie an der Technischen Hochschule Wien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hause Schr\u00f6dinger wurde Deutsch und Englisch gleicherma\u00dfen gesprochen \u2013 nicht als akademische \u00dcbung, sondern als gelebter Alltag. Der junge Erwin wuchs mit beiden Sprachen auf, als w\u00e4ren sie zwei Seiten derselben Medaille. Dieses zweisprachige Umfeld sollte weitreichende Folgen haben: Schr\u00f6dingers Englisch blieb zeitlebens so makellos, dass er sp\u00e4ter wissenschaftliche Werke darin verfassen konnte, die zu den besten ihrer Gattung z\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zu seinem elften Lebensjahr besuchte Erwin keine Schule. Ein Hauslehrer unterrichtete ihn individuell, was ihm eine Freiheit gew\u00e4hrte, die das streng reglementierte Schulsystem der Donaumonarchie kaum bieten konnte. Er konnte seinen Interessen folgen, Fragen stellen, ohne den Rhythmus einer Klasse einhalten zu m\u00fcssen, und sich vertiefen, wo andere weitergeeilt w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Herbst 1898, etwas sp\u00e4ter als \u00fcblich, trat der Elfj\u00e4hrige in das Akademische Gymnasium in der Wiener Innenstadt ein \u2013 eine Bildungsanstalt ersten Ranges mit langer humanistischer Tradition. Latein und Griechisch standen im Mittelpunkt des Lehrplans, erg\u00e4nzt durch Mathematik, Physik und moderne Sprachen. W\u00e4hrend f\u00fcr viele Sch\u00fcler dieses Programm eine Last bedeutete, wurde es f\u00fcr Schr\u00f6dinger zur Offenbarung. In der strengen Logik der alten Grammatiken entdeckte er eine Sch\u00f6nheit, die der mathematischen in nichts nachstand. Die Gesetze des lateinischen Satzgef\u00fcges, die Regelm\u00e4\u00dfigkeiten der griechischen Deklination \u2013 all das sprach denselben Ordnungssinn an, der ihn auch in der Physik fesseln sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger zeigte in allen F\u00e4chern hervorragende Leistungen, doch verabscheute er das blo\u00dfe Auswendiglernen von Daten und das Lernen aus B\u00fcchern ohne eigenes Nachdenken. Ihm ging es nie um die Ansammlung von Wissen, sondern um das Durchdringen von Zusammenh\u00e4ngen \u2013 eine Haltung, die sein gesamtes wissenschaftliches Schaffen durchziehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wien der Jahrhundertwende bot f\u00fcr einen solchen Geist den denkbar fruchtbarsten Boden. Gustav Mahler vollzog an der Hofoper den \u00dcbergang zur Moderne, Gustav Klimt forderte mit seinen goldenen Bildwelten die akademische Kunst heraus, Sigmund Freud begann das Unbewusste zu kartographieren, und in der Physik hatte Ludwig Boltzmann an der Universit\u00e4t Wien eine Schule von internationalem Rang begr\u00fcndet. Diese Stadt lehrte ihre Bewohner, dass die Grenzen zwischen den Disziplinen durchl\u00e4ssig waren \u2013 dass ein Physiker von der Philosophie lernen konnte und ein Dichter von der Mathematik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Schr\u00f6dinger im Sommer 1906 das Gymnasium abschloss und sich an der Universit\u00e4t Wien einschrieb, brachte er etwas mit, das seltener war als jede Fachbegabung: die F\u00e4higkeit, in mehreren geistigen Welten gleichzeitig zu Hause zu sein. Die Physik war f\u00fcr ihn nicht die Abkehr von der Sch\u00f6nheit der Sprache und der Tiefe der Philosophie, sondern deren Fortsetzung mit anderen Mitteln.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Wiener Jahre: Boltzmanns Erbe und ein verlorener Lehrer<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der 19-j\u00e4hrige Schr\u00f6dinger im Herbst 1906 die Universit\u00e4t Wien betrat, war die Hochschule eine der angesehensten naturwissenschaftlichen Lehreinrichtungen Europas. In der theoretischen Physik hatte Ludwig Boltzmann, der Begr\u00fcnder der statistischen Mechanik und ein Vision\u00e4r des atomistischen Weltbildes, eine Schule von internationalem Rang aufgebaut. Boltzmanns Arbeiten zur Thermodynamik und Wahrscheinlichkeitstheorie geh\u00f6rten zu den k\u00fchnsten intellektuellen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Er hatte die Br\u00fccke geschlagen zwischen der unsichtbaren Welt der Atome und den messbaren Eigenschaften der Materie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Boltzmann war ein geplagter Mann gewesen. Von Kollegen angefeindet, von Zweifeln zerfressen, hatte er sich im September 1906 in Duino bei Triest das Leben genommen \u2013 wenige Wochen bevor der junge Schr\u00f6dinger seine erste Vorlesung h\u00f6rte. Die L\u00fccke, die Boltzmann hinterlie\u00df, war gewaltig. Sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl f\u00fcr theoretische Physik wurde Friedrich Hasen\u00f6hrl, ein geb\u00fcrtiger Wiener, der erst 31 Jahre alt war, als er diese au\u00dferordentliche Verantwortung \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hasen\u00f6hrl war ein begabter Physiker mit einem klaren Vortragsstil und einem ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr die physikalische Anschauung mathematischer Zusammenh\u00e4nge. Auf den jungen Schr\u00f6dinger \u00fcbte er einen tiefen und bleibenden Einfluss aus. Unter seiner Anleitung erarbeitete sich der Student jene mathematischen Werkzeuge, die Jahrzehnte sp\u00e4ter den Kern seiner gro\u00dfen Entdeckung bilden sollten \u2013 vor allem die Eigenwertprobleme der Physik kontinuierlicher Medien, also die mathematischen Verfahren, mit denen man die Schwingungen von Saiten, Membranen und elastischen K\u00f6rpern beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vier Studienjahre zwischen 1906 und 1910 waren eine Zeit intensiver Ausbildung. Schr\u00f6dinger h\u00f6rte Vorlesungen in theoretischer und experimenteller Physik, in Mathematik und verwandten Gebieten. Sein Interesse galt nicht einem einzelnen Problem, sondern dem Zusammenspiel der Methoden. Er wollte verstehen, wie sich verschiedene physikalische Erscheinungen mit denselben mathematischen Mitteln beschreiben lie\u00dfen \u2013 welche verborgene Einheit hinter der Vielfalt der Ph\u00e4nomene steckte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 1910 legte Schr\u00f6dinger seine Doktorarbeit vor. Sie handelte von der Leitung der Elektrizit\u00e4t auf der Oberfl\u00e4che von Isolatoren in feuchter Luft \u2013 ein experimentelles Thema, das weit entfernt lag von den theoretischen H\u00f6henfl\u00fcgen, die seinen sp\u00e4teren Ruhm begr\u00fcnden sollten. Der frisch gebackene Doktor \u00fcbernahm anschlie\u00dfend eine Stelle als Assistent am Zweiten Physikalischen Institut der Universit\u00e4t, das von Franz Exner geleitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Exner, ein erfahrener Experimentalphysiker, besch\u00e4ftigte sich unter anderem mit Fragen der Farbwahrnehmung und der atmosph\u00e4rischen Elektrizit\u00e4t. Schr\u00f6dinger selbst gestand sp\u00e4ter mit entwaffnender Ehrlichkeit, dass er dabei nie wirklich gelernt habe, was Experimentieren eigentlich sei. Seine St\u00e4rke lag im Durchdringen mathematischer Strukturen, im Erkennen verborgener Analogien, im gedanklichen Experiment. Die Laborbank mit ihren Messger\u00e4ten und Versuchsaufbauten blieb ihm zeitlebens fremd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Jahre bei Exner waren keineswegs verloren. Schr\u00f6dinger kam erstmals mit den physiologischen Grundlagen der Farbwahrnehmung in Ber\u00fchrung \u2013 ein Gebiet, das ihn sp\u00e4ter zu eigenen Arbeiten anregen sollte. Es war ein weiterer Faden in dem Gewebe seiner vielseitigen Interessen, ein weiterer Beweis daf\u00fcr, dass sich sein Geist nicht in die Schubladen einzelner Fachgebiete einordnen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Erste Weltkrieg: Unterbrechung und Verlust<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Sommer 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, und Schr\u00f6dinger wurde als Artillerieoffizier eingezogen. Die Universit\u00e4t, der H\u00f6rsaal, die Bibliothek \u2013 all das trat in weite Ferne. An ihre Stelle traten die Sch\u00fctzengr\u00e4ben und Stellungen des Gebirgskrieges an der italienischen Front. Schr\u00f6dinger diente pflichtbewusst, doch der Krieg war f\u00fcr ihn keine Berufung, sondern eine Unterbrechung, ein Einschnitt, der Jahre kostete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Wiener Schule der theoretischen Physik war der Krieg eine Katastrophe, die weit \u00fcber das allgemeine Leid hinausging. Fritz Hasen\u00f6hrl, der geliebte Lehrer, der Bewahrer der Boltzmannschen Tradition, fiel am 7. Oktober 1915 bei Vielgereuth in S\u00fcdtirol \u2013 40 Jahre alt. Boltzmann hatte sich selbst aus dem Leben genommen, Hasen\u00f6hrl wurde vom Krieg genommen. Innerhalb eines Jahrzehnts waren die beiden pr\u00e4genden Gestalten der Wiener theoretischen Physik verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Traditionen sterben nicht, wenn ihre Tr\u00e4ger sterben. Sie leben weiter in denen, die sie aufgenommen haben. In den Jahren zwischen 1906 und 1910 hatte Schr\u00f6dinger sich die Werkzeuge angeeignet, die Hasen\u00f6hrl ihm dargeboten hatte. Die Eigenwertprobleme, die Methoden der mathematischen Physik, die Boltzmannsche Denkweise in Wahrscheinlichkeiten und statistischen Gesamtheiten \u2013 all das war in ihm aufbewahrt, bereit zur Entfaltung, auch wenn der Zeitpunkt dieser Entfaltung noch in weiter Ferne lag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wiener Schule der theoretischen Physik lebte nicht mehr in einem H\u00f6rsaal und nicht mehr auf einem Lehrstuhl. Sie lebte im Kopf eines Artillerieoffiziers, der an der italienischen Front diente, und sie w\u00fcrde anderthalb Jahrzehnte sp\u00e4ter in einer Gleichung wiederkehren, die alles in sich trug, was Boltzmann begonnen und Hasen\u00f6hrl weitergetragen hatte: die \u00dcberzeugung, dass die Natur im Innersten von mathematischen Gesetzen regiert wird, die sich dem menschlichen Verstand erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Wanderjahre: Auf dem Weg nach Z\u00fcrich<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 1918 endete der Krieg mit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie. Schr\u00f6dinger kehrte in ein ver\u00e4ndertes Wien zur\u00fcck. Das Kaiserreich, in dem er aufgewachsen war, existierte nicht mehr. Die Universit\u00e4t Wien litt unter Geldmangel und dem Verlust zahlreicher Gelehrter. F\u00fcr einen jungen Physiker ohne eigenes Verm\u00f6gen waren die Aussichten bescheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 1920 heiratete Schr\u00f6dinger Anne-Marie Bertel, eine junge Frau aus Salzburg. Die Ehe sollte bis zu seinem Lebensende Bestand haben, wenn auch unter Umst\u00e4nden, die manchen Zeitgenossen zu denken gaben. Anne-Marie war eine geduldige und loyale Gef\u00e4hrtin, die ihm jene h\u00e4usliche Stabilit\u00e4t bot, die er f\u00fcr seine geistige Arbeit brauchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im selben Jahr begann eine rastlose Wanderschaft durch die akademische Landschaft des deutschsprachigen Raumes. Von Jena ging Schr\u00f6dinger nach Stuttgart, dann nach Breslau \u2013 Stationen, die mehr an eilige Umz\u00fcge als an eine geordnete Karriere erinnerten. Noch im selben Jahr 1921 erreichte ihn die Einladung, die alles ver\u00e4ndern sollte: der Lehrstuhl f\u00fcr theoretische Physik an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stelle war seit Jahren unbesetzt, und die Liste der Vorg\u00e4nger las sich wie ein Verzeichnis der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts: Albert Einstein (bis 1911), Max von Laue, Peter Debye. Schr\u00f6dinger trat in die Fu\u00dfstapfen von Giganten. Er war 34 Jahre alt, und niemand h\u00e4tte behauptet, dass er zu den f\u00fchrenden K\u00f6pfen der theoretischen Physik geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Z\u00fcrich empfing ihn mit einer Atmosph\u00e4re, die sich grundlegend von dem unterschied, was er in der Nachkriegszeit in Wien und den deutschen Universit\u00e4tsst\u00e4dten erlebt hatte. Die Schweiz war vom Krieg verschont geblieben. Die Stadt am See strahlte eine Ruhe und Ordnung aus, die dem sch\u00f6pferischen Arbeiten zutr\u00e4glich war. An der Universit\u00e4t und an der nahe gelegenen Technischen Hochschule arbeiteten Forscher von internationalem Rang. Hermann Weyl, einer der vielseitigsten Mathematiker seiner Generation, wurde zu einem engen Freund. Peter Debye, obwohl an der Technischen Hochschule angestellt, stand in regem Austausch mit den Physikern der Universit\u00e4t und organisierte ein gemeinsames Seminar beider Hochschulen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Umgebung begann Schr\u00f6dinger eine Phase au\u00dferordentlicher Produktivit\u00e4t. Seine Arbeitsgebiete waren so vielf\u00e4ltig, dass ein weniger begabter Forscher Gefahr gelaufen w\u00e4re, sich zu verzetteln: Arbeiten zur spezifischen W\u00e4rme fester K\u00f6rper, Fragen der Thermodynamik, atomare Spektren, physiologische Optik und die Theorie der Farbwahrnehmung. Es war, als k\u00f6nne sein Verstand nicht anders als gleichzeitig in mehrere Richtungen zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Breite war Schr\u00f6dingers St\u00e4rke und zugleich der Grund, warum ihn die Fachwelt zwar achtete, aber nicht zu den Spitzenforschern z\u00e4hlte. In einer Zeit, in der die theoretische Physik immer st\u00e4rker zur Spezialisierung dr\u00e4ngte, wirkte Schr\u00f6dingers Vielseitigkeit beinahe altmodisch. Er war ein Gelehrter im alten Sinne des Wortes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch einen gro\u00dfen Wurf, eine Entdeckung, die seinen Namen mit einem bestimmten Problem verband, hatte er bisher nicht vorzuweisen. Er n\u00e4herte sich seinem 40. Lebensjahr \u2013 in der theoretischen Physik galt das als eine Grenze. Die meisten bahnbrechenden Leistungen stammten von Forschern, die ihre entscheidenden Gedanken in den Zwanzigern gefasst hatten. Werner Heisenberg war 23, als er die Matrizenmechanik begr\u00fcndete, Einstein 26, als er die spezielle Relativit\u00e4tstheorie formulierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Z\u00fcrcher Jahre gaben Schr\u00f6dinger etwas, das sich nicht in Ver\u00f6ffentlichungslisten messen lie\u00df: Ruhe, Freiheit und die intellektuelle Gemeinschaft, die ein Geist wie seiner brauchte, um zu reifen. Das gro\u00dfe Werk lie\u00df auf sich warten, aber der Boden, auf dem es wachsen sollte, war l\u00e4ngst bereitet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die sechs Monate: Die Geburt der Wellenmechanik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 1925 schrieb Schr\u00f6dinger einen Brief an Albert Einstein, in dem ein einziger Satz verriet, dass sich etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches anbahnte: &#8222;Ich habe vor wenigen Tagen mit gro\u00dfem Interesse die geistreiche Dissertation von Louis de Broglie gelesen.&#8220; Der 38-j\u00e4hrige Professor in Z\u00fcrich, der seit Jahren an vielen Problemen gleichzeitig arbeitete und keines davon zur Vollendung gebracht hatte, stie\u00df in den Seiten eines jungen Franzosen auf eine Idee, die ihm den Weg wies.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Physik befand sich Mitte der 1920er Jahre in einem Zustand produktiver Unruhe. Niels Bohrs Atommodell von 1913 war ein geniales Provisorium, eine unbefriedigende Mischung aus klassischer Mechanik und willk\u00fcrlichen Quantenbedingungen. Die Physik besa\u00df Regeln, die funktionierten, aber kein Fundament, auf dem diese Regeln standen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diese L\u00fccke stie\u00df Louis de Broglie mit einer Idee von verbl\u00fcffender K\u00fchnheit: Nicht nur Licht, sondern auch Materie besitzt Welleneigenschaften. Jedem Teilchen mit einem bestimmten Impuls sei eine Welle zugeordnet. Die Idee war zun\u00e4chst rein theoretisch \u2013 erst ein Gutachten Einsteins sicherte de Broglie die Annahme seiner Dissertation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger war auf de Broglies Arbeit nicht unmittelbar aufmerksam geworden. Den entscheidenden Ansto\u00df gaben ihm zwei Ver\u00f6ffentlichungen Einsteins, in denen dieser die neue Statistik des indischen Physikers Satyendra Nath Bose auf Gasatome anwandte und dabei eine bemerkenswerte Analogie zwischen den Schwankungen der Teilchenzahlen und der Interferenz von Wellen entdeckte \u2013 mit einer Fu\u00dfnote, die ausdr\u00fccklich auf de Broglies Hypothese verwies.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Fu\u00dfnote wurde zum Z\u00fcndfunken. Schr\u00f6dinger erkannte sofort die Tragweite: Wenn Teilchen sich wie Wellen verhielten, dann musste es eine Wellengleichung geben, die ihr Verhalten beschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber die Weihnachtstage 1925 zog sich Schr\u00f6dinger in die Berge zur\u00fcck \u2013 vermutlich nach Arosa im Kanton Graub\u00fcnden. Was dort geschah, geh\u00f6rt zu den produktivsten Wochen in der Geschichte der Physik. Sein Ausgangspunkt war eine tiefe Analogie zwischen der geradlinigen Ausbreitung des Lichtes und der Bewegung eines Teilchens in der klassischen Mechanik, eine Verbindung, die bis auf William Rowan Hamilton im 19. Jahrhundert zur\u00fcckging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erste Versuch ging schief. Schr\u00f6dinger formulierte zun\u00e4chst eine relativistische Wellengleichung, die jedoch nicht mit den experimentellen Daten \u00fcbereinstimmte. F\u00fcr manchen Forscher w\u00e4re dieser Misserfolg Anlass gewesen, den gesamten Ansatz aufzugeben. Schr\u00f6dinger stand vor einer Entscheidung, die \u00fcber das Schicksal seiner Arbeit bestimmte. Er entschied sich f\u00fcr den mutigen Weg des Vereinfachens: Er lie\u00df die relativistischen Korrekturen fallen und beschr\u00e4nkte sich auf den nichtrelativistischen Fall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vereinfachte Gleichung lieferte die Energieniveaus des Bohrschen Modells mit vollkommener Genauigkeit, ohne dass willk\u00fcrliche Quantenbedingungen eingef\u00fchrt werden mussten. Die erlaubten Energien ergaben sich von selbst als nat\u00fcrliche Folge der mathematischen Forderung, dass die Wellenfunktion \u00fcberall endlich bleiben m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 26. Januar 1926 reichte Schr\u00f6dinger seine erste Arbeit bei den&nbsp;<em>Annalen der Physik<\/em>&nbsp;ein. Der Titel lautete:&nbsp;<strong>&#8222;Quantisierung als Eigenwertproblem&#8220;<\/strong>&nbsp;\u2013 schon die \u00dcberschrift verriet die Pointe. Die Quantisierung, jene r\u00e4tselhafte Tatsache, dass Atome nur bestimmte Energiewerte annehmen k\u00f6nnen, war kein Zusatz zur Physik, keine willk\u00fcrliche Regel, die man dem System von au\u00dfen aufzwang. Sie war die nat\u00fcrliche Folge eines Eigenwertproblems \u2013 derselben mathematischen Struktur, die Schr\u00f6dinger als Student bei Hasen\u00f6hrl an den Schwingungen von Membranen und Saiten studiert hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Max Planck, der Begr\u00fcnder der Quantenhypothese, schrieb ihm auf einer Postkarte: Er lese die Arbeit &#8222;wie ein neugieriges Kind, das begierig der L\u00f6sung eines R\u00e4tsels lauscht, mit dem es sich lange herumgeschlagen hat.&#8220; Schr\u00f6dinger, der 38-j\u00e4hrige Sp\u00e4tberufene, der Vielseitige ohne Hauptwerk, hatte in sechs Monaten das Fundament einer neuen Physik gelegt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Schr\u00f6dinger-Gleichung: Mathematisches Fundament<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schr\u00f6dinger-Gleichung ist eine partielle Differentialgleichung, die den Zustand eines quantenmechanischen Systems beschreibt. In ihrer zeitabh\u00e4ngigen Form lautet sie:<math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\" display=\"block\"><semantics><mrow><mi>i<\/mi><mi mathvariant=\"normal\">\u210f<\/mi><mfrac><mi mathvariant=\"normal\">\u2202<\/mi><mrow><mi mathvariant=\"normal\">\u2202<\/mi><mi>t<\/mi><\/mrow><\/mfrac><mi mathvariant=\"normal\">\u03a8<\/mi><mo stretchy=\"false\">(<\/mo><mi mathvariant=\"bold\">r<\/mi><mo separator=\"true\">,<\/mo><mi>t<\/mi><mo stretchy=\"false\">)<\/mo><mo>=<\/mo><mover accent=\"true\"><mi>H<\/mi><mo>^<\/mo><\/mover><mi mathvariant=\"normal\">\u03a8<\/mi><mo stretchy=\"false\">(<\/mo><mi mathvariant=\"bold\">r<\/mi><mo separator=\"true\">,<\/mo><mi>t<\/mi><mo stretchy=\"false\">)<\/mo><\/mrow><\/semantics><\/math><em>i<\/em>\u210f\u2202<em>t<\/em>\u2202\u200b\u03a8(<strong>r<\/strong>,<em>t<\/em>)=<em>H<\/em>^\u03a8(<strong>r<\/strong>,<em>t<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei ist:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi mathvariant=\"normal\">\u03a8<\/mi><mo stretchy=\"false\">(<\/mo><mi mathvariant=\"bold\">r<\/mi><mo separator=\"true\">,<\/mo><mi>t<\/mi><mo stretchy=\"false\">)<\/mo><\/mrow><\/semantics><\/math>\u03a8(<strong>r<\/strong>,<em>t<\/em>)\u00a0die Wellenfunktion, die den Zustand des Systems beschreibt<\/li>\n\n\n\n<li><math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mover accent=\"true\"><mi>H<\/mi><mo>^<\/mo><\/mover><\/mrow><\/semantics><\/math><em>H<\/em>^\u00a0der Hamilton-Operator, der die Gesamtenergie des Systems repr\u00e4sentiert<\/li>\n\n\n\n<li><math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi mathvariant=\"normal\">\u210f<\/mi><\/mrow><\/semantics><\/math>\u210f\u00a0das reduzierte Plancksche Wirkungsquantum<\/li>\n\n\n\n<li><math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi>i<\/mi><\/mrow><\/semantics><\/math><em>i<\/em>\u00a0die imagin\u00e4re Einheit<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr viele Anwendungen gen\u00fcgt die zeitunabh\u00e4ngige Form:<math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\" display=\"block\"><semantics><mrow><mover accent=\"true\"><mi>H<\/mi><mo>^<\/mo><\/mover><mi mathvariant=\"normal\">\u03a8<\/mi><mo stretchy=\"false\">(<\/mo><mi mathvariant=\"bold\">r<\/mi><mo stretchy=\"false\">)<\/mo><mo>=<\/mo><mi>E<\/mi><mi mathvariant=\"normal\">\u03a8<\/mi><mo stretchy=\"false\">(<\/mo><mi mathvariant=\"bold\">r<\/mi><mo stretchy=\"false\">)<\/mo><\/mrow><\/semantics><\/math><em>H<\/em>^\u03a8(<strong>r<\/strong>)=<em>E<\/em>\u03a8(<strong>r<\/strong>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die L\u00f6sungen dieser Gleichung sind die Wellenfunktionen, die die erlaubten Energieniveaus&nbsp;<math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi>E<\/mi><\/mrow><\/semantics><\/math><em>E<\/em>&nbsp;des Systems beschreiben. Die Schr\u00f6dinger-Gleichung ist deterministisch \u2013 wenn man die Wellenfunktion zu einem Zeitpunkt kennt, kann man ihren Zustand zu jedem sp\u00e4teren Zeitpunkt berechnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><thead><tr><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Aspekt<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Klassische Mechanik<\/strong><\/th><th class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\"><strong>Schr\u00f6dinger-Quantenmechanik<\/strong><\/th><\/tr><\/thead><tbody><tr><td><strong>Zustandsbeschreibung<\/strong><\/td><td>Ort und Impuls jedes Teilchens<\/td><td>Wellenfunktion&nbsp;<math xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/1998\/Math\/MathML\"><semantics><mrow><mi mathvariant=\"normal\">\u03a8<\/mi><\/mrow><\/semantics><\/math>\u03a8<\/td><\/tr><tr><td><strong>Entwicklungsgesetz<\/strong><\/td><td>Newtonsche Bewegungsgleichungen<\/td><td>Schr\u00f6dinger-Gleichung<\/td><\/tr><tr><td><strong>Messgr\u00f6\u00dfen<\/strong><\/td><td>Pr\u00e4zise Werte (deterministisch)<\/td><td>Wahrscheinlichkeitsverteilungen<\/td><\/tr><tr><td><strong>Anschaulichkeit<\/strong><\/td><td>Direkt vorstellbar (Bahnen)<\/td><td>Abstrakte Wahrscheinlichkeitswellen<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Streit der Giganten: Wellenmechanik vs. Matrizenmechanik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Sommer 1926 trafen zwei Theorien aufeinander, die unterschiedlicher kaum h\u00e4tten sein k\u00f6nnen \u2013 und die doch dasselbe beschrieben. Auf der einen Seite stand Schr\u00f6dingers Wellenmechanik mit ihren vertrauten Differentialgleichungen und anschaulichen Wellenfunktionen. Auf der anderen Seite stand die Matrizenmechanik, die ein 25-j\u00e4hriger Deutscher namens Werner Heisenberg ein knappes Jahr zuvor formuliert hatte \u2013 eine abstrakte Algebra ohne Bilder, ohne Bahnen, ohne jede M\u00f6glichkeit, sich das Geschehen im Atom vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heisenberg fand Schr\u00f6dingers physikalische Vorstellungen &#8222;absto\u00dfend&#8220;, Schr\u00f6dinger war von Heisenbergs &#8222;Mangel an Anschaulichkeit&#8220; abgesto\u00dfen. Beide hatten recht \u2013 und beide hatten unrecht. Denn das, was keiner von ihnen wahrhaben wollte, war die Tatsache, dass ihre grundverschiedenen Theorien im Kern dasselbe sagten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Matrizenmechanik war im Juli 1925 entstanden. Heisenberg verzichtete darauf, die Bewegung der Elektronen im Atom zu beschreiben \u2013 weil diese Bewegung prinzipiell nicht beobachtbar sei. Stattdessen stellte er eine mathematische Methode auf, die nur mit beobachtbaren Gr\u00f6\u00dfen arbeitete: den Frequenzen und Intensit\u00e4ten der Spektrallinien. Max Born erkannte sofort, dass es sich um Matrizenrechnung handelte, und baute gemeinsam mit Pascual Jordan Heisenbergs Ansatz zu einer geschlossenen Theorie aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dingers Wellenmechanik sprach eine andere Sprache. Seine Wellengleichung war ein Typus mathematischer Gleichung, mit dem die Physiker seit Generationen vertraut waren: Wellenausbreitung, W\u00e4rmeleitung, Schwingungen von Membranen \u2013 all das wurde durch \u00e4hnliche Gleichungen beschrieben. Schr\u00f6dingers Ansatz bot etwas, das Heisenbergs Theorie verweigerte: ein Bild.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz seiner Abneigung gegen Heisenbergs Methode setzte Schr\u00f6dinger sich hin und bewies in einer mathematisch eleganten Arbeit die \u00c4quivalenz der beiden Theorien. Jede Aussage der Matrizenmechanik lie\u00df sich in die Sprache der Wellenmechanik \u00fcbersetzen und umgekehrt. Es handelte sich nicht um zwei verschiedene Physiken, sondern um zwei verschiedene mathematische Darstellungen derselben Physik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Beweis geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Leistungen der theoretischen Physik im 20. Jahrhundert, denn er zeigte, dass die Quantenmechanik nicht von der besonderen Form ihrer Gleichung abhing, sondern von einer tieferen Struktur, die sich in verschiedenen mathematischen Gew\u00e4ndern aussprechen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Kopenhagener Deutung und Schr\u00f6dingers Widerstand<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum war die \u00c4quivalenz der beiden Theorien gesichert, brach ein neuer Streit aus, der weit tiefer ging als der erste. Er betraf die Deutung der Wellenfunktion. Schr\u00f6dinger hatte vorgeschlagen, dass das Quadrat der Wellenfunktion die Dichte des Elektrons angebe \u2013 das Elektron w\u00e4re demnach keine Punktladung, sondern eine im Raum verteilte Substanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Max Born erhob sofort Einspruch. Das Quadrat der Wellenfunktion gebe nicht die Dichte des Elektrons an, sondern die&nbsp;<strong>Wahrscheinlichkeit<\/strong>, das Elektron an einem bestimmten Ort zu finden. Der Unterschied war gewaltig: Wenn Schr\u00f6dinger recht hatte, war das Elektron tats\u00e4chlich \u00fcberall dort ein wenig vorhanden, wo die Wellenfunktion einen Wert hatte. Wenn Born recht hatte, war das Elektron ein unteilbares Ganzes, dessen Ort vor der Messung grunds\u00e4tzlich unbestimmt blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Borns Interpretation bedeutete den Abschied vom Determinismus. In der Quantenmechanik sagte die Theorie nicht mehr voraus, was geschehen w\u00fcrde, sondern nur mit welcher Wahrscheinlichkeit verschiedene Ergebnisse eintreten konnten. Der Zufall war nicht Ausdruck menschlicher Unwissenheit, sondern ein Grundzug der Natur selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werner Heisenberg formulierte wenig sp\u00e4ter seine Unsch\u00e4rferelation, die diesen Bruch mit der klassischen Physik auf den Punkt brachte: Ort und Impuls eines Teilchens lassen sich nicht gleichzeitig mit beliebiger Genauigkeit bestimmen. Niels Bohr baute diese Einsichten zur&nbsp;<strong>Kopenhagener Interpretation<\/strong>&nbsp;aus: Die Quantenmechanik liefere eine vollst\u00e4ndige Beschreibung der physikalischen Wirklichkeit, und der Versuch, hinter die Wahrscheinlichkeiten zur\u00fcckzugehen, sei sinnlos. Die Messung schaffe die Wirklichkeit, die sie aufdecke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Schr\u00f6dinger war diese Interpretation ein Schlag ins Gesicht. Er hatte seine Wellengleichung in der \u00dcberzeugung geschrieben, dass sie eine reale Welle beschrieb \u2013 ein physikalisches Objekt, das man sich vorstellen konnte. Nun sagten ihm seine Kollegen, dass seine Vorstellung falsch sei: Die Wellenfunktion war kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein Werkzeug zur Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Das Elektron war weder Welle noch Teilchen, sondern etwas Drittes, das sich jeder Veranschaulichung entzog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger weigerte sich, die Kopenhagener Interpretation als letztes Wort zu akzeptieren. Diese Weigerung war nicht die Sturheit eines alten Mannes, der die neue Physik nicht verstand. Sie war die begr\u00fcndete \u00dcberzeugung eines Denkers, der die Forderung nach Anschaulichkeit f\u00fcr ein unverzichtbares Element der Naturwissenschaft hielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger wurde zum Kritiker seiner eigenen Theorie \u2013 und er blieb es f\u00fcr den Rest seines Lebens.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Gedankenexperiment: Schr\u00f6dingers Katze<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Herbst 1935 ver\u00f6ffentlichte Schr\u00f6dinger in der Zeitschrift&nbsp;<em>Die Naturwissenschaften<\/em>&nbsp;einen langen Aufsatz mit dem n\u00fcchternen Titel&nbsp;<strong>&#8222;Die gegenw\u00e4rtige Situation in der Quantenmechanik&#8220;<\/strong>. Auf den ersten Seiten las sich der Text wie eine sorgf\u00e4ltige Bestandsaufnahme. Doch auf den folgenden Seiten verbarg sich ein Gedankenexperiment, das die Physik nie wieder loslassen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger beschrieb eine Katze in einem verschlossenen Stahlkasten, die gleichzeitig lebendig und tot war. Er hatte dieses Bild nicht erfunden, um die Quantenmechanik zu erkl\u00e4ren \u2013 er hatte es erfunden, um zu zeigen, dass etwas an ihr grundlegend falsch sein musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ansto\u00df kam von Albert Einstein. Im Mai 1935 hatten Einstein, Boris Podolsky und Nathan Rosen die sogenannte&nbsp;<strong>EPR-Arbeit<\/strong>&nbsp;ver\u00f6ffentlicht, die zeigte, dass die Quantenmechanik zu &#8222;spukhaften Fernwirkungen&#8220; f\u00fchrt \u2013 wenn man an einem von zwei verschr\u00e4nkten Teilchen eine Messung vornimmt, ver\u00e4ndert sich augenblicklich der Zustand des anderen, selbst wenn es Millionen von Kilometern entfernt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger las die Arbeit mit gr\u00f6\u00dfter Aufmerksamkeit. In einem Brief vom 8. August 1935 wies Einstein auf ein anschauliches Beispiel hin: Ein Fass mit Schie\u00dfpulver, das sich in einer \u00dcberlagerung aus explodiert und nicht explodiert befindet. Schr\u00f6dinger griff Einsteins Beispiel auf und trieb es auf die Spitze \u2013 die Katze war geboren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem Aufsatz schilderte Schr\u00f6dinger das Gedankenexperiment mit aller Klarheit:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Katze wird in einen Stahlkasten gesperrt, zusammen mit einer winzigen Menge einer radioaktiven Substanz. Innerhalb einer Stunde zerf\u00e4llt mit gleicher Wahrscheinlichkeit ein Atom \u2013 oder es zerf\u00e4llt nicht. Wenn es zerf\u00e4llt, l\u00f6st ein Geigerz\u00e4hler einen Mechanismus aus, der ein Fl\u00e4schchen mit Blaus\u00e4ure zerschl\u00e4gt. Das Gift t\u00f6tet die Katze. Wenn das Atom nicht zerf\u00e4llt, bleibt die Katze am Leben. Nach der Kopenhagener Interpretation befindet sich das Atom nach einer Stunde in einer \u00dcberlagerung beider Zust\u00e4nde \u2013 zerfallen und nicht zerfallen. Da der Zustand der Katze an den Zustand des Atoms gekoppelt ist, befindet sich auch die Katze in einer \u00dcberlagerung: lebendig und tot zugleich. Erst wenn jemand den Kasten \u00f6ffnet und nachsieht, &#8222;kollabiert&#8220; die Wellenfunktion, und die Katze ist entweder das eine oder das andere.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger nannte dieses Ergebnis &#8222;ganz l\u00e4cherlich&#8220;. Es war seine Art zu sagen, dass eine Theorie, die solche Konsequenzen nach sich zieht, nicht das letzte Wort \u00fcber die Natur sein kann. Die Katze war kein Argument&nbsp;<em>f\u00fcr<\/em>&nbsp;die Quantenmechanik \u2013 sie war ein Argument&nbsp;<em>gegen<\/em>&nbsp;die Kopenhagener Deutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gedankenexperiment traf einen Nerv, der weit \u00fcber die Fachwelt hinausreichte. Es machte das abstrakte Problem der Quantenmechanik \u2013 die Frage nach dem Wesen der \u00dcberlagerung und dem Vorgang der Messung \u2013 f\u00fcr jeden denkenden Menschen nachvollziehbar. Die Katze, die gleichzeitig lebt und tot ist, pr\u00e4gte sich ein, gerade weil sie absurd war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00dcbergang von der Quantenwelt zur Alltagswelt, die Frage, wann und wie ein quantenmechanisches System aufh\u00f6rt, in einer \u00dcberlagerung zu existieren, blieb ungel\u00f6st \u2013 und wurde als&nbsp;<strong>Messproblem<\/strong>&nbsp;bekannt. Bis heute konkurrieren verschiedene Deutungen der Quantenmechanik miteinander: die Kopenhagener Interpretation, die Viele-Welten-Interpretation, Theorien mit objektiven Kollapsmechanismen \u2013 und keine hat sich als endg\u00fcltig durchgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Berlin, Flucht und Exil: Die Jahre der Heimatlosigkeit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Herbst 1927 betrat Schr\u00f6dinger den H\u00f6rsaal der Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t in Berlin, um seine Antrittsvorlesung als Nachfolger Max Plancks zu halten. Es war der angesehenste Lehrstuhl f\u00fcr theoretische Physik in der gesamten deutschsprachigen Welt. Im Auditorium sa\u00dfen Albert Einstein, Max von Laue, Walter Nernst und zahlreiche weitere Gelehrte von Weltrang. Schr\u00f6dinger war 40 Jahre alt, auf dem Gipfel seines Ruhms.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berlin in den sp\u00e4ten 1920er Jahren war ein Zentrum der Wissenschaft ohne Gleichen. Die w\u00f6chentlichen Kolloquien, an denen Physiker, Chemiker und Mathematiker teilnahmen, geh\u00f6rten zu den lebendigsten Veranstaltungen der internationalen Forschungsgemeinschaft. Die Freundschaft mit Einstein vertiefte sich \u2013 die beiden teilten das Unbehagen an der Kopenhagener Interpretation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diese fruchtbare Berliner Zeit fiel die Nachricht aus Stockholm: Im Jahr 1933 erhielt Schr\u00f6dinger den Nobelpreis f\u00fcr Physik, gemeinsam mit Paul Dirac. Doch die Freude \u00fcber den Preis wurde von den politischen Ereignissen \u00fcberschattet. Am 30. Januar 1933 war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erzwang die Entlassung j\u00fcdischer Wissenschaftler aus dem Staatsdienst. Die Berliner Universit\u00e4t verlor innerhalb weniger Monate ihre bedeutendsten K\u00f6pfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger selbst war kein Jude. Er hatte keinen unmittelbaren Grund, seine Stellung zu f\u00fcrchten. Doch er kam zu dem Schluss, dass er in einem Land, in dem die Verfolgung von Juden zur Staatspolitik geworden war, nicht l\u00e4nger leben und arbeiten konnte. Im Herbst 1933 verlie\u00df er Deutschland \u2013 kein lauter Protest, sondern der stille Abschied eines Mannes, der seine Konsequenzen zog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was folgte, waren Jahre der Ungewissheit. In England bot ihm das Magdalen College in Oxford eine Forschungsstelle an, doch die Anpassung an das konservative akademische Milieu gelang ihm nicht. Schr\u00f6dingers unkonventionelle Lebensf\u00fchrung stie\u00df auf Befremden. Princeton lud ihn ein, doch er nahm das Angebot nicht an. Die Universit\u00e4t Graz in seiner \u00f6sterreichischen Heimat bot einen Lehrstuhl \u2013 er nahm an, eine Entscheidung, die er bald bereuen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 12. M\u00e4rz 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in \u00d6sterreich ein. Schr\u00f6dingers Weg aus Berlin wurde als feindseliger Akt gewertet. Seine Stellung war bedroht. Mit seiner Frau gelang ihm die Flucht \u00fcber die Grenze nach Italien. Er war 51 Jahre alt, ein Nobelpreistr\u00e4ger ohne feste Anstellung, ein Heimatloser in einem Europa, das auf einen neuen Krieg zusteuerte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dublin: Ein neues Zuhause<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Oktober 1939 erreichte Schr\u00f6dinger eine Einladung aus einem Land, das er nie besucht hatte, von einem Mann, den er nie getroffen hatte. \u00c9amon de Valera, der Premierminister Irlands, plante ein Institut f\u00fcr H\u00f6here Studien in Dublin nach dem Vorbild des Institute for Advanced Study in Princeton. Er brauchte einen Namen von Weltrang \u2013 Schr\u00f6dinger sagte zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Dublin Institute for Advanced Studies wurde 1940 gegr\u00fcndet \u2013 das zweite Institut dieser Art weltweit. Schr\u00f6dinger wurde Direktor der School for Theoretical Physics. Er bezog mit seiner Familie ein Haus an der Kincora Road in Clontarf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 17 Jahre in Dublin bildeten den l\u00e4ngsten Abschnitt in Schr\u00f6dingers beruflichem Leben. Er selbst bezeichnete sie als die gl\u00fccklichsten Jahre seines Lebens. Irland bot ihm pers\u00f6nliche Freiheit, intellektuelle Unabh\u00e4ngigkeit und das Gef\u00fchl, gebraucht zu werden. De Valeras Institut entwickelte sich unter Schr\u00f6dingers Leitung zu einem anerkannten Zentrum der theoretischen Physik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben der Physik pflegte Schr\u00f6dinger seine vielf\u00e4ltigen geistigen Interessen. Er vertiefte sich in die altgriechische Naturphilosophie und schrieb &#8222;Natur und die Griechen&#8220; (1954). Er n\u00e4herte sich der indischen Philosophie, insbesondere dem Vedanta, der die Einheit allen Bewusstseins betont. Diese Neigung zum Mystischen irritierte viele seiner Kollegen, doch Schr\u00f6dinger sah darin keinen Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was ist Leben? Ein Buch ver\u00e4ndert die Biologie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Februar 1943 betrat Schr\u00f6dinger das Podium des gro\u00dfen H\u00f6rsaals im Trinity College Dublin, um den versammelten Zuh\u00f6rern zu erkl\u00e4ren, was Leben sei. In der ersten Reihe sa\u00dfen de Valera mit seinem Kabinett, neben den Ministern hohe Vertreter der irischen Kirchen. Der Saal war bis auf den letzten Stuhl besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vortr\u00e4ge erschienen 1944 als Buch unter dem Titel&nbsp;<strong>&#8222;What is Life?&#8220;<\/strong>&nbsp;(Was ist Leben?) \u2013 weniger als hundert Seiten, geschrieben in klarem, zug\u00e4nglichem Englisch. Schr\u00f6dinger fragte: Wie ist es physikalisch m\u00f6glich, dass ein winziges Gen die gesamte Bauanleitung eines Organismus enth\u00e4lt und diese Information \u00fcber unz\u00e4hlige Zellteilungen nahezu fehlerfrei weitergibt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Antwort war eine k\u00fchne Hypothese: Das Gen m\u00fcsse ein&nbsp;<strong>&#8222;aperiodischer Kristall&#8220;<\/strong>&nbsp;sein \u2013 ein Festk\u00f6rper, dessen Bausteine zwar regelm\u00e4\u00dfig angeordnet sind, aber in einer nicht wiederholenden Folge, die eine ungeheure Menge an Informationen verschl\u00fcsseln kann. Er verglich dieses Muster mit einer &#8222;Codeschrift&#8220;, einer Folge von Zeichen, die den vollst\u00e4ndigen Bauplan des Organismus enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dinger wusste nichts von der Desoxyribonukleins\u00e4ure (DNA), die erst Jahre sp\u00e4ter als Tr\u00e4ger der Erbinformation identifiziert werden sollte. Doch die Begriffe, die er w\u00e4hlte \u2013&nbsp;<strong>aperiodischer Kristall, Codeschrift, Bauplan<\/strong>&nbsp;\u2013 trafen den Kern der Sache mit erstaunlicher Genauigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fachwelt reagierte gespalten. Der Chemiker Linus Pauling bemerkte, Schr\u00f6dingers Darstellung der Thermodynamik sei &#8222;vage und oberfl\u00e4chlich&#8220;; Max Perutz urteilte noch sch\u00e4rfer. Die Kritik war fachlich berechtigt \u2013 doch die Bedeutung des Buches lag nicht in seinen Einzelheiten, sondern in seiner Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahren nach dem Krieg lasen junge Wissenschaftler das schmale B\u00e4ndchen und erfuhren eine Ersch\u00fctterung, die ihr weiteres Leben bestimmte. James Watson, ein Biologiestudent, stie\u00df mit 17 Jahren auf das Buch \u2013 Schr\u00f6dingers These, das Wesen des Lebens liege im Gen, lenkte seinen Blick in eine neue Richtung. Francis Crick, ein englischer Physiker, las das Buch und kam zu dem Schluss, dass ein Physiker in der Biologie mehr bewirken k\u00f6nne als in der R\u00fcstungsforschung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im April 1953 ver\u00f6ffentlichten Watson und Crick ihre Arbeit \u00fcber die Doppelhelix-Struktur der DNA \u2013 eine der gr\u00f6\u00dften Entdeckungen der Biologie. Crick schrieb einen Brief an Schr\u00f6dinger: Er und Watson h\u00e4tten festgestellt, dass sie beide durch Schr\u00f6dingers Buch beeinflusst worden seien. Der Begriff &#8222;aperiodischer Kristall&#8220; werde sich wohl als sehr zutreffend erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Physiker, der nie ein Labor betreten hatte, hatte mit einem kleinen Buch den Ansto\u00df zu einer Revolution in der Biologie gegeben. Schr\u00f6dingers Verdienst lag nicht in den Einzelheiten seiner Argumentation \u2013 es lag in der K\u00fchnheit seiner Fragestellung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die letzten Jahre: R\u00fcckkehr nach Wien<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 1956 kehrte Schr\u00f6dinger, inzwischen 69 Jahre alt, nach Wien zur\u00fcck \u2013 in die Stadt seiner Kindheit, seiner Gymnasialzeit, seiner ersten Begegnung mit der Physik. Die Universit\u00e4t Wien bot ihm eine Ehrenprofessur ohne Lehrpflichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzten Lebensjahre waren eine Zeit der Bilanz und des philosophischen Nachdenkens. Schr\u00f6dinger, k\u00f6rperlich geschw\u00e4cht durch die Tuberkulose, die ihn seit langem begleitete, vollendete sein philosophisches Verm\u00e4chtnis: das Buch&nbsp;<strong>&#8222;Meine Weltansicht&#8220;<\/strong>, das erst 1961 erscheinen sollte, wenige Monate nach seinem Tod.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darin vertrat er die Auffassung, dass das individuelle Bewusstsein keine isolierte Erscheinung sei, sondern Ausdruck eines einzigen allumfassenden Bewusstseins \u2013 eine Sichtweise, die der indischen Philosophie des Vedanta nahestand. F\u00fcr die meisten seiner Kollegen war diese Haltung befremdlich. Schr\u00f6dinger sah das anders: Die Frage nach dem Bewusstsein, nach dem Erleben, nach dem Verh\u00e4ltnis des erkennenden Subjekts zur erkannten Welt konnte nicht mit den Mitteln der Physik allein beantwortet werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 4. Januar 1961 starb Erwin Schr\u00f6dinger in Wien. Er wurde 73 Jahre alt. Man begrub ihn in Alpbach, einem kleinen Dorf in den Tiroler Alpen, das er geliebt hatte. Auf seinem Grabstein steht seine Gleichung \u2013 jene partielle Differentialgleichung, die er im Winter 1925\/26 in den Schweizer Bergen niedergeschrieben hatte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schr\u00f6dingers Verm\u00e4chtnis: Der janusk\u00f6pfige Sch\u00f6pfer<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schr\u00f6dingers Verm\u00e4chtnis l\u00e4sst sich nicht in einer einzigen Leistung zusammenfassen. Seine Gleichung ist das Herzst\u00fcck der Quantenmechanik und wird an jeder physikalischen Fakult\u00e4t der Welt gelehrt. Sein Gedankenexperiment mit der Katze ist zum Sinnbild einer offenen Grundfrage geworden, die die Physik bis heute nicht abschlie\u00dfend beantwortet hat. Sein Buch \u00fcber das Wesen des Lebens hat die Molekularbiologie mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch vielleicht liegt sein tiefster Beitrag in etwas anderem: in dem Mut, die Theorie, die er selbst geschaffen hatte, nicht als letztes Wort zu akzeptieren. Schr\u00f6dinger war der hartn\u00e4ckigste Kritiker seiner eigenen Gleichung. Er bestand darauf, dass die Quantenmechanik, so erfolgreich sie auch war, nicht das vollst\u00e4ndige Bild der Wirklichkeit lieferte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fragen, die er stellte \u2013 nach dem Wesen der Messung, nach dem Verh\u00e4ltnis von Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeit, nach der Rolle des Bewusstseins in der Physik \u2013 sind bis heute unbeantwortet. Es sind die tiefsten Fragen, die die Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts aufgeworfen hat. Es ist kein geringes Verdienst, sie mit solcher Sch\u00e4rfe formuliert zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Zeit zunehmender Spezialisierung verk\u00f6rperte Schr\u00f6dinger ein \u00e4lteres Ideal: das der umfassenden Gelehrsamkeit, des Denkens ohne Schranken. Er war in der Philosophie und Literatur aller westeurop\u00e4ischen Sprachen zu Hause, schrieb wissenschaftliche Prosa auf Englisch, die zu den besten ihrer Art geh\u00f6rt, beherrschte die altgriechische Sprache, um die Originaltexte der antiken Naturphilosophen zu lesen \u2013 und leistete Beitr\u00e4ge zur Farbenlehre, zur statistischen Thermodynamik, zur allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie, zur Molekularbiologie und zur Wissenschaftsphilosophie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Leben und Werk sind ein Zeugnis daf\u00fcr, dass die gr\u00f6\u00dften Fortschritte der Wissenschaft oft von Denkern ausgehen, die nicht nur in einer Disziplin zu Hause sind, sondern die Grenzen zwischen den F\u00e4chern als Einladung verstehen, sie zu \u00fcberschreiten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Moore, Walter J.:\u00a0<em>Schr\u00f6dinger: Life and Thought<\/em>. Cambridge University Press, 1989.<\/li>\n\n\n\n<li>Schr\u00f6dinger, Erwin:\u00a0<em>Abhandlungen zur Wellenmechanik<\/em>. Barth, 1928.<\/li>\n\n\n\n<li>Schr\u00f6dinger, Erwin:\u00a0<em>What is Life?<\/em>\u00a0Cambridge University Press, 1944.<\/li>\n\n\n\n<li>Schr\u00f6dinger, Erwin:\u00a0<em>Natur und die Griechen<\/em>. Rowohlt, 1954.<\/li>\n\n\n\n<li>Schr\u00f6dinger, Erwin:\u00a0<em>Meine Weltansicht<\/em>. Paul Zsolnay Verlag, 1961 (posthum).<\/li>\n\n\n\n<li>Jammer, Max:\u00a0<em>The Conceptual Development of Quantum Mechanics<\/em>. McGraw-Hill, 1966.<\/li>\n\n\n\n<li>Born, Max:\u00a0<em>Zur Quantenmechanik der Sto\u00dfvorg\u00e4nge<\/em>. In: Zeitschrift f\u00fcr Physik, Band 37, 1926.<\/li>\n\n\n\n<li>Heisenberg, Werner:\u00a0<em>\u00dcber quantentheoretische Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen<\/em>. In: Zeitschrift f\u00fcr Physik, Band 33, 1925.<\/li>\n\n\n\n<li>Einstein, A., Podolsky, B., Rosen, N.:\u00a0<em>Can Quantum-Mechanical Description of Physical Reality Be Considered Complete?<\/em>\u00a0In: Physical Review, Band 47, 1935.<\/li>\n\n\n\n<li>Schr\u00f6dinger, Erwin:\u00a0<em>Die gegenw\u00e4rtige Situation in der Quantenmechanik<\/em>. In: Die Naturwissenschaften, Band 23, 1935.<\/li>\n\n\n\n<li>Watson, James D.:\u00a0<em>The Double Helix<\/em>. Atheneum, 1968.<\/li>\n\n\n\n<li>Crick, Francis:\u00a0<em>What Mad Pursuit<\/em>. Basic Books, 1988.<\/li>\n\n\n\n<li>Perutz, Max:\u00a0<em>Was ist Leben? Schr\u00f6dingers Einfluss auf die Biologie<\/em>. In: Nature, Band 326, 1987.<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor:&nbsp;DerSchneider Einleitung: Das Paradoxon des Erfinders Die Geschichte der Wissenschaft ist reich an sch\u00f6pferischen Genies, doch nur wenige verk\u00f6rpern das Spannungsfeld zwischen Sch\u00f6pfung und Kritik so radikal wie der \u00f6sterreichische Physiker Erwin Schr\u00f6dinger. 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