{"id":7592,"date":"2026-10-05T20:14:00","date_gmt":"2026-10-05T20:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/technodidact.de\/?p=7592"},"modified":"2026-09-27T11:17:00","modified_gmt":"2026-09-27T11:17:00","slug":"kevin-mitnick-die-tragische-geschichte-des-ersten-hackers-vom-meistgesuchten-cyberkriminellen-zur-sicherheitslegende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/technodidact.de\/en\/kevin-mitnick-die-tragische-geschichte-des-ersten-hackers-vom-meistgesuchten-cyberkriminellen-zur-sicherheitslegende\/","title":{"rendered":"Kevin Mitnick: Die tragische Geschichte des ersten Hackers \u2013 Vom meistgesuchten Cyberkriminellen zur Sicherheitslegende"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von DerSchneider<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung: Eine kalte Winternacht in Raleigh<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist der 15. Februar 1995, mitten in der Nacht. In einem unscheinbaren Apartmentkomplex in Raleigh, North Carolina, sitzt ein 31-j\u00e4hriger Mann vor seinem Computer. Er ahnt nicht, dass sein Leben in wenigen Stunden f\u00fcr immer ver\u00e4ndert sein wird. Drau\u00dfen, in der Dunkelheit, wartet ein Van mit drei M\u00e4nnern: ein IT-Sicherheitsforscher in Shorts und Birkenstocks, ein Telekommunikationstechniker und ein Journalist der New York Times. Sie haben die Signale seines Telefons verfolgt, seinen Standort eingekreist. Als die FBI-Beamten schlie\u00dflich an seine T\u00fcr klopfen, behauptet der Mann, nicht Kevin Mitnick zu sein. Doch die Durchsuchung f\u00f6rdert Gegenst\u00e4nde mit seinem Namen zutage. Die Jagd ist vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was folgte, war eine der spektakul\u00e4rsten Verhaftungen der Computergeschichte \u2013 und der Beginn eines jahrzehntelangen Kampfes um die Deutungshoheit \u00fcber einen Mann, der die \u00f6ffentliche Wahrnehmung von Hackern f\u00fcr immer ver\u00e4ndern sollte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die fr\u00fchen Jahre: Ein einsamer Junge findet seine Berufung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kevin Mitnick wird 1963 in S\u00fcdkalifornien geboren und w\u00e4chst im San Fernando Valley auf. Seine Eltern lassen sich scheiden, als er drei Jahre alt ist. Der Vater zieht in einen anderen Bundesstaat, die Mutter arbeitet als Kellnerin \u2013 viel und lange. Kevin ist Einzelkind, die Familie zieht oft um. Langfristige Freundschaften sind schwer aufzubauen. Also besch\u00e4ftigt er sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Leidenschaften pr\u00e4gen diese Jahre: Zaubertricks und Lesen. Er verehrt Harry Houdini, den legend\u00e4ren Entfesselungsk\u00fcnstler, und liebt es, sein Umfeld mit Tricks zu verbl\u00fcffen. In seinem Buch <em>Ghost in the Wires<\/em> schreibt er r\u00fcckblickend, dass er damals vielleicht zum ersten Mal unbewusst verstanden habe, dass Menschen es manchmal tats\u00e4chlich genie\u00dfen, reingelegt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein zweites Hobby f\u00fchrt ihn in einen kleinen Buchladen in Hollywood: den Survival Bookstore. Dort findet er nicht nur Krimis und Spionagegeschichten, sondern auch B\u00fccher, die eigentlich nicht f\u00fcr einen 13-J\u00e4hrigen bestimmt sind \u2013 Anleitungen zum Aufbau neuer Identit\u00e4ten mithilfe der Geburtsurkunde Verstorbener, und sein erstes Lockpicking-Set. Die Werkzeuge zum Schl\u00f6sserknacken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Social Engineering 1: Die Ablenkung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was Mitnick hier lernt, ist die Grundlage seiner sp\u00e4teren Karriere: Social Engineering. Es geht darum, in Systeme einzudringen oder an Informationen zu gelangen \u2013 nicht mit technischen Mitteln, sondern durch Manipulation und T\u00e4uschung von Menschen. Die erste Lektion: Ablenkung. Wie ein Zauberk\u00fcnstler, der mit einer Hand ausladende Gesten macht, w\u00e4hrend die andere den Trick ausf\u00fchrt, lenkt der Social Engineer die Aufmerksamkeit seines Opfers auf etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Social Engineering 2: Das Gute im Menschen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Schl\u00fcsselerlebnis ist der Busfahrer-Trick. Kevin will umsonst Bus fahren. Er braucht ungenutzte Tickets und die Schaffnerzange. Also fragt er einen Busfahrer \u2013 mit einer harmlosen Geschichte \u00fcber ein Schulprojekt \u2013, wo man eine solche Zange kaufen kann. Der Fahrer verr\u00e4t es ihm. Die Zange kostet 15 Dollar. Die ungenutzten Tickets findet Kevin in den M\u00fclleimern am Busbahnhof, wo die Fahrer nach Schichtende ihre angebrochenen Hefte wegwerfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lektion: Die meisten Menschen begegnen anderen mit einem Vertrauensvorschuss. Besonders, wenn du einen unschuldigen Eindruck machst \u2013 wie ein Kind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Social Engineering 3: Vorbereitung ist alles<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Highschool trifft Kevin auf einen Mitsch\u00fcler, der ihm zeigt, wie er mit einem einzigen Anruf bei einem Telekommunikationsanbieter die nicht \u00f6ffentliche Nummer von Kevins Mutter herausfinden kann. Kevin ist fasziniert. Doch der Mitsch\u00fcler will lieber beeindrucken als beibringen. Also recherchiert Kevin auf eigene Faust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er taucht in die Subkultur der Phone Freaker ein \u2013 Freaking mit PH, zusammengesetzt aus Phone und Freak. Diese Gemeinschaft umgeht die damals hohen Geb\u00fchren f\u00fcr Ferngespr\u00e4che und erforscht aus Neugier die Telekommunikationssysteme. Kevin lernt: Nicht nur die Technik, auch die Angestellten der Telekommunikationsunternehmen k\u00f6nnen manipuliert werden. Die Vorbereitung ist entscheidend: Welche Abteilungen gibt es? Wer hat Zugriff auf welche Informationen? Welche Fachbegriffe werden intern benutzt? Was sind die Standardprozesse?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Social Engineering 4: Studiere deine Rolle ein<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wissen \u00fcber das Zielsystem reicht nicht. Du musst im Gespr\u00e4ch glaubhaft eine Rolle spielen k\u00f6nnen. Kevin \u00fcbt, verfeinert, lernt bei jedem Anruf dazu. Er ruft bei Telekommunikationsanbietern an, gibt sich als Kollege aus, fragt nach internen Abl\u00e4ufen, nach unver\u00f6ffentlichten Nummern. Zwei H\u00fcrden stellen sich ihm: Erstens d\u00fcrfen unver\u00f6ffentlichte Nummern nur an autorisierte Kollegen weitergegeben werden. Zweitens braucht er eine interne Nummer f\u00fcr den R\u00fcckruf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine L\u00f6sung ist ebenso einfach wie genial: Er ruft verschiedene Filialen an, l\u00e4sst sich zu Managern durchstellen und gibt sich als Kollege aus der Abteilung aus, die die unver\u00f6ffentlichten Nummern verwaltet. Er behauptet, sie \u00fcberarbeiteten gerade ihre Liste der Autorisierten \u2013 k\u00f6nne der Manager bitte seinen Namen buchstabieren und seine Telefonnummer geben? Schritt 1 geschafft. Jetzt kann Kevin sich als Manager ausgeben, der die notwendige Autorisierung hat. Schritt 2: Er ruft einen Techniker an, gibt sich als Manager aus und beauftragt ihn, seine Gesch\u00e4ftsnummer auf eine andere Nummer weiterzuleiten. Jetzt kann Kevin Anfragen stellen und bekommt seine Informationen per R\u00fcckruf auf die weitergeleitete Nummer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf diese Weise besorgt er sich im Laufe der Jahre die Nummern von Stars. \u201eEinfach nur, weil er es kann\u201c, sagt Mitnick. \u201eWir hatten nichts B\u00f6ses im Sinn, wir fanden es einfach nur cool.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die erste Verhaftung: Ein Teenager vor Gericht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 17 Jahren wird Kevin Mitnick zum ersten Mal verhaftet. Er ist mit Freunden in das Geb\u00e4ude der Pacific Telephone eingedrungen \u2013 nicht um Schaden anzurichten, sondern um die M\u00fclleimer nach interessanten Dokumenten zu durchsuchen. Als das nicht ergiebig ist, schl\u00e4gt Kevin vor, einfach ins Geb\u00e4ude zu gehen. An der Pforte sitzt ein junger Wachmann. Kevin sagt, er arbeite hier und wolle seinen Freunden das B\u00fcro zeigen. Der Wachmann glaubt ihm, will keinen Ausweis sehen. Sie finden den Kosmos-Computer, eine riesige Datenbank mit Netzknotenpunkten, Logindaten und Handb\u00fcchern. Sie nehmen die Handb\u00fccher mit \u2013 laut Mitnick, um sie zu kopieren und zur\u00fcckzubringen. Als sie keinen Kopierer finden, behalten sie die Handb\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz darauf werden sie verraten. Bei seiner Festnahme weint Kevin. Er ist noch 17, wird nach Jugendstrafrecht angeklagt. Der Richter ist verwirrt: Der Junge verschafft sich Zugang zu allen m\u00f6glichen Systemen, zieht aber keinen finanziellen Vorteil daraus. Warum macht er es? Mitnick wird auch in den folgenden Jahren immer wieder sagen: aus Neugier. Menschen, die sich finanziell bereichern, indem sie Schwachstellen ausnutzen, h\u00e4lt er f\u00fcr Gauner. F\u00fcr echte Hacker und Social Engineers wie ihn ist der Zugang zu Informationen der Zweck an sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Richter verurteilt ihn zu einem Jahr auf Bew\u00e4hrung und Psychotherapie. Kevin kommt vergleichsweise glimpflich davon. Doch wie sein Vorbild Houdini plant er schon den n\u00e4chsten Trick.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Kreislauf: Bew\u00e4hrung, Verhaftung, Bew\u00e4hrung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauert nicht lange, bis Kevin wieder beim Hacken erwischt wird. Diesmal im Computerraum der University of Southern California, wo er und ein Freund versuchen, die Login-Daten aller Studenten zu stehlen. Er verst\u00f6\u00dft gegen seine Bew\u00e4hrungsauflagen. Die Strafe wird verl\u00e4ngert, sechs Monate Jugendhaft. Der Rest wird erneut auf Bew\u00e4hrung ausgesetzt. Ein Kreislauf beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1985, mit Anfang 20, scheint sich die Lage zu \u00e4ndern. Kevin will seine Hacker-Skills f\u00fcr einen ehrlichen Job nutzen und bewirbt sich bei einem Telekommunikationsunternehmen. Daf\u00fcr besucht er einen Computerkurs. Dort lernt er Bonnie Vitello kennen, die ebenfalls bei einem Telekommunikationsunternehmen arbeitet. Sie werden ein Paar. Nach dem Kurs bekommt Kevin tats\u00e4chlich ein Jobangebot \u2013 als Programmierer bei dem Unternehmen, bei dem auch Bonnie arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wenige Tage nach Arbeitsbeginn wird er entlassen. Offizielle Begr\u00fcndung: Seine Angaben auf dem Lebenslauf stimmen nicht. \u00c4hnliches passiert bei einem anderen Job. Kevin glaubt, dass seine Vergangenheit als Hacker ihm im Weg steht. Wenigstens l\u00e4uft die Beziehung gut. Er zieht zu Bonnie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Kevin hat sein Hobby nie wirklich ruhen lassen. Er besucht weiterhin Computerkurse \u2013 zumindest erz\u00e4hlt er das Bonnie. In Wahrheit trifft er sich mit einem Freund, um zu hacken. Er schreibt sp\u00e4ter, dass er quasi s\u00fcchtig nach Hacken war. Irgendwann zieht er auch Bonnie mit rein. Er wird beim Hacken einer Softwarefirma erwischt und als Erwachsener angeklagt. Bevor es zur Verhandlung kommt, \u00fcberzeugt er Bonnie, ihn schnell zu heiraten \u2013 damit sie als Angeh\u00f6rige nicht gegen ihn aussagen muss und ihn im Gef\u00e4ngnis besuchen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende kommt Mitnick wieder mit einem blauen Auge davon: Er gesteht, zahlt eine Geldstrafe, bekommt Wiederbew\u00e4hrung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der DEC-Hack: Ein Wendepunkt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den folgenden Jahren hackt Mitnick nachts und hat tags\u00fcber manchmal Jobs, die ihn langweilen. Irgendwann hat er ein gr\u00f6\u00dferes Ziel: das Betriebssystem VMS des Computerherstellers DEC. Die Digital Equipment Corporation ist in den 80ern zeitweise der zweiterfolgreichste Computerhersteller der Welt, direkt hinter IBM.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick und ein Freund wollen an den Quellcode des VMS-Betriebssystems gelangen. Der Freund arbeitet in einem Unternehmen, das VMS nutzt, hat aber keine Entwicklerrechte. Mitnick nutzt seine Social-Engineering-Skills: Er gibt sich als Entwickler aus, ruft bei DEC an und bringt die zust\u00e4ndige Abteilung dazu, seinem Freund einen tempor\u00e4ren Login f\u00fcr den Entwicklerbereich zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sind im System, m\u00fcssen aber aufpassen, weil ihre Aktivit\u00e4ten aufgezeichnet werden. Deshalb legen sie keine neuen Nutzer an, sondern kapern bestehende Konten, in die sich lange niemand mehr eingeloggt hat. Sie \u00e4ndern die Passw\u00f6rter, verschaffen sich Zugang. Mit einem dieser Accounts laden sie ein Tool hoch, das die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen ausschaltet, und st\u00f6bern in den E-Mails hochrangiger Entwickler nach bekannten Sicherheitsl\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie finden die Sicherheitsanalyse zu einem Patch \u2013 einer kleinen Software, die eigentlich Fehler beheben soll. Dieser Patch erm\u00f6glicht es bestimmten Usern, sich ungesehen in ein VMS-Betriebssystem einzuloggen, ohne dass das System die Admins alarmiert. In den E-Mails finden sie auch die Erfinder des Patches: den deutschen Chaos Computer Club. Mitnick meldet sich beim CCC, f\u00fchrt Gespr\u00e4che und entwickelt den Patch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit diesem Patch k\u00f6nnen sie sich jetzt ungesehen in alle m\u00f6glichen Computer mit VMS-Betriebssystem einloggen. Doch ihr eigentliches Ziel fehlt noch: der gesamte Quellcode des Betriebssystems. Daf\u00fcr nutzen sie Computer, die mit dem ARPANET verbunden sind \u2013 dem Vorl\u00e4ufer des Internets, das vor allem Milit\u00e4r und Universit\u00e4ten verbindet. Der Quellcode ist riesig, also verteilen sie ihn auf alle m\u00f6glichen Computer im ARPANET und hinterlassen viele Spuren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann f\u00e4llt einer Forschungseinheit des US-Milit\u00e4rs auf, dass in ihre Systeme eingebrochen wurde. Sie finden sogar den Patch, mit dem die Angreifer ungesehen in die Systeme gelangen. Doch der Verdacht f\u00e4llt zun\u00e4chst nicht auf Mitnick, sondern auf den Chaos Computer Club \u2013 die haben schlie\u00dflich die urspr\u00fcngliche Version des Patches entwickelt. Mitnick und sein Freund sind am\u00fcsiert, werden aber nerv\u00f6s.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende wird Mitnick von dem Freund verraten, mit dem er den DEC-Hack durchgezogen hat. Das FBI nimmt ihn fest. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm etliche Vergehen vor: den DEC-Hack, der einen Schaden von 4 Millionen Dollar verursacht haben soll; Datendiebstahl bei der NASA; Hacking von Polizeidatenbanken, um sein Vorstrafenregister zu l\u00f6schen; Racheakte wie die K\u00fcndigung des Telefonanschlusses eines fr\u00fcheren Bew\u00e4hrungshelfers oder die Platzierung einer Falschmeldung \u00fcber Millionenverluste bei einer Bank, die seine Bewerbung abgelehnt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick behauptet, mit den meisten dieser Hacks nichts zu tun zu haben. Die Staatsanwaltschaft soll der Richterin gesagt haben, er sei technisch so begabt, er k\u00f6nne sich per Telefon in das Luftverteidigungskommando einw\u00e4hlen und Nuklearraketen starten lassen. Ob das wirklich so passiert ist, wissen wir nicht \u2013 aber dieses Ger\u00fccht \u00fcber Mitnick existierte wirklich. Ein alter Freaker-Freund hat es in die Welt gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Richterin folgt der Argumentation des Staatsanwalts. Mitnick wird bis zur Gerichtsverhandlung festgehalten, kann nicht auf Kaution freikommen und darf bis zur Verhandlung keine Telefone benutzen. Die Medien st\u00fcrzen sich darauf. Die <em>New York Times<\/em> erkl\u00e4rt die Entscheidung so: \u201eEin Telefon in Kevin Mitnicks Hand sei so gef\u00e4hrlich wie eine Pistole in der Hand eines Auftragskillers.\u201c In der <em>LA Times<\/em> kommt der Hacker zu Wort, der ihn verpfiffen hat. Er beschreibt Kevin als \u201eDarkside Hacker\u201c und \u201eElectronic Terrorist\u201c. Ein Ermittler sagt, Mitnicks Seele sei \u201eper Nabelschnur mit Computern verbunden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick kommt in Einzelhaft. Er hat keinen Kontakt zu anderen H\u00e4ftlingen, sitzt die meiste Zeit alleine in seiner Zelle. Besuch ist erlaubt, Telefonieren nur mit bestimmten Personen und immer unter Aufsicht. Er beschreibt seine Einzelzelle als \u201eSarg\u201c und die Zeit als \u201egrauenvoll und deprimierend\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach acht Monaten in Einzelhaft einigt er sich mit der Staatsanwaltschaft. Er will es nicht auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen, glaubt, dass das FBI genug Beweise hat. Er wird zu einem Jahr Haft verurteilt, danach ein halbes Jahr Resozialisierungszentrum. Die restlichen vier Monate darf er im normalen Gef\u00e4ngnisbereich verbringen. In dem Zentrum soll er an seiner Sucht nach Hacken arbeiten. Gleichzeitig l\u00e4sst sich seine Frau Bonnie von ihm scheiden. Die Scheidung trifft ihn hart.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Flucht: Ein Leben im Untergrund<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anfang der 90er ist Mitnick wieder frei, aber immer noch auf Bew\u00e4hrung. Er meint es ernst mit seinem Lebenswandel. Seine Hacksucht weicht einer Sportsucht. Er verliert das viele Gewicht, das er sich w\u00e4hrend der Einzelhaft durch Fastfood zugelegt hat. Er schafft es, l\u00e4ngere Zeit clean zu bleiben. Doch es f\u00e4llt ihm schwer, ein normales Leben zu f\u00fchren. Wieder hat er Probleme, Jobs zu finden \u2013 sein Bew\u00e4hrungshelfer spricht bei jedem Jobangebot separat mit dem potenziellen Arbeitgeber, was keinen guten Eindruck macht. Mitnick ist nach eigener Aussage mental unterfordert und deprimiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb kann er nicht widerstehen, als pl\u00f6tzlich eine geheimnisvolle Person seinen Kontakt sucht. Sein Halbbruder Adam ruft ihn an und erz\u00e4hlt, dass eine seiner Ex-Freundinnen einen \u201eBig Super Hacker\u201c namens Eric Heinz kennt, der unbedingt mit Mitnick sprechen will. Sein Bruder warnt ihn, dass die Ex-Freundin nicht vertrauensw\u00fcrdig sei. Au\u00dferdem darf Mitnick gem\u00e4\u00df seiner Auflagen keinen Kontakt zu anderen Hackern haben. Aber er kann der Versuchung nicht widerstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eric Heinz beeindruckt Mitnick mit sehr spezifischem Wissen \u00fcber die Systeme der Telekommunikationsunternehmen. Mitnick will unbedingt in Kontakt bleiben und sein Wissen anzapfen, geht aber vorsichtig vor. Er holt seinen \u00e4ltesten Hackerfreund mit ins Boot. In einem Telefonat erz\u00e4hlt Heinz von einem System des Telekommunikationsunternehmens Pacific Bell namens SAS \u2013 Switched Access Service Unit. Das System dient dazu, die Funktion einer Telefonleitung zu testen, aber man kann damit auch jegliche Leitungen abh\u00f6ren. Mitnick ist fasziniert. Jahrelang hat er sich als Freaker mit Telekommunikation besch\u00e4ftigt, doch von SAS h\u00f6rt er zum ersten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick und sein Freund legen sich ins Zeug. Er ruft die ihm bekannten Abteilungen bei Pacific Bell an, gibt sich als Kollege aus, fragt nach Infos \u00fcber SAS. Er ruft den Hauptentwickler an, gibt sich als Techniker aus, fragt, ob er ihm schnell die Kommunikationsprotokolle von SAS faxen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich hackt er sich in das System von Pacific Bell. Es klappt beim ersten Versuch. Sie k\u00f6nnen ab jetzt jede Telefonnummer abh\u00f6ren, die \u00fcber Pacific Bell l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einigen Telefonaten mit Eric Heinz wollen Mitnick und sein Kumpel herausfinden, wer dieser mysteri\u00f6se Hacker wirklich ist. Sie treffen ihn pers\u00f6nlich in einem Burgerladen. Eric Heinz ist d\u00fcnn, hat lange blonde Haare, tr\u00e4gt ein Seidenhemd mit offenen obersten Kn\u00f6pfen, Skinny Jeans und Cowboystiefel. Manchmal auch Eyeliner und Lidschatten. Leute, die ihn zum ersten Mal sehen, glauben, einen Rockstar zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick und sein Kumpel trauen Eric Heinz nicht. Sie haben beide einen Scanner dabei, um auszuschlie\u00dfen, dass er das Gespr\u00e4ch heimlich aufzeichnet. Im Gespr\u00e4ch drehen sich die drei im Kreis. Niemand will zu viel sagen. Doch dann erz\u00e4hlen Mitnick und sein Kumpel, dass sie es ins SAS-System geschafft haben. Sie haben eine Diskette dabei und schieben sie in Heinz&#8216; Laptop. Das Programm startet und Heinz erkennt sofort, dass sie nicht l\u00fcgen. Er ist verbl\u00fcfft und gleichzeitig sauer. Er f\u00e4hrt sie an, dass sie das System nicht benutzen sollen. Mitnick und sein Kumpel verstehen nicht, warum er so aggressiv reagiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick hat an diesem Punkt wieder mehrere Grenzen \u00fcberschritten. Er ist wieder im regelm\u00e4\u00dfigen Kontakt mit Hackern, seinem alten Kumpel und Eric Heinz, und er hat sich mal wieder in ein System eines Telefonkonzerns gehackt. Er wei\u00df, dass er vorsichtig sein muss, und hat ein schlechtes Gef\u00fchl. Mit seinen \u00fcblichen Tricks versucht er herauszufinden, ob die Telefonnummern seines Vaters abgeh\u00f6rt werden, denn da wohnt Mitnick gerade. Tats\u00e4chlich: Jemand h\u00f6rt mit. Doch wer und warum? Hat das vielleicht mit Eric Heinz zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er will jetzt noch mehr \u00fcber ihn wissen. Er findet heraus, wo er wohnt und welche Telefonnummern er benutzt \u2013 ein Kinderspiel f\u00fcr Mitnick. Nun pr\u00fcft er, auf wen seine Mietwohnung und Telefonnummern angemeldet sind. Die Ergebnisse \u00fcberraschen ihn. Tats\u00e4chlich sind sie nicht auf Eric Heinz angemeldet, sondern auf einen Mann namens Joseph Wernley. Er erf\u00e4hrt auch eine Telefonnummer, also ruft er beim Anbieter dieser Nummer an. Mitnick gibt sich als Kunde der Nummer aus und sagt, dass er seine Telefonrechnungen verloren habe, ob man sie ihm faxen k\u00f6nne. Der Kundensupport hilft und schickt ihm die angefragten Rechnungen. Was Mitnick darauf entdeckt, schockiert ihn: Viele der Anrufer gehen auf eine Nummer, von der Mitnick wei\u00df, dass sie zur FBI-Zweigstelle in Los Angeles geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist Eric Heinz ein FBI-Ermittler oder nur ein Informant? Eigentlich egal. Mitnick wei\u00df, dass ihm das FBI auf den Fersen ist. Wenn sie ihn w\u00e4hrend seiner Bew\u00e4hrung auch nur wegen einer Kleinigkeit festnehmen, k\u00f6nnte er lange ins Gef\u00e4ngnis kommen. Mitnick schmiedet einen Plan: Er und sein Freund sind immer noch in Kontakt mit Heinz, also bittet Mitnick seinen Freund, sich mal wieder mit ihm zu treffen. Dabei soll er ganz nebenbei erz\u00e4hlen, dass Mitnick an einem neuen Hack arbeitet \u2013 nicht an irgendeinem, sondern am \u201eHack Jahrtausend\u201c, der ihn endlich reich machen soll. So will sich Mitnick Zeit kaufen. Es sind schlie\u00dflich nur noch ein paar Monate, bis seine Bew\u00e4hrung vorbei ist. Er hofft, das FBI so lange hinhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick erf\u00e4hrt von seinem Kumpel, dass Heinz den K\u00f6der wohl geschluckt hat und sofort mehr wissen wollte. Doch entscheidet sich das FBI auch wirklich, so lange zu warten? Mitnick beginnt, Heinz zu beschatten. Er klont seinen Pager und benutzt sein neues Wissen \u00fcber das SAS-System, um die Anrufe von Heinz zu belauschen. Und Mitnick hat Gl\u00fcck. Laut ihm h\u00f6rt er damals zuf\u00e4llig ein Gespr\u00e4ch von Eric Heinz und einem anderen Mann mit. Heinz nennt ihn Ken. Sie besprechen Beweise, die sie gegen Mitnick in der Hand haben, und sprechen \u00fcber einen Durchsuchungsbefehl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt ist f\u00fcr Mitnick alles klar: Das FBI plant bereits seine Festnahme. Er kann nicht darauf warten, dass seine Bew\u00e4hrung endet. Er muss handeln. Er versucht, jegliche Beweise zu vernichten. Das FBI k\u00f6nnte jederzeit an seine T\u00fcr klopfen. Und es dauert nicht lange: Ende September 1992 steht das FBI mit einem Durchsuchungsbefehl vor Mitnicks Wohnung. Auch seinem Kumpel statten sie einen Besuch ab. Mitnick glaubt, er komme garantiert ins Gef\u00e4ngnis. Doch sie verhaften ihn nicht, sondern beschlagnahmen nur Beweise. Es sind nur noch knapp drei Monate bis zum Ende seiner Bew\u00e4hrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht schafft er es doch. Vielleicht haben sie noch nicht genug Beweise gegen ihn, und er hat schlie\u00dflich alles vernichtet, was er hat. Denkt er zumindest. Um auf Nummer sicher zu gehen, taucht Mitnick in den n\u00e4chsten Wochen ab. Er fasst einen Entschluss: Wenn sie ihn jetzt festnehmen, dann ist das so. Aber wenn nicht, dann verl\u00e4sst er Kalifornien und f\u00e4ngt mit einem neuen Namen ein neues Leben an, irgendwo in den USA.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich kommt der Tag, an dem seine Bew\u00e4hrung endlich ausl\u00e4uft. Mitnick ist ein freier Mann. Er ist nicht mehr an seine Bew\u00e4hrungsauflagen gebunden. Doch tats\u00e4chlich wurde schon vor mehreren Wochen ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, weil er in das Pacific-Bell-System eingebrochen ist und wieder Umgang mit anderen Hackern hatte. Damit hat er gegen seine Bew\u00e4hrungsauflagen versto\u00dfen. Seitdem suchen ihn die Beh\u00f6rden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor Mitnick LA endg\u00fcltig verl\u00e4sst, ruft er die Beh\u00f6rde an, die in Kalifornien die F\u00fchrerscheine und Nummernschilder ausgibt \u2013 das DMV, Department of Motor Vehicles. Eine Sache wurmt Mitnick n\u00e4mlich: Wer ist Joseph Wernley, auf den Eric Heinz&#8216; Telefonnummern und Wohnung angemeldet waren? Ist das der richtige Name von Eric Heinz oder ein FBI-Ermittler? Er will sich die F\u00fchrerscheinbilder von Heinz und Wernley faxen lassen. Dazu gibt er sich mal wieder als einer Mittler aus. Die Mitarbeiterin des DMV wird stutzig, denn die Daten der zwei angefragten Personen sind markiert. Sie kann die Daten nicht einfach rausgeben, sondern muss vorher mit einer anderen Abteilung sprechen. Sie bittet Mitnick zu warten und ruft dort an. Ein interner Sicherheitsbeauftragter antwortet und sagt ihr, sie solle Mitnick sagen, dass sie ihm die Bilder per Fax schickt. Aber in Wahrheit schickt sie irgendwelche Fotos. Davon wei\u00df Mitnick nichts. Er hofft, endlich ein Gesicht zu seinen Verfolgern zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Fax l\u00e4sst er wie immer in einen Copyshop schicken. Er macht seine letzten Erledigungen, um die Stadt endg\u00fcltig zu verlassen und ein neues Leben anzufangen. W\u00e4hrenddessen stellen die Sicherheitsbeauftragten des DMV Mitnick eine Falle. Sie wissen nicht, dass Mitnick hinter der Anfrage steckt. Sie wissen nur, dass irgendjemand unautorisiert Daten abgreifen m\u00f6chte. Und diese Person wollen sie schnappen. Deshalb warten sie im Copyshop auf den Verd\u00e4chtigen. Mitnick hat seine letzten Sachen gepackt und m\u00f6chte nur noch schnell das Fax abholen. Er muss ein bisschen warten. Im Copyshop ist viel los. Als er dann das Fax in den H\u00e4nden h\u00e4lt, ist er verwirrt: ein Stapel mit Papieren, aber mit dem Bild einer Frau. Haben Sie beim DMV einen Fehler gemacht? Die Ermittler schlagen zu und sprechen Mitnick an. Er realisiert, dass er in eine Falle getappt ist. Er wirft die Dokumente in die Luft und nutzt den Moment, um wegzurennen. Die Beamten laufen ihm nach, doch er h\u00e4ngt sie ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab jetzt ist Kevin Mitnick auf der Flucht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Hetzjagd: Vom Fl\u00fcchtigen zur Legende<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist der 4. Juli 1994, Independence Day, der Nationalfeiertag der USA. Amerikaner nutzen den Tag traditionell, um mit ihrer Familie zu grillen oder einer Parade zuzuschauen. Abends gibt es dann im ganzen Land Feuerwerk \u2013 ein Tag zum Feiern und Entspannen. Aber f\u00fcr einen US-Amerikaner ist dieser Tag alles andere als entspannt. Kevin Mitnick ist seit eineinhalb Jahren auf der Flucht vor den Beh\u00f6rden und momentan in Seattle untergetaucht. Er schaut ungl\u00e4ubig auf die aktuelle Ausgabe der <em>New York Times<\/em>. Auf der Titelseite ist ein Artikel \u00fcber ihn mit einem alten Foto. \u201eDer meistgesuchte Mann im Cyberspace\u201c, \u201eHacker entkommt dem FBI\u201c, \u201eKevin Mitnick ist ein Amok laufender Programmierer\u201c, \u201eEr ist einer der meistgesuchten Computerkriminellen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick ist geschockt. Bis zu diesem Morgen war er nur irgendein vom FBI gesuchter Fl\u00fcchtiger. Aber jetzt ist er einer der meistgesuchten Hacker \u00fcberhaupt, der mit dem Erscheinen des Artikels landesweit bekannt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Artikel sind bezeichnend f\u00fcr eine Zeit, in der die sogenannte Hackerhysterie die Medienlandschaft stark gepr\u00e4gt hat. Die gesellschaftliche Angst und D\u00e4monisierung von Hackern beginnt in den 80ern, als das Ph\u00e4nomen Hacking langsam auch in der US-amerikanischen \u00d6ffentlichkeit bekannt und diskutiert wird. Computer sind f\u00fcr die meisten Menschen in den USA in den 80ern ein eher kryptisches Konzept. Im Gegensatz zu heute sind sie noch nicht Teil ihres Alltags. 1983 erscheint dann der Thriller <em>WarGames<\/em>, der das Konzept Hacking noch bekannter macht. In den 90ern steht vielleicht in manchen Haushalten bereits ein PC und Computer werden immer mehr Teil des allt\u00e4glichen Lebens. Doch nun gibt es auch das Internet. Was genau das ist und wie es funktioniert, verstehen auch damals wieder nur einige wenige Pioniere. F\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung bleibt das Netz zun\u00e4chst ein Mysterium. Beh\u00f6rden und Medien wird vorgeworfen, diese Hackerhysterie immer weiter angef\u00fcttert zu haben \u2013 vor allem durch F\u00e4lle wie Mitnick, bei denen Hackern Sch\u00e4den in Millionenh\u00f6he vorgeworfen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem hat Mitnick zu diesem Zeitpunkt Angst, dass die mediale Aufmerksamkeit das FBI dazu animiert, noch st\u00e4rker nach ihm zu suchen und ihm immer mehr Verbrechen anzulasten. Bisher konnte er ihnen entwischen. Aber wie lange noch?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Jagd: Shimomura und der Fall Mitnick<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind die letzten Tage des Jahres 1994. Der IT-Sicherheitsforscher Tsutomu Shimomura ist m\u00fcde. Die letzten Tage waren chaotisch f\u00fcr ihn. Bevor er schlafen geht, f\u00e4llt ihm ein, dass er seine Mailbox schon l\u00e4nger nicht mehr abgeh\u00f6rt hat. Er geht die Aufnahmen routinem\u00e4\u00dfig durch, l\u00f6scht die eine oder andere, doch dann h\u00f6rt er eine Nachricht, die ihn aufhorchen l\u00e4sst. Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter klingt komisch und gek\u00fcnstelt. Doch als er die Stichworte \u201eArtist\u201c und \u201eSandmail\u201c h\u00f6rt, wei\u00df er: Das ist kein Prank Call. Der Anrufer muss sich mit IT-Sicherheit auskennen, sonst w\u00fcrde er diese Begriffe nicht kennen. Kann es sein, dass ihn der Mann angerufen hat, der vor ein paar Tagen in sein Computernetzwerk eingebrochen ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shimomura ist kein typischer IT-Sicherheitsexperte. Er ist eine Mischung aus kalifornischem Surferdude und Computer. Er arbeitet im kalifornischen San Diego und l\u00e4uft meistens in kurzen Hosen und Birkenstock durch die Gegend. Er macht gerne Sport und f\u00e4hrt Inliner. Doch am liebsten geht er im Winter Skilanglaufen. Das war auch in diesem Winter sein Plan: \u00dcber die Weihnachtsfeiertage und Silvester eine H\u00fctte in den Bergen mieten und jeden Tag raus auf die Piste. Doch dann bekommt er einen Anruf von einem Studenten. Es sehe so aus, als sei jemand in Shimomuras Computernetzwerk an der Universit\u00e4t von San Diego eingedrungen. Shimomura arbeitet dort am San Diego Supercomputer Center und besch\u00e4ftigt sich mit den physikalischen Grundlagen von Computern, aber in letzter Zeit auch immer \u00f6fter mit IT-Sicherheit. Auf seinen Computern an der Uni liegen auch ein paar Tools, mit denen man die Sicherheit von Systemen testen kann, aber auch sensible Infos \u00fcber wenig bekannte Bugs und Schwachstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So viel zu Shimomuras Plan, die Feiertage mit Skilanglauf in den Bergen zu verbringen. Er und der Student versuchen erstmal, die Schwachstellen in Shimomuras Netzwerk zu finden und zu beheben. Dann erh\u00e4lt er die erste mysteri\u00f6se Nachricht auf seinem Anrufbeantworter und kurze Zeit sp\u00e4ter eine weitere. Shimomura versteht nicht, was das Ganze soll. Doch irgendwann findet er heraus, dass seine E-Mails von dem Angreifer gelesen und Daten von seinem Server gestohlen wurden. Die Sicherheitsvorkehrungen seines Servers wurden dabei mit einer Methode umgangen, die bisher nur in der Theorie beschrieben wurde: IP Spoofing. Dabei emuliert ein Angreifer eine IP-Adresse eines Computers im Netzwerk, um so Zugang zu anderen Computern im Netzwerk zu erhalten. Es handelt sich um eine ganz neue Art des Angriffs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er analysiert die Attacke, tauscht sich mit anderen Experten aus und informiert das CERT, das United States Computer Emergency Readiness Team, eine Organisation, die auf IT-Sicherheit spezialisiert ist. Ende Januar 1995, nur einen Monat, nachdem Shimomura der Angriff auf sein System aufgefallen ist, ver\u00f6ffentlicht das CERT eine offizielle Warnung vor der neuen Angriffsmethode. Solche technischen Warnungen werden eigentlich nicht von Laien gelesen, doch diesmal schafft es die Warnung auf die Titelseite der <em>New York Times<\/em>. Laut des Artikels seien ungef\u00e4hr 20 Millionen Computer gef\u00e4hrdet, die mit dem Internet verbunden sind. Angreifer k\u00f6nnten in die Systeme schauen und Dateien klauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur ein paar Tage sp\u00e4ter erscheint ebenfalls in der <em>New York Times<\/em> ein Portr\u00e4t \u00fcber Shimomura, der die Schwachstelle aufgedeckt hat. In dem Artikel wird er als einer der begabtesten IT-Sicherheitsexperten inszeniert, der diesen Angriff nun pers\u00f6nlich nehme. Seine Ehre sei verletzt worden. Nun gibt es also einen Cyber-Superhelden. Aber wer ist der Cyber-Superschurke?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shimomura arbeitet in den n\u00e4chsten Tagen mit dem FBI zusammen. Die Beziehung ist kompliziert. Shimomura ist kein offizieller Ermittler. Ausgehend von den Daten, die in Shimomuras Netzwerk aufgezeichnet wurden, folgt er den Spuren des Angreifers Schritt f\u00fcr Schritt. Und er kriegt einen Tipp. Ein Mitglied der Online-Community The Well, damals ein beliebtes Forum bei Hackern, bekommt in dieser Zeit eine Benachrichtigung vom Support. Anscheinend ist der Speicherplatz von seinem Account voll. Die Nachricht ergibt f\u00fcr ihn keinen Sinn. Er nutzt den Account sehr wenig. Aber als er in sein Datenverzeichnis schaut, findet er Dateien und E-Mails. Die E-Mails sind alle an eine Person adressiert: Tsutomu Shimomura.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shimomura findet so heraus, dass seine geklauten Dateien und E-Mails auf den Servern von The Well verstreut liegen. Doch nicht nur seine Daten findet er dort. Er findet auch Kreditkartendaten von Kunden des Internetanbieters Netcom, die gehackt wurden. Netcom ist damals ein boomender Internetanbieter in den USA. Netcom arbeitet ab sofort mit Shimomura zusammen, um die Hacks aufzukl\u00e4ren. Er hofft, mit dem Support des Internetanbieters den Angreifer besser finden zu k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich finden sie heraus, dass der Hacker unter anderem einen Netcom-Account f\u00fcr seine Angriffe genutzt hat. Sie gleichen die Zeiten, in denen der Angreifer bei The Well mit den gehackten Accounts online war, mit Daten bei Netcom ab. Sie suchen einen Account des Internetanbieters, der zur gleichen Zeit online ist \u2013 und es gibt ein Match. Sie finden einen Account, bei dem die Zeiten genau passen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shimomura ist dem Angreifer einen gro\u00dfen Schritt n\u00e4her gekommen. Sie konnten herausfinden, dass er sich besonders oft \u00fcber einen Knotenpunkt in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina, einloggt. Aber sie wissen immer noch nicht, wer dahinter steckt. Doch ein Techniker des Internetanbieters schl\u00e4gt etwas vor: Sie k\u00f6nnen ein Tool nutzen, das die Tastatureingaben des Nutzers live auf ihrem Bildschirm ausspielt. Eigentlich ist das Tool f\u00fcr Diagnosezwecke gedacht. Shimomura und die Netcom-Leute k\u00f6nnen dem Angreifer damit ab jetzt beim Surfen \u00fcber die Schulter schauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Angreifer sich in einem Chatprogramm mit einem anderen Hacker austauscht, wird es interessant. Erst chatten die zwei Hacker \u00fcber Sicherheitsl\u00fccken, dann \u00e4ndern sie das Thema und schreiben \u00fcber Shimomura \u2013 w\u00e4hrend er live dabei zuguckt. Wissen die Hacker, dass sie beobachtet werden? In der n\u00e4chsten Nachricht des Angreifers wird klar, dass er ahnungslos ist. Er regt sich \u00fcber einen Artikel der <em>New York Times<\/em> auf und dass dort sein Foto auf der Titelseite gedruckt wurde. Jetzt ist sich Shimomura sicher: Der Angreifer, der seinen Server gehackt hat, muss Kevin Mitnick sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shimomura informiert das FBI und macht sich selbst auf den Weg nach Raleigh, von wo aus sich der Angreifer immer einw\u00e4hlt. Es ist der 15. Februar 1995, mitten in der Nacht. Kevin Mitnick sitzt noch sp\u00e4t am Computer. Ein ganz normaler Tag bisher. Er hat sich auf neue Jobs beworben, nat\u00fcrlich mit einer anderen Identit\u00e4t. Abends war er noch kurz im Fitnessstudio. Mitnick ist nun schon seit \u00fcber zwei Jahren auf der Flucht. Am Computer merkt er, dass ein paar Sicherheitsl\u00fccken geschlossen wurden, die er in letzter Zeit genutzt hat. Er bekommt ein komisches Gef\u00fchl. Sein Kopf sagt ihm, dass er nur paranoid ist, aber sein Bauch sagt ihm, dass irgendwas nicht stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Bauchgef\u00fchl hat recht. Kurze Zeit sp\u00e4ter klopfen FBI-Beamte an seiner T\u00fcr. Er \u00f6ffnet und gibt sich ahnungslos. Er behauptet, dass er gar nicht Kevin Mitnick sei. Die Beamten durchsuchen daraufhin die Wohnung und finden Gegenst\u00e4nde mit seinem Namen. Sie haben ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag, dem 16. Februar, wird Mitnick zum ersten Mal dem Haftrichter vorgef\u00fchrt. Der Gerichtssaal ist voll von Journalisten. Der Cyber-Superheld Shimomura und der Cyber-Superschurke Mitnick treffen zum ersten Mal aufeinander. Die Anh\u00f6rung ist kurz. Danach wird Mitnick aus dem Saal gef\u00fchrt. Beim Rausgehen nickt Mitnick Shimomura zu und sagt: \u201eI respect your skills.\u201c Shimomura nickt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verhaftung von Kevin Mitnick ist landesweit in den News. Und wieder landet er auf der Titelseite der <em>New York Times<\/em> mit der \u00dcberschrift \u201eCyberspace Most Wanted\u201c. Ein meistgesuchter Cyberdieb wird in seinem eigenen Netz gefangen. Andere Zeitungen urteilen nicht so schnell \u00fcber ihn. \u201eKevin, the Electronic Prankster\u201c. Also f\u00fcr manche ist Kevin Mitnick ein digitaler Terrorist. Andere sagen, dass er nur ein Prankster sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitnick landet mal wieder in Isolationshaft. Seine erste Erfahrung damit ist \u00fcber sechs Jahre her, aber sie verfolgt ihn immer noch. Er will dort so schnell wie m\u00f6glich raus. Deshalb stimmt er einem Deal der Staatsanwaltschaft zu. Er verzichtet auf eine Kautionsanh\u00f6rung. Das bedeutet, dass er bis zum Urteil nicht auf Kaution entlassen werden kann. Er verzichtet auch auf ein Preliminary Hearing, bei dem gepr\u00fcft wird, ob \u00fcberhaupt genug Beweise gegen ihn vorliegen. Und er stimmt der Bedingung zu, dass er nur seine Anw\u00e4lte und ein paar Familienangeh\u00f6rige anrufen darf. Daf\u00fcr darf er die Einzelhaft verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen Monat sp\u00e4ter wird gegen Mitnick Anklage erhoben. Die Staatsanwaltschaft in North Carolina wirft ihm in 23 Anklagepunkten vor, unautorisierte Zugangsger\u00e4te zu Computersystemen hergestellt, besessen und benutzt zu haben. Die Berichterstattung \u00fcber die Anklage \u00fcberschl\u00e4gt sich mit Superlativen. In der <em>New York Times<\/em> wird die Staatsanwaltschaft zitiert, die von einem Schaden von mindestens einer Million Dollar ausgeht. Andere Medien berichten, dass Mitnick pro Anklagepunkt bis zu 20 Jahre Haft erwarten k\u00f6nnte. Das w\u00e4re eine maximale Haftstrafe von 460 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Zeit ver\u00e4ndert sich die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber Mitnick langsam. Vor allem eine Person r\u00fcckt in den Fokus: der <em>New York Times<\/em>-Journalist John Markoff. Markoff hat Mitnick 1994 in seinem Artikel \u201eCyberspace Most Wanted\u201c weiten Teilen des Landes vorgestellt. Au\u00dferdem hat er die Jagd auf Mitnick an der Seite von Shimomura verfolgt. Und noch etwas kommt heraus: Mitnick hat sich in ein E-Mail-Postfach von Markoff gehackt. Der <em>New York Times<\/em>-Journalist war dementsprechend selbst Gesch\u00e4digter in dem Fall. Markoff und die <em>New York Times<\/em> entschuldigen sich daraufhin, dass diese pers\u00f6nliche Verstrickung nie in einem Artikel offengelegt wurde. Markoff hilft Shimomura sp\u00e4ter auch dabei, ein Buch \u00fcber seine Jagd zu schreiben. Ein Filmstudio sichert sich die Rechte, das Buch zu verfilmen. Es steht der Vorwurf im Raum, dass Markoff bei der Dramatisierung der Story nachgeholfen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele zweifeln auch an Mitnicks Schuld. Da w\u00e4re zum Beispiel der Autor Jonathan Littman. Auch er schreibt ein Buch \u00fcber den Fall und wundert sich: Konnte Mitnick einen technisch so versierten Angriff auf Shimomuras System wirklich alleine durchziehen, oder stecken andere dahinter? Auch bei den Nachrichten auf Shimomuras Mailbox gibt es Unstimmigkeiten, denn Shimomura bekommt am Tag von Mitnicks Verhaftung noch mal zwei Nachrichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verfahren gegen Mitnick ist in vollem Gange. Er sitzt in North Carolina f\u00fcr seine dortigen mutma\u00dflichen Taten auf der Anklagebank. Doch vor seiner Verhaftung hatte er deutlich mehr Zeit in seinem Heimatstaat Kalifornien verbracht, und der will ihn auch verklagen. Mitnick geht wieder einen Deal ein. Er bekennt sich in North Carolina in einem Anklagepunkt und f\u00fcr die Verletzung seiner Bew\u00e4hrungsauflagen schuldig. Die restlichen Punkte werden von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen. Damit ist das Verfahren in North Carolina abgeschlossen. Aber er wird auch noch nach Kalifornien \u00fcberf\u00fchrt und nun dort angeklagt. Immerhin ist er hier n\u00e4her bei seiner Familie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Knapp ein Jahr sp\u00e4ter, im September 1996, wird er in Kalifornien in 25 Punkten angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, dass er die Systeme verschiedener Unternehmen gehackt haben soll, darunter Motorola, Nokia, Fujitsu und weitere. Bei diesen Hacks soll er Software im Wert von mehreren Millionen Dollar gestohlen haben. Im Laufe des Prozesses wird der Schaden, den Mitnick verursacht haben soll, von den Unternehmen auf insgesamt fast 300 Millionen Dollar gesch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Hackerszene w\u00e4chst w\u00e4hrenddessen der Widerstand. Die \u201eFree Kevin\u201c-Bewegung entsteht. Die Aktivisten sind der Meinung, dass Mitnick vor Gericht unfair behandelt und das Verfahren k\u00fcnstlich aufgeblasen wird. Hacker greifen Webseiten wie Yahoo oder die <em>New York Times<\/em> an und hinterlassen dort Nachrichten, in denen sie die Freilassung von Mitnick fordern. Aktivisten protestieren gegen den Spielfilm, der \u00fcber den Fall produziert wird, und sie organisieren Demos auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zeitgleich zieht sich die Gerichtsverhandlung in die L\u00e4nge und die Anklage f\u00e4llt immer weiter auseinander. Im M\u00e4rz 1999 stimmt Mitnick einem weiteren Deal mit der Staatsanwaltschaft zu. Er bekennt sich in sieben von den 25 Anklagepunkten f\u00fcr schuldig. Zusammen mit seiner Verurteilung in North Carolina kommt er auf insgesamt 5 Jahre und 6 Monate Haft. Doch vier Jahre hat er zu diesem Zeitpunkt schon abgesessen in Untersuchungshaft. Aus den angeblich fast 300 Millionen Dollar Schaden der Unternehmen werden am Ende 4.125 Dollar, die er als Wiedergutmachung zahlen muss. Und er darf nach seiner Freilassung f\u00fcr drei Jahre keine Computer und keine drahtlose Kommunikation benutzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Verm\u00e4chtnis: Vom Mythos zur Realit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz vor Ende seiner Haft gibt Mitnick dem Nachrichtenmagazin <em>60 Minutes<\/em> ein Interview. In dem Interview versucht sich Mitnick vor der US-amerikanischen \u00d6ffentlichkeit zu erkl\u00e4ren. Mitnick erkl\u00e4rt seine Tricks, wie er am Telefon Mitarbeiter dazu bringen konnte, ihm sensible Informationen zu geben, und wie er innerhalb von Minuten Firewalls umgehen konnte. Der Moderator Ed Bradley ist im Gespr\u00e4ch mit Mitnick verst\u00e4ndnisvoll. Er muss bei Mitnicks Schilderung, wie einfach er in Systeme reingekommen ist, oft schmunzeln. Doch bei einer Frage verzweifelt der Moderator sichtlich an den prominenten Hacker: Hacken als Hobby aus Neugierde. Diese eigentlich einfache Erkl\u00e4rung konnten oder wollten Journalisten, Beh\u00f6rden und die \u00d6ffentlichkeit in all den Jahren nicht verstehen. Es musste irgendwie noch mehr dahinter stecken. Die Antwort konnte nicht so einfach sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht hat das den Mythos von Kevin Mitnick als den \u201eDarkside Hacker\u201c und \u201eCyberthief\u201c noch weiter verst\u00e4rkt. Ein Betr\u00fcger, der einfach nur das gro\u00dfe Geld machen will, k\u00f6nnen wir gut einsch\u00e4tzen. Wir k\u00f6nnen ihn in eine Schublade stecken. Doch eine Schublade f\u00fcr Menschen wie Mitnick gab es damals noch nicht \u2013 und nichts macht mehr Angst als das Unbekannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 21. Januar 2000 wird Kevin Mitnick aus der Haft entlassen. Unser heutiges Bild von Hackern \u2013 von jungen M\u00e4nnern in Kapuzenpullis, die vor einem schwarzen Bildschirm mit gr\u00fcnem Code sitzen \u2013 stammt aus dieser Zeit. Es ist die Weiterf\u00fchrung des Mythos um Kevin Mitnick und andere Hacker. Und diese Angst vor dem allm\u00e4chtigen Hacker lenkt noch bis heute von oft viel wichtigeren Fragen ab: Liegt es wirklich an der Genialit\u00e4t von Hackern, dass sie oft m\u00fchelos in Systeme von Unternehmen und Beh\u00f6rden eindringen k\u00f6nnen? Oder liegt es teilweise auch an den gehackten Unternehmen und Beh\u00f6rden selbst, die immer noch nicht gut genug f\u00fcr die Gefahren der Gegenwart ger\u00fcstet sind, die zu wenig Zeit und Geld in die Sicherung ihrer Systeme investieren, in Datenschutz?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kevin Mitnick bekommt mit seiner Freilassung Anfang 2000 mal wieder eine Chance, sein Leben zu \u00e4ndern. Und diesmal nutzt er sie. Wirklich. Eigentlich darf er drei Jahre nach seiner Freilassung keine Computer nutzen. Doch diese Bew\u00e4hrungsauflagen werden fr\u00fcher gelockert als vorgesehen, und Mitnick wird IT-Sicherheitsexperte. Er wird nun von Unternehmen bezahlt, um ihre Sicherheitsl\u00fccken aufzudecken. Er tritt im Fernsehen als Experte auf und schreibt mehrere B\u00fccher. In seiner Biografie schreibt er, dass ein einziges Wort sein Leben ver\u00e4ndert hat: \u201eBefugnis\u201c. Dieses eine Wort habe ihn auf magische Weise vom meistgesuchten Hacker in den meistgefragten Sicherheitsexperten verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 16. Juli 2023 stirbt Mitnick mit 59 Jahren an Bauchspeicheldr\u00fcsenkrebs. In den Nachrufen wird er als Pionier und legend\u00e4rer Hacker geehrt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Die Trag\u00f6die und die Lehre<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte von Kevin Mitnick ist die eines Mannes, der von unb\u00e4ndiger Neugier getrieben wurde \u2013 einer Neugier, die ihn in die Tiefen der Telekommunikations- und Computersysteme f\u00fchrte, aber auch in die F\u00e4nge eines Justizsystems, das ihn als Bedrohung f\u00fcr die nationale Sicherheit darstellte. Sie ist die Geschichte einer Medienlandschaft, die einen \u201eCyber-Superschurken\u201c brauchte, um die \u00c4ngste einer Gesellschaft vor einer neuen, unverst\u00e4ndlichen Technologie zu kanalisieren. Und sie ist die Geschichte eines Mannes, der nach Jahren der Verfolgung, der Isolation und der D\u00e4monisierung schlie\u00dflich einen Weg fand, seine F\u00e4higkeiten f\u00fcr das Gute einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die gr\u00f6\u00dfte Schwachstelle in der IT-Sicherheit nicht die Technik ist, sondern der Mensch. Mitnicks Sozialengineering-Methoden \u2013 das Studium der Systeme, das Ein\u00fcben der Rolle, das Anspielen auf das Gute im Menschen \u2013 sind heute aktueller denn je. Phishing, Pretexting, Vishing: Die Grundlagen, die Mitnick als Teenager in den 1970er Jahren entwickelte, sind die Grundlagen der modernen Cyberkriminalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Mitnicks Geschichte lehrt auch, dass die D\u00e4monisierung von Hackern \u2013 die Vorstellung vom allm\u00e4chtigen Cyber-Genie, das mit einem Tastendruck Nuklearraketen starten kann \u2013 von den eigentlichen Problemen ablenkt. Unternehmen und Beh\u00f6rden investieren oft zu wenig in Sicherheit, zu wenig in Datenschutz, zu wenig in die Schulung ihrer Mitarbeiter. Die Frage ist nicht, ob es geniale Hacker gibt. Die Frage ist, warum es so einfach ist, in ihre Systeme einzudringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kevin Mitnick war kein Terrorist. Er war kein Dieb. Er war ein neugieriger Junge, der die Welt verstehen wollte \u2013 und dabei Grenzen \u00fcberschritt, die er nicht h\u00e4tte \u00fcberschreiten d\u00fcrfen. Seine Geschichte ist eine Trag\u00f6die mit einem vers\u00f6hnlichen Ende. Und sie ist eine Mahnung, dass die Angst vor dem Unbekannten uns oft blind macht f\u00fcr die realen Gefahren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen<\/h2>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Mitnick, Kevin; Simon, William L.: <em>Ghost in the Wires: My Adventures as the World&#8217;s Most Wanted Hacker<\/em>. Little, Brown and Company, 2011.<\/li>\n\n\n\n<li>Shimomura, Tsutomu; Markoff, John: <em>Takedown: The Pursuit and Capture of Kevin Mitnick, America&#8217;s Most Wanted Computer Outlaw \u2013 By the Man Who Did It<\/em>. Hyperion, 1996.<\/li>\n\n\n\n<li>Littman, Jonathan: <em>The Fugitive Game: Online with Kevin Mitnick<\/em>. Little, Brown and Company, 1996.<\/li>\n\n\n\n<li>Markoff, John: \u201eCyberspace&#8217;s Most Wanted\u201c, <em>The New York Times<\/em>, 4. Juli 1994.<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eKevin Mitnick, Once the World&#8217;s Most Wanted Hacker, Dies at 59\u201c, <em>The New York Times<\/em>, 20. Juli 2023.<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eKevin Mitnick: Hacker, Hacker Hunter\u201c, <em>60 Minutes<\/em>, CBS, 2000.<\/li>\n\n\n\n<li>United States Computer Emergency Readiness Team (CERT): Offizielle Warnung vor IP-Spoofing-Angriffen, Januar 1995.<\/li>\n\n\n\n<li>Simplizissimus: \u201eDie tragische Geschichte des ersten Hackers\u201c, Podcast <em>Unfassbar<\/em>, 2025.<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von DerSchneider Einleitung: Eine kalte Winternacht in Raleigh Es ist der 15. Februar 1995, mitten in der Nacht. In einem unscheinbaren Apartmentkomplex in Raleigh, North Carolina, sitzt ein 31-j\u00e4hriger Mann vor seinem Computer. Er ahnt nicht, dass sein Leben in wenigen Stunden f\u00fcr immer ver\u00e4ndert sein wird. 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