{"id":747,"date":"2026-03-04T10:09:28","date_gmt":"2026-03-04T09:09:28","guid":{"rendered":"https:\/\/iobseu-xejul.wordpress.com\/?p=747"},"modified":"2026-03-04T10:09:28","modified_gmt":"2026-03-04T09:09:28","slug":"die-architektur-der-einsamkeit-oder-warum-wir-uns-in-der-vernetztesten-welt-aller-zeiten-so-allein-fuhlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/die-architektur-der-einsamkeit-oder-warum-wir-uns-in-der-vernetztesten-welt-aller-zeiten-so-allein-fuhlen\/","title":{"rendered":"Die Architektur der Einsamkeit (Oder: Warum wir uns in der vernetztesten Welt aller Zeiten so allein f\u00fchlen)"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Es ist Dienstagabend, 22:47 Uhr. Ich liege auf dem Sofa, das Handy in der Hand. Auf dem Display sehe ich das Gesicht eines guten Freundes, 500 Kilometer entfernt. Wir f\u00fchren eines dieser Videotelefonate, bei denen die Worte immer wieder f\u00fcr eine Millisekunde \u00fcberlappen, weil die Verbindung tr\u00e4ge ist. Er schaut mich an, ich schaue ihn an, aber irgendwie schauen wir uns nicht&nbsp;<em>wirklich<\/em>&nbsp;an, weil die Kameras neben unseren Augen sind. Am Rand sehe ich mein eigenes, m\u00fcdes Gesicht in einem kleinen Kachel. Habe ich diesen Gesichtsausdruck gerade wirklich gemacht? Ich versuche, nat\u00fcrlicher zu wirken \u2013 und verkrampfe.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nach einer Stunde verabschieden wir uns. Ich lege das Handy weg. Das Wohnzimmer ist still. Und ich f\u00fchle mich seltsamerweise einsamer als vorher. Ich hatte Kontakt. Sogar mit Bild und Ton. Aber es hat mich nicht erreicht. Oder vielleicht hat es genau das: Es hat mir gezeigt, was fehlt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Der Prolog \u2013 Die Stille nach dem Signal<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist sie, die Szene, die jeder kennt, der in den letzten Jahren versucht hat, Freundschaften, Liebe oder Kollegialit\u00e4t durch Glasfaserkabel zu pressen. Wir haben die gr\u00f6\u00dfte Kommunikationsmaschinerie der Menschheitsgeschichte gebaut. Ein globales Nervensystem aus Kupfer, Glas und Funk, das Billiarden von Bits pro Sekunde um den Planeten jagt. Wir haben es geschafft, dass ein junger Mensch in Mumbai und eine alte Dame in Minnesota sich per Video sehen k\u00f6nnen, als s\u00e4\u00dfen sie am selben Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und doch sitzen wir in unseren Wohnungen, die zu Festungen gegen den Zufall geworden sind, und scrollen durch die perfekt inszenierten Leben anderer, w\u00e4hrend wir unser eigenes als unzul\u00e4nglich empfinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rechnung war einfach:&nbsp;<em>Mehr Kan\u00e4le = mehr Kommunikation = mehr Gemeinschaft<\/em>. Eine sch\u00f6ne, lineare Gleichung. Aber Technik funktioniert selten linear. Sie hat eine Seele, eine R\u00fcckkopplung, eine Dialektik. Und manchmal, da schwingt sie gegen uns.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Der Mensch \u2013 Sherry Turkle und das Goldl\u00f6ckchen-Prinzip<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um dieses Paradox zu verstehen, m\u00fcssen wir nach Boston, ans MIT, ins letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Hier sitzt eine Frau mit dunklen Locken und einem forschenden Blick: Sherry Turkle. Sie ist Psychologin und Soziologin und hat ihr Leben der Frage gewidmet, was der Computer mit uns macht \u2013 nicht nur mit unserer Arbeit, sondern mit unserer Seele&nbsp;<a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/orderpoint\/2025\/09\/10\/video-zum-vortrag-von-sherry-turkle-alone-together\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Turkle ist keine Technikfeindin. Sie ist eine Chronistin des Innenlebens der Maschinen und ihrer Sch\u00f6pfer. In ihren B\u00fcchern, von \u201eThe Second Self\u201c bis zu \u201eReclaiming Conversation\u201c, hat sie immer wieder ein Muster erkannt. Es ist nicht die b\u00f6se Absicht von Ingenieuren in Silicon-Valley-B\u00fcros, die uns isoliert. Es ist unsere eigene, tief menschliche Sehnsucht nach Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Turkle nennt es den&nbsp;<strong>Goldl\u00f6ckchen-Effekt<\/strong>. Wir wollen Kontakt, aber nur genau so viel, wie wir vertragen. Nicht zu nah, nicht zu fern, sondern&nbsp;<em>genau richtig<\/em>. Ein Anruf ist oft zu aufdringlich \u2013 er verlangt sofortige Aufmerksamkeit, er droht, in die L\u00e4nge zu gehen. Eine SMS oder eine Direktnachricht ist perfekt: Ich kann sie schicken, wann ich will, und antworten, wann ich will. Ich dosiere die Intimit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir verstecken uns voreinander, obwohl wir st\u00e4ndig miteinander verbunden sind\u201c, sagte sie in einem Vortrag, der heute wie eine Prophezeiung wirkt&nbsp;<a href=\"https:\/\/blogs.uni-bremen.de\/orderpoint\/2025\/09\/10\/video-zum-vortrag-von-sherry-turkle-alone-together\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Technik ist die perfekte Architektin dieser Fluchtbewegung. Sie baut uns eine Nische, in der wir uns sicher f\u00fchlen \u2013 und \u00fcbersieht, dass diese Nische keine T\u00fcr hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Das Problem \u2013 Die verlorenen 20 Stunden und der Internet-Paradoxon<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Turkle lieferte die Theorie. Die Statistik liefert die kalten, harten Zahlen. Und die sind erschreckend. Ein Forscherteam um Brenda K. Wiederhold, Herausgeberin des Journals&nbsp;<em>Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking<\/em>, wertete Daten von 2003 bis 2020 aus. Die Ergebnisse, ver\u00f6ffentlicht Anfang 2025, zeigen eine dramatische Verschiebung&nbsp;<a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1089\/cyber.2025.0034?icid=int.sj-full-text.similar-articles.8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zwischen 2003 und 2020 stieg die Zeit, die der durchschnittliche Amerikaner allein verbringt, um 24 Stunden pro Monat.<\/strong>&nbsp;Gleichzeitig sank die Zeit, die man mit Freunden verbrachte, um 20 Stunden pro Monat&nbsp;<a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1089\/cyber.2025.0034?icid=int.sj-full-text.similar-articles.8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Das ist, als h\u00e4tte man einen ganzen Freundestag pro Monat einfach aus dem Leben gestrichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1990 gaben nur 27 Prozent der Amerikaner an, drei oder weniger enge Freunde zu haben. 2021 war es fast die H\u00e4lfte&nbsp;<a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1089\/cyber.2025.0034?icid=int.sj-full-text.similar-articles.8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Parallel dazu stieg die Zeit, die zu Hause verbracht wird \u2013 bei den 15- bis 34-J\u00e4hrigen um zwei Stunden pro Tag. Und ein Gro\u00dfteil dieser Zeit wird mit einem Ger\u00e4t verbracht, das urspr\u00fcnglich versprach, uns n\u00e4her zusammenzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung spricht l\u00e4ngst vom&nbsp;<strong>\u201eInternet-Paradoxon\u201c<\/strong>&nbsp;oder, spezifischer, vom&nbsp;<strong>\u201eSocial-Media-Paradoxon\u201c<\/strong>&nbsp;<a href=\"https:\/\/ouci.dntb.gov.ua\/en\/?backlinks_to=10.1038%2Fs41598-022-11924-z&amp;sort=relevance\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Eine deutsche Langzeitstudie aus der ersten Phase des Corona-Lockdowns zeigte es eindeutig: Mehr Nutzung von sozialen Medien f\u00fchrte zu&nbsp;<em>mehr<\/em>&nbsp;Einsamkeit, nicht zu weniger&nbsp;<a href=\"https:\/\/ouci.dntb.gov.ua\/en\/?backlinks_to=10.1038%2Fs41598-022-11924-z&amp;sort=relevance\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Menschen, die soziale Medien nutzten, um ihre Beziehungen zu pflegen, f\u00fchlten sich am Ende einsamer als diejenigen, die sie nur zur Unterhaltung nutzten&nbsp;<a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1089\/cyber.2025.0034?icid=int.sj-full-text.similar-articles.8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die erwartete Gegenseitigkeit, die warme Reziprozit\u00e4t einer Freundschaft, bleibt in der digitalen Welt oft aus. Der Like ist ein matter Abklatsch eines L\u00e4chelns.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Der Bau \/ Die Funktionsweise \u2013 Die Physik der Ersch\u00f6pfung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ist das so? Warum erm\u00fcdet uns eine Videokonferenz mehr als ein ganzer Tag voller Pr\u00e4senztermine? Die Antwort liegt nicht in der Psyche, sondern in der harten Physik der Wahrnehmung und der Informationsverarbeitung. Forscher wie Alexander Raake von der TU Ilmenau haben ein mehrdimensionales Modell der&nbsp;<strong>\u201eVideoconferencing Fatigue\u201c<\/strong>&nbsp;entwickelt&nbsp;<a href=\"https:\/\/ar5iv.labs.arxiv.org\/html\/2202.01740\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell dir dein Gehirn als einen leistungsstarken, aber nicht unbegrenzten Prozessor vor. In einem echten Gespr\u00e4ch laufen viele Prozesse unbewusst im Hintergrund. Die Ger\u00e4usche im Raum, der Geruch von Kaffee, die periphere Wahrnehmung einer Bewegung \u2013 all das f\u00fcttert dein System mit redundanten Informationen, die es dir erlauben, die Konzentration kurz ruhen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Videokonferenz ist das anders. Hier herrscht&nbsp;<strong>kognitive Dauerbelastung<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Der Hyper-Gaze (Der starre Blick):<\/strong>\u00a0Im echten Leben schaut man sich nicht ununterbrochen in die Augen. Mal schweift der Blick ab, mal betrachtet man die H\u00e4nde des anderen. Im Video-Call, besonders im Galerie- oder Fokusmodus, ist der Blickkontakt k\u00fcnstlich und dauerhaft. Wir starren uns an, als st\u00fcnden wir im Duell. Das ist biologisch nicht vorgesehen und strengt enorm an\u00a0<a href=\"https:\/\/ar5iv.labs.arxiv.org\/html\/2202.01740\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die fehlenden nonverbalen Kan\u00e4le:<\/strong>\u00a0\u00dcber 70 Prozent unserer Kommunikation l\u00e4uft nonverbal. K\u00f6rpersprache, Haltung, minimale Muskelzuckungen \u2013 sie alle fehlen im Video. Unser Gehirn versucht verzweifelt, diese L\u00fccken zu f\u00fcllen, und verbraucht dabei Unmengen an Energie. Man muss\u00a0<em>aktiver<\/em>\u00a0zuh\u00f6ren, weil die automatische Synchronisation von Sender und Empf\u00e4nger gest\u00f6rt ist.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Spiegelangst:<\/strong>\u00a0Das ist der ber\u00fchmteste Faktor. Du siehst dich selbst die ganze Zeit. Du beobachtest deine Mimik, deine Gestik, den schiefen Scheitel, den komischen Gesichtsausdruck. Es ist, als w\u00fcrde man den ganzen Tag vor einem Spiegel verbringen. Das steigert die Selbstaufmerksamkeit und erzeugt Stress.<br>Eine aktuelle Studie der Michigan State University best\u00e4tigt das: Wer mit seinem eigenen Aussehen unzufrieden ist, leidet signifikant st\u00e4rker unter Zoom-Fatigue\u00a0<a href=\"https:\/\/t3n.de\/news\/studie-zeigt-videokonferenzen-muede-1678515\/?utm_source=rss&amp;utm_medium=feed&amp;utm_campaign=news\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Forscher ziehen Parallelen zu den negativen Effekten von Social Media auf das Selbstbild, die hier in Echtzeit ablaufen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Asynchronit\u00e4t der Millisekunden:<\/strong>\u00a0Selbst die beste Internetverbindung hat eine Latenz. Diese Mikro-Verz\u00f6gerungen st\u00f6ren unser angeborenes Timing f\u00fcr Unterbrechungen und Best\u00e4tigungen. \u201eJa, genau&#8230;\u201c \u2013 eine Millisekunde Pause, und schon \u00fcberlappen sich die S\u00e4tze. Das nat\u00fcrliche Gespr\u00e4chs-Feedback, das uns Sicherheit gibt, bricht weg\u00a0<a href=\"https:\/\/ar5iv.labs.arxiv.org\/html\/2202.01740\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Studie der Hochschule Neu-Ulm hat zudem gezeigt, dass virtuelle Hintergr\u00fcnde die kognitive Belastung&nbsp;<em>erh\u00f6hen<\/em>, weil das Gehirn st\u00e4ndig versucht, die unscharfen R\u00e4nder zu interpretieren&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.hnu.de\/forschung\/news\/detail\/2025\/03\/12\/zoom-fatigue-wie-sich-ermuedung-in-der-online-lehre-reduzieren-laesst-nbsp?cHash=c119b7fbc6d2612869f0991666384789\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die L\u00f6sung? Schaltet euer eigenes Spiegelbild aus, empfehlen die Forscher. Und macht \u00f6fter mal Quizzes oder Umfragen \u2013 aktive Einbindung senkt die Erm\u00fcdung, weil es das Gehirn zwingt, anders zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Das Herzst\u00fcck \u2013 Die eine Idee, die alles ver\u00e4ndert (oder: Der Emoji, der alles verwirrt)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es gibt noch eine tiefere, fast schon philosophische Ebene des Paradoxons. Wir haben Symbole erfunden, um die verlorene Nonverbalit\u00e4t zu ersetzen: die Emojis. Sie sollten der digitalen Schrift den Tonfall zur\u00fcckgeben, das Zwinkern, das ironische L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch was ist passiert? Wir haben eine neue Quelle des Missverst\u00e4ndnisses geschaffen. Der \ud83d\ude02-Tr\u00e4nen lachende Emoji ist f\u00fcr die einen ein Zeichen unb\u00e4ndiger Freude, f\u00fcr die anderen ein Ausdruck von Fremdscham oder gar Hysterie. Die kleine Aubergine hat ihre Unschuld verloren. Das rote Herz ist inflation\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die&nbsp;<em>eine Idee<\/em>&nbsp;der Emojis war grandios: eine universelle, bildhafte Sprache f\u00fcr das digitale Zeitalter. Aber sie scheitert an der menschlichen Natur. Ein Symbol ist nie so reichhaltig wie ein L\u00e4cheln. Es ist eine Abk\u00fcrzung, eine Vereinfachung. Und wo wir vereinfachen, verlieren wir Nuancen. Wo wir Nuancen verlieren, entstehen Missverst\u00e4ndnisse. Wir streiten uns heute nicht nur \u00fcber den Inhalt einer Nachricht, sondern auch \u00fcber die Intention des gelben Gesichts, das sie begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Herzst\u00fcck des Paradoxons ist also nicht der Mangel an Technik, sondern ihr&nbsp;<strong>\u00dcberfluss<\/strong>&nbsp;in der falschen Dimension. Wir haben gro\u00dfartige Werkzeuge f\u00fcr den&nbsp;<em>Transport<\/em>&nbsp;von Information gebaut, aber keine f\u00fcr den&nbsp;<em>Austausch<\/em>&nbsp;von Bedeutung. Das Kabel ist dick, aber die Leitung ist schmal.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Das Ende \u2013 Was wurde daraus? (Die Umkehr)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gute Nachricht: Die Wissenschaft und die Ingenieurskunst haben das Problem erkannt. Die Frage von heute lautet nicht mehr: \u201eWie machen wir Videokonferenzen&nbsp;<em>effizienter<\/em>?\u201c, sondern: \u201eWie machen wir sie&nbsp;<em>menschlicher<\/em>?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bundesministerium f\u00fcr Forschung, Technologie und Raumfahrt hat 2025 eine ganze F\u00f6rderbekanntmachung namens&nbsp;<strong>\u201eN\u00e4he \u00fcber Distanz\u201c<\/strong>&nbsp;gestartet&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.interaktive-technologien.de\/service\/aktuelles\/technologien-gegen-die-einsamkeit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>. Die Projekte, die dort gef\u00f6rdert werden, sind das genaue Gegenteil von dem, was die Tech-Konzerne in den letzten zehn Jahren propagiert haben.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Projekt GROOVE:<\/strong>\u00a0Es nutzt Virtual Reality, um Menschen durch synchrone Bewegung zu verbinden. Statt sich anzuschauen, paddelt man gemeinsam in einem virtuellen Kanu. Das Ziel: Nicht die visuelle Wiedergabe, sondern das gemeinsame Erleben, die Synchronisation, das \u201eSocial Entrainment\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.interaktive-technologien.de\/service\/aktuelles\/technologien-gegen-die-einsamkeit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Projekt bitplush:<\/strong>\u00a0Hier geht es zur\u00fcck zum haptischen Urkontakt. Weiche Pl\u00fcschobjekte, Kissen, die vibrieren oder die Farbe wechseln, wenn der entfernte Partner sie dr\u00fcckt. Ein digitaler H\u00e4ndedruck, eine warme Welle durchs Kissen \u2013 Technik, die man f\u00fchlt, nicht nur sieht\u00a0<a href=\"https:\/\/www.interaktive-technologien.de\/service\/aktuelles\/technologien-gegen-die-einsamkeit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Projekt HILDE:<\/strong>\u00a0F\u00fcr \u00e4ltere Menschen werden greifbare Erinnerungsobjekte mit digitalen Nachrichten verkn\u00fcpft. Ein altes Foto, das, wenn man es anfasst, eine Sprachnachricht der Enkelin abspielt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist die Wende. Von der&nbsp;<strong>Informations\u00fcbertragung<\/strong>&nbsp;hin zur&nbsp;<strong>Beziehungsgestaltung<\/strong>. Vom gl\u00e4sernen Videobild zur\u00fcck zum sinnlichen, haptischen Erlebnis. Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Technik nicht das Ziel, sondern nur das Medium ist. Und dass das beste Medium das ist, das sich selbst vergessen macht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Der Epilog \u2013 Was bleibt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt? Ein altes, fast vergessenes Wissen:&nbsp;<strong>Nichts ersetzt die Pr\u00e4senz.<\/strong>&nbsp;Nicht der beste 8K-Bildschirm, nicht die schnellste Glasfaser, nicht der intelligenteste Avatar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Technik ist ein Werkzeug. Sie kann eine bestehende Beziehung \u00fcberbr\u00fccken, sie kann Kontakt halten, wenn Entfernung trennt. Aber sie kann keine Beziehung aus dem Nichts erschaffen. Sie kann die Einsamkeit nicht heilen, wenn das soziale Gewebe vor Ort zerrissen ist. Im Gegenteil, sie kann zur Narkose werden, die uns vergessen l\u00e4sst, dass wir eigentlich raus m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Maschine, das Netz, das Smartphone \u2013 sie sind nur die Buchstaben. Der Mensch, der sich traut, den Bildschirm auszuschalten, dem Freund in die Augen zu sehen, das Schweigen auszuhalten und die Verletzlichkeit zu zeigen \u2013 er ist das Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lege das Handy weg. Morgen ruf ich ihn an.&nbsp;<em>Richtig<\/em>&nbsp;an. Und wenn er rangeht, sag ich: \u201eLass uns das n\u00e4chste Mal pers\u00f6nlich treffen. Der L\u00e4rm hier ist mir zu laut.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Dienstagabend, 22:47 Uhr. Ich liege auf dem Sofa, das Handy in der Hand. Auf dem Display sehe ich das Gesicht eines guten Freundes, 500 Kilometer entfernt. Wir f\u00fchren eines dieser Videotelefonate, bei denen die Worte immer wieder f\u00fcr eine Millisekunde \u00fcberlappen, weil die Verbindung tr\u00e4ge ist. 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